Springe auf Hauptinhalt Springe auf Hauptmenü Springe auf SiteSearch

Apps in der arbeitsmedizinischen Betreuung

Apps in Occupational Health Care – An Overview of Use Cases and Potential

Digital applications are increasingly finding their way into workplace settings. This article provides an overview of various areas of application and highlights functions that are particularly relevant to occupational health care. In addition to concrete examples, it also offers practical guidance on how to use digital tools effectively. Our two-part article provides a structured overview: The following Part 1 presents the use of apps in traditional occupational safety and health, as well as in occupational health practice. In one of the following ASU issues, Part 2 will focus on dedicated apps for Workplace Health Management (WHM) and Workplace Health Promotion (WHP), as well as on the use of Digital Health Applications (DiGAs) in occupational health care.

Kernaussagen

  • Voraussetzungen: Validität, Datensicherheit, Nutzerfreundlichkeit und adäquate Integration sind Grundvoraussetzungen für den Einsatz von Apps in der arbeitsmedizinischen Betreuung.
  • Vielfalt und Auswahl: Das breite Anwendungsspektrum erfordert eine sorgfältige Auswahl geeigneter Apps.
  • Potenzial: Gezielter Einsatz digitaler Anwendungen ermöglicht individuelle Prävention, effiziente Abläufe und vielfältige Gesundheitsangebote.
  • Apps in der arbeitsmedizinischen Betreuung – ein ­Überblick über Einsatzfelder und Potenziale

    Digitale Anwendungen halten zunehmend Einzug in die betriebliche Praxis. Der Artikel gibt einen Überblick über verschiedene Einsatzfelder und beleuchtet Funktionen, die speziell für die arbeitsmedizinische Betreuung von Bedeutung sind. Neben konkreten Beispielen enthält er auch praxisnahe Hinweise zur Nutzung digitaler Tools. Unser zweiteiliger Beitrag bietet einen systematischen Überblick: Der folgende Teil 1 stellt den Einsatz von Apps im klassischen Arbeits- und Gesundheitsschutz sowie in der arbeitsmedizinischen Praxis vor. Teil 2 wird in einer der folgenden ASU-Ausgaben auf spezielle Apps für das Betriebliche Gesundheitsmanagement (BGM) und die Betriebliche Gesundheitsförderung (BGF) sowie den Einsatz digitaler Gesundheitsanwendungen (DiGAs) in der arbeitsmedizinischen Betreuung eingehen.

    Digitale Anwendungen in der ­Arbeitsmedizin sinnvoll einsetzen

    Ob Zeiterfassung, Teamkommunikation oder tätigkeitsbezogene Spezialsoftware – digitale Anwendungen durchdringen heute nahezu alle Bereiche des Arbeitslebens. Auch im Arbeits- und Gesundheitsschutz sowie in der Arbeitsmedizin eröffnet sich damit ein breites Spektrum an digitalen Werkzeugen. Sie versprechen schnelleres Handeln, präzisere Dokumentation und einen direkteren Draht zu den Beschäftigten. Gleichzeitig entstehen neue Anforderungen an Datenschutz, Prozessintegration und medizinische Validität.

    Die Vielzahl an verfügbaren Anwendungen verleitet jedoch nicht selten zum ungezielten Sammeln von Apps – oft ohne strategisches Konzept oder klare Zielsetzung. Dieser Beitrag bietet eine erste Orientierung im App-Wald: Er klassifiziert zentrale App-Typen nach ihrem Nutzen im arbeitsmedizinischen und betrieblichen Alltag und benennt, worauf Fachpersonen vor der Einführung achten sollten – von der datenschutzrechtlichen Einordnung über rechtliche Rahmenbedingungen bis zur praktischen Integration in bestehende Systeme und
    Abläufe.

    Zunächst lohnt ein kurzer Blick auf den Begriff selbst: Was genau ist eigentlich eine App? Der Begriff „App“ ist die Kurzform von „Application“ (englisch für „Anwendung“) und bezeichnet jede Software mit einer klar umrissenen Funktion – etwa zur Messung, Kommunikation, Dokumentation oder Berechnung. Apps können in unterschiedlichen technischen Formen auftreten, was die Funktionalität mitbestimmt:

