Springe auf Hauptinhalt Springe auf Hauptmenü Springe auf SiteSearch

Gewaltprävention in der Notaufnahme: Umsetzung von Präventionsstrategien im klinischen Alltag

Violence prevention in the emergency department: Implementation of prevention strategies in everyday ­clinical practice

Violence in emergency departments is a widespread issue with significant impacts on staff and patient care. Given the high emotional stress and unpredictable environment, prevention requires an integrated protection concept linking structural, technical, and personnel measures. This article presents practical strategies to sustainably enhance workplace safety in emergency settings.

Kernaussagen

  • Mitarbeitende in Notaufnahmen sind aufgrund des emotional beanspruchenden und ­unvorhersehbaren Arbeitsumfelds besonders häufig Gewalt ausgesetzt.
  • Effektive Gewaltprävention erfordert die integrative Umsetzung baulicher, technischer, ­personeller und organisatorischer Maßnahmen.
  • Deeskalationstrainings und strukturierte Notfallpläne sind zentral, um Gewalt frühzeitig zu erkennen und zu bewältigen.
  • Ressourcenknappheit, fehlende Leitlinien und Akzeptanzdefizite erschweren die Implementierung präventiver Maßnahmen.
  • Psychosoziale Nachsorge sowie systematische Erfassung von Vorfällen fördern Resilienz und optimieren Präventionsstrategien.
  • Gewaltprävention in der Notaufnahme: Umsetzung von Präventionsstrategien im klinischen Alltag

    Gewalt in Notaufnahmen ist ein weitverbreitetes Problem mit erheblichen Folgen für Mitarbeitende und Versorgung. Angesichts hoher emotionaler Belastung und unvorhersehbarer Situationen erfordert die Prävention ein integratives Schutzkonzept, das bauliche, technische und personelle Maßnahmen verknüpft. Dieser Beitrag stellt praxisorientierte Strategien zur nachhaltigen Verbesserung der Sicherheit vor.

    Gewaltprävention im vulnerablen Setting der Notaufnahme

    Gewalt am Arbeitsplatz stellt ein global ­relevantes Phänomen dar, das insbesondere Beschäftigte im Gesundheitswesen betrifft. Innerhalb dieser Berufsgruppe gelten Mitarbeitende in Notaufnahmen als besonders exponiert, da sie in einem hochdynamischen, von Unvorhersehbarkeit und hoher emo­tionaler Belastung geprägten Umfeld agieren müssen (Liu et al. 2019; Reißmann et al. 2025). Die Internationale Arbeitsorganisation (ILO) definiert Gewalt und Belästigung am Arbeitsplatz als Verhaltensweisen, Handlungen oder Drohungen, die zu physischem, psychischem oder wirtschaftlichem Schaden führen können (International Labour Office [ILO], International Council of Nurses [ICN[, World Health Organization [WHO] u. Public Services International [PSI] 2002; Lundqvist u. Schröder 2015).

    In einer groß angelegten Meta-Analyse zur Prävalenz von Gewalt in Notaufnahmen berichten Liu et al. (2019), dass 79,4 % des dort tätigen Personals innerhalb eines Jahres Opfer von Gewalt wurden. Physische Gewalt wurde dabei in 31 % der Fälle, nicht-physische Gewalt wie Bedrohungen oder verbale Aggressionen in 62,3 % berichtet. Die Täterinnen und Täter sind in der Regel Patientinnen oder Patienten selbst oder deren Begleitpersonen (Liu et al. 2019). Die Ursachen sind multifaktoriell: Akute Schmerz- und Stresszustände, Desorientierung, psychia­trische oder substanzinduzierte Störungen, aber auch kognitive Einschränkungen tragen zur Eskalation bei. Auf struktureller Ebene wirken Faktoren wie lange Wartezeiten, Personalknappheit, unzureichende Kommunikation und fehlende räumliche Schutzmaßnahmen zusätzlich konfliktfördernd (Hahn et al. 2012; Wirth et al. 2021).

    Die Folgen für das medizinische Personal sind erheblich. Neben akuten physischen Verletzungen kommt es häufig zu psychischen Belastungen, Angstzuständen, posttraumatischen Reaktionen und einem erhöhten Risiko für Burnout sowie sekundäre Traumatisierung (Lanctôt u. Guay 2014; Schablon et al. 2018). Gleichzeitig entstehen für die Einrichtungen betriebswirtschaftliche Folgekosten durch erhöhte Fehlzeiten, Fluktuation und Produktivitätsverluste (Yusoff et al. 2023). Auch auf die Versorgungsqualität wirken sich Gewaltvorfälle durch erhöhte Fehleranfälligkeit, verkürzte Interaktionen und gestörte Arzt-Patienten-Beziehungen negativ aus (Pekurinen et al. 2017; Schablon et al. 2018; Yusoff et al. 2023).

    Obwohl nationale und internationale Leitlinien verschiedene Ebenen der Gewaltprävention adressieren, von arbeitsorganisatorischen Maßnahmen über Schulungskonzepte bis hin zur psychosozialen Nachsorge, mangelt es in vielen Einrichtungen an systematischer Umsetzung (Beringer et al. 2023; Reißmann et al. 2023). Während individuelle Trainingsprogramme zur Deeskalation vergleichsweise gut untersucht sind, bleiben strukturelle und organisationale Maßnahmen bislang empirisch unterbeleuchtet (Wirth et al. 2021).

