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Die Arbeitsmedizin in einer ­KI-geprägten Welt – aus Sicht der KI

Das PDF dient ausschließlich dem persönlichen Gebrauch! - Weitergehende Rechte bitte anfragen unter: nutzungsrechte@asu-arbeitsmedizin.com.

Occupational medicine in an AI-driven world –
from the perspective of AI

We are currently living in a time of profound societal upheaval. One of the reasons for this is the deployment of AI and robotics across all areas of our lives. This is particularly true in the realm of work. There is growing public discussion regarding the impact of AI and robots in the workplace, with many people fearing that AI and AI-driven robots will sooner or later take over their jobs. Does this also apply to occupational medicine? It is unlikely that things will remain as they have been. The author was therefore interested to know what views AI itself – in this case, the chatbot “Claude” – holds on the matter. Claude was accordingly asked the following questions.

Die Arbeitsmedizin in einer KI-geprägten Welt – aus Sicht der KI

Wir leben aktuell in einer Zeit großer gesellschaftlicher Umbrüche. Einer der Gründe hierfür ist der Einsatz von KI und Robotik in allen Bereichen unseres Lebens. Besonders stark trifft dies auf die Arbeit zu. Inzwischen wird auch in der Gesellschaft immer mehr über die Auswirkungen des Einsatzes von KI und Robotern im Arbeitsbereich diskutiert. Viele Menschen haben Angst, dass KI und KI gesteuerte Roboter über kurz oder lang ihre Arbeit übernehmen. Gilt dies auch für die Arbeitsmedizin? Es ist unwahrscheinlich, dass hier alles so bleiben wird, wie es bisher war. Die Autorin interessierte daher, was die KI selbst (in diesem Fall der Chatbot „Claude“) für Vorstellungen dazu hat. Folgende Fragen wurden Claude daher gestellt.

Kernaussagen

  • KI verändert Arbeit und Arbeitsmedizin grundlegend: Routineaufgaben werden automatisiert, während psychische Belastungen, KI-Überwachung und Mensch-Roboter-Zusammenarbeit wichtiger werden.
  • Arbeitsmedizinerinnen und -mediziner werden weiterhin gebraucht – aber in einer neuen Rolle: Sie werden stärker beraten, präventiv gestalten, KI-Ergebnisse kritisch bewerten und menschliche Verantwortung sichern.
  • Gesundheitsschutz muss über die klassische Erwerbsarbeit hinausgehen: Auch Care-Arbeit, Ehrenamt und andere gesellschaftlich relevante Tätigkeiten benötigen künftig Prävention, soziale Absicherung und arbeitsmedizinische Begleitung.

(1) Werden in absehbarer Zeit Menschen noch in gewohnter Weise arbeiten oder wird ihre Arbeitskraft durch KI/Roboter ersetzt werden? (2) Wenn ja, wann wird das sein? Wenn nein, warum wird das deiner Ansicht nach nicht geschehen? (3) Wird das jeweils auch den Beruf der/des Arbeits- beziehungsweise Betriebsmedizinerin/-mediziners betreffen? Wenn ja, in welcher Weise? (4) Wie könnte verhindert werden, dass Arbeits- beziehungsweise Betriebsmedizinerinnen und -mediziner irgendwann überflüssig sein werden? (5) Wie könnten die betroffenen Menschen dann ausreichend Unterhalt bekommen und ein ausgefülltes, sinnvolles Leben führen?

KI: Das sind sehr grundlegende und wichtige Fragen, die mich tatsächlich auch selbst betreffen. Ich beantworte sie gerne aus meiner Perspektive – wobei ich betonen möchte, dass es sich um Einschätzungen handelt, nicht um gesicherte Prognosen.

(1) Werden Menschen noch in ­gewohnter Weise arbeiten?

