Redaktioneller Hinweis
Der Beitrag basiert auf einem mündlichen Interview der Chefredakteurin, Dr. med. Lotte Habermann-Horstmeier, mit Anastasiia Lotysh und Michael Haas-Busch aus dem Team Mentale Gesundheit der Malteser Werke gGmbH mit Sitz in Köln. Die Malteser Werke begleiten seit 1989 geflüchtete Menschen in Deutschland und unterstützen im Bereich Migration bundesweit Regierungen und Kommunen bei der menschenwürdigen Unterbringung, Versorgung und sozialen Betreuung.. Das Gespräch dauerte insgesamt eineinhalb Stunden. Es wurde anschließend transkribiert sowie sprachlich behutsam geglättet und verdichtet, ohne den Sinn der Aussagen zu verändern.
Anastasiia Lotysh verantwortet als Teamleitung Ukraine-Hilfe ein breites Angebotsspektrum mit Schwerpunkt auf geflüchteten Menschen aus der Ukraine. Hierzu gehören zum Beispiel digitale Peer-to-Peer-Formate, berufliche Perspektiven und Psychoedukation bis hin zu
Begegnungsformaten für ukrainische Jugendliche, etwa Sommercamps und Austauschwochen. Darüber hinaus bringt sie ihre psychologische Fachexpertise in die Entwicklung von neuen Projekten mit ein.
Michael Haas-Busch entwickelt als Koordinator von Aufgaben und Angeboten Formate zur Stärkung der mentalen Gesundheit geflüchteter Menschen sowie zur Unterstützung der mentalen Gesundheit von Mitarbeitenden, insbesondere in Unterbringungseinrichtungen der Malteser Werke. Ein weiterer Schwerpunkt seiner Arbeit liegt in der Öffentlichkeitsarbeit zu diesem Themenbereich.
Psychological distress among refugees – experiences from psychosocial practice and their relevance to occupational, social, and environmental medicine
Refugees typically encounter the German healthcare system during a phase of extreme uncertainty. Acute medical issues often take center stage – such as initial infectious disease screening, the treatment of acute ailments, and accommodation within the reception system. However, the interview demonstrates that health in the context of flight and migration must be viewed in much broader terms. Crucial factors include not only the war, the violence, or the flight itself, but also the conditions following arrival. These include, above all, residence status, housing conditions, language barriers, access to information vital to their situation, psychosocial stabilization, and – at a later stage – prospects for education and employment.
Psychische Belastungen bei Geflüchteten – Erfahrungen aus der psychosozialen Praxis und ihre Relevanz für die Arbeits-, Sozial- und Umweltmedizin
Geflüchtete Menschen begegnen dem deutschen Gesundheitswesen meist in einer Phase extremer Unsicherheit. Akute medizinische Fragen stehen dann häufig im Vordergrund, wie etwa die infektiologische Erstuntersuchung, die Versorgung akuter Beschwerden und die Unterbringung im Ankunftssystem. Das Interview zeigt jedoch, dass Gesundheit nach Flucht und Migration wesentlich breiter gedacht werden muss. Entscheidend sind nicht nur der Krieg, die Gewalt oder die Flucht selbst, sondern auch die Bedingungen nach der Ankunft. Hierzu gehören vor allem der Aufenthaltsstatus, die Wohnsituation, Sprachbarrieren, der Zugang zu den in dieser Situation wichtigen Informationen, die psychosoziale Stabilisierung und später die Perspektive auf Bildung und Arbeit.
Kernaussagen
- Psychische Belastungen äußern sich häufig zunächst körperlich, etwa als Schlafstörungen, Schmerzen, Erschöpfung oder in diffusen vegetativen Beschwerden.
- Unterbringung, Aufenthaltsstatus und fehlende Sprachmittlung sind medizinisch relevante Belastungsfaktoren.
- Arbeit ist für viele Geflüchtete ein zentraler Schutzfaktor, Dequalifizierung dagegen ein erheblicher Stressor.
- Niedrigschwellige, muttersprachliche und digitale Angebote können Versorgungslücken wirksam überbrücken.
- Kultursensible, diskriminierungssensible und traumainformierte Kommunikation sollte in der Medizin und im gesamten Gesundheitswesen regelhaft vermittelt und umgesetzt werden.
Vertreterinnen und Vertreter der Arbeits-, Sozial- und Umweltmedizin begegnen Menschen mit Flucht- und Migrationserfahrung meist an Schnittstellen zwischen medizinischer Versorgung, sozialrechtlichen Rahmenbedingungen, Lebensumwelt und Erwerbsteilhabe. Das Interview mit Frau Lotysh und Herrn Haas-Busch macht deutlich, dass diese Bereiche in der Praxis nicht getrennt voneinander betrachtet werden können.
Frühe Phase nach der Ankunft
Die Mitarbeitenden der Malteser Werke begleiten bundesweit Geflüchtete mit sehr unterschiedlichen Hintergründen. Viele Menschen werden direkt nach der Ankunft zuerst einmal in Erstaufnahme- oder Gemeinschaftsunterkünften aufgenommen. In dieser frühen Phase dominieren nach Angabe von Frau Lotysh medizinische Erstuntersuchungen und die Hilfe bei organisatorischen Abläufen. Psychische Belastungen, chronische Erkrankungen oder bereits bestehende psychiatrische Diagnosen werden oft nicht systematisch erfasst oder weiterbehandelt.
Der Zugang zur psychiatrischen und psychotherapeutischen Versorgung wird von beiden Interviewten als besonders schwierig bezeichnet. Zwar gebe es lokal engagierte Strukturen und einzelne spezialisierte Angebote, etwa die Psychosozialen Zentren, könnten eine sinnvolle Ergänzung sein insgesamt berichten sie jedoch von erheblichen Versorgungslücken. Sprachbarrieren, fehlende Sprachmittlung, lange Wartezeiten, unklare Zuständigkeiten und die Einschränkungen des Asylbewerberleistungsgesetzes, soweit es auf die Betroffenen Anwendung findet, erschweren hiernach den Zugang zusätzlich. Hinzu komme, dass viele Geflüchtete in den ersten Wochen und Monaten mit existenziellen Fragen beschäftigt sind: Wo werde ich wohnen? Wie läuft mein Verfahren? Darf ich bleiben? Wie erreiche ich meine Angehörigen? Wie finde ich mich in diesem System zurecht?
Medizinische Bedarfe lassen sich in dieser Phase nicht von sozialen und rechtlichen Rahmenbedingungen trennen. Wer sich im System nicht auskennt, nicht die Landessprache spricht und zugleich psychisch stark belastet ist, findet den Weg in die Regelversorgung häufig gar nicht oder erst sehr spät.
An dieser Stelle betonte Frau Lotysh, dass zwar nicht jede Flucht zu einem Trauma führt, dass aber die Erfahrungen, die viele Geflüchtete gemacht haben und noch weiterhin machen, bei vielen Menschen chronischen Stress auslösen. Nicht jede geflüchtete Person sei also traumatisiert, und nicht jede brauche eine spezialisierte Traumatherapie. Beide Interviewten berichten ausdrücklich auch von Resilienz und posttraumatischem Wachstum. Gleichwohl beobachteten sie in der Praxis sehr häufig chronischen Stress, Ängste, Schlafstörungen, depressive Symptome, Hoffnungslosigkeit und starke Sorgen um Angehörige im Herkunftsland. Hinzu kämen Schuldgefühle, selbst in Sicherheit zu sein, während nahestehende Menschen weiterhin Krieg, Verfolgung oder Armut ausgesetzt seien.
Ein weiterer häufig genannter Aspekt ist der Verlust von Identität. Wer im Herkunftsland Ärztin, Lehrer, Unternehmerin oder Journalist war, erlebt sich nach der Ankunft nicht selten als abhängig, sprachlos und sozial entwertet. Dies ist für den Bereich der Arbeitsmedizin von großer Bedeutung. Arbeitsmedizinerinnen und Arbeitsmedizinern sollte stets bewusst sein, dass Erwerbsarbeit nicht nur eine Einkommensquelle ist, sondern auch ein zentraler Aspekt von Identität, Zugehörigkeit und Selbstwirksamkeit. Wenn Qualifikationen nicht anerkannt werden, Berufserfahrung entwertet wird und statt einer fachlich passenden Tätigkeit nur prekäre oder nicht qualifikationsgerechte Arbeit in Aussicht steht, kann dies psychisch erheblich belasten.
Gerade in der Frühphase zeige die Praxis, dass viele Geflüchtete zunächst im „Funktionsmodus“ bleiben. Sie organisieren Unterkunft, Behördenkontakte, Schule, Sprache und Alltag – und stellen die eigene psychische Gesundheit zurück. Belastungen werden oft erst dann sichtbar, wenn ein Mindestmaß an Sicherheit erreicht ist. Für Ärztinnen und Ärzte bedeutet das, dass das Ausbleiben einer frühen Hilfesuche nicht mit fehlendem Bedarf verwechselt werden darf.
Unterbringung, Status und Sprache sind Gesundheitsfaktoren
Beide Interviewpartner betonen während des Gesprächs immer wieder die Rolle von postmigratorischen Stressoren. Dazu zählen unsichere Aufenthaltsverhältnisse, langwierige Verfahren, beengte oder belastende Unterbringung, fehlende Privatsphäre, soziale Isolation und mangelnde Teilhabe. Wir wissen aus sozial- und umweltmedizinischer Sicht, dass gerade die Unterbringung viel mehr als nur ein organisatorischer Rahmen ist. Sie wirkt unmittelbar auf die Gesundheit der Betroffenen ein. Enge, Lärm, fehlende Rückzugsmöglichkeiten, ständige Unsicherheit und das Zusammenleben vieler Menschen auf engem Raum können psychische Symptome verstärken oder chronifizieren. Manche Unterbringungsformen, so die klare Einschätzung der Interviewpartner, „machen krank“.