  • Native Apps sind speziell für bestimmte Betriebssysteme entwickelt (z. B. Android, iOS) und laufen auf mobilen Endgeräten wie Smartphones oder Tablets.
  • Hybride Apps vereinen Elemente nativer und webbasierter Anwendungen.
  • Progressive Web-Apps (PWAs) funktio­nieren direkt im Browser, oft ohne In­stallation.
  • Desktop-Anwendungen laufen auf sta­tionären Rechnern unter Windows, macOS oder Linux.
  • Firmware-Module sind direkt in tragbare Geräte wie Smartwatches oder sensorbasierte Wearables integriert.
  • Ebenso existieren spezialisierte Geräte-Apps in internetfähigen Messsystemen, Exoskeletten oder Notfallausrüstungen.
  • Trotz dieser Vielfalt eint alle Anwendungen ein gemeinsames Profil: eine spezifische Funktion, eine benutzerorientierte Oberfläche oder Schnittstelle (User Interface, UI) und die Fähigkeit, eigenständig oder eingebettet in größere Softwaresysteme zu arbeiten.

    Für eine praxisnahe Einordnung lassen sich arbeitsmedizinisch relevante Apps nach ihrer Funktionalität grob vier Anwendungsbereichen beziehungsweise Dimensionen zuordnen:

  • Klassischer Arbeits- und Gesundheitsschutz: Tools für Umgebungsmonitoring, Unterweisungen, Gefährdungsbeurteilungen und Notfallmanagement.
  • Arbeitsmedizinische Praxis: digitale Lösungen für Terminorganisation, Telemedizin, mobile Untersuchungen, Biomonitoring und revisionssichere Dokumentation.
  • Betriebliches Gesundheitsmanagement (BGM) und Betriebliche Gesundheitsförderung (BGF): Programme für Bewegung, Ernährung, Schlaf, psychische Gesundheit und Motivation.
  • Digitale Gesundheitsanwendungen
    (DiGAs): vom Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) geprüfte, verordnungsfähige digitale Therapiebegleiter mit belegtem Versorgungseffekt.
  • Für jede dieser Kategorien stellt der Beitrag exemplarische Lösungen vor und diskutiert kritische Aspekte wie Datenschutz, Nachweispflichten und Integration in betriebliche Abläufe. Die Auswahl versteht sich nicht als Produktempfehlung, sondern als praxisnahe Orientierungshilfe: Welche digitalen Bausteine sind für wen, in welcher Situation, wirklich hilfreich und worauf ist bei Auswahl und Einführung zu achten?

    Klassischer Arbeits- und ­Gesundheitsschutz

    Apps im klassischen Arbeits- und Gesundheitsschutz unterstützen zentrale Aufgaben der Prävention – etwa bei der Gefährdungsbeurteilung, dem Umgebungsmonitoring, der Durchführung von Unterweisungen oder im Notfallmanagement. Sie helfen dabei, Risiken frühzeitig zu erkennen, Schutzmaßnahmen gezielter umzusetzen und die Zusammenarbeit zwischen den beteiligten Akteurinnen und Akteuren – Fachkräfte für Arbeitssicherheit, betriebliche Führungskräfte sowie Betriebsärztinnen und -ärzte
    – effizienter zu gestalten.

    Gerade in dezentralen und dynamischen Arbeitsumgebungen – etwa auf Baustellen, in der mobilen Instandhaltung oder in Produktionsbereichen mit häufigem Arbeitsplatzwechsel – ermöglichen digitale Anwendungen eine zeit- und ortsnahe Bereitstellung belastbarer Informationen. Für betriebsärztliches Personal entstehen dadurch neue Möglichkeiten, medizinische Expertise gezielt in den betrieblichen Alltag einzubringen: Daten lassen sich strukturiert erheben, fundiert bewerten und rechts­sicher dokumentieren.

    Die nachfolgenden Abschnitte beschreiben vier zentrale App-Typen im klassischen Arbeitsschutz. Für alle gelten grundlegende Anforderungen, die bei Auswahl, Ein­führung und Nutzung zu berücksichtigen sind:

