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Standardisation in the field of mental workload (EN ISO 10075) and implications for business practice
This article highlights developments in the field of mental stress and strain within the context of German occupational health and safety. In this regard, it outlines, in particular, the activities relating to ergonomic standardisation concerning mental stress and strain, as well as the strain-related consequences. The text focuses on the terminology and the load-stress concept, as well as on the reorientation of the second part of the standard – which was revised in 2024 – and which contains important recommendations for work system designers and other stakeholders in companies regarding the ergonomically sound design of work systems. It is demonstrated that the conceptual distinction between the terms ‘stress’ and ‘strain’ remains highly relevant in practice.
Normung im Bereich der arbeitsbezogenen psychischen Belastung (DIN EN ISO 10075) und Folgerungen für die betriebliche Praxis
Der Beitrag zeigt Entwicklungen im Bereich der psychischen Belastung und Beanspruchung im Kontext des deutschen Arbeits- und Gesundheitsschutzes auf. Insbesondere werden dabei die Aktivitäten der Ergonomienormung zur psychischen Belastung und Beanspruchung sowie zu den Beanspruchungsfolgen skizziert. Dabei fokussiert sich der Text auf die Begrifflichkeiten und das Belastungs-Beanspruchungs-Konzept sowie auf die Neuausrichtung des im Jahr 2024 überarbeiteten zweiten Teils der Norm, der für Arbeitsgestaltende und andere Stakeholder in Unternehmen wichtige Empfehlungen für die ergonomisch günstige Gestaltung von Arbeitssystemen beinhaltet. Dabei wird gezeigt, dass die konzeptuelle Unterscheidung der Begriffe Belastung und Beanspruchung weiterhin auch für die Praxis von großer Relevanz ist.
Kernaussagen
- Die klare begriffliche Unterscheidung zwischen psychischer Belastung, psychischer Beanspruchung und Beanspruchungsfolgen ist eine zentrale Voraussetzung für eine sachgerechte Gefährdungsbeurteilung und einen konstruktiven Dialog der betrieblichen Akteure.
- Die DIN EN ISO 10075 unterstützt die betriebliche Praxis, indem sie ein einheitliches Verständnis psychischer Arbeitsbelastung schafft und zugleich deutlich macht, dass arbeitsbezogene Belastung Gegenstand der Gestaltung ist – nicht individuelle private Einflüsse.
- Mit der überarbeiteten DIN EN ISO 10075-2:2024 rückt die ergonomisch günstige Gestaltung von Arbeitssystemen stärker in den Mittelpunkt; sie bietet praxisnahe Gestaltungsgrundsätze mit Begründungen und Beispielen für unterschiedliche Branchen und Tätigkeitsfelder.
Einleitung
Arbeit befindet sich immer schon im Wandel. Durch Digitalisierung, Globalisierung und Technisierung vollzieht sich dieser Wandel schneller und hat damit auch entsprechende Auswirkungen auf Tätigkeiten und Anforderungen der Beschäftigten. Dementsprechend ist es wichtig, Arbeit so zu gestalten, dass sie
- menschengerecht ist,
- das Wohlergehen der Beschäftigten fördert,
- die Leistung eines Arbeitssystems verbessert und
- zu einer Steigerung der Produktivität beiträgt.
Im Zusammenhang mit dem Arbeits- und Gesundheitsschutz haben Arbeitgeber in Deutschland nach § 5 Arbeitsschutzgesetz (ArbSchG) durch eine Beurteilung der für die Beschäftigten mit ihrer Arbeit verbundenen Gefährdung zu ermitteln, ob und welche Maßnahmen des Arbeitsschutzes erforderlich sind.
Bei dieser Gefährdungsbeurteilung hat der Arbeitgeber auch Gefährdungen durch „psychische Belastungen bei der Arbeit“ zu ermitteln und zu beurteilen. Der Passus „bei der Arbeit“ bedeutet, dass der Arbeitgeber eben nicht jegliche Einflüsse, die auf die Beschäftigten, zum Beispiel solche aus dem Privatleben, zu beurteilen hat, sondern lediglich diejenigen, die in seiner Gestaltungshoheit liegen.
