Dem steigenden Bedarf an gesundheitlicher Unterstützung der Mitarbeitenden steht dabei häufig ein enormer Kostendruck in Bezug auf Budgets im Betrieblichen Gesundheitsmanagement (BGM) gegenüber. In diesem Spannungsfeld kommt dem effizienten Einsatz von Geldern für Gesundheitsmaßnahmen in den Unternehmen eine steigende Bedeutung zu. Weg vom ineffizienten „Gießkannenprinzip“, hin zu analysebasierten und zielgerichteten Lösungen, die auf die relevanten Zielgruppen zugeschnitten sind.
Neben dieser Analyse und Bewertung von gesundheitlichen Herausforderungen spielen Kennzahlen im BGM insbesondere bei der Evaluation und somit bei der Erfolgsbewertung von konkreten Maßnahmen sowie bei der Beratung von Entscheidungsträgern im Unternehmen eine maßgebliche Rolle.
Durch die rasanten Entwicklungen im Bereich der künstlichen Intelligenz und der Datenanalyse rücken im BGM hierfür auch datenbasierte Vorhersagen vermehrt in den Fokus, um auf gesundheitliche Entwicklungen zu reagieren, bevor es zu langen Ausfallzeiten kommt. Dies bringt jedoch auch steigende Anforderungen in Hinblick auf datenschutzrechtliche und ethische Fragen mit sich.
In unserer neuen ASU-Serie „Kennzahlen im Betrieblichen Gesundheitsmanagement“ erhalten Sie in den kommenden Ausgaben Einblicke in spannende Best-Practice Beispiele von Unternehmen, die Gesundheitskennzahlen auf unterschiedliche Art und Weise erfolgreich in ihren BGM-Prozess integriert haben. Komplettiert wird die Serie mit einem Blick auf aktuelle wissenschaftliche Erkenntnisse zum Thema.
Key performance indicators in occupational health management (Part 1): The Workplace Health Management (WHM) Cockpit at Merck – How the KPI system and the associated consulting process create transparency and accountability regarding employee health
Merck has been operating a holistic, systematic occupational health management (BGM) system in Germany for over 15 years. The central element here is the BGM cockpit, which combines health data from the health insurance fundy and internal functions in order to derive tailor-made measures with regard to workplace design and health promotion. A structured analysis and consulting process ensures demand-oriented, transparent and sustainable implementation. In the long term, a predictive model is intended to enable proactive responses to health developments.
Kennzahlen im Betrieblichen Gesundheitsmanagement (Teil 1): Das BGM-Cockpit bei Merck – Wie das Kennzahlensystem und der damit verbundene Beratungsprozess Transparenz und Verbindlichkeit in Sachen Mitarbeitendengesundheit schaffen
Merck betreibt in Deutschland seit über 15 Jahren ein ganzheitliches, systematisches betriebliches Gesundheitsmanagement (BGM). Zentrales Element ist dabei das BGM-Cockpit, das Gesundheitskennzahlen der Krankenkasse und von internen Stakeholdern verbindet, um maßgeschneiderte Maßnahmen hinsichtlich Arbeitsplatzgestaltung und Gesundheitsförderung abzuleiten. Ein strukturierter Analyse- und Beratungsprozess sichert dabei eine bedarfsorientierte, transparente und nachhaltige Umsetzung. Auf längere Sicht soll ein Vorhersagemodell es ermöglichen, proaktiv auf gesundheitliche Entwicklungen zu reagieren.
Kernaussagen
- Das BGM-Cockpit bündelt Gesundheitskennzahlen der Krankenkasse, von Human Ressources, Sozialberatung und Werkärztlicher Abteilung für eine ganzheitliche Betrachtung.
- Der jährliche Beratungsprozess beinhaltet Datenerhebung, Kick-off, Pflichtberatung der relevanten Bereiche, Umsetzung, Evaluation und Anpassung.
- Wichtig sind Transparenz und Verantwortlichkeit durch Abteilungs- und Management-Einbindung sowie regelmäßige Umsetzungschecks.
- Zukunftsorientierung: Der nächste Schritt wird eine Kooperation mit der Wissenschaft (TU München) für prädiktive Modelle und proaktive Gesundheitsmaßnahmen sein.
Einleitung
Merck ist ein führendes Wissenschafts- und Technologieunternehmen, das in drei Geschäftsbereiche unterteilt ist: Healthcare, Life Science und Electronics. Die Leidenschaft für Wissenschaft und Technologie treibt Merck bereits seit über 358 Jahren an. Wir arbeiten in 65 Ländern mit mehr als 62.000 Mitarbeitenden daran, Lösungen für einige der größten Herausforderungen unserer Zeit zu finden, um eine nachhaltigere Zukunft zu gestalten. In Zeiten geopolitischer Ereignisse, zunehmend dynamischer Globalisierung oder auch der Herausforderung des Klimawandels, ist sich Merck seiner Verantwortung stetig bewusst.
Die Erfüllung dieser hohen Ansprüche gelingt nur gemeinsam mit Mitarbeitenden, die gute Arbeitsbedingungen vorfinden. Dem Unternehmen ist es daher wichtig, dass seine Beschäftigten in einem Umfeld arbeiten können, das psychologisch sicher und inklusiv ist und in dem Mitarbeitende so akzeptiert werden, wie sie sind. Nur so kann sich Neugier, Kreativität, Innovation und Zufriedenheit einstellen.
Um das Ziel von gesunden, leistungsfähigen und zufriedenen Beschäftigten zu erreichen, hat Merck in Deutschland bereits vor mehr als 15 Jahren ein ganzheitliches und systematisches betriebliches Gesundheitsmanagement etabliert. Als Grundlage für unsere Arbeit haben wir das BGM-Cockpit sowie einen strategischen Prozess zur Nutzung der Gesundheitskennzahlen bei Merck entwickelt, durch den wir unsere Maßnahmen zur Arbeitsplatzgestaltung sowie zur Gesundheitsförderung auf die Bedürfnisse der Mitarbeitenden sowie der Abteilungen ausrichten können.
Der analysebasierte Ansatz im BGM
Im Rahmen unseres systematischen Ansatzes ist die Ableitung und konsequente Umsetzung von zielgerichteten und passgenauen Gesundheitsmaßnahmen in Zusammenarbeit mit dem Management wichtig. Grundlage für diesen Prozess sind aussagekräftige Gesundheitskennzahlen sowie eine umfassende Analyse der Ausgangssituation. Die Ergebnisse können dann in einem Beratungsprozess mit den Führungskräften genutzt werden, um über die gesundheitlichen Herausforderungen, aber auch mögliche Lösungsansätze und Maßnahmen, zu diskutieren.
Die Umsetzung von Gesundheitsmaßnahmen folgt daher bei Merck immer dem folgenden Schema (s. auch ➥ Abb. 1):
- Analyse der Ausgangssituation (Arbeitsverhältnisse und persönliche Gesundheitsfaktoren),
- Planung von geeigneten Gesundheitsmaßnahmen unter frühem Einbezug von wichtigen Stakeholdern wie zum Beispiel des Betriebsrats und der Gesundheitspartner (betriebsinterne Kommunikatoren zum Thema Gesundheit, vergleichbar mit Sicherheitsbeauftragten für das Thema Arbeitssicherheit),
- Umsetzung der geplanten Maßnahmen durch uns oder einen Dienstleister,
- Evaluation des Erfolgs und des Effekts der Gesundheitsmaßnahme und gegebenenfalls Anpassung für eine weitere Durchführung.
Der Analyse- und Beratungsprozess
Um für Merck am Headquarter in Darmstadt für jedes Team und alle Abteilungen genau die Gesundheitsmaßnahmen zu implementieren, die sie brauchen, werden jedes Jahr in einem strukturierten Prozess (s. ➥ Abb. 2) eine Vielzahl an Gesundheitskennzahlen analysiert, die in unserem BGM-Cockpit zusammengeführt werden (siehe nächster Abschnitt).
Der Prozess beginnt mit der Sammlung der Gesundheitskennzahlen zu Beginn des Jahres. Hierfür wird der Merck-Gesundheitsbericht auf Basis der Daten unserer Krankenkasse, der Merck BKK, erstellt. Dabei werden alle Gesundheitskennzahlen in das BGM-Cockpit integriert. Im Anschluss erfolgt die Vorstellung der Gesundheitskennzahlen bei Merck in Deutschland für alle Führungskräfte im Rahmen einer Kick-Off-Veranstaltung samt spannender Keynote eines externen Speakers.
Im Anschluss an die Auftaktveranstaltung analysiert das Team BGM, welche Bereiche im Vergleich zum tätigkeitsbezogenen internen Benchmark auffällige Gesundheitskennzahlen aufweisen. Der Tätigkeitsbenchmark ist dabei ein interner Vergleich mit der jeweiligen Tätigkeitsgruppe (Büro, Labor oder Produktion/Logistik). Die Führungskräfte dieser Bereiche werden dann zu einer sogenannten Pflichtberatung eingeladen, die von einem interdisziplinären Beratungsteam (BGM, Sozialberatung, Werkärztinnen und -ärzte, HR Business Partner) durchgeführt wird. Diese Verpflichtung beruht auf einer Entscheidung des Steuerungsteams BGM, dem höchsten Entscheidungsgremium zum Thema Gesundheit bei Merck in Darmstadt. Darüber hinaus ist jederzeit auch eine freiwillige Beratung möglich, wenn Bereiche sich Einblicke in die eigenen Gesundheitskennzahlen wünschen.
In den Beratungsgesprächen werden die möglichen Ursachen für die Auffälligkeiten diskutiert und passende Maßnahmen zur Verbesserung der gesundheitlichen Situation beschlossen. Diese Maßnahmen (z. B. umgehende Durchführung einer Gefährdungsbeurteilung psychischer Belastung, ergonomische Anpassungen der Arbeitsplätze, Führungskräftetrainings, Workshops, Fitnessbusse in der Produktion) werden ebenfalls im BGM-Cockpit erfasst, um eine maximale Transparenz für alle Beteiligten zu ermöglichen. Zweimal jährlich erfolgt eine Abfrage des Umsetzungsstands bei den Führungskräften der Bereiche. Anschließend wird die Umsetzungsquote im Steuerungsteam BGM berichtet.
