Health consequences of labor migration
Labor migration is indispensable for many economies, yet it can entail significant health burdens for migrants. This article examines these issues from an intersectional perspective, analyzing the interplay between working conditions, legal status, social protection, housing and living conditions, and access to healthcare. It focuses on how burdens and resources are distributed among different groups of migrant workers and how they can mutually reinforce one another. Finally, the article discusses potential approaches to prevention and health promotion, paying particular attention to the role of workplace health promotion as an interface between individual support and structural measures.
Gesundheitliche Folgen von Arbeitsmigration
Arbeitsmigration ist für viele Volkswirtschaften unverzichtbar, kann jedoch mit erheblichen gesundheitlichen Belastungen der Migrierenden einhergehen. Der vorliegende Beitrag betrachtet diese aus einer intersektionalen Perspektive und untersucht das Zusammenspiel von Arbeitsbedingungen, rechtlichem Status, sozialer Absicherung, Wohn- und Lebensbedingungen sowie Zugängen zur Gesundheitsversorgung. Im Fokus steht die Frage, wie sich Belastungen und Ressourcen zwischen unterschiedlichen Gruppen von Arbeitsmigrantinnen und -migranten verteilen und gegenseitig verstärken können. Abschließend werden Ansatzpunkte für Prävention und Gesundheitsförderung diskutiert. Dabei wird insbesondere die Rolle betrieblicher Gesundheitsförderung als Schnittstelle zwischen individueller Unterstützung und struktureller Gestaltung betrachtet.
Kernaussagen
- Gesundheitliche Risiken von Arbeitsmigration entstehen vor allem durch Arbeits-, Wohn- und Lebensbedingungen – nicht durch Migration an sich.
- Prekäre Beschäftigung, unsicherer Aufenthaltsstatus und eingeschränkte soziale Absicherung können gesundheitliche Belastungen verstärken.
- Arbeitsmigrantinnen und -migranten sind keine homogene vulnerable Gruppe. Sie verfügen über vielfältige individuelle und soziale Ressourcen.
- Betriebliche Gesundheitsförderung sollte partizipativ, mehrsprachig und diversitätssensibel gestaltet sein und strukturelle Arbeitsbedingungen einbeziehen.
Einleitung
Arbeitsmigration ist ein prägendes Merkmal globalisierter Arbeitsmärkte. Menschen verlassen ihre Herkunftsregionen, um Beschäftigung, Einkommen und bessere Zukunftsperspektiven zu finden. Für die Aufnahmeländer ist diese Mobilität wirtschaftlich und gesellschaftlich bedeutsam: Arbeitsmigrantinnen und -migranten tragen wesentlich zur Sicherung der Versorgung im Gesundheitswesen, in der Landwirtschaft, im Baugewerbe, in der Industrie, Logistik und Gastronomie bei (OECD 2025). Zugleich kann Arbeitsmigration mit gesundheitlichen Belastungen verbunden sein. Diese lassen sich nicht allein auf einzelne berufliche Gefährdungen oder individuelle Risikofaktoren zurückführen. Auch die soziale und rechtliche Position, in der Arbeitsmigrantinnen und -migranten ihre Beschäftigung und ihr Leben organisieren, ist bedeutsam. Migration trifft dabei auf bestehende Ungleichheitsstrukturen (Viruell-Fuentes et al. 2012). Prekäre Beschäftigungsverhältnisse, eingeschränkte soziale Absicherung, unsichere Wohnverhältnisse, Diskriminierung und erschwerte Zugänge zur Gesundheitsversorgung können sich über verschiedene Lebensbereiche hinweg kumulieren und gesundheitliche Handlungsspielräume begrenzen. Gesundheitliche Risiken entstehen somit weniger durch Migration an sich als durch die Bedingungen, unter denen sie stattfindet.
