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Versorgungswirksamkeit der Ausbildungen zur Arbeitsmedizinerin/zum Arbeitsmedi­ziner und zum ­Arbeitsmedizinischen Fachdienst (AFa) in Österreich

Impact of training programs for occupational physicians and occupational medical support staff (AFa) on service provision in Austria

A recent survey of occupational physicians and occupational medical support staff examined the extent to which graduates of both training programs make a lasting contribution to occupational health services. Key metrics assessed included the proportion of individuals remaining in these preventive roles over the long term and the average amount of time they dedicated to preventive activities. Based on this data, current and future requirements for both occupational physicians and support staff were calculated. The
results demonstrate that the potential service gap feared in recent years has been significantly mitigated.

Versorgungswirksamkeit der Ausbildungen zur Arbeitsmedizinerin/zum Arbeitsmediziner und zum Arbeits­medizinischen Fachdienst (AFa) in Österreich

Eine aktuelle Erhebung unter Arbeitsmedizinerinnen und Arbeitsmedizinern (AMed) sowie unter Angehörigen des Arbeitsmedizinischen Fachdienstes (AFa) untersucht, in welchem Ausmaß die Absolventinnen und Absolventen beider Ausbildungen nachhaltig zur arbeitsmedizinischen Versorgung beitragen. Zu diesem Zweck wurden unter anderem die Quote der langfristig in diesen Präventivberufen verbleibenden Personen sowie die von ihnen geleisteten durchschnittlichen Präventionszeiten erhoben. Auf Basis dieser Daten wurde der aktuelle und zukünftige Bedarf an AMed und AFa berechnet. Die Ergebnisse machen deutlich, dass die in den vergangenen Jahren befürchtete Versorgungslücke wesentlich entschärft werden konnte.

Kernaussagen

  • In den Jahren 2020 bis 2025 haben insgesamt 623 Personen die Arbeitsmedizin-Ausbildung absolviert. Davon übernahmen 69 % (2020: 64 %) eine arbeitsmedizinische Betreuung. 91 % (2020: 79 %) dieser Personen sind aktuell noch arbeitsmedizinisch tätig. Daher werden 63 % (2020: 51 %) der Arbeitsmedizin-Absolventinnen/Absolventen nachhaltig versorgungswirksam.
  • Die durchschnittliche wöchentliche Präventionszeit österreichischer AMed beträgt 17,8 Stunden (2020: 15,9 Stunden).
  • Die AFa-Ausbildung wurde zwischen 2017 und 2025 von insgesamt 208 Personen abgeschlossen. Davon haben 91,5 % eine Tätigkeit als AFa aufgenommen, 92 % davon sind immer noch tätig. Damit wurden 84 % der AFa-Absolventinnen/Absolventen nachhaltig versorgungswirksam.
  • Die durchschnittliche Präventionszeit von AFa beträgt 26,2 Stunden pro Woche.
  • Die derzeit ca. 1020 aktiven AMed decken ein Volumen von insgesamt ca. 850.000 Jahresstunden ab. Die 175 aktiven AFa leisten ein Gesamtvolumen von 215.000 Jahresstunden. Ausgehend von insgesamt ca. 1180.000 erforderlichen arbeitsmedizinischen Jahresstunden ergibt sich ein Gap von ca. 115.000 Stunden an nicht abgedeckten Präventionszeiten.
  • Die – bei Beibehaltung der derzeitigen Ausbildungszahlen – in den kommenden Jahren neu hinzukommenden versorgungswirksamen AMed und AFa decken voraussichtlich ein jährliches Volumen an zusätzlich geleisteter arbeitsmedizinischer Präventionszeit von ca. 40.000 Stunden ab.
  • Es werden daher insgesamt ca. 55 zusätzliche AMed und ca. 55 zusätzliche AFa benötigt, um den Gesamtbedarf an arbeitsmedizinischen Präventionszeiten innerhalb der nächsten drei Jahre zu decken.
  • Die drohende Unterversorgung mit arbeitsmedizinischen Dienstleistungen konnte durch die gesetzten Maßnahmen (PR-Kampagne zur Attraktivierung des Berufs AMed, Möglichkeit der Einbeziehung von AFa zur arbeitsmedizinischen Versorgung) wesentlich entschärft werden.

Ausgangssituation

Im Jahr 2020 führte die Österreichische Akademie für Arbeitsmedizin und Prävention (AAMP) erstmals eine Erhebung unter Absolventinnen und Absolventen der Arbeitsmedizin-Ausbildung durch. Die Ergebnisse bildeten die Grundlage für die Berechnung des Ausbildungsbedarfs sowie für die Entwicklung einer PR-Kampagne zur Steigerung der Attraktivität des Berufsbildes (Koth u. Hochgatterer 2020). Seither wurde sowohl die PR-Kampagne umgesetzt als auch die Möglichkeit geschaffen, durch AFa erbrachte Präventionszeiten gemäß ­ArbeitnehmerInnenschutzgesetz (ASchG) anzurechnen. Vor diesem Hintergrund wurde die Erhebung im Jahr 2026 wiederholt. Der Vergleich mit den Ergebnissen aus dem Jahr 2020 erlaubt eine Bewertung der Entwicklungen der vergangenen sechs Jahre sowie der Auswirkungen der in diesem Zeitraum gesetzten Maßnahmen auf die arbeitsmedizinische Versorgung in Österreich.

Ziele und Methodik der Erhebung

Die Studie 2026 hatte zum Ziel:

  • die Versorgungswirksamkeit der Arbeitsmedizin-Ausbildung sowie erstmals auch der AFa-Ausbildung zu evaluieren,
  • auf Grundlage der erhobenen Versorgungswirksamkeit und der tatsächlich geleisteten Präventionszeiten den ak­tuellen und zukünftigen Bedarf an AMed und AFa zu berechnen,
  • Motive für die Aufnahme beziehungsweise Beendigung einer arbeitsmedizinischen Tätigkeit zu untersuchen.

Die Daten wurden im Rahmen einer Online-Befragung unter Absolventinnen und Absolventen der Arbeitsmedizin-Ausbildung der AAMP (Abschlussjahre 2020–2025) sowie der AFa-Ausbildung (Abschlussjahre 2017–2025) erhoben. Zur Beurteilung der nachhaltigen Versorgungswirksamkeit wurden zwei Kennzahlen ermittelt:

  • Anteil der Absolventinnen und Absolventen, die nach Abschluss der Ausbildung eine arbeitsmedizinische Tätigkeit aufgenommen haben („Aufnahmequote“).
  • Anteil jener Personen, die diese Tätigkeit zum Befragungszeitpunkt weiterhin ausüben („Verbleibquote“).

Jener Anteil der Absolventinnen und Absolventen, die tatsächlich und dauerhaft zur arbeitsmedizinischen Versorgung beitragen, wurde als „versorgungswirksam“ definiert.

Zur Berechnung des aktuellen Bedarfs an AMed und AFa wurde zusätzlich der Umfang der geleisteten Präventionszeit erfasst. Auf Basis dieser Daten konnte die für eine Vollversorgung der österreichischen Beschäftigten erforderliche Anzahl an AMed und AFa berechnet und die aktuelle arbeitsmedizinische Versorgungssituation bewertet werden.

Studienpopulation und Rücklauf

Grundgesamtheit der AMed-Befragung waren 489 Absolventinnen und Absolventen der AAMP-Arbeitsmedizin-Ausbildung der Abschlussjahrgänge 2020 bis 2025. Davon konnten 476 Personen (97 % der Grundgesamtheit) im Jänner 2026 per E-Mail erreicht und zur Teilnahme an einer Online-Befragung eingeladen werden. Insgesamt nahmen 265 Personen teil, was einer Rücklaufquote von 55,7 % entspricht (2020: 48,4 %).

Für die AFa-Befragung bildeten die 137 AFa-Absolventinnen und Absolventen der AAMP-AFa-Ausbildung der Abschlussjahrgänge 2017 bis 2025 die Grundgesamtheit. 128 Personen (93 %) konnten im April 2026 per E-Mail kontaktiert und zur Teilnahme eingeladen werden. Insgesamt beteiligten sich 101 AFa an der Befragung, was einer Rücklaufquote von 78,9 % entspricht.

Mit Erreichbarkeiten von über 90 % der Grundgesamtheit und Rücklaufquoten von 55,7 % (AMed) beziehungsweise 78,9 % (AFa) basiert die Studie auf einer belastbaren Datengrundlage.

Merkmale der Studienteilnehmenden

Die befragten AMed der Abschlussjahrgänge 2020 bis 2025 sind zu 59 % Frauen und zu 41 % Männer (2020: 66 % bzw. 34 %). Mit einem Durchschnittsalter von rund 41 Jahren bei Abschluss der Ausbildung liegt die aktuelle Kohorte um zwei Jahre über jener der Erhebung aus dem Jahr 2020. Unter der Annahme eines Pensionsantrittsalters von 65 Jahren ergibt sich daraus eine potenzielle durchschnittliche Berufsdauer von rund 24 Jahren in der arbeitsmedizinischen Versorgung.

Bei den AFa ist der Frauenanteil mit 82 % deutlich höher. Das Durchschnittsalter bei Abschluss der Ausbildung beträgt rund 44 Jahre, sodass sich eine potenzielle durchschnittliche Berufsdauer von etwa 21 Jahren ergibt.

Da für die Tätigkeit als AFa gemäß ASchG nur bestimmte Gesundheitsberufe zugelassen sind, wurde zusätzlich der berufliche Hintergrund erhoben. Die mit Abstand größte Gruppe verfügt über eine Ausbildung in der diplomierten Gesundheits- und Krankenpflege (DGKP) (➥ Abb. 1).

Theoretischer Bedarf an vollzeitäquivalenten AMed

Mit Stand Jänner 2026 waren in Österreich rund 3,9 Millionen unselbständig Beschäftigte gemeldet – ein Anstieg um 6,5 % gegenüber 2020. Für die Bedarfsberechnung wurden insbesondere die Teilzeitquote (32,1 %) sowie die durchschnittliche Wochenarbeitszeit aller österreichischen Beschäftigten (34,8 Stunden) berücksichtigt. Umgerechnet ergibt dies rund 3,4 Millionen Vollzeitäquivalente. Zusätzlich wurden rund 350.000 öffentlich Bedienstete in die Berechnung einbezogen. Auf Grundlage der gesetzlichen Vorgaben des ASchG sowie des Bundes- und Landesbedienstetenschutzgesetzes errechnet sich daraus ein jährlicher Bedarf von rund 1,18 Millionen arbeitsmedizinischen Präventionsstunden.

Wie bereits in der Studie aus dem Jahr 2020 wurde angenommen, dass vollzeitbeschäftigte AMed unter Berücksichtigung von Wegzeiten durchschnittlich 30 Präventionsstunden pro Woche beziehungsweise rund 1410 Stunden pro Jahr leisten können. Daraus ergibt sich ein theoretischer Bedarf von rund 840 vollzeitäquivalenten AMed – etwa 50 mehr als im Jahr 2020. Da AMed ihre Tätigkeit in der Praxis überwiegend in Teilzeit ausüben, liegt die tatsächlich erforderliche Anzahl an Personen höher. Diese wird im folgenden ­Abschnitt auf Basis der erhobenen durchschnittlichen Präventionszeiten berechnet.

Durchschnittliche Präventionszeit

Während der vorherige Abschnitt den theoretischen Bedarf an Vollzeitäquivalenten beschreibt, ist für die Berechnung des tatsächlichen Personalbedarfs entscheidend, in welchem zeitlichen Umfang AMed ihre Tätigkeit in der Praxis ausüben. Deshalb wurde die durchschnittliche Präventionszeit erhoben. Die Ergebnisse zeigen, dass das durchschnittliche wöchentliche Pensum gegenüber der Erhebung 2020 deutlich gestiegen ist (➥ Abb. 2).

AMed leisten aktuell durchschnittlich 17,8 Stunden Präventionszeit pro Woche und damit um 1,9 Stunden beziehungsweise um 12 % mehr als im Jahr 2020. Ausgehend von 47 Arbeitswochen (fünf Urlaubswochen werden abgezogen) entspricht dies einer durchschnittlichen Jahrespräventionszeit von rund 835 Stunden (2020: 750 Stunden).1

Abb. 2:  Ausmaß der arbeitsmedizinischen Betreuung in Wochenstunden (AMed) (eigene Darstellung)
Abb. 2: Ausmaß der arbeitsmedizinischen Betreuung in Wochenstunden (AMed) (eigene Darstellung)

Gesamtbedarf an AMed – Szenarien mit und ohne AFa

Auf Grundlage der durchschnittlichen Jahrespräventionszeit von 835 Stunden ergibt sich für die arbeitsmedizinische Vollversorgung aller unselbständig Beschäftigten in Österreich – ohne Berücksichtigung des Einsatzes von AFa – ein rechnerischer Bedarf von rund 1410 AMed. Trotz des Anstiegs der Zahl der Beschäftigten um 6,5 % liegt dieser Wert geringfügig unter jenem der Studie aus dem Jahr 2020 (1430 AMed). Ursache dafür ist die gegenüber 2020 um 12 % höhere durchschnittliche Präventionszeit pro AMed, die den gestiegenen Versorgungs­bedarf mehr als kompensiert.

Würde der gesetzlich maximal mögliche Anteil von 30 % der arbeitsmedizinischen Präventionszeit durch AFa übernommen, reduzierte sich der rechnerische Bedarf auf rund 985 AMed (2020: 1000). Der tatsächliche Bedarf liegt zwischen diesen beiden Szenarien und hängt vom tatsächlichen Umfang der von AFa erbrachten Präventionszeiten ab. Wie groß dieser Beitrag der AFa in der Praxis tatsächlich ist, wurde im Rahmen der vorliegenden Studie erstmals erhoben und bildet die Grundlage für die nachfolgende Bedarfsberechnung.

Entwicklung der Ausbildungszahlen

Im Zeitraum nach der Studie 2020 und der Umsetzung der darauf aufbauenden PR-Kampagne ist die Zahl der jährlich abgeschlossenen Arbeitsmedizin-Ausbildungen deutlich gestiegen. Die Gesamtzahl der Arbeitsmedizin-Absolventinnen und Absolventen aller österreichischen Ausbildungsakademien erhöhte sich von durchschnittlich 59 pro Jahr in den Jahren 2019/2020 auf durchschnittlich 111 pro Jahr im Zeitraum 2021 bis 2025 (+88 %).

Zwischen 2020 und 2025 schlossen insgesamt 623 Personen die Arbeitsmedizin-Ausbildung ab, davon 489 an der Öster­reichischen Akademie für Arbeitsmedizin und Prävention (AAMP) und 134 an der Wiener Akademie für Arbeitsmedizin und Prävention (WIAP). Dies entspricht in diesem Zeitraum durchschnittlich rund 104 Arbeitsmedizin-Absolventinnen und Absolventen pro Jahr. Die gestiegenen Ausbildungszahlen bilden eine wesentliche Grundlage für die in den folgenden Abschnitten dargestellte Entwicklung der arbeitsmedizinischen Versorgungskapazitäten.

Abb. 3:  Aufnahme einer arbeitsmedizinischen Tätigkeit nach Ausbildungsende (eigene Darstellung)
Abb. 3: Aufnahme einer arbeitsmedizinischen Tätigkeit nach Ausbildungsende (eigene Darstellung)

Versorgungswirksamkeit der ­AMed-Ausbildung

Die erste Voraussetzung für eine nachhaltige Versorgungswirksamkeit ist die Aufnahme einer arbeitsmedizinischen Tätigkeit. Von den Absolventinnen und Absolventen der Jahre 2020 bis 2025 wurden 69 % nach Abschluss der Ausbildung arbeitsmedizinisch tätig („Aufnahmequote“). Im Vergleich zur Erhebung 2020 stieg dieser Anteil um 4,5 Prozentpunkte (➥ Abb. 3).

Ebenso entscheidend ist der langfristige Verbleib in der arbeitsmedizinischen Tätigkeit. Von den 69 %, die nach der Arbeitsmedizin-Ausbildung arbeitsmedizinisch tätig geworden sind, waren zum Zeitpunkt der Befragung bemerkenswert hohe 91 % weiterhin aktiv („Verbleibquote“). Gegenüber 2020 entspricht dies einem Anstieg um 12,5 Prozentpunkte (➥ Abb. 4).

Somit ist die „Nachhaltigkeitsquote“ (= jener Anteil an Arbeitsmedizin-Absolventinnen/Absolventen, die eine arbeitsmedizinische Tätigkeit aufnehmen und zum Befragungszeitpunkt weiterhin ausüben) kräftig angestiegen ist. Insgesamt waren damit 63 % (91 % von 69 %) aller Arbeitsmedizin-Absolventinnen und -Absolventen der Jahre 2020 bis 2025 nachhaltig versorgungswirksam. Gegenüber der Erhebung 2020 (51 %) bedeutet dies eine Steigerung um zwölf Prozentpunkte.

Auf Basis der ermittelten Versorgungswirksamkeit lässt sich die aktuelle Zahl der aktiv tätigen AMed in Österreich abschätzen. Von den insgesamt 623 Absolventinnen und Absolventen der Jahre 2020 bis 2025 wurden rund 390 AMed nachhaltig versorgungswirksam. Dies entspricht einem jährlichen Zuwachs von rund 65 aktiv tätigen AMed.
Addiert man diese zu den rund 900 bereits im Jahr 2020 aktiven AMed und berücksichtigt die rund 270 altersbedingten Berufsaustritte im selben Zeitraum (rund 45 pro Jahr), ergibt sich ein aktueller Bestand von rund 1020 aktiv tätigen AMed in Österreich.

Abb. 4:  Derzeitige Ausübung einer arbeitsmedizinischen Betreuung (eigene Darstellung)
Abb. 4: Derzeitige Ausübung einer arbeitsmedizinischen Betreuung (eigene Darstellung)

Bedarf an zusätzlichen AMed – ­Szenarien mit und ohne AFa

Ausgehend von den aktuell rund 1020 tätigen Arbeitsmedizinerinnen und Arbeitsmedizinern ergibt sich – sofern die arbeitsmedizinische Betreuung ausschließlich durch AMed erfolgen würde – bis zum Jahr 2028 ein zusätzlicher Bedarf von rund 480 AMed. Dieser setzt sich aus dem derzeitigen Gap von 390 AMed (1410 benötigte minus 1020 aktive AMed) sowie dem Ersatz für rund 90 bis 2028 altersbedingt aus der Tätigkeit ausscheidende AMed zusammen.

Unter der Annahme, dass AFa den gesetzlich maximal zulässigen Anteil von 30 % der Präventionszeiten übernehmen, würde sich der Gesamtbedarf auf rund 985 AMed reduzieren. In diesem theoretischen Szenario bestünde derzeit kein Defizit an AMed.

Der tatsächliche Personalbedarf liegt zwischen diesen beiden Extremszenarien und hängt maßgeblich davon ab, in welchem Umfang AFa bereits heute zur arbeitsmedizinischen Versorgung beitragen. Da hierzu bislang keine belastbaren Daten vorlagen, wurde im Rahmen der vorliegenden Studie erstmals die Zahl der aktiv tätigen AFa sowie deren tatsächliches Präventionszeitvolumen erhoben. Diese Daten bilden die Grundlage für die nachfolgende Berechnung des realen Bedarfs an AMed.

Versorgungswirksamkeit der ­AFa-Ausbildung

Zwischen 2017 und 2025 schlossen in Österreich insgesamt 208 Personen die Ausbildung für den Arbeitsmedizinischen Fachdienst (AFa) ab, davon 137 an der AAMP, 47 an der WIAP und 24 an der PROGES. Dies entspricht durchschnittlich rund 23 AFa-Absolventinnen und -Absolventen pro Jahr.

Die Aufnahme einer Tätigkeit als AFa stellt – analog zur Arbeitsmedizin-Ausbildung – die erste Voraussetzung für die Versorgungswirksamkeit der Ausbildung dar. Von den Absolventinnen und Absolventen wurden 91,5 % nach Abschluss der Ausbildung als AFa tätig („Aufnahmequote“). Von diesen waren zum Zeitpunkt der Befragung 92 % weiterhin aktiv („Verbleibquote“).

Damit werden 84 % (92 % von 91,5 %) aller AFa-Absolventinnen und -Absolventen nachhaltig versorgungswirksam. Dies entspricht rund 175 aktiv tätigen AFa beziehungsweise einem durchschnittlichen jährlichen Zuwachs von rund 19 versorgungswirksamen AFa.

Mit durchschnittlich 26,2 Präventionsstunden pro Woche leisten AFa ein um 8,4 Stunden höheres wöchentliches Präventionszeitvolumen als AMed (➥ Abb. 5). Unter Annahme von 47 Arbeitswochen pro Jahr ergibt sich daraus eine durchschnittliche Jahrespräventionszeit von ca. 1230 Stunden je AFa.2

Abb. 5:  Ausmaß der Tätigkeit als AFa in Wochenstunden (eigene Darstellung)<
Abb. 5: Ausmaß der Tätigkeit als AFa in Wochenstunden (eigene Darstellung)<

Tatsächlicher Bedarf an AMed unter Berücksichtigung der von AFa geleisteten Präventionszeiten

Die aktuell rund 1020 tätigen AMed erbringen jährlich rund 850.000 Präventionsstunden. Dem gesetzlich erforderlichen Gesamtvolumen von rund 1.180.000 arbeitsmedizinischen Präventionsstunden steht ein Gap von rund 330.000 Stunden gegenüber. Die 175 aktiven AFa leisten zusätzlich rund 215.000 Präventionsstunden pro Jahr. Dadurch reduziert sich der verbleibende Gap auf rund 115.000 an derzeit nicht geleisteten Präventionsstunden jährlich. Ausgehend von der durchschnittlichen Jahrespräventionszeit einer/s AMed von 835 Stunden pro Jahr entspricht dies einem aktuellen Bedarf von rund 135 zusätzlichen AMed, sofern die verbleibenden Präventionszeiten ausschließlich durch AMed erbracht würden. Der Gesamtbedarf an AMed reduziert sich damit unter Berücksichtigung der derzeitigen Leistungen der AFa auf rund 1155 Personen. Gegenüber der Bedarfsberechnung aus dem Jahr 2020 (1430 AMed) entspricht dies einer Verringerung um rund 19 %.

Prognose der Versorgungssituation bis 2029

Für die Prognose der weiteren Versorgungssituation wurden zusätzlich die jährlichen Zu- und Abgänge berücksichtigt. Nach den Ergebnissen der vorliegenden Studie werden derzeit jährlich rund 65 AMed sowie rund 19 AFa nachhaltig versorgungswirksam. Gleichzeitig scheiden jährlich rund 45 AMed altersbedingt aus der arbeitsmedizinischen Tätigkeit aus. Der Nettozuwachs beträgt damit rund 20 AMed pro Jahr.

Zusammen erbringen die jährlich neu hinzukommenden versorgungswirksamen AMed und AFa rund 41.000 zusätzliche Präventionsstunden pro Jahr. Über den Zeitraum 2026 bis 2028 hinweg können somit voraussichtlich rund 123.000 Stunden an zusätzlichen arbeitsmedizinischen Präventionszeiten abgedeckt werden. Dieses Volumen würde den derzeit bestehenden Gap von rund 115.000 Präventionsstunden übersteigen. Unter den derzeitigen Ausbildungszahlen und gesetzlichen Rahmenbedingungen ist daher nach den vorliegenden Berechnungen davon auszugehen, dass eine vollständige arbeitsmedizinische Versorgung Österreichs bis zum Jahr 2029 erreicht werden kann. Die Berechnungen zeigen, dass zur vollständigen Deckung des verbleibenden Präventionszeitbedarfs – unter Berücksichtigung der in diesem Zeitraum neu hinzukommenden rund 55 AFa – insgesamt rund 55 zusätzliche nachhaltig versorgungswirksame AMed erforderlich sind.

Implikationen für die Nachwuchs­gewinnung

Trotz der insgesamt positiven Entwicklung bleibt die Kompensation der jährlich rund 45 demografiebedingt aus der arbeitsmedizinischen Tätigkeit ausscheidenden AMed eine zentrale Herausforderung für die langfristige Sicherung der Versorgung. Um die derzeitigen Ausbildungszahlen aufrechtzuerhalten, ist es erforderlich, auch künftig ausreichend Ärztinnen und Ärzte beziehungsweise Personen aus gehobenen Gesundheitsberufen für eine arbeitsmedizinische Tätigkeit zu gewinnen. Die Befragung liefert hierfür wichtige Anhaltspunkte: Die beiden mit Abstand am häufigsten genannten Motive für die Teilnahme an der Arbeitsmedizin-Ausbildung waren die „Suche nach einem zweiten Standbein“ sowie das „Interesse an einer präventiven Tätigkeit“ (s. ➥ Abb. 6). Diese Ergebnisse legen nahe, in der künftigen Kommunikation insbesondere den präventiven Charakter, die fachliche Vielseitigkeit sowie die gute Planbarkeit und Flexibilität der arbeitsmedizinischen Tätigkeit als Ergänzung oder Alternative zur kurativen Tätigkeit hervorzuheben.

Abb. 6:  Motive für Besuch der Arbeitsmedizin-Ausbildung (eigene Darstellung)
Abb. 6: Motive für Besuch der Arbeitsmedizin-Ausbildung (eigene Darstellung)

Schlussfolgerungen

Die Ergebnisse der Studie lassen erkennen, dass die noch vor fünf Jahren drohende Unterversorgung mit arbeitsmedizinischen Dienstleistungen durch die in der Zwischenzeit gesetzten strategischen Maßnahmen (PR-Kampagne zur Attraktivierung des Berufs AMed, Möglichkeit der Einbeziehung von AFa zur arbeitsmedizinischen Versorgung) wesentlich entschärft werden konnte. Die arbeitsmedizinische Betreuung der österreichischen Unternehmen und deren Beschäftigten durch AMed und AFa wird nach aktuellem Stand und unter Beibehaltung der derzeitigen Ausbildungszahlen bis zum Jahr 2029 in vollem Umfang gewährleistet sein. Zusätzlich werden in weiterer Folge ausreichend ärztliche Ressourcen für Tätigkeiten, die über die gesetzliche Basisversorgung hinausgehen, wie zum Beispiel Beratungen zur Wiedereingliederung in Kleinbetrieben oder allgemeinpräventivmedizinische Aufgaben zur Verfügung stehen.

Literatur

Koth S, Hochgatterer K: Versorgungswirksamkeit der arbeitsmedizinischen Ausbildung in Österreich. ASU Arbeitsmed Sozialmed Umweltmed 2020; 55: 426–431.

Online-Quelle

Die vollständige Studie ist auf der Website der AAMP abrufbar
https://www.aamp.at/forschung-beratung/projekte

Koautorin und Koautoren

Koautorin und Koautoren

Sally Bitterl
Adrian Hörtl
Karl Hochgatterer
Österreichische Akademie für Arbeitsmedizin und Prävention (AAMP), Wien

Kontakt

Dr. phil. Stefan Koth
Österreichische Akademie für Arbeitsmedizin und Prävention (AAMP); Clemens Holzmeister Straße 6; A-1100 Wien

Foto: Wilke

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