    Ziel dieses Beitrags ist es daher, auf Grundlage aktueller Forschung und etablierter Praxisempfehlungen konkrete Gewaltpräventionsmaßnahmen für die Notaufnahme darzustellen. Im Fokus steht ein integratives Schutzkonzept, das bauliche, technische, personelle und organisatorische Elemente miteinander verknüpft und als praxisorientierter Mindeststandard implementierbar ist. Der Beitrag soll eine fundierte Orientierung für Verantwortliche in Klinikleitung, Arbeitsschutz und Pflegepraxis bieten, um die Sicherheit von Mitarbeitenden nachhaltig zu verbessern und strukturelle Defizite in der Prävention zu adressieren.

    Gewaltpräventionsmaßnahmen in deutschen Kliniken im Überblick

    Zur effektiven Gewaltprävention in Notaufnahmen ist die Implementierung eines umfassenden Maßnahmenkatalogs notwendig, der verschiedene Ebenen und Aspekte berücksichtigt (Beringer et al. 2023). Im Mittelpunkt steht dabei die strukturelle Zutrittssteuerung, die die Kontrolle der ­Zugangswege von Patientinnen und Patien­ten sowie Besuchenden gewährleistet und durch technische Mittel wie Überwachungssysteme unterstützt wird. Ergänzend dazu sind Empfangs- und Anmeldetresen mit physischen Barrieren zu etablieren, um die Sicherheit des Personals zu erhöhen und unbefugtes Überschreiten zu verhindern (Beringer et al. 2023).

    Für den Schutz der Mitarbeitenden sind zudem sichere Rückzugsräume von zentraler Bedeutung, die bei Eskalationen einen schnellen und geschützten Rückzug ermöglichen und mit geeigneten Alarm- und Notrufsystemen ausgestattet sind. Parallel dazu sind Deeskalationstrainings und -schulungen für das Personal essenziell, um Kompetenzen in verbaler und nonverbaler Kommunikation sowie im Konfliktmanagement zu stärken und frühzeitig Konfliktsignale zu erkennen (Reißmann et al. 2025).

    Die Existenz von Notfallplänen und Verfahrensanweisungen gewährleistet eine strukturierte und koordinierte Reaktion im Ernstfall, inklusive klar definierter Alarmwege, Verantwortlichkeiten und Fluchtmöglichkeiten. Auf individueller Ebene tragen persönliche Schutzmaßnahmen, wie angemessene Kleidung und Verhaltensweisen, zur Minimierung von Angriffsmöglichkeiten bei (Reißmann et al. 2023).

    Weiterhin ist die Implementierung von Alarm- und Notrufsystemen erforderlich, die sowohl fest installiert als auch mobil verfügbar sind und auch bei Alleinarbeit einen schnellen Hilferuf ermöglichen. Die Kooperation mit externen Stellen, insbesondere Polizei und Sicherheitsdienstleistern, fördert eine abgestimmte Vorgehensweise bei Eskalationen und erleichtert gemeinsame Übungen zur Vorbereitung auf kritische ­Situationen (Beringer et al. 2023).

    Abschließend spielt die psychosoziale Nachsorge und Unterstützung nach Gewaltvorfällen eine wichtige Rolle, um sowohl die physische als auch die psychische Gesundheit der Betroffenen zu sichern. Die systematische Erfassung, das Monitoring und die Auswertung von Vorfällen ermöglichen darüber hinaus eine kontinuierliche Risikoanalyse und Anpassung der Präventionsstrategien im Rahmen von Gefährdungsbeurteilungen (Reißmann et al. 2023).

    Die genannten Maßnahmen werden in ➥ Tabelle 1 zusammengefasst, die die jeweilige Kategorie und deren konkrete Umsetzungsmöglichkeiten übersichtlich darstellt.

    Herausforderungen bei der Implementierung von Gewaltpräventionsmaßnahmen in Notaufnahmen

    Die Implementierung wirksamer Gewaltpräventionsmaßnahmen in Notaufnahmen deutscher Krankenhäuser stellt eine vielschichtige Herausforderung dar, die verschiedene strukturelle, personelle und organisationale Barrieren umfasst. Diese Faktoren müssen adressiert werden, um die Sicherheit und Gesundheit der Mitarbeitenden nachhaltig zu gewährleisten (Lanctôt u. Guay 2014).

    Ressourcenknappheit (Personal und Finanzen)

    Ein zentrales Hindernis ist die begrenzte Verfügbarkeit personeller und finanzieller Ressourcen. Zahlreiche Kliniken berichten über einen anhaltenden Personalmangel sowie restriktive Budgetvorgaben, die insbesondere die Umsetzung technischer Schutzmaßnahmen, wie etwa den Ausbau von Zugangskontrollen, Überwachungs­systemen und Sicherheitsdiensten, erheblich erschweren (Kowalenko et al. 2012; Reißmann et al. 2023). Darüber hinaus sind bauliche Anpassungen, die langfristig zur Verbesserung der Sicherheitsinfrastruktur beitragen können, oftmals mit hohen Investitionskosten verbunden, die viele Einrichtungen nicht kurzfristig stemmen können. Vor diesem Hintergrund wird eine schrittweise, prioritätsorientierte Implementierung empfohlen, um die Belastungen für das Personal zu minimieren und gleichzeitig eine kontinuier­liche Verbