Post-infectious diseases: What the Leopoldina
statement means for occupational medicine, rehabilitation, and social medicine
A paradigm shift in rehabilitation and occupational medicine: The latest statement from the Leopoldina unequivocally classifies post-infectious conditions such as Long COVID and ME/CFS as somatic systemic diseases. This necessitates a change in approach for occupational physicians, medical assessors, and rehabilitation specialists. Conventional activation therapies are contraindicated in cases involving post-exertional malaise (PEM). This article outlines how pacing, flexible return-to-work strategies, and appropriate
socio-medical assessment can be successfully implemented in practice.
Postinfektiöse Erkrankungen: Was die Leopoldina-Stellungnahme für Arbeitsmedizin, Rehabilitation und Sozialmedizin bedeutet
Paradigmenwechsel in Reha und Arbeitsmedizin: Die aktuelle Stellungnahme der Leopoldina ordnet postinfektiöse Erkrankungen wie Long-COVID und ME/CFS unmissverständlich als somatische Systemerkrankungen ein. Für Betriebsärzte, Gutachter und Reha-Mediziner erfordert dies ein Umdenken. Bei Vorliegen von Post-Exertional Malaise (PEM) sind klassische Aktivierungstherapien kontraindiziert. Dieser Beitrag zeigt, wie Pacing, flexible Wiedereingliederung und eine sachgerechte sozialmedizinische Beurteilung in der Praxis gelingen können.
Kernaussagen
- Die Nationale Akademie der Wissenschaften Leopoldina ordnet postinfektiöse Erkrankungen (PIE) wie Long/Post-COVID und ME/CFS explizit als komplexe, somatische Multisystemerkrankungen ein.
- Das Schlüsselsymptom Post-Exertional Malaise (PEM) muss als entscheidende sozialmedizinische und arbeitsphysiologische Belastungsgrenze anerkannt werden.
- Liegt PEM vor, sind klassische Reha-Aktivierungskonzepte (Graded Exercise Therapy, GET) kontraindiziert. Stattdessen muss Pacing als primärer Reha-Ansatz im Vordergrund stehen.
- Die Stellungnahme der Leopoldina fordert strukturelle Anpassungen bei der Feststellung der Minderung der Erwerbsfähigkeit (MdE), des Grades der Behinderung (GdB) und der Erwerbsminderung.
Einleitung und Epidemiologie
Postinfektiöse Erkrankungen (PIE) stellen den Wirtschafts- und Gesundheitsstandort Deutschland vor erhebliche sozial- und arbeitsmedizinische Herausforderungen. In ihrer aktuellen Stellungnahme hebt die Nationale Akademie der Wissenschaften Leopoldina hervor, dass in Deutschland mehr als 1,5 Millionen Menschen von chronischen Folgen einer Infektion betroffen sind (Nationale Akademie der Wissenschaften Leopoldina 2026).
Für Betriebsärztinnen und Betriebsärzte, Arbeitsmedizinerinnen und Arbeitsmediziner sowie sozialmedizinisch Gutachtende rücken diese Krankheitsbilder immer mehr in den Fokus. Hierzu gehören unter anderem Post- oder Long-COVID und die Myalgische Enzephalomyelitis/das Chronische Fatigue Syndrom (ME/CFS). Die Gründe hierfür liegen vor allem darin, dass überproportional viele Personen im erwerbsfähigen Alter (30 bis 60 Jahre) betroffen sind und die Erkrankungen unbehandelt oder fehladressiert zu monatelanger bis dauerhafter Arbeitsunfähigkeit und vorzeitigen Renteneintritten führen. Die Leopoldina plädiert daher für einen wissenschaftsbasierten Paradigmenwechsel, der postinfektiöse Beschwerden von rein psychischen oder somatoformen Diagnosen abgrenzt und als somatische Systemerkrankungen anerkennt.
Pathophysiologie und Belastungsgrenzen im Arbeitskontext
Aus arbeitsmedizinischer Sicht liefert die Stellungnahme eine klare Einordnung der pathophysiologischen Grundlagen. Im Vordergrund der Erkrankungen stehen immuninduzierte Fehlsteuerungen, Endothel- und Mikrozirkulationsstörungen, Autoimmunität sowie mitochondriale Dysfunktionen.
Der Leitbefund Post-Exertional Malaise (PEM) und ihre arbeitsmedizinische Relevanz
Für die arbeitsphysiologische Bewertung ist die Post-Exertional Malaise (PEM) das zentrale Symptom. PEM bezeichnet die verzögerte, in der Regel erst 12 bis 48 Stunden nach einer geringen körperlichen, kognitiven oder emotionalen Beanspruchung auftretende erhebliche Verschlechterung aller Symptome („Crash“), die Tage, Wochen oder sogar dauerhaft anhalten kann. Die Annahme, eine stufenweise Steigerung der Arbeitszeit oder eine zunehmende körperliche Belastung würde zu einem Trainings- oder Anpassungseffekt führen, trifft bei Patientinnen und Patienten mit PEM nicht zu. Im Gegenteil: Die Leopoldina betont, dass ungesteuerte Überlastungen zu dauerhaften Verlusten der funktionellen Kapazität führen.
Implikationen für die Rehabilitation
Die Leopoldina-Stellungnahme hat zudem erhebliche Auswirkungen auf das sozialmedizinische Feld der Rehabilitation. Auch hier fordert sie ein Umdenken, vor allem bei etablierten Standardprozeduren der Leistungsträger (z. B. der Deutschen Rentenversicherung). ➥ Tabelle 1 stellt die bisherige Praxis im Umgang mit postinfektiösen Erkrankungen den evidenzbasierten Vorgaben der Leopoldina gegenüber. Sie zeigt, dass die bisherige Praxis der aktivierenden Bewegungstherapien durch das Erlernen von Pacing ersetzt werden muss, um iatrogene Schäden in Form einer dauerhaften Zustandsverschlechterung zu verhindern.
Praxis-Hinweis für Reha-Medizinerinnen und -mediziner
Vor jeder Verordnung oder Durchführung einer Reha-Maßnahme muss ein strukturiertes PEM-Screening (z. B. mit Hilfe des DePaul Symptom Questionnaire oder dem Munich Berlin Symptom Questionnaire (MBSQ)) erfolgen (Jason u. Sunnquist 2018; Sunnquist et al. 2019; Colter et al. 2018; Peo et al. 2024). Liegt eine PEM vor, müssen Ergotherapie, Physiotherapie und Sporttherapie strikt am individuellen Pacing-Budget ausgerichtet werden.
Sozialmedizinische Begutachtung und Leistungseinschätzung
Für das Gutachterwesen, das heißt den Medizinischen Dienst (MD) der gesetzlichen Krankenkassen, den Ärztlichen Dienst (ÄD) der Agentur für Arbeit und Gutachtende der Deutschen Rentenversicherung (DRV) lassen sich aus der Stellungnahme maßgebliche Grundsätze für die Beurteilung des Leistungsvermögens (§ 43 SGB VI) sowie des Grades der Behinderung (GdB) der erkrankten Personen ableiten:
- Inkonstanz des Leistungsvermögens: Die Beurteilung der Leistungsfähigkeit darf nicht anhand einer „Momentaufnahme“ in der 30-minütigen Untersuchungssituation erfolgen. Die kardinale Eigenschaft von ME/CFS und schweren Post-COVID-Verläufen ist die zeitverzögerte Leistungseinbuße nach Beanspruchung.
- Standardisierte Testverfahren sind oft ungeeignet: Klassische Methoden der Ergometrie oder Leistungsdiagnostik spiegeln die tatsächliche Erwerbsfähigkeit oft falsch-positiv wider, da Patienten unter hoher Anstrengung kurzfristig Reserven mobilisieren, am Folgetag jedoch einen Crash erleiden (2-Tages-CPET-Tests1 zeigen hier oft den charakteristischen Abfall der maximalen Sauerstoffaufnahme am zweiten Tag).
- Aufsuchende Begutachtung bei Schwerstbetroffenen: Für hausgebundene und bettlägerige Patientinnen und Patienten fordert die Leopoldina spezialisierte, aufsuchende Versorgungs- und Bewertungsstrukturen. Ein Verweis auf fehlende Mitwirkungspflichten, weil Termine in der Praxis nicht wahrgenommen werden können, ist bei schwerer Reizintoleranz medizinisch nicht vertretbar.
Prävention im Betrieb und Maßnahmen der Wiedereingliederung (BEM)
Arbeitsmedizinerinnen und Arbeitsmediziner nehmen mit den Betriebskrankenkassen eine Schlüsselrolle bei der Verhinderung von Chronifizierung und Frühverrentung ein.
- Stufenweise Wiedereingliederung (Hamburger Modell): Bei postinfektiösen Erkrankten darf der Wiedereingliederungsplan nicht starren Wochenraster folgen. Er muss sehr flexibel gestaltet sein. Wichtig ist die Option, Wochenstunden beim Auftreten von PEM-Symptomen sofort wieder zu reduzieren oder Ruhetage einzulegen.
- Arbeitsplatzanpassung: Im Zentrum stehen großzügige Homeoffice-Regelungen zur Einsparung des arbeitsrelevanten Anfahrtswegs und gegebenenfalls von PEM-auslösenden direkten Kontakten zu Arbeitskolleginnen und -kollegen im Betrieb. Hinsichtlich des betrieblichen Arbeitsplatzes sollten Angebote zur Reduktion visueller und akustischer Reize (keine Großraumbüros, Noise-Cancelling-Headsets) sowie von Liegendarbeitsplätzen (bzw. zumindest ergonomische Liegemöglichkeiten für regenerative Pausen) gemacht werden.
- Prävention durch Impfschutz: Die Leopoldina unterstreicht den Stellenwert der primären Prävention. Da Impfungen gegen COVID-19 das Risiko von Post-COVID und damit nachfolgend von ME/CFS signifikant senken, sollten betriebliche Impfangebote als Teil des Gesundheitsschutzes fortgeführt werden. Ähnliches gilt für die Influenza-Impfung.
- MdE, GdB und Erwerbsminderung: Menschen mit einer postinfektiösen Erkrankung benötigen Unterstützung bei der Beantragung des Grades der Behinderung (GdB) und gegebenenfalls bei der Feststellung der Minderung ihrer Erwerbsfähigkeit (MdE). Die Stellungnahme der Leopoldina fordert auch hier strukturelle Anpassungen sowie die Anerkennung postinfektiöser Erkrankungen als somatische Systemerkrankungen.
Fazit und Ausblick
Die Stellungnahme der Leopoldina betont die zahlreichen neuen Erkenntnisse der biomedizinischen Forschung in Bezug auf postinfektiöse Erkrankungen – insbesondere Post-COVID und ME/CFS - und bezieht sie auf die arbeits- und rehabilitationsmedizinische Praxis. Sie weist deutlich darauf hin, dass sie Gutachtende und Betriebsärztinnen und Betriebsärzte nun in der Pflicht sieht, veraltete Aktivierungs- und Psychologisierungsparadigmen aufzugeben. Darüber hinaus geht sie auch auf weitere Aspekte der derzeit noch überwiegend ungenügenden Versorgung von Menschen mit postinfektiösen Erkrankungen ein und fordert auch hier einen Paradigmenwechsel. Die Leopoldina macht deutlich, dass es nun ein völlig anderes, adaptives Belastungsmanagement (Pacing) braucht. Es braucht zudem flexible BEM-Prozesse und spezialisierte sozialmedizinische Gutachterstandards, um die Erwerbsfähigkeit von Post-COVID- und ME/CFS-Betroffenen so lange wie möglich zu erhalten.
Interessenkonflikt: Die Autorin gibt an, dass keine Interessenkonflikte vorliegen.
Literatur
Carruthers BM, van de Sande MI, De Meirleir KL et al.: Myalgic encephalomyelitis: International Consensus Criteria. J Intern Med 2011; 270: 327–338.
https://doi.org/10.1111/j.1365-2796.2011.02428.x (Open Access).
Cotler J, Holtzman C, Dudun C, Jason LA: A Brief Questionnaire to Assess Post-Exertional Malaise. Diagnostics (Basel) 2018; 11: 66. https://doi.org/10.3390/diagnostics8030066 (Open Access).
de Sá K, Silva J, Bayarri-Olmos R et al.: A causal link between autoantibodies and neurological symptoms in long COVID. Cell 2026; 189: 3214–3235.e37. https://doi.org/10.1016/j.cell.2026.04.042.
Jason LA, Sunnquist M: The Development of the DePaul Symptom Questionnaire: Original, expanded, brief, and pediatric versions. Front Pediatr 2018; 6: 330. https://doi.org/10.3389/fped.2018.00330 (Open Access).
Peo LC, Wiehler K, Paulick J, Gerrer K, Leone A, Viereck A et al.: Pediatric and adult patients with ME/CFS following COVID-19: A structured approach to diagnosis using the Munich Berlin Symptom Questionnaire (MBSQ). Eur J Pediatr 2024; 183: 1265–1276. https://doi.org/10.1007/s00431-023-05351-z (Open Access).
Die gesamte Literaturliste mit allen Quellen steht auf der Homepage der ASU beim Beitrag zur Verfügung (asu-arbeitsmedizin.com).
Weitere Literatur siehe auch Stellungnahme der Leopoldina (s. Online-Quelle).
Online-Quelle
Leopoldina – Nationale Akademie der Wissenschaften: Postinfektiöse Erkrankungen Versorgung, Dateninfrastruktur, Forschung und Prävention.
Stellungsnahme Oktober 2026
https://www.leopoldina.org/fileadmin/user_upload/Dokumente/2026_Leopold…