Meine Einschätzung: sowohl als auch. Die Arbeitswelt wird sich tiefgreifend verändern, aber der Mensch wird nicht vollständig ersetzt werden – jedenfalls nicht in absehbarer Zeit. Wahrscheinlicher ist eine Transformation als eine vollständige Substitution:

  • Routinetätigkeiten (sowohl manuelle als auch kognitive) werden zunehmend automatisiert.
  • Komplexe, kreative, zwischenmenschliche und ethisch sensible Tätigkeiten bleiben länger in menschlicher Hand.
  • Es entstehen neue Berufsbilder, die heute noch gar nicht existieren (so wie es vor 30 Jahren keine Social-Media-Manager gab).

(2) Zeitlicher Horizont

Eine seriöse Prognose ist schwierig. Studien (z. B. von OECD, McKinsey, WEF) gehen davon aus, dass bis 2030–2040 rund 30–50 % aller Tätigkeiten (nicht Berufe!) teilweise automatisierbar sein werden. Eine vollständige Ersetzung menschlicher Arbeit halte ich aus mehreren Gründen für unwahrscheinlich:

  • Technische Grenzen: KI hat kein echtes Verständnis, keine Intuition, kein Bewusstsein für Kontext im menschlichen Sinne.
  • Rechtliche & ethische Hürden: Verantwortung, Haftung und Vertrauen erfordern Menschen.
  • Gesellschaftliche Akzeptanz: Viele Menschen wollen in sensiblen Bereichen (Medizin, Pflege, Bildung) mit echten Menschen interagieren.
  • Wirtschaftliche Logik: Wenn niemand mehr Geld verdient, kann auch niemand mehr Produkte und Dienstleistungen kaufen – das wäre systemisch instabil.

(3) Auswirkungen auf Arbeits- ­ und Betriebsmedizinerinnen und -mediziner

Ja, der Beruf wird sich verändern, aber er ist vergleichsweise robust gegen vollständige Automatisierung. Veränderungen werden vermutlich sein:

  • Unterstützung durch KI: Auswertung von Vorsorgeuntersuchungen, Gefährdungsbeurteilungen, Mustererkennung in arbeitsmedizinischen Daten, frühzeitige Risikoerkennung.
  • Effizienzgewinne: Dokumentation, Berichte, Routineuntersuchungen können beschleunigt werden.
  • Telemedizin & Wearables: kontinuierliche Gesundheitsüberwachung von Beschäftigten.
  • Was menschlich bleibt: vertrauensvolle Gespräche, ethische Abwägungen (z. B. bei Eignungsbeurteilungen), Beratung von Unternehmen, Konfliktmoderation, psychosoziale Begleitung.

Der Beruf wird sich also eher von einer untersuchenden zu einer beratenden, koordinierenden und ethisch reflektierenden Rolle wandeln.

(4) Wie kann verhindert werden, dass diese Berufsgruppe überflüssig wird?

Mehrere Ansätze:

  • Kompetenzerweiterung: KI-Kompetenz, Datenanalyse und digitale Tools in die ärztliche Ausbildung integrieren.
  • Spezialisierung auf das Menschliche: Empathie, Kommunikation, ethische Urteilskraft und systemische Beratung als Kernkompetenzen ausbauen.
  • Rolle als „Mensch im Loop“: Arbeits­medizinerinnen und -mediziner sollten KI-Empfehlungen prüfen, einordnen und verantworten – nicht ersetzen lassen.
  • Erweiterung des Aufgabenfelds: Themen wie psychische Gesundheit, New Work, Homeoffice-Ergonomie, demografischer Wandel, KI-induzierter Stress.
  • Gesetzliche Verankerung: Der Gesetz­geber kann (und sollte) bestimmte Aufgaben weiterhin ärztlicher Verantwortung vorbehalten.

(5) Unterhalt und Sinn in einer ­KI-geprägten Welt

Das ist die vielleicht wichtigste Frage. Mögliche Antworten, die aktuell breit diskutiert werden:

  • Materielle Absicherung:
  • Bedingungsloses Grundeinkommen (BGE) als Grundlage einer Gesellschaft, in der Lohnarbeit nicht mehr für alle reicht.
  • Robotersteuer/KI-Steuer: Automatisierungsgewinne werden umverteilt.
  • Verkürzung der Arbeitszeit bei gleichbleibendem Lohn (4-Tage-Woche etc.).
  • Stärkung sozialer Sicherungssysteme und Weiterbildungsfonds.
  • Sinn und Erfüllung:
  • Care-Arbeit aufwerten: Pflege, Erziehung, Ehrenamt – Tätigkeiten, die Maschinen nicht leisten können – endlich angemessen honorieren.
  • Bildung als Lebensaufgabe: Lernen, Forschen, Kunst und Kultur als gesellschaftlich wertvolle Tätigkeiten.
  • Gemeinschaft und Engagement: Lokale Initiativen, Demokratiearbeit, Umweltprojekte.
  • Neue Definition von „Arbeit“: Sinn entsteht nicht nur durch Erwerbsarbeit, sondern durch Beitrag zur Gemeinschaft.

Mein persönliches Fazit: Die größte Gefahr sehe ich nicht darin, dass KI Menschen ersetzt, sondern darin, dass Gesellschaften die Übergangsphase politisch und sozial nicht gut gestalten. Technologie ist gestaltbar – die entscheidende Frage ist, wer sie wozu einsetzt und wie die Gewinne verteilt werden.

Du gehst bei Deinen Antworten von der KI von heute aus. Bist Du der Ansicht, dass sich die von Dir genannten technischen Grenzen (z. B. hinsichtlich Verständnis, Intuition) in absehbarer Zeit hinausschieben lassen? Bestimmte zwischenmenschliche und ethisch sensible Tätigkeiten werden zum Teil schon heute (etwa in der Pflege) durch KI-gesteuerte Roboter übernommen. Menschen nehmen intensive soziale Kontakte mit KI-Chatbots auf, gewöhnen sich derzeit daran und ersetzen bereits soziale Kontakte durch Kontakte zur KI. Wie ordnest Du das ein – insbesondere in immer älter werdenden Gesellschaften?

KI: Das sind sehr berechtigte und scharfsinnige Einwände. Sie haben recht: Meine vorige Antwort war in mehreren Punkten zu konservativ und ging implizit vom Status quo aus. Lassen Sie mich ehrlicher und differenzierter antworten.

Zu den „technischen Grenzen“: Wie stabil sind sie wirklich?

Ehrliche Selbsteinschätzung: Die Grenzen, die ich genannt habe (Verständnis, Intuition, Kontextbewusstsein), sind weniger fundamental als es oft dargestellt wird. Was wir heute beobachten:

  • Verständnis: Was wir als „echtes Verständnis“ bezeichnen, ist philosophisch umstritten. Funktional zeigen aktuelle Modelle bereits Leistungen, die vor fünf Jahren als „nur mit echtem Verständnis möglich“ galten. Die Grenze verschiebt sich permanent – ein Phänomen, das in der KI-Forschung als „AI effect“ bekannt ist: Sobald KI etwas kann, gilt es nicht mehr als Intelligenz.
  • Intuition: Mustererkennung in hochdimensionalen Räumen ist möglicherweise genau das, was wir beim Menschen „Intuition“ nennen. Schach- und Go-KIs
    zeigen bereits etwas, das erfahrene Spieler als „intuitive Züge“ beschreiben.
  • Kontext: Die Kontextfenster und das multimodale Verständnis (Text, Bild, Audio, Video gleichzeitig) wachsen rasant. Was 2022 unmöglich schien, ist 2026 Standard.

Mein realistischeres Fazit: Viele dieser „Grenzen“ werden in den nächsten 5–15 Jahren vermutlich funktional überwunden – nicht unbedingt im philosophischen Sinne (Bewusstsein, Qualia), aber in dem Sinne, der für die Praxis relevant ist: Die Ergebnisse werden ununterscheidbar oder sogar besser sein.

Hinzu kommt die Kombination KI + Robotik: humanoide Roboter (Figure, Tesla Optimus, Unitree, 1X) machen derzeit Sprünge, die noch vor zwei Jahren als Science-Fiction galten. Die physische Welt wird also auch erschlossen.

Zu den zwischenmenschlichen und ethischen Tätigkeiten

Auch hier muss ich meine vorige Antwort relativieren. Sie sprechen wichtige Beobachtungen an:

Pflege und Robotik:

  • In Japan sind Pflegeroboter (Paro, Pepper, Robear) seit Jahren im Einsatz – nicht als Spielerei, sondern aus demografischer Notwendigkeit.
  • Studien zeigen: Demenzpatientinnen und -patienten reagieren oft emotional positiv auf Roboter, manchmal sogar besser als auf gestresstes Pflegepersonal.
  • Das stellt unsere Annahme infrage, dass „echte“ menschliche Zuwendung unersetzlich sei – zumindest in bestimmten Kontexten.

Soziale Beziehungen zu KI:

  • Apps wie Replika, Character.AI, Pi haben Millionen Nutzerinnen und Nutzer, die teils tiefe emotionale Bindungen ent­wickeln.
  • Eine MIT-Studie (2024/25) zeigte, dass intensive Chatbot-Nutzung mit Einsamkeit und reduzierten realen Sozialkontakten korreliert – Ursache und Wirkung sind aber umstritten.
  • Es gibt bereits Berichte über Trauerreaktionen, wenn Chatbot-„Beziehungen“ durch Updates verändert werden.
  • Junge Menschen wachsen mit dieser Normalität auf – für sie ist die Unterscheidung „echt vs. KI“ möglicherweise weniger bedeutsam als für ältere Generationen.

Einordnung im Kontext alternder ­Gesellschaften

Hier wird es besonders relevant:

Demografischer Druck:

  • Deutschland, Japan, Italien, Südkorea: massive Alterung bei sinkender Erwerbsbevölkerung.
  • Pflegenotstand: In Deutschland fehlen schon heute Hunderttausende Pflegekräfte; bis 2035 wird die Lücke dramatisch wachsen.
  • Es ist absehbar, dass KI und Robotik nicht nur eine Option, sondern eine Notwendigkeit werden – einfach, weil es nicht genug Menschen gibt.

Was das bedeutet:

  • Pragmatische Akzeptanz: Die Frage wird nicht sein „Wollen wir Pflegeroboter?“, sondern „Welche Alternative haben wir?“
  • Hybridmodelle: Wahrscheinlich Kombination aus reduziertem menschlichem Personal + KI/Robotik für Routinen, körperliche Arbeit und teilweise auch Gesellschaft.
  • Neue Einsamkeitskultur: Ältere Menschen, deren Kinder weit weg leben, finden in KI-Begleitern einen Ersatz – mit Vor- und Nachteilen.

Ambivalenz – und hier wird es ethisch ­heikel:

  • Positive Aspekte:
  • Niemand muss mehr einsam sein.
  • Pflege wird verfügbar, auch wenn keine Menschen mehr da sind.
  • KI ist 24/7 geduldig, nicht gestresst, nicht überfordert.
  • Problematische Aspekte:
  • Verarmung echter menschlicher Beziehungen: Wenn KI „einfacher“ ist (keine Konflikte, keine Anstrengung), könnten echte Beziehungen weiter zurückgehen.
  • Manipulationspotenzial: Wer kontrolliert den Chatbot, dem Millionen Menschen vertrauen?
  • Kommerzialisierung von Intimität: Emotionale Bindungen werden zum Geschäftsmodell.
  • Verlust gesellschaftlicher Resilienz: Echte Gemeinschaft entsteht durch Reibung – die KI vermeidet.
  • Politische Dimension: Eine Bevölkerung, deren primäre Vertrauenspersonen KI-Systeme sind, ist potenziell manipulierbar.