Heilung kann für die Betroffenen nach den Erfahrungen von Frau Lotysh und Herrn Haas-Busch erst dort beginnen, wo Sicherheit überhaupt wieder spürbar wird. Dementsprechend seien eine stabile Unterbringung, eine gute zeitliche und räumliche Orientierung mit entsprechender Tagesstruktur, Informationen in der Muttersprache, eine soziale Einbindung, Selbstwirksamkeit sowie der Zugang zu Sprachkursen und eine realistische Perspektive auf Arbeit und gesellschaftliche Teilhabe zentrale Schutzfaktoren. Sie betonten, dass genau hier ihre niedrigschwelligen psychosozialen Angebote ansetzen, etwa muttersprachliche Online-Beratung, Peer-to-Peer-Formate, psychoedukative Gruppen, Kulturangebote, Chor- und Gartenprojekte. Solche Maßnahmen ersetzten keine Therapie, könnten aber die Situation bei vielen Betroffenen stabilisieren, Zugehörigkeit schaffen und Selbsthilfekräfte aktivieren. Besonders wirksam seien ihrer Ansicht nach Angebote, die Sprache, kulturelle Vertrautheit und konkrete Alltagshilfe miteinander verbinden.
Versorgungslücken
Besonders relevant für Ärztinnen und Ärzte ist die Beobachtung von Frau Lotysh und Herrn Haas-Busch, dass psychische Belastungen häufig zunächst in Form von körperlichen Symptomen geschildert werden. Typisch hierfür sind Erschöpfung, Schlafstörungen, Schmerzen, innere Unruhe, Magen-Darm-Beschwerden oder diffuse vegetative Symptome. Da psychische Erkrankungen in vielen Herkunftsländern stark tabuisiert werden, vermeiden manche Betroffene das Thema aktiv, weil sie befürchten, dadurch stigmatisiert oder für verrückt erklärt zu werden. Das kann dazu führen, dass psychische Belastungen bei Geflüchteten lange unerkannt bleiben.
Die beiden Gesprächspartner berichten zudem von sehr unterschiedlichen Erfahrungen mit Vertreterinnen und Vertretern des Gesundheitswesens. Es gebe engagierte Ärztinnen und Ärzte sowie vor allem in Großstädten zum Teil auch spezialisierte Strukturen für Geflüchtete, aber auch Ablehnung, Unsicherheit und unsensible Kommunikation. Besonders problematisch sei das Fehlen professioneller Sprachmittlung. Nicht alle Einrichtungen verfügten über Dolmetscherdienste, und nicht alle Ärztinnen und Ärzte seien bereit, mit Dolmetschenden oder digitalen Übersetzungshilfen zu arbeiten. Wo wenig Zeit, hohe Auslastung und fehlende interkulturelle Kompetenz zusammenkommen, stiegen die Hürden für Betroffene zusätzlich.
Aus dem Interview mit Frau Lotysh und Herrn Haas-Busch lässt sich deshalb der klare Auftrag an das Gesundheitssystem in Deutschland ableiten, dass kultursensible, diskriminierungssensible und traumainformierte Kommunikation im Gesundheitswesen selbstverständlicher Teil der professionellen Routine und kein Zusatzthema sein sollte. Dabei sollte nicht vorschnell pathologisiert werden, aber ebenso wenig sollten auch Belastungen bagatellisiert werden.
Wo wird die Arbeitsmedizin relevant?
In der sehr frühen Phase direkt nach der Ankunft bestehen in der Regel kaum direkte Berührungspunkte zur Arbeitsmedizin. Viele Geflüchtete befinden sich zunächst in einer Situation, in der Stabilisierung Vorrang hat. Mit zunehmender Integration durch Sprachkurse, Qualifizierung und Arbeit wird die Arbeitsmedizin jedoch relevant – nicht nur im Rahmen der klassischen Vorsorge, sondern auch als Teil einer gesundheitsgerechten Arbeitsintegration.
Die Erfahrungen der Interviewpartner zeigen, dass der Wunsch zu arbeiten bei den meisten Betroffenen sehr ausgeprägt ist. Arbeit bedeutet für sie Normalität, Selbstbestimmung und Würde. Gleichzeitig scheitern viele an den vorhandenen Sprachbarrieren, an einer fehlenden Anerkennung ihrer Abschlüsse, an bürokratischen Hürden und der Diskrepanz zwischen dem bisherigen Beruf und den realen Möglichkeiten am Arbeitsmarkt. Dequalifizierung wird von ihnen dabei nicht nur als ökonomischer, sondern auch als psychischer Verlust erlebt.
Für Arbeitsmedizinerinnen und Arbeitsmediziner ergeben sich daraus konkrete Konsequenzen. Bei Menschen mit Flucht- und Migrationserfahrung sollten Schlafstörungen, Konzentrationsprobleme, Hyperarousal (= Zustand dauerhafter physiologischer und psychischer Alarmbereitschaft des Nervensystems), depressive Symptome, Somatisierung und Suchtentwicklungen stets mitgedacht werden – insbesondere dann, wenn es Probleme bei der Arbeitsaufnahme oder der beruflichen Neuorientierung gibt. Wichtig sind dabei die Verwendung einer einfachen Sprache, die Sensibilität für biografische Brüche und ein nicht-stigmatisierender Umgang mit psychischer Belastung. Erschöpfung, Rückzug oder Unsicherheit sollten nicht vorschnell als mangelnde Motivation interpretiert werden.
Welche strukturellen Änderungen sind nötig?
Die Interviewpartner benennen drei zentrale Handlungsfelder. Zum einen brauche es ihrer Ansicht nach eine verlässliche Finanzierung bewährter psychosozialer Angebote. Die Finanzierung vieler wirksamer Projekte bleibe bislang meist prekär, obwohl ihr Nutzen in der Praxis längst sichtbar sei. Zweitens müssten die Zugänge zur Regelversorgung erleichtert werden, etwa durch weniger Hürden, bessere Sprachmittlung und eine stärkere interkulturelle Öffnung des Gesundheits- und Sozialsystems. Schließlich brauche es eine engere und strukturiertere Zusammenarbeit zwischen medizinischen, psychosozialen und sozialrechtlichen Akteuren.
Ergänzend verwiesen die Gesprächspartner auf das große Potenzial digitaler Angebote. Digitale Gesundheitsanwendungen könnten Wartezeiten überbrücken, Psychoedukation unterstützen und Menschen im Alltag begleiten. Ihr Nutzen dürfte besonders dann steigen, wenn sie mehrsprachig verfügbar, besser bekannt wären und eine niedrigschwellige Verordnung möglich wäre.
Fazit
Frau Lotysh und Herr Haas-Busch von den Malteser Werken gGmbH machten deutlich, dass sich die gesundheitliche Situation Geflüchteter nicht auf Flucht und Trauma verkürzen lässt. Gerade in dieser Situation zeigt es sich, dass Gesundheit – in besonderem Maße direkt nach der Ankunft, aber auch später – maßgeblich durch Lebensumstände, Rechtsstatus, Wohnsituation, Sprachzugang, Teilhabe und die Möglichkeit zur Selbstwirksamkeit geprägt wird. Für Arbeits-, Sozial- und Umweltmedizin bedeutet das, die Gesundheit von Menschen mit Flucht- und Migrationserfahrung interdisziplinär zu denken. Wer die Versorgung geflüchteter Menschen verbessern will, muss schon frühzeitig ihre psychische Gesundheit berücksichtigen, ihre Unterbringung und ihren Status als Gesundheitsdeterminanten in alle Betrachtungen mit einbeziehen und den Faktor „Arbeit“ nicht nur als ökonomisches, sondern auch als gesundheitliches Integrationsziel begreifen.
Beim Umgang mit Geflüchteten sollte daher immer ein einfacher, aber im Alltag oft nicht eingelöster Grundsatz im Zentrum stehen: Zuerst ist da ein Mensch – mit Belastungen, Ressourcen und einer eigenen Geschichte, nicht nur ein Mensch mit einem Fluchtstatus.▪
Interessenkonflikt: Das Autorenteam gibt an, dass keine Interessenkonflikte vorliegen.
Online-Quellen
IPSO – Online-Beratung für Geflüchtete: Muttersprachliche psychosoziale Online-Beratung; im Interview wurden außerdem niedrigschwellige Peer-to-Peer-Formate wie „Erzähl doch mal“ als besonders hilfreich beschrieben
https://ipso-care.com/
BAfF – Bundesverband Psychosozialer Zentren (Dachverband psychosozialer Zentren für Geflüchtete und Folterüberlebende; relevant für spezialisierte psychosoziale Versorgung und fachpolitische Informationen): Versorgung nach Folter, Krieg und Flucht
https://psychosoziale-zentren.org/
DiGA-Verzeichnis des BfArM: Übersicht über verordnungsfähige digitale Gesundheitsanwendungen; interessant im Kontext digitaler Unterstützungsangebote, etwa bei Depression, Angst oder Schlafstörungen
https://diga.bfarm.de/de