  • Fachliche Validität: Bevorzugt werden sollten Anwendungen, die von staatlichen Stellen, Berufsgenossenschaften oder anerkannten Fachinstitutionen wie der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (BAuA), dem Umweltbundesamt (UBA) oder dem Deutschen Wetterdienst (DWD) bereitgestellt oder geprüft wurden. Inhalte müssen regelmäßig aktualisiert und fachlich belastbar sein.
  • Datenschutz und Datensicherheit: Personen- und standortbezogene Daten dürfen nur zweckgebunden und datensparsam verarbeitet werden. Notwendig sind unter anderem eine Speicherung auf Servern innerhalb der EU, Ende-zu-Ende-verschlüsselte Übertragungswege sowie klare Regelungen zu Zugriff, Nutzung und Löschung. Bei Nutzung auf privaten Endgeräten (Bring Your Own Device, BYOD) sind zusätzliche vertragliche Regelungen erforderlich.
  • Revisionssichere Dokumentation: Ergebnisse und Nachweise sollten exportierbar sein – beispielsweise als PDF- und CSV-Dateien oder über Schnittstellen (Application Programming Interfaces, APIs) zur Weiterverarbeitung in bestehenden Systemen. Dies ist insbesondere für Audits, Unterweisungsnachweise, ASA-(Arbeitsschutzausschuss-)Sitzungen oder die arbeitsmedizinische Vor­sorgedokumentation relevant.
  • Integration in bestehende Prozesse: Die App sollte bestehende Abläufe – beispielsweise zur Gefährdungsbeurteilung, arbeitsmedizinischen Vorsorge oder zum Notfallmanagement – sinnvoll ergänzen und keine parallelen Strukturen aufbauen. Schnittstellen zu vorhandener Software (z. B. für Personalmanagement, EHS-(Environment, Health and Safety-) oder Unterweisungstools) sind ein Vorteil.
  • Offline-Funktionalität: In vielen Einsatzszenarien – zum Beispiel in Industriehallen, auf Baustellen oder bei Außendiensten – ist eine Nutzung auch ohne stabile Netzverbindung erforderlich. Die App muss im Offline-Modus funktionsfähig bleiben und eine sichere Synchronisation nach Wiederverbindung ermöglichen.
  • Nutzerfreundlichkeit und Akzeptanz: Die Anwendung sollte intuitiv bedienbar, idealerweise mehrsprachig und barriere­arm gestaltet sein. Eine kurze Einweisung der Beschäftigten ist obligatorisch – insbesondere bei sicherheitsrelevanten Funktionen wie Notfallauslösung oder Gefährdungshinweisen.
  • Umgebungsmonitoring

    Apps für das Umgebungsmonitoring kommen überall dort zum Einsatz, wo ein schneller, lokaler Überblick über gesundheitsrelevante Einflussfaktoren erforderlich ist. Beispiele sind Hitzewarn-Apps, UV-Indizes, Unwetterwarnsysteme, Lärmsensorik oder CO2-Messungen in Innenräumen. Auch Feinstaub-, Luftfeuchtigkeits- oder Temperaturdaten können für Prävention und arbeitsmedizinische Bewertung hilfreich sein (siehe auch Kasten).

    Die Anwendungen fördern die Eigenverantwortung der Beschäftigten, bieten Entscheidungsgrundlagen für Schutzmaßnahmen und erleichtern es Führungskräften, Auffälligkeiten direkt in die Gefährdungsbeurteilung zu überführen. Für Betriebsärztinnen und Betriebsärzte ergibt sich ein direkter praktischer Nutzen: Aktuelle Belastungs­situationen können zügig eingeschätzt und medizinisch dokumentiert werden.

    Besonders zu beachten:

  • Messgenauigkeit und Kalibrierung: Die App sollte Angaben zur Messabweichung machen und die Möglichkeit bieten, externe, gegebenenfalls geeichte Sensoren anzubinden.
  • Warnmechanismen: Einfache visuelle Darstellungen (z. B. Ampelsysteme) mit konkreten Handlungsanweisungen („Lüften“, „Arbeit unterbrechen“, „Gehörschutz tragen“) fördern die Umsetzbarkeit im Alltag.
  • Schulungen, Unterweisungen, Glossare

    Digitale Werkzeuge erleichtern die Planung, Durchführung und Dokumentation von Unterweisungen – insbesondere bei wechselnden Einsatzorten, heterogenen Belegschaften oder hohem Schulungsbedarf in engen Zeitfenstern. Auch betriebsärztlich relevante Inhalte wie ergonomisches Arbeiten, Hitzeprävention oder Umgang mit Gefahrstoffen lassen sich auf diese Weise zugänglich machen.

    Die Expertise von Betriebsärztinnen und -ärzten ist hier in vielfältiger Weise gefragt: Sie stellen nicht nur die fachlichen Inhalte bereit, sondern sind auch maßgeblich an der didaktischen Aufbereitung, der Durchführung und der Evaluation beteiligt. Gute Unterweisungs-Apps bieten modulare Inhalte, ermöglichen mobile Durchführung (z. B. per Tablet vor Ort), erzeugen automatisierte Nachweise und lassen sich in vorhandene Systeme einbinden.