Dabei sind Arbeitsmigrantinnen und -migranten keine homogene Gruppe. Vielmehr unterscheiden sich gesundheitliche Risiken und Ressourcen danach, wie migrationsbezogene Positionen mit weiteren sozialen Positionen und Ungleichheitsverhältnissen – etwa Geschlecht, Einkommen, beruflichem Status, Alter oder Aufenthaltsstatus – zusammenwirken. Diese intersektionalen Konstellationen können dazu führen, dass bestimmte Gruppen besonders hohen Belastungen ausgesetzt sind und zugleich über unterschiedlich große individuelle, soziale und institutionelle Ressourcen verfügen, um auf diese Belastungen zu reagieren (Mousaid et al. 2016). Vor diesem Hintergrund beleuchtet der vorliegende Beitrag Mechanismen, über die migrations- und arbeitsbezogene Bedingungen die körperliche und psychische Gesundheit von Arbeitsmigrantinnen und -migranten beeinflussen können. Ziel ist es, gesundheitliche Herausforderungen und bestehende gesundheitliche Ungleichheiten einzuordnen sowie Ansatzpunkte für eine gesundheitsförderliche Gestaltung von Arbeitsmigration aufzuzeigen.
Arbeits- und Lebensbedingungen als gesundheitliche Determinanten
Migrierende sind im Vergleich zur Bevölkerung des Herkunftslandes oft überdurchschnittlich gesund, aktiv und leistungsorientiert (man spricht in diesem Zusammenhang auch vom „Healthy-Migrant-Effekt“; Razum 2009). Diese Ressourcen können sie aber nach der Migration nur aufrechterhalten, wenn die Lebensbedingungen im Zielland es erlauben. Eine zentrale Rolle spielen hierbei Arbeitsbedingungen. Arbeitsmigrantinnen und -migranten sind in vielen Ländern überproportional in Tätigkeiten mit hohen körperlichen und psychosozialen Anforderungen beschäftigt, die durch hohe körperliche Belastungen, Unfallrisiken, Schichtarbeit oder den Umgang mit Gefahrstoffen gekennzeichnet sind, etwa in Landwirtschaft, Baugewerbe, Fleischindustrie oder Logistik (Hargreaves et al. 2019). Hierzu trägt auch die fehlende oder eingeschränkte Anerkennung ausländischer Bildungs- und Berufsqualifikationen bei. Sie kann dazu führen, dass Arbeitsmigrantinnen und -migranten trotz vorhandener Qualifikationen Tätigkeiten unterhalb ihres formalen Qualifikationsniveaus aufnehmen oder auf Arbeitsmarktsegmente mit besonders hohen körperlichen und psychosozialen Belastungen ausweichen müssen, was als „Deskilling“ bezeichnet wird (Krämer u. Notz 2020; Aigner et al. 2025). Damit können nicht nur zusätzliche gesundheitliche Belastungen entstehen; zugleich werden vorhandene berufliche Ressourcen unter Umständen nicht angemessen genutzt. Das erhöhte Verletzungs-
und Erkrankungsrisiko ist jedoch nicht allein eine Folge der Branchenzugehörigkeit (Pega et al. 2021). Sprachliche Barrieren bei Sicherheitsunterweisungen, unzureichende Einarbeitung, geringe betriebliche Handlungsspielräume und prekäre Beschäftigungsverhältnisse können die Möglichkeit einschränken, Gefährdungen zu vermeiden oder bestehende Rechte einzufordern. Gerade Beschäftigte, die von einzelnen Arbeitgebern wirtschaftlich oder aufenthaltsrechtlich besonders abhängig sind, können Schwierigkeiten haben, unsichere Arbeitsbedingungen anzusprechen oder sich einer gesundheitlich belastenden Tätigkeit zu entziehen (Peiró et al. 2020). Das betrifft insbesondere Beschäftigte in prekären Arbeitsverhältnissen, etwa in der saisonalen Landwirtschaft oder in Teilen der Fleischindustrie (Gottlieb et al. 2025; Salamena 2025). Diese Befunde lassen sich jedoch nicht auf alle Arbeitsmigrantinnen und -migranten verallgemeinern. Die tatsächlichen Handlungsspielräume hängen vielmehr auch von der Beschäftigungsform, den betrieblichen Strukturen, der arbeitsrechtlichen Absicherung und dem Vorhandensein von Interessenvertretungen ab. Sie können hierbei auch ungleich verteilt sein: Eine Person mit gesichertem Aufenthaltsstatus und guten Sprachkenntnissen verfügt unter Umständen über andere Möglichkeiten, auf gesundheitlich belastende Arbeitsbedingungen zu reagieren, als eine Person, bei der unsicherer Aufenthaltsstatus und sprachbedingt geringe gesellschaftliche Teilhabe zusammentreffen. Intersektionale Unterschiede zeigen sich damit nicht nur in der Exposition gegenüber gesundheitlichen Risiken, sondern auch in den Möglichkeiten, diese Risiken zu vermeiden oder sich ihnen zu entziehen. Hinzu kommt, dass Arbeitsunfälle und arbeitsbedingte Erkrankungen gerade bei Beschäftigten in informellen, irregulären oder stark abhängigen Arbeitsverhältnissen untererfasst bleiben können (Kyung et al. 2023). Die gesundheitliche Belastung wird damit nicht nur erhöht, sondern zugleich in ihrer gesellschaftlichen Sichtbarkeit reduziert. Dies erschwert die individuelle Versorgung Betroffener und kann auch dazu beitragen, dass strukturelle Defizite des Arbeitsschutzes weniger deutlich sichtbar werden.
Gesundheitliche Einflussfaktoren reichen auch über den Arbeitsplatz hinaus. Rechtlicher Status und soziale Absicherung strukturieren wesentlich, welche Handlungsmöglichkeiten Arbeitsmigrantinnen und -migranten gegenüber Arbeitgebern, Behörden und auch dem Gesundheitssystem besitzen. Unsichere Aufenthalts- oder Beschäftigungsverhältnisse können dazu führen, dass Erkrankungen aus Angst vor Arbeitsplatzverlust, Einkommenseinbußen oder aufenthaltsrechtlichen Konsequenzen nicht frühzeitig behandelt werden. Gleichzeitig begrenzen diskontinuierliche Erwerbsbiografien und eingeschränkte sozialrechtliche Ansprüche die langfristige soziale Absicherung (Ornek et al. 2022). Damit wird rechtliche Unsicherheit selbst zu einem Gesundheitsrisiko: Sie beeinflusst nicht nur materielle Lebensbedingungen, sondern auch die Möglichkeit, gesundheitliche Belastungen zu vermeiden, Rechte durchzusetzen und Versorgung rechtzeitig in Anspruch zu nehmen. Besonders relevant ist dabei die Wechselwirkung zwischen rechtlichem Status und Beschäftigung: Wo der Zugang zum Arbeitsmarkt, zur sozialen Sicherung oder zum Aufenthaltsrecht eng an die Beschäftigung gekoppelt ist, kann der Verlust des Arbeitsplatzes weitreichende Folgen für Einkommen, Wohnen und Versorgung haben (Niezna 2022). Rechtliche und soziale Absicherung sind damit nicht nur nachgelagerte Schutzmechanismen, sondern prägen unmittelbar die gesundheitlichen Handlungsspielräume.
Hinzu kommen Wohn- und Lebensbedingungen, die in manchen Fällen unmittelbar mit der Beschäftigungssituation verknüpft sind. Beengte Unterkünfte können körperliche Beschwerden und psychische Belastungen erhöhen. Besonders problematisch ist die Kopplung von Beschäftigung und Wohnen: Der Verlust des Arbeitsplatzes kann dann zugleich den Verlust der Unterkunft bedeuten (Kaur et al. 2021; Herold et al. 2023). In ländlichen oder infrastrukturell schwach erschlossenen Regionen kommen Mobilitätsprobleme hinzu. Fehlende Verkehrsanbindungen, große Entfernungen zu medizinischen Einrichtungen und begrenzte soziale Infrastruktur können sowohl die gesellschaftliche Teilhabe als auch die Inanspruchnahme von Gesundheitsleistungen erschweren. Auch hier können sich unterschiedliche soziale Positionen überschneiden: Personen mit geringem Einkommen, alleiniger Verantwortung für Kinder, körperlichen Einschränkungen oder unsicherem Aufenthaltsstatus können von eingeschränkter Mobilität und prekären Wohnbedingungen in besonderem Maße betroffen sein. Damit verdichten sich berufliche, materielle und soziale Belastungen zu einer kumulativen gesundheitlichen Vulnerabilität (Caxaj et al. 2023). Vulnerabilität ist also nicht als individuelles Merkmal zu verstehen, sondern als Ergebnis des Zusammenspiels sozialer Positionen und struktureller Rahmenbedingungen.
Eine besondere Bedeutung kommt auch der Veränderung sozialer Netzwerke zu: Mit der Migration können vertraute familiäre und gesellschaftliche Beziehungen wegfallen oder sich räumlich und funktional verändern (Salari et al. 2025). Werden diese nicht durch das Knüpfen neuer Kontakte zu Kolleginnen und Kollegen, migrantischen Selbstorganisationen, Vereinen oder anderen lokalen Strukturen ersetzt, gehen nicht nur soziale Bindungen, sondern auch Ressourcen für emotionale Unterstützung und die Bewältigung von Belastungen verloren. Diese verringerte soziale Einbettung kann insbesondere dann relevant werden, wenn eingeschränkte Möglichkeiten bestehen, die eigene Lebens- und Arbeitssituation zu beeinflussen. Für Arbeitsmigrantinnen und -migranten kann der psychische Druck zudem durch die Verantwortung für Angehörige im Herkunftsland und die damit verbundene transnationale ökonomische Verpflichtungen verstärkt werden (Yema et al. 2025). Gleichwohl sind transnationale Beziehungen dabei nicht ausschließlich als Belastungsfaktor zu verstehen. Sie können auch eine Ressource darstellen, etwa durch emotionale Unterstützung, gegenseitige Hilfe oder finanzielle Transfers innerhalb von Familien- und Verwandtschaftsnetzwerken (Boccagni 2015). Besonders belastend können jedoch Konstellationen sein, in denen mehrere Abhängigkeiten zusammentreffen, etwa wenn Beschäftigung und Wohnen an denselben Arbeitgeber gebunden sind und zugleich tragfähige soziale Netzwerke am neuen Wohnort fehlen. Dabei können sich Belastungen gegenseitig verstärken: Unsichere Beschäftigung und finanzielle Verpflichtungen können den Handlungsspielraum einschränken, während soziale Isolation und fehlende Unterstützung die Bewältigung beruflicher und materieller Belastungen erschweren. Umgekehrt können tragfähige soziale Beziehungen und verfügbare materielle Ressourcen dazu beitragen, Handlungsspielräume zu erweitern und Belastungen abzufedern. Gerade solche Konstellationen verdeutlichen den Mehrwert einer intersektionalen Perspektive: Nicht einzelne Merkmale wie „Migrationsstatus“ oder „Geschlecht“ erklären gesundheitliche Unterschiede isoliert, sondern ihre Verbindung mit sozialen, ökonomischen und institutionellen Bedingungen (Mousaid et al. 2016).
Zugang zur Gesundheitsversorgung
Eine zentrale Bedeutung spielt schließlich der Zugang zur Gesundheitsversorgung selbst. Migrantinnen und Migranten, die gesetzlich oder privat krankenversichert sind, haben grundsätzlich Zugang zu den jeweiligen Leistungen der Krankenversicherung. Formale Ansprüche auf Leistungen des Gesundheitssystems garantieren jedoch noch keinen hindernisfreien Zugang (Razum u. Wenner 2018). Sprachliche und administrative Hürden, fehlende oder unzureichend finanzierte Sprachmittlung (Führer u. Brzoska 2020), finanzielle Belastungen sowie Unsicherheit über Leistungsansprüche können dazu führen, dass gesundheitliche Probleme später erkannt und behandelt werden (Harvey-Sullivan et al. 2025). Damit kann sich die Inanspruchnahme von einer präventiven und primärmedizinischen Versorgung hin zu einer späteren, teilweise akutmedizinischen Versorgung verlagern.
Erfahrungen von Diskriminierung oder ein durch prekäre Lebensbedingungen entstandenes Misstrauen gegenüber staatlichen Institutionen können diese Barrieren zusätzlich verstärken (Pattillo et al. 2023). Diskriminierung wirkt dabei als Querschnittsmechanismus, der mehrere dieser Bereiche miteinander verbindet. Benachteiligungen auf dem Arbeits- und Wohnungsmarkt, im Kontakt mit Behörden oder innerhalb des Gesundheitssystems können sich gegenseitig verstärken und über chronischen sozialen Stress die körperliche und psychische Gesundheit beeinträchtigen. Dabei überschneiden sich migrationsbezogene Ungleichheiten intersektional mit weiteren sozialen Positionen, etwa Geschlecht, Einkommen, beruflichem Status oder Aufenthaltsstatus (Pattillo et al. 2023; Herold et al. 2023). Zugang zur Gesundheitsversorgung ist somit nicht allein eine Frage des Gesundheitssystems, sondern auch Ergebnis der sozialen, ökonomischen und rechtlichen Ressourcen, über die Menschen verfügen.
Ansatzpunkte für Prävention und Gesundheitsförderung
Insgesamt sind damit gesundheitliche Folgen von Arbeitsmigration weniger als Summe einzelner Risiken oder der Migration als solcher zu verstehen denn als Ergebnis ineinandergreifender sozialer Determinanten. Ob Migration mit gesundheitlichen Belastungen oder gesundheitlichen Ressourcen verbunden ist, hängt wesentlich davon ab, unter welchen Bedingungen sie stattfindet. Arbeitsmigrantinnen und -migranten sind dabei nicht nur als potenziell vulnerable Beschäftigtengruppe, sondern ebenso als Trägerinnen und Träger von Kompetenzen, Erfahrungen, sozialen Beziehungen und anderen Ressourcen zu betrachten. Eine gesundheitsförderliche Gestaltung von Arbeitsmigration sollte deshalb nicht allein darauf zielen, Belastungen zu reduzieren, sondern auch darauf, vorhandene Ressourcen zu erhalten, zugänglich zu machen und weiterzuentwickeln.
Dabei ist Gesundheit nicht nur ein Ergebnis der genannten Bedingungen, sondern zugleich eine Voraussetzung dafür, dass Arbeitsmigrantinnen und -migranten ihre Beschäftigung langfristig ausüben, soziale Beziehungen aufrechterhalten und gesellschaftlich teilhaben können. Eine gesundheitsförderliche Arbeitsmigrationspolitik muss folglich über individuelle Prävention hinausgehen und jene strukturellen Bedingungen adressieren, die gesundheitliche Ungleichheiten hervorbringen und stabilisieren (Evagora-Campbell et al. 2022). Dabei sollten gesundheitspolitische Maßnahmen nicht von einer vermeintlich homogenen Gruppe „der Arbeitsmigrantinnen und -migranten“ ausgehen. Vielmehr müssen unterschiedliche Bedarfslagen und Ungleichheiten berücksichtigt werden, ohne soziale Gruppen auf einzelne Merkmale zu reduzieren oder sie als grundsätzlich vulnerabel zu konstruieren. Eine intersektionale Perspektive kann hier einen Mehrwert leisten, indem sie danach fragt, wie unterschiedliche soziale Positionen und Machtverhältnisse gemeinsam hervorbringen, wer welchen Belastungen ausgesetzt ist, welche individuellen, sozialen und institutionellen Ressourcen zur Verfügung stehen und welche Möglichkeiten zur Bewältigung gesundheitlicher Risiken bestehen.