Mit diesem analysebasierten Ansatz verfolgen wir das Ziel, in allen Abteilungen bei Merck genau die Gesundheitsmaßnahmen umzusetzen, die die Beschäftigten benötigen. So wird eine möglichst ressourceneffiziente, bedarfsorientierte und nachhaltige Umsetzung gewährleistet.
Quelle: Merck KGaA
Das BGM-Cockpit
Bereits vor einigen Jahren wurde die Entscheidung getroffen, die verfügbaren Gesundheitskennzahlen bei Merck in einem Kennzahlensystem systematisch zusammenzuführen, um diese ganzheitlich zu betrachten. Die Daten der unterschiedlichen Stakeholder (u. a. Human Resources, Sozialberatung, BGM, werkärztliche Abteilung) werden hierfür mithilfe des BI-Tools „Qlik Sense“ (BI = Business Intelligence) aus Templates eingelesen und in diversen Dashboards visualisiert und analysiert.
Wichtigste Dashboards im Überblick:
- Management Dashboard (Kurzüberblick)
- Internes Benchmarking (Längs- und Querschnitt)
- Detailanalyse Gesundheitsbericht
- Identifikation von kritischen Bereichen
- Tracking der Gesundheitsmaßnahmen
Das Herzstück des BGM-Cockpits ist der Merck-Gesundheitsbericht, der jedes Jahr auf Basis der Daten unserer Krankenkasse, der Merck BKK, erstellt wird. Der Gesundheitsbericht enthält für alle Abteilungen mit mindestens 50 BKK-Versicherten eine detaillierte Übersicht zum Arbeitsunfähigkeits-Geschehen, aufgeschlüsselt nach ICD-10-Diagnosen. Diese Daten ermöglichen eine abteilungsspezifische Analyse der dominanten Erkrankungsschwerpunkte und stellen insbesondere in Kombination mit anderen Daten, wie zum Beispiel den Ergebnissen aus der Mitarbeitendenbefragung und der Gefährdungsbeurteilung psychischer Belastung, eine sehr gute Basis für die Ableitung von passgenauen Gesundheitsmaßnahmen dar (für eine Übersicht der enthaltenen Kennzahlen s. ➥ Abb. 3).
Im BGM-Cockpit können sowohl die übergeordneten Ergebnisse von Merck Deutschland als auch im Drill-Down die Ergebnisse bis zu einer minimalen Abteilungsgröße von 100 Beschäftigten betrachtet werden. Auf diese Weise ist beispielsweise der Vergleich einer Produktionsabteilung mit anderen Produktionsabteilungen im Sinne eines internen Benchmarkings möglich. Weiterhin können die Gesundheitskennzahlen von Abteilungen auch über mehrere Jahre dargestellt werden, um die Entwicklung über eine längere Zeitspanne zu analysieren.
Datenschutz
Der Wahrung des Datenschutzes kommt bei Gesundheitsdaten eine besondere Rolle zu. Daher wurden das BGM-Cockpit und das beschriebene Vorgehen in enger Abstimmung mit der Datenschutzabteilung sowie dem Betriebsrat von Merck entwickelt und durch eine Freigabe der internen IT-Kommission (Data Privacy, Data Security, Mitbestimmung) bestätigt. Für sämtliche Analysen kommen ausschließlich aggregierte Daten auf Abteilungsebene zum Einsatz, die keinen Rückschluss auf einzelne Personen ermöglichen.
Vorteile des BGM-Cockpits und dessen Einbettung in einen Beratungsprozess
Aus Sicht der BGM-Verantwortlichen liegt der größte Vorteil des BGM-Cockpits darin, dass das Kennzahlensystem hilft, gesundheitliche Bedarfe und Entwicklungen im Unternehmen zu erkennen und diese auf Basis der Kennzahlen mit den verantwortlichen Führungskräften auf Augenhöhe zu diskutieren. Die Führungskräfte sind Teil des Prozesses und in der eigenen Abteilung für die Umsetzung der Maßnahmen verantwortlich. Die Transparenz, die durch die Dokumentation der Maßnahmen und deren Umsetzungsstand geschaffen wird, sorgt dabei für Verbindlichkeit und stellt die Nachhaltigkeit des gesamten Prozesses sicher.
Ausblick
Im nächsten Schritt möchten wir die Zusammenhänge zwischen den verschiedenen Daten noch besser verstehen und arbeiten hierfür aktuell mit der Technischen Universität München, Professur für Sport- und Gesundheitsdidaktik, zusammen. Das langfristige Ziel ist es, auf Basis dieses Verständnisses ein Vorhersagemodell zu entwickeln, das es ermöglicht, proaktiv auf gesundheitliche Entwicklungen zu reagieren – weg von einem reaktiven System, hin zu einem vorausschauenden Vorgehen, bei dem präventive Maßnahmen möglichst frühzeitig ergriffen werden können.
Interessenkonflikt: Der Autor gibt an, dass keine Interessenkonflikte vorliegen.
Quelle: Merck KGaA