    Besonders zu beachten:

  • Didaktische Qualität: Inhalte sollten anschaulich, sprachlich zugänglich und fachlich korrekt sein. Eine laufende Aktualisierbarkeit ist Voraussetzung.
  • Nachweiserstellung: Digitale Teilnahmebestätigungen, gegebenenfalls mit Zeitstempel und Teilnehmeridentifikation, erleichtern die Dokumentation.
  • Gefährdungsbeurteilung

    Apps zur Gefährdungsbeurteilung sind besonders nützlich, wenn vor Ort – etwa bei neuen Tätigkeiten oder veränderten Arbeitsbedingungen – schnell und strukturiert Risiken erfasst werden sollen. Sie helfen dabei, relevante Gefährdungen systematisch zu bewerten, Maßnahmen zu dokumentieren und die Ergebnisse rechtssicher zu archivieren.

    Ein Beispiel ist der Praxis-Check der Verwaltungs-Berufsgenossenschaft (VBG), der durch dialoggeführte Eingaben eine systematische Erhebung ermöglicht. Ärztliches Personal erhält so eine nachvollziehbare Grundlage für Empfehlungen zur arbeitsmedizinischen Vorsorge oder weiteren Schutzmaßnahmen.

    Besonders zu beachten:

  • Transparente Bewertungslogik: Bewertungsverfahren, Grenzwerte und Risikomatrizen müssen nachvollziehbar hinterlegt sein.
  • Rechtlicher Rahmen: Digitale Tools ersetzen keine Gefährdungsbeurteilung im Sinne des § 5 Arbeitsschutzgesetz (ArbSchG), sondern strukturieren die Durchführung und erleichtern die Dokumentation.
  • Versionierung: Nachvollziehbarkeit von Änderungen an Maßnahmen und Einschätzungen ist erforderlich – zum Beispiel bei Audits oder im Haftungsfall.
  • Notfallmanagement

    Apps für das betriebliche Notfallmanagement verbessern die Reaktionszeiten und erhöhen die Handlungssicherheit – insbesondere bei mobiler Arbeit, auf Baustellen oder bei Alleinarbeit. Sie bieten Funktionen zur Sofortalarmierung, zur Standortlokalisierung von Ersthelfenden oder automatisierten Übertragung medizinisch relevanter Daten an Rettungsleitstellen.

    Aus arbeitsmedizinischer Sicht bieten diese Anwendungen nicht nur präventiven Nutzen, sondern auch Vorteile in der Analyse: automatisch erfasste Notfallprotokolle, Verbandbucheinträge oder Alarmverläufe unterstützen die Präventionsplanung, die Dokumentation in ASA-Sitzungen und die Evaluation von Erste-Hilfe-Maßnahmen.

    Besonders zu beachten:

  • Offline-Alarmfähigkeit: Eine funktionierende Alarmierung auch bei Netzproblemen muss gewährleistet sein – zum Beispiel durch SMS-Versand oder Notfallserver.
  • Einbindung in Notfallkonzepte: Die App muss nahtlos in bestehende betriebliche Notfallpläne integriert sein.
  • Fehlalarmprävention: Schulung der Beschäftigten zur sachgerechten Nutzung ist essenziell.
  • Automatisierte Dokumentation: Notfallverläufe sollten automatisch erfasst und sicher archiviert werden.
  • Arbeitsmedizinische Praxis

    Digitale Anwendungen unterstützen Betriebsärztinnen und Betriebsärzte zunehmend bei der Bewältigung ihres anspruchsvollen Alltags – sei es bei der Organisation von Terminen, der Durchführung mobiler Vorsorgen, der Anbindung an Praxissoftware oder bei der rechtssicheren Dokumentation ärztlicher Maßnahmen. Richtig eingesetzt, steigern sie nicht nur Effizienz und Versorgungsqualität, sondern stärken auch die Schnittstellen zwischen Medizin, Arbeitsschutz und Personalabteilung.

    Der größte Nutzen ergibt sich dort, wo digitale Tools sinnvoll in bestehende Prozesse eingebunden sind, Datenschutz und Schweigepflicht gewahrt bleiben und die ärztliche Entscheidungsfreiheit uneingeschränkt erhalten bleibt. Die Herausforderung liegt weniger in der Technik, sondern in deren rechtssicherer und praxistauglicher Umsetzung.

    Auch im Bereich der arbeitsmedizinischen Praxis gelten daher übergreifende Anforderungen für die Auswahl und Nutzung digitaler Lösungen:

  • Datensicherheit und Datenschutz (DSGVO): Verarbeitung personenbezogener Daten nur mit Rechtsgrundlage und auf Servern innerhalb der Euroäischen Union (EU), Ende-zu-Ende-Verschlüsselung, Protokollierung aller Zugriffe.
  • Rollen- und Rechtekonzepte: Ärztliches Personal erhält vollständigen medizinischen Zugriff; Arbeitgebende sehen nur das für sie zulässige Ergebnis (z. B. „geeignet“, „nicht geeignet“).
  • Systemintegration: Anbindung an bestehende Praxissoftware oder digitale Vorsorgeakte über standardisierte Schnittstellen (z. B. HL7, FHIR).
  • Anbindung an Telematikinfrastruktur (TI): Für die Nutzung der elektronischen Patientenakte (ePA) ist eine TI-Anbindung erforderlich.
  • Medizinprodukteregulierung: Sobald eine App medizinisch diagnostische Daten erhebt oder verarbeitet, ist eine Einordnung als Medizinprodukt nach EU-Medizinprodukteverordnung (MDR) notwendig.
  • Vertragliche Absicherung: Lizenzvereinbarungen müssen Regelungen zur Datenrückgabe, Weiterverwendung bei Anbieterwechsel (Exit-Strategie) und Wartung enthalten.
  • Terminplanung, Telemedizin, ­Aktenführung

    Digitale Tools zur Organisation und Kommunikation gehören mittlerweile zur Grundausstattung vieler arbeitsmedizinischer Dienste. Sie ermöglichen eine automatisierte Terminplanung, verschlüsselte Kommunikation mit Beschäftigten und Führungskräften sowie eine revisionssichere Dokumentation.

    Mitarbeitende können Vorsorgen online buchen, Unterlagen hochladen und erhalten Bescheinigungen direkt in digitaler Form. Videosprechstunden ersetzen bei geeigneten Fragestellungen den Vor-Ort-Termin, mobile Formulare dokumentieren Befunde direkt während der Begehung. Im Idealfall erfolgt dies alles integriert über ein einziges Softwaresystem, so dass Medienbrüche vermieden, Doppelerfassungen reduziert und Datenschutzanforderungen erfüllt werden.

    Besonders zu beachten:

  • Zentrale Nutzerführung: Alle Funktionen – Terminbuchung, Dokumentation, Bescheinigungen – sollten über ein einheitliches System mit Single Sign-on (SSO) laufen.
  • Offene Schnittstellen: Anbindung an andere Systeme (z. B. Personalmanagement, E-Akte, Vorsorgeverwaltung) sollte durch APIs technisch möglich sein.
  • Diagnostik und Screening

    Apps für Diagnostik und Screening bringen die arbeitsmedizinische Untersuchung näher an den Arbeitsplatz: mobile Sehtests über die Smartphone-Kamera, Hörtests mit zertifizierten Kopfhörern, CO2- oder Temperaturmessung mit angeschlossenen Sensoren. Auch erste Stimmungs- oder Stress-Screenings lassen sich über validierte Fragebögen durchführen.

    Solche Anwendungen können die ärztliche Diagnostik nicht ersetzen, wohl aber vorbereiten und strukturieren. Besonders bei Voruntersuchungen, Wiedereingliederungen oder in der arbeitsplatznahen Vorsorge ermöglichen sie eine frühzeitige Einschätzung und zielgerichtete Weiterverfolgung.

    Besonders zu beachten:

  • Validität und Kalibrierung: Nur Anwendungen mit medizinisch validierter Datenerhebung und nachgewiesener Genauigkeit (z. B. gegenüber Goldstandardverfahren) sollten eingesetzt werden.
  • Transparente Kommunikation: Beschäftigte müssen über Art, Zweck und Funktionsweise der Messung aufgeklärt werden.
  • Offline-Pufferung: Messungen sollten auch bei fehlender Netzverbindung zuverlässig gespeichert und synchronisiert werden können.
  • Wearables und Biomonitoring

    Tragbare Sensoren – sogenannte Wearables – eröffnen neue Perspektiven für das arbeitsmedizinische Monitoring: Belastungsspitzen lassen sich in Echtzeit erkennen, individuelle Verlaufskurven objektiv nachvollziehen und Gefährdungspotenziale datenbasiert erfassen. Dabei kommen neben den schon bekannten Armbändern und Uhren auch beispielsweise Ringe, mit Sensoren bestückte Textilien oder Exoskelette zum Einsatz.

    Typische Einsatzfelder sind thermische oder physische Belastung, Schlaf- und Erholungsanalyse oder Vitaldatenüberwachung bei besonderen Arbeitsbedingungen (z. B. im Schichtdienst, bei Exposition gegenüber Gefahrstoffen oder bei Tätigkeiten mit hoher körperlicher Beanspruchung). Die zugehörige App übernimmt dabei die Erfassung, Aufbereitung und Auswertung und stellt relevante Daten für ärztliche Bewertungen bereit.

    Besonders zu beachten:

  • Systemoffene Plattformen: Die App sollte verschiedene Gerätetypen (Hersteller, Sensoren) einbinden können und ein zentrales Dashboard bieten.
  • Echtzeitwarnungen: Automatische Alarmierung bei definierten Grenzwerten erhöht die Präventionswirkung.
  • Rechtskonforme Nutzung: Wearables mit personenbezogener Gesundheitsdatenerfassung unterliegen der Datenschutz-Grundverordnung (DSGVO) und gegebenenfalls dem Medizinprodukterecht. Eine freiwillige Nutzung und datenschutzrechtliche Aufklärung sind unerlässlich.
  • Compliance, Audits und Reporting

    Digitale Werkzeuge zur Einhaltung gesetzlicher Vorgaben und für das Berichtswesen gewinnen auch in der Arbeitsmedizin an Bedeutung. Sie erfassen Fristen aus der Verordnung zur arbeitsmedizinischen Vorsorge (ArbMedVV), bereiten Kennzahlen für ASA-Sitzungen oder interne Audits auf und erzeugen automatisierte Berichte für Qualitätsmanagement oder externe Prüfstellen.

    Diese Tools ermöglichen nicht nur eine höhere Datenqualität und Transparenz, sondern fördern auch strategische Gesundheitsplanung – etwa durch Trendanalysen, Frühwarnsysteme oder Benchmarking. Entscheidend ist dabei, dass die Auswertungen differenziert, datenschutzkonform und rollenbasiert erfolgen.

    Besonders zu beachten:

  • Fristenüberwachung: Automatische Erinnerungsfunktionen unterstützen die rechtzeitige Durchführung von Pflicht- und Angebotsvorsorgen.
  • Regelwerkskonformität: Auswertungen sollten sich an einschlägigen Vorgaben (z. B. ISO 45001, DGUV Vorschriften) orientieren.
  • Rollengerechte Darstellung: Unterschiedliche Nutzergruppen – ärztliches Personal, Arbeitssicherheit, Geschäftsleitung – benötigen jeweils angepasste Informationen.
  • Langzeitarchivierung: Die Ablage revi­sionssicherer Dokumente im PDF/A-Format sowie Löschkonzepte nach definierten Fristen sind notwendig.
  • In einer der folgenden ASU-Ausgaben werden im zweiten Teil Apps für das Betriebliche Gesundheitsmanagement (BGM) und die Betriebliche Gesundheitsförderung (BGF) sowie Digitale Gesundheitsanwendungen (DiGAs) vorgestellt.▪

    Interessenkonflikt: Der Autor gibt an, dass kein Interessenkonflikt vorliegt.

    Tragbare Sensoren – sogenannte Wearables – eröffnen neue Perspektiven für das arbeitsmedizinische Monitoring

    Foto: Smallroombigdream - stock.adobe.com

    Tragbare Sensoren – sogenannte Wearables – eröffnen neue Perspektiven für das arbeitsmedizinische Monitoring

    Apps für Umweltmonitoring

  • WarnWetter-App des Deutschen Wetterdienstes – Smartphone-App für Beschäftigte im Freien: Amtliche Wetter-, Hitze-, Gewitter- und UV-Warnungen bis auf Gemeindeebene; Push-Alarm bei gefährlichen Werten, nützlich zur kurzfristigen Anpassung von Arbeits- bzw. Pausenzeiten.
  • https://www.dwd.de/DE/leistungen/warnwetterapp/warnwetterapp.html

  • CO2-Timer der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung (DGUV)/Institut für Arbeitsschutz der DGUV (IFA) – Smartphone- und Web-App für Raumluft- und Gebäudeverantwortliche: ­Berechnet CO2-Anstieg je Raumgröße und Belegung, setzt einen Timer fürs nächste Stoßlüften und erinnert so präventiv an Infektions- und Kopfschmerzvermeidung.
  • https://www.dguv.de/ifa/praxishilfen/innenraumarbeitsplaetze/raumluftqu…

  • SchallPrognoseApp (SPA) der BAuA – Windows-Programm für Fachkräfte für Arbeitssicherheit und Betriebsärztinnen/-ärzte: Simuliert anhand von Emissionswerten neuer Maschinen die zu erwartende Lärmbelastung im Raum, warnt vor Auslösewertüberschreitungen und erleichtert die Gefährdungsbeurteilung; ersetzt keine Smartphone-Mess-Apps, deren Genauigkeit laut Fachpresse als unzuverlässig gilt.
  • https://www.baua.de/SPA