Für Prävention und Gesundheitsförderung ergibt sich daraus ein Mehrebenenansatz, bei dem Betriebe eine zentrale Schnittstelle darstellen können. Sie sind einerseits Orte, an denen gesundheitliche Belastungen entstehen oder verstärkt werden können, andererseits aber auch wichtige Settings für deren Prävention (Kauffeld et al. 2022). Betriebliche Gesundheitsförderung sollte über klassische, auf individuelles Gesundheitsverhalten ausgerichtete Angebote hinausgehen und die Arbeits- und Lebensbedingungen von Arbeitsmigrantinnen und -migranten berücksichtigen. Dazu gehören sichere und ergonomisch gestaltete Arbeitsplätze, verständliche und mehrsprachige Gesundheits- und Sicherheitsinformationen, niedrigschwellige Zugänge zu Präventions- und gegebenenfalls Rehabilitationsangeboten sowie Maßnahmen zur Stärkung sozialer Unterstützung und zur Vermeidung von Diskriminierung. Gleichzeitig sollten betriebliche Maßnahmen an den vorhandenen Kompetenzen und Erfahrungen der Beschäftigten anknüpfen. Mehrsprachigkeit, berufliche Vorerfahrungen, Kenntnisse unterschiedlicher Arbeits- und Versorgungssysteme sowie informelle Unterstützungsnetzwerke können als Ressourcen in die Gesundheitsförderung einbezogen werden. Dabei sollte auf diversitätssensible (und nicht etwa herkunftsspezifische) Angebote gesetzt werden (Aksakal et al. 2024). Ebenso wichtig sind Beteiligungsmöglichkeiten der Beschäftigten, da gesundheitsförderliche Maßnahmen ihre Wirkung eher entfalten können, wenn die Erfahrungen und Bedürfnisse der betroffenen Beschäftigtengruppen in die Gestaltung einbezogen werden (Rustage et al. 2021). Partizipation kann damit nicht nur der bedarfsgerechten Gestaltung von Maßnahmen dienen, sondern selbst zur Stärkung von Handlungsmöglichkeiten und organisationalen Ressourcen beitragen. Entscheidend ist dabei, Gesundheitsförderung nicht als individuelle Anpassungsleistung der Beschäftigten zu verstehen, sondern als Bestandteil einer gesundheitsgerechten Arbeitsgestaltung.
Betriebliche Gesundheitsförderung kann damit eine wichtige Brücke zwischen individueller Prävention und struktureller Gesundheitspolitik bilden (Virtanen et al. 2025). Sie kann strukturelle Benachteiligungen jedoch nicht allein kompensieren. Nachhaltiger Gesundheitsschutz erfordert deshalb ein Zusammenspiel betrieblicher Maßnahmen mit der Veränderung arbeits-, sozial- und gesundheitspolitischer Rahmenbedingungen, durch die sich soziale Ungleichheiten in unterschiedlichen Lebensbereichen reproduzieren und gegenseitig verstärken.▪
Interessenkonflikt: Das Autorenteam gibt an, dass keine Interessenkonflikte vorliegen.
Literatur
Aksakal T, Mader M, Erdsiek F et al.: Unterstützung von Rehabilitationseinrichtungen bei der Umsetzung einer diversitätssensiblen Versorgung. Entwicklung der DiversityKAT-Handreichung. Rehabilitation 2024; 63: 23–30. doi:10.1055/a-2138-9199.
Evagora-Campbell M, Zahidie A, Buse K, Rabbani F, Hawkes S: Promoting labour migrant health equity through action on the structural determinants: A systematic review. J Migr Health 2022; 5: 100082. doi:10.1016/j.jmh.2022.100082 (Open Access).
Hargreaves S, Rustage K, Nellums LB et al.: Occupational health outcomes among international migrant workers: a systematic review and meta-analysis. Lancet Global Health 2019; 7: e872–e882. doi: 10.1016/S2214-109X(19)30204-9 (Open Access).
Pega F, Govindaraj S, Tran NT: Health service use and health outcomes among international migrant workers compared with non-migrant workers: a systematic review and meta-analysis. PLOS One 2021; 16: e0252651. doi:10.1371/journal.pone.0252651 (Open Access).
Razum O, Wenner J: Health of migrants and ethnic minorities in Germany: Reflecting on normative agendas. In: Kuehlmeyer K, Klingler C, Huxtable R (Hrsg.): Ethical, legal and social aspects of healthcare for migrants. Abingdon: Routledge, 2018, S. 21–37.
Virtanen M, Lallukka T, Elovainio M, Steptoe A, Kivimäki M: Effectiveness of workplace interventions for health promotion. Lancet Public Health 2025; 10: e512–e530. doi:10.1016/S2468-2667(25)00095-7 (Open Access).
Yema DPR, Wong VW-H, Ho FY-Y: The prevalence of common mental disorders, stress, and sleep disturbance among international migrant workers: A meta-analysis with subgroup analysis. J Affect Disord 2025; 381: 436–450. doi:10.1016/j.jad.2025.03.183 (Open Access).
Die komplette Literaturliste mit allen Quellen steht auf der ASU-Homepage beim Beitrag zur Verfügung (asu-arbeitsmedizin.com).
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