Zu den Maßnahmen des Arbeitsschutzes gehören nach ArbSchG § 2 auch Maßnahmen der menschengerechten Gestaltung der Arbeit, womit mögliche gesundheitliche Schädigungen und Beeinträchtigungen bereits frühzeitig vermieden werden sollen. Der Vollständigkeit halber sei an dieser Stelle erwähnt, dass der Fokus auf eine ausschließlich verhältnisorientierte Ausrichtung von Arbeitssystemen einer humanorientierten Gestaltung von Arbeit nicht gerecht wird (vgl. BAuA 2025). Verhaltensorientierte Maßnahmen, wie sie durch Qualifizierung und Unterweisung vermittelt und erworben werden, ermöglichen einerseits, dass Beschäftigte ihren Aufgaben und den damit verbundenen Anforderungen entsprechen und andererseits den Arbeitgeber sinnvoll in Arbeitsschutzmaßnahmen unterstützen können (vgl. dazu auch Sandrock 2020; Sandrock u. Börkircher 2024).
Normung und psychische Belastung
Ein einheitlicher Sprachgebrauch ist im Unternehmen wichtig, nicht nur dort, wo es um Arbeitsschutz und Gefährdungsbeurteilung geht (Sandrock 2019; Schütte 2022).
Kenntnisse über die Begriffe und Konzepte, die mit psychischer Arbeitsbelastung verbunden sind, sind bei den betrieblichen Akteuren (Arbeitgeber, Betriebsrat, Sicherheitsfachkräfte wie Arbeitsmedizinerinnen und -mediziner) zwingend erforderlich. Zum einen lässt sich so beispielsweise der Gegenstandsbereich der Gefährdungsbeurteilung einordnen und bestimmen, zum anderen ist ein sachbezogener Dialog zwischen den betrieblichen Akteuren leichter möglich. Hierfür ist die Norm DIN EN ISO 10075-1:2018 sehr gut geeignet, da sie den Blick auf den Arbeitsprozess fokussiert, der schließlich auch durch Gestaltungsmaßnahmen verbessert werden soll. Auch wenn die Norm DIN EN ISO 10075 ursprünglich nicht für die Anwendung in der Gefährdungsbeurteilung konzipiert wurde, zeigt sie durch die konzeptuelle Differenzierung, was Gegenstand der Gefährdungsbeurteilung hinsichtlich psychischer Belastung ist: Nämlich vom einzelnen Menschen unabhängige Aspekte, die von außen auf diesen einwirken. Wenn der Gegenstand der Beurteilung geklärt ist, wird in der Regel auch über den Einsatz unterschiedlicher Erhebungs- und Beurteilungsmethoden nicht zu lange debattiert.
Betriebliche Erfahrungen zeigen entsprechend, dass die Norm in der Praxis angekommen ist. Dabei sorgt sie – hier vor allem der erste Teil DIN EN ISO 10075-1 – für eine widerspruchsfreie Verwendung der Begriffe und Konzepte, die in ihr definiert werden.
Begriffe und Entwicklungen innerhalb der Normung
Dem 2018 in Deutschland überarbeitet erschienenen ersten Teil der Ergonomienorm DIN EN ISO 10075-1 liegt das aus der technischen Mechanik stammende Belastungs-Beanspruchungs-Konzept zugrunde. Die Arbeitswissenschaft hat sich dieses Konzept zunutze gemacht, da es als formales Konzept den Vorteil hat, zwischen von außen auf den Menschen einwirkenden Einflüssen und der daraus resultierenden Wirkung im Menschen sowie den daraus entstehenden möglichen Folgen trennen zu können.
Konkret wird psychische Belastung laut Definition als Gesamtheit der erfassbaren von außen auf den Menschen einwirkenden Einflüsse verstanden. Psychische Beanspruchung ist die daraus innerhalb des Menschen in Abhängigkeit seiner individuellen Merkmale resultierende Wirkung. Beide Konstrukte sind wertneutral und beziehen sich auf eine formale Ursache-Wirkungs-Beziehung. Als Folge des Belastungs-Beanspruchungs-Gefüges können im Individuum Beanspruchungsfolgen auftreten. Hier wird zwischen fördernden (positiv bewerteten) und beeinträchtigenden (negativ bewerteten) und daher zu vermeidenden Beanspruchungsfolgen unterschieden.
Nach Expertenworkshops beim Deutschen Institut für Normung (DIN) und zahlreichen fachlichen Diskussionen auch mit internationalen Expertinnen und Experten in den entsprechenden Normungsgremien erschien eine Überarbeitung des ursprünglichen Normtextes sinnvoll. Zum Hintergrund der Entwicklung der Normenserie DIN EN ISO 10075 wird an dieser Stelle insbesondere auf den Sammelband des DIN (Schütte et al. 2021) hingewiesen. 2017 wurde die Revision des ersten Teils der Normenreihe veröffentlicht. Die Norm beinhaltet seitdem auch eine Differenzierung zwischen kurz- und längerfristigen Beanspruchungsfolgen, die im Gremium konsentiert wurden.
Entsprechend wurden Lernen und Kompetenzentwicklung als kurz- beziehungsweise langfristige förderliche Folgen mit in das Modell aufgenommen.
Als kurzfristige beeinträchtigende Beanspruchungsfolgen beinhaltete die Norm bis dato die psychische Ermüdung und die ermüdungsähnlichen Zustände wie den Monotoniezustand und die herabgesetzte Vigilanz sowie die psychische Sättigung. Diese beeinträchtigenden Folgen wurden um die Stressreaktion erweitert, die formal als Folge eines negativen Bewertungsprozesses auftreten kann.
Darüber hinaus wurde Burnout als langfristige Beanspruchungsfolge ergänzt. Dabei handelt es sich um eine arbeitsbezogene Befindensbeeinträchtigung, die bei einer langfristig oder wiederholt vorliegenden Einwirkung psychischer Belastung dann eintreten kann, wenn bereits kurzfristige beeinträchtigende Beanspruchungsfolgen bestehen.
Entwicklung vom ersten zum (neuen) zweiten Teil der DIN EN ISO 10075
Der 1996 veröffentlichte zweite Teil der Normenreihe (DIN EN ISO 10075-2:1996) richtete sich an Hersteller und Betreiber von Arbeitsmitteln und Arbeitssystemen mit dem Ziel, psychische Belastung zu optimieren (und nicht zu minimieren).
Basierend auf den negativen kurzfristigen Beanspruchungsfolgen enthielt er entsprechende Hinweise zu deren Vermeidung. Damit wurden allerdings keine Maßnahmen, die zu positiven Folgen führen können, adäquat berücksichtigt.
Im Jahr 2017 fand die turnusmäßige Abfrage zur Revision dieses Normteils statt, der knapp bestätigt und damit als aktueller Stand der Technik angesehen wurde. Dies war mutmaßlich darauf zurückzuführen, dass noch nicht alle beteiligten internationalen Normungsinstitutionen die Änderungen der DIN EN ISO 10075-1 zur Kenntnis genommen hatten.
Im Dezember 2018 fand ein weiterer Workshop beim DIN statt, um mit unterschiedlichen Stakeholdern aus Wissenschaft und Praxis über Anpassungen und Änderungswünsche der DIN EN ISO 10075-2:1996 zu diskutieren.
Konsens war, dass durch die Änderung der DIN EN ISO 10075-1 die beiden Normenteile nicht mehr zueinander passten. Bei einer Überarbeitung müssten Inhalt und Struktur des zweiten Teils angepasst werden; dies bezieht sich zum einen auf die längerfristigen Beanspruchungsfolgen, die bislang noch nicht berücksichtigt wurden, und zum anderen auf die Gestaltungaspekte, die zu positiven Beanspruchungseffekten führen können. Weiterhin sollten eventuelle begriffliche Unstimmigkeiten angepasst werden.
Da sich die Norm an Arbeitsgestaltende richtet, erschien es sinnvoll, zunächst die generelle Aktualität der „Leitsätze“ zu prüfen und weiterhin eine Struktur des Normentextes zu erstellen, die für die Zielgruppe plausibler und in der Folge benutzungsfreundlicher ist.
Damit lag es nahe, sich an den Konventionen der Norm DIN EN ISO 6385 zu orientieren, die als Grundlagennorm der Arbeitssystemgestaltung zu verstehen ist. Auch international konnte Konsens darüber erzielt werden.
Übergeordnete Gestaltungselemente sind danach:
- Arbeitsorganisation,
- Arbeitsaufgabe,
- Tätigkeit,
- Arbeitsmittel und Schnittstellen.
Um eine höhere Verbreitung in der betrieblichen Praxis zu erzielen, wurde für jeden der unter die Gestaltungselemente fallenden Aspekte eine stringente Gliederung gewählt. So beinhaltet die Norm DIN EN ISO 10075-2:2024-12 zu jeder Leitlinie beziehungsweise Gestaltungsempfehlung zusätzlich Begründungen und Beispiele zum besseren Verständnis. Ein Gestaltungsgrundsatz besteht dabei immer aus den drei Elementen Begründung, Leitlinie und erläuternde Beispiele. Die Norm enthält ca. 40 Gestaltungsgrundsätze.
Dabei wird zunächst begründet, ob beziehungsweise warum das Gestaltungselement wichtig ist. Anschließend folgen relevante Leitlinien. Diese sind entsprechend dem breiten Anwendungsbereich der Norm so umfassend wie möglich und so spezifisch wie nötig formuliert. Die Beispiele adressieren neben typisch industrienahen Feldern auch solche aus dem Dienstleistungsbereich oder dem Gesundheitswesen und zeigen damit, dass die Norm branchenübergreifend eingesetzt werden kann.
Die Norm stellt damit einen wichtigen Standard dar, der auch mit Handlungshilfen der Gemeinsamen Deutschen Arbeitsschutzstrategie (GDA) kompatibel ist beziehungsweise diese ergänzt und damit Eingang in die betriebliche Praxis finden wird.
Diskussion und Ausblick
Die Normenreihe 10075 besteht aus drei Teilen. Während die ersten beiden Teile wie beschrieben Hinweise auf Konzepte und Gestaltungshinweise für zum Beispiel Arbeitsgestaltende, Ergonomen, Arbeitgeber beinhalten und in den letzten Jahren maßgeblich überarbeitet wurden, richtet sich DIN EN ISO 10075-3:2004 vornehmlich an Entwickler von Verfahren, die psychische Belastung, Beanspruchung oder deren Folgen erheben beziehungsweise messen wollen. Entsprechend ist dieser bislang technisch orientiert formuliert und beinhaltet mehrheitlich Kriterien für quantitative Messungen. Es ist entsprechend zu prüfen, ob beispielsweise Verfahrenshinweise für qualitative Vorgehensweisen wie etwa Beobachtungen oder Beobachtungsinterviews sinnvoll aufzunehmen beziehungsweise konsensfähig wären.
Interessenkonflikt: Der Autor gibt an, dass kein Interessenkonflikt vorliegt.
Literatur
DIN EN ISO 10075-1:2018-01: Ergonomische Grundlagen bezüglich psychischer Arbeitsbelastung – Teil 1: Allgemeine Aspekte und Konzepte und Begriffe (ISO 10075-1:2017); Deutsche Fassung EN ISO 10075-1:2017.
DIN EN ISO 10075-2:2024-12: Ergonomische Grundlagen bezüglich psychischer Arbeitsbelastung – Teil 2: Gestaltungsgrundsätze (ISO 10075-2:2024); Deutsche Fassung EN ISO 10075-2:2024.
DIN EN ISO 10075-3:2004-12: Ergonomische Grundlagen bezüglich psychischer Arbeitsbelastung – Teil 3: Grundsätze und Anforderungen an Verfahren zur Messung und Erfassung psychischer Arbeitsbelastung (ISO 10075-3:2004); Deutsche Fassung EN ISO 10075-3:2004.
DIN EN ISO 6385:2016-12: Grundsätze der Ergonomie für die Gestaltung von Arbeitssystemen (ISO 6385:2016); Deutsche Fassung EN ISO 6385:2016.
Schütte M et al.: Psychische Belastung und Beanspruchung am Arbeitsplatz. DIN (Hrsg.) Berlin: Beuth, 2021.
Sandrock S: Psychische Belastung in der Gefährdungsbeurteilung – helfen Standards? Sicherheitsingenieur 2019; 2: 12–15.
Sandrock S: Den Herausforderungen der modernen Arbeitswelt mit Eigenverantwortung begegnen.
ASU Arbeitsmed Sozialmed Umweltmed 2020; 55: 602–604.
Sandrock S, Börkircher M: Gefährdungsbeurteilung in Zeiten von Homeoffice und mobiler Arbeit. Betriebliche Prävention 2024; 07/08: 324–328.
Schütte M: Überlegungen zu den Begriffen Belastungsfolgen, psychische Fehlbelastung und Fehlbeanspruchung. Z Arb Wiss 2022 76: 220–222.
Online-Quelle
Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (BAuA): Der Mensch im Mittelpunkt der Arbeitsgestaltung. 2025
https://www.baua.de/DE/Themen/Arbeitsgestaltung