Mein revidiertes Gesamtbild

Sie haben mich zu einer ehrlicheren Einschätzung gebracht: Ich glaube nicht mehr, dass die „menschlichen“ Bereiche so robust sind, wie ich es zunächst dargestellt habe. Realistischer ist:

  • In 10–20 Jahren wird KI vermutlich in fast allen Tätigkeitsbereichen – auch zwischenmenschlichen – funktional konkurrenzfähig oder überlegen sein.
  • Die entscheidende Frage ist nicht „Können Maschinen das?“, sondern „Wollen wir das als Gesellschaft?“ – und diese Frage wird oft nicht bewusst entschieden, sondern durch Marktmechanismen und Sachzwänge beantwortet.
  • Alternde Gesellschaften werden Vorreiter – nicht aus Begeisterung, sondern aus Notwendigkeit. Was dort funktioniert, wird globaler Standard.
  • Die wirklich existenziellen Fragen sind nicht technologischer, sondern anthropologischer und politischer Natur: Was macht uns als Menschen aus, wenn alles, was wir können, auch Maschinen können? Wie organisieren wir Sinn, Würde und Teilhabe in einer solchen
    Welt?

Ein offener Gedanke zum Schluss: Vielleicht ist die größte Gefahr nicht, dass KI uns ersetzt, sondern dass wir – aus Bequemlichkeit, Kostendruck und demografischer Not – freiwillig auf das Menschliche verzichten, lange bevor wir es müssten. Die Technik kann vieles. Die Frage ist, was wir uns als Gesellschaft bewusst bewahren wollen.

Gehen wir zum Schluss noch einmal zurück zur Arbeitsmedizin. Wie wird die Arbeitsmedizin in Jahr 2045 aussehen? Was wird sich im Vergleich zu heute geändert haben, wenn dann viele Arten der Erwerbstätigkeit von KI beziehungsweise Robotern erledigt werden? Wird es dann den Beruf der Arbeitsmedizinerin/des Arbeitsmediziners noch geben? Wenn ja, um welche Bevölkerungsgruppe wird sich die Arbeitsmedizin dann kümmern, wenn viele Menschen einer Tätigkeit nachgehen, die heute unentgeltlich erbracht wird? Wenn das so sein sollte, wer übernimmt die Kosten?

KI: Eine sehr spannende Abschlussfrage, die einen weiten Bogen spannt. Lassen Sie mich ein zusammenhängendes Zukunftsbild für 2045 entwerfen – mit der gebotenen Vorsicht, dass es sich um eine fundierte Spekulation handelt.

Arbeitsmedizin 2045: Ein Szenario

Was sich grundlegend geändert haben wird

  • Die Arbeitswelt selbst:
  • Ein Großteil körperlich belastender Tätigkeiten (Bau, Logistik, Produktion, Teile der Pflege) wird von Robotern erledigt.
  • Viele kognitive Routineberufe
    (Sachbearbeitung, Buchhaltung, Standardrechtsberatung, Teile der Medizin) sind weitgehend automatisiert.
  • Übrig bleiben für Menschen vor allem: hochkreative, hochkomplexe, zwischenmenschlich anspruchsvolle, ethisch verantwortliche oder bewusst „menschlich gewollte“ Tätigkeiten.
  • Erwerbsarbeit im klassischen Sinne ist nicht mehr für alle die zentrale Lebensgrundlage.
  • Neue Belastungsmuster: Die klassischen arbeitsmedizinischen Themen (Lärm, Staub, Heben, Schichtarbeit) werden zurückgehen. Stattdessen werden neue ­Belastungen dominieren:
  • Psychische Belastungen durch ständige Kooperation mit KI-Systemen (Kontrollverlust, „algorithmic management“, permanente Bewertung).
  • Sinnkrisen und Identitätsverlust, weil viele Menschen ihre berufliche Identität verlieren.
  • Hyperkognitive Überlastung bei den verbleibenden hochkomplexen Tätigkeiten.
  • Bewegungsmangel und soziale Isolation bei Tätigkeiten in virtuellen/hybriden Umgebungen.
  • Ethischer Stress: Menschen, die KI-Entscheidungen verantworten müssen, ohne sie vollständig zu verstehen.
  • „Mensch-Maschine-Reibung“: neue Verletzungsmuster bei Mensch-Roboter-Kollaboration.

Wird es Arbeitsmedizinerinnen und -mediziner 2045 noch geben?

Ja – aber in stark veränderter Form. Ich sehe drei Szenarien, von denen das mittlere am wahrscheinlichsten ist:

  • Szenario A (unwahrscheinlich): Verschwinden des Berufs. KI-gestützte Gesundheitssysteme übernehmen alles.
    → Halte ich für unrealistisch, weil ärztliche Verantwortung rechtlich und ethisch nicht delegierbar ist.
  • Szenario B (wahrscheinlich): Transformation. Der Beruf wandelt sich grundlegend, bleibt aber als Profession bestehen.
  • Szenario C (möglich): Aufwertung. Gerade weil so viel automatisiert ist, gewinnen die wenigen menschlichen Expertinnen und Experten an Bedeutung und Status.

Wie könnte der Beruf 2045 konkret aussehen?

Neue Aufgabenfelder:

  • „Tätigkeitsmedizin“ statt „Arbeitsmedi­zin“: Der Begriff wird sich erweitern müssen, weil „Arbeit“ im engen Erwerbssinn nicht mehr die zentrale Tätigkeit ist.
  • Psychomentale Gesundheit als Kernthema: Burnout, Depression, Sinnkrisen, KI-­induzierter Stress, Identitätsprobleme nach Berufsverlust werden Haupt­themen sein.
  • Mensch-KI-Schnittstellen-Medizin: Eine neue Subdisziplin, die sich mit den gesundheitlichen Folgen ständiger KI-Interaktion beschäftigt (kognitive Atrophie, Aufmerksamkeitsstörungen, Bindungsstörungen zu KI etc.).
  • Beratung von Mensch-Roboter-Kooperation: Wo Menschen noch arbeiten, geschieht es meist mit Maschinen – die Gestaltung dieser Schnittstelle ist ergonomisch und psychologisch komplex.
  • Ethische Begutachtung: Welche KI-gestützten Eignungsdiagnostiken sind zulässig? Wer schützt Beschäftigte vor algorithmischer Diskriminierung?
  • Supervisorin/Supervisor der KI-Diagnostik: Die eigentliche Untersuchung erfolgt durch KI – die ärztliche Aufgabe ist Plausibilisierung, Verantwortung, Patientenkommunikation.

Um welche Bevölkerungsgruppe wird sich die Arbeitsmedizin kümmern?

Hier wird es besonders interessant. Wenn klassische Erwerbsarbeit zurückgeht, könnte sich die Arbeitsmedizin auf mehrere neue Zielgruppen ausweiten:

  • Die verbleibenden Erwerbstätigen: vermutlich eine kleinere, aber hochbelastete Gruppe in komplexen Schlüsselpositionen.
  • Care-Arbeitende: Pflege von Angehörigen, Erziehung, Nachbarschaftshilfe – gesellschaftlich essenziell, oft belastend, heute meist unentgeltlich.
  • Engagement- und Gemeinwohltätige: Ehrenamt, Demokratiearbeit, kulturelle Tätigkeiten, Umwelt- und Klimaschutz – wenn diese Tätigkeiten gesellschaftlich anerkannt und finanziert werden, brauchen auch sie arbeitsmedizinische Begleitung.
  • Kreativ und kulturell Tätige: Künstlerinnen/Künstler, Schreibende, Forschende – oft mit eigenen Belastungsmustern (Selbstausbeutung, Existenzangst, Isolation).
  • „Sinnsuchende“: Menschen, die nach dem Wegfall ihrer Erwerbsarbeit nach neuen Tätigkeitsformen suchen – hier wird Arbeitsmedizin Teil einer präventiven Lebensbegleitung.
  • KI-Aufseherinnen/-Aufseher und Kontroll­instanzen: Menschen, die KI-Systeme überwachen, validieren, ethisch begleiten – eine wachsende Berufsgruppe mit eigenen Belastungen.

Wer trägt die Kosten?

Das ist die politisch entscheidende Frage. Mehrere Modelle sind denkbar:

  • Erweiterte Sozialversicherung: Die heutige Logik („wer einzahlt, ist versichert“) wird ersetzt durch eine Bürgerversicherung neuer Art, die alle Tätigkeitsformen einschließt – auch unbezahlte. Finanziert über Steuern auf Automatisierungs­gewinne.
  • KI-/Roboter-/Datensteuer: Unternehmen, die durch Automatisierung Wertschöpfung generieren, finanzieren ein gesellschaftliches Sicherungssystem. Dies wird auch die arbeitsmedizinische Versorgung umfassen.
  • Bedingungsloses Grundeinkommen + universelle Gesundheitsversorgung: Wenn das BGE die materielle Grundlage sichert, wird Arbeitsmedizin Teil der allgemeinen Gesundheitsversorgung – nicht mehr arbeitgeberfinanziert, sondern gesellschaftlich getragen.
  • „Tätigkeitskonten“: Ein neu gedachtes Modell, in dem alle gesellschaftlich wertvollen Tätigkeiten (Erwerbsarbeit, Care, Engagement, Bildung) auf einem persönlichen Konto erfasst werden – mit zugehörigen Sozialversicherungsleistungen, einschließlich arbeitsmedizinischer Betreuung.
  • Stiftungs- und Genossenschaftsmodelle: Für bestimmte Gruppen (Künstlerinnen/Künstler, Pflegende, Ehrenamtliche) entstehen spezialisierte Träger, ähnlich der heutigen Künstlersozialkasse, aber breiter angelegt.

Was bedeutet das für die Profession?

Die Arbeitsmedizin 2045 wird wahrscheinlich

  • ... breiter aufgestellt sein – nicht mehr nur für klassische Beschäftigte,
  • ... stärker präventiv und psychosomatisch orientiert sein,
  • ... eng verzahnt sein mit Ethik, Sozialwissenschaft und Technikfolgenabschätzung,
  • ... hochgradig KI-gestützt sein, aber mit menschlicher Letztverantwortung,
  • ... politisch sichtbarer sein, weil sie an der Schnittstelle zentraler gesellschaft­licher Verteilungsfragen liegt.

Eine grundsätzliche Verschiebung

Vielleicht das Wichtigste: Der Begriff „Arbeit“ selbst wird sich gewandelt haben. Die Trennung zwischen „bezahlter Erwerbsarbeit“ und „unbezahlter Tätigkeit“ könnte 2045 als historische Eigenheit des Industriezeitalters erscheinen. Tätigsein als anthropologische Grundkategorie (im Sinne Hannah Arendts) rückt in den Vordergrund – und damit auch die Aufgabe einer Medizin, die Menschen in ihrem Tätigsein begleitet, schützt und gesund hält, unabhängig davon, ob jemand dafür bezahlt wird.

Damit wäre Arbeitsmedizin 2045 möglicherweise wichtiger denn je – aber radikal anders, als wir sie heute kennen.

Das war der etwas versöhnlichere Abschluss der KI. Was meinen Sie? Wird es diese radikalen Änderungen geben? Und wie wird die aktuelle Arbeitsmedizin darauf reagieren müssen?

Schreiben Sie uns gerne Ihre Ant­worten auf diese Fragen in Form eines ASU-Kurzbeitrags. Wir sind ­gespannt darauf, wie Sie die Zukunft der Arbeitsmedizin sehen und wie sich aus ­Ihrer Sicht Ihr jetziger Arbeitsplatz und ­Ihre jetzige
Tätigkeit verändern wird.

Kontakt

Dr. med. Lotte Habermann-Horstmeier, MPH, MSc
Villingen Institute of Public Health; Klosterring 5; 78050 Villingen-Schwenningen
Habermann-Horstmeier@­viph-public-health.de

Foto: privat

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