  • SunSmart Global UV von Weltgesundheitsorganisation (WHO)/Weltorganisation für Meteorologie (WMO)/Umweltprogramm der Vereinten Nationen (UNEP)/Internationale Arbeitsorganisatio (ILO) – Smartphone-App für Outdoor-Teams: Fünf-Tage-UV-Index, Echtzeitwarnungen
    und Handlungsempfehlungen (Schatten, Schutzkleidung) in mehreren Sprachen; unterstützt arbeitsmedizinische Haut- und Augenschutzprogramme weltweit.
  • https://www.who.int/tools/sunsmart-global-uv-app

  • EMKG-(Einfaches Maßnahmenkonzept Gefahrstoffe-)App der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (BAuA) – Smartphone-App für Gefahrstoff- und Arbeitsschutzfachleute: Ermittelt mit wenigen Eingaben Brand-, Explosions- und Gesundheitsrisiken und verlinkt ­direkt zu passenden Maßnahmenblättern des „Einfachen Maßnahmenkonzepts Gefahrstoffe”.
  • https://www.baua.de/DE/Themen/Chemikalien-Biostoffe/Gefahrstoffe/EMKG/E…

  • App Luftqualität des Umweltbundesamtes – Smartphone-App für Beschäftigte und Präven­tionsdienste: Stündlich aktualisierte Feinstaub-, NO2- und Ozon-Daten von über 400 Mess­stationen mit Gesundheitstipps; erleichtert Entscheidungen zu Außeneinsätzen und Lüftungs­intervallen.
  • https://www.umweltbundesamt.de/app-luftqualitaet

    Apps für Schulungen und Unterweisungen

  • Bausteine-App der Berufsgenossenschaft Bau (BG-BAU) – Smartphone- und Web-App für ­Arbeitsschutzexperten und Beschäftigte im Bauwesen: Mehrsprachige Kurzmodule („Bau­steine“) mit Bildern und Schutzhinweisen; ideal für Toolbox-Talks und spontane Schulungen auf wechselnden Baustellen.
  • https://www.bgbau.de/service/angebote/medien-center-suche/medium/bauste…

  • Maschinen-Check-App der Berufsgenossenschaft Rohstoffe und chemische Industrie
    (BG RCI) – Smartphone-App für Technik-, Instandhaltungs- und Arbeitsschutzfachleute:
    ­Geführte Checklisten zur rechtskonformen Maschinenabnahme mit PDF-Export für Gefährdungsbeurteilung und Unterweisungsnachweis.
  • https://www.bgrci.de/praevention/praeventionsmedien/digitales/apps

    Apps für die Gefährdungsbeurteilung

  • VBG Praxis-Check der Verwaltungs-Berufsgenossenschaft – Smartphone-App (Android/iOS) und PDF-Tool für Kleinbetriebe bis ≈ 10 Beschäftigte: Schritt-für-Schritt-Gefährdungsbeurteilung mit To-do-Liste, Wirksamkeitskontrolle und PDF-Export für die Vorsorge- bzw. Unterweisungsakte.
  • https://www.vbg.de/cms/arbeitsschutz/arbeitsschutz-organisieren/gefaehr…

  • Digitale Gefährdungsbeurteilung der BG BAU – Web-App für Bau- und baunahe Unternehmen: Branchenspezifischer Fragebogen, Foto-Upload und rechtskonforme Dokumentation der Gefährdungsbeurteilung, ideal für Baustellenteams und arbeitsmedizinische Abstimmung zu Schutzmaßnahmen.
  • https://www.bgbau.de/service/angebote/medien-center-suche/medium/digita…

  • Ergänzende Gefährdungsbeurteilung der Berufsgenossenschaft Energie Textil Elektro Medienerzeugnisse (BG ETEM) – Smartphone-App (Android) für Verantwortliche in Veranstaltungstechnik, Messebau, Filmsets und Bau-/Montagestellen: Checklisten zu besonderen Gefahren (z. B. Hubarbeitsbühnen, Photovoltaik-Montage), sofortiger PDF-Nachweis für Dokumentation und arbeitsmedizinische Vorsorgeplanung.
  • https://www.bgetem.de/arbeitssicherheit-gesundheitsschutz/themen-von-a-…­app-ergaenzende-gefaehrdungsbeurteilung

  • GDA-ORGAcheck der Gemeinsamen Deutschen Arbeitsschutzstrategie (GDA) – Web- und Smartphone-App für Unternehmen, Betriebsärztinnen/-ärzte und Fachkräfte für Arbeitssicherheit
    (SiFas) kleiner/mittlerer Betriebe:
    interaktiver Organisations-Check mit Ampelsystem, Maßnahmenplan und Benchmarking zur Gefährdungsbeurteilung und zum Arbeitsschutzmanagement.
  • https://www.gda-orgacheck.de/daten/gda/index.htm

    Apps für das Notfallmanagement

  • EVALARM der Cubos Internet GmbH – Smartphone- und Web-App für Krisen­stäbe, Sicherheitsfachkräfte und Betriebsärztinnen/-ärzte: Multi-Channel-Alarmierung, Evakuierungs- und Personen-Notsignalfunktionen, Echtzeit-Lagechat sowie Besucherverwaltung zur schnellen Koordination in Not- und ­Störfällen.
  • https://www.evalarm.de/

  • GroupAlarm der GroupAlarm GmbH – Smartphone- und Web-App für Betriebe, Behörden und Rettungsdienste: Szenario­basierte Push- und SMS-Alarmierung, Rückmeldefunktion zur Verfügbarkeit, ­sicherer Messenger und detaillierte Alarmprotokolle.
  • https://groupalarm.com/

    Apps für Diagnostik und Screening

  • hearWHO der Weltgesundheitsorganisation (WHO) – mobile App für das Hörscreening nach der „Digits‑in‑Noise“-Methode: Sie ermöglicht validierte Tests unter realen Umgebungsbedingungen, speichert Verlaufsdaten und bietet Erinnerungsfunktionen. Besonders geeignet für Hörschutzprogramme mit Lärmexposition am Arbeitsplatz.
  • https://www.who.int/teams/noncommunicable-diseases/sensory-functions-di…

  • WHOeyes der WHO – App zur visuellen Sehschärfenmessung (Abstand und Nähe) für Personen ab 8 Jahren: wissenschaftlich validiert, kann Sehprobleme erkennen und die Notwendigkeit professioneller Abklärungen frühzeitig signalisieren.
  • https://www.who.int/teams/noncommunicable-diseases/sensory-functions-di…

  • Healthy.io – Smartphone-gestützte Diagnostik für Urinanalysen und Wundüberwachung: ­Nutzerinnen und Nutzer scannen Teststreifen mit der App, die mittels KI und Bildverarbeitung medizinische Labordaten aufbereitet. Die App ist FDA-zertifiziert (Class II), für z. B.
    Nierenfunktion, Harnwegsinfektionen und Schwangerschaftskomplikationen einsetzbar; Wundmessung umfasst 3D-Modelle chronischer Läsionen zur Verlaufskontrolle.
  • https://healthy.io/eu/

    Apps zu compliance, Audits und Reporting

  • GDA-ORGAcheck der Gemeinsamen Deutschen Arbeitsschutzstrategie (GDA) – Web-App für kleine und mittlere Unternehmen, Betriebsärztinnen/Betriebsärzte und Fachkräfte für Arbeitssicherheit: Selbstaudit der gesamten Arbeitsschutzorganisation per Fragebogen, sofortiger Maßnahmenplan und downloadfähiger Bericht für ISO-, DGUV- oder ASA-Nachweise.
  • https://www.gda-orgacheck.de/

  • BGN-Unterweisungsplaner der Berufsgenossenschaft Nahrungsmittel und Gastgewerbe (BGN) – kostenfreie Web-App für Arbeitsschutzverantwortliche: plant Unterweisungen nach Themen und Fristen, erinnert an Fälligkeiten und erzeugt revisionssichere PDF-Nachweise für Audits.
  • https://bgn-unterweisungsplaner.app/

  • VBG Praxis-Check der Verwaltungs-Berufsgenossenschaft (VBG) – browserbasierter Schnelltest für Kleinbetriebe: prüft Arbeitsschutzprozesse, Gefährdungsbeurteilung und Dokumen­tation; Ergebnis-PDF dient als Basis für Compliance-Reporting und Betriebsarztgespräch.
  • https://www.vbg.de/cms/arbeitsschutz/arbeitsschutz-organisieren/gefaehr…

    Kontakt

    Lukas Brethfeld, M.Sc.
    Verbandssekretär; Verband Deutscher Betriebs- und Werksärzte e. V. (VDBW); Mohrenstraße 2; 10117 Berlin

    Foto: Kollmeier/VDBW

    Jetzt weiterlesen und profitieren.

    + ASU E-Paper-Ausgabe – jeden Monat neu
    + Kostenfreien Zugang zu unserem Online-Archiv
    + Exklusive Webinare zum Vorzugspreis

    Premium Mitgliedschaft

    2 Monate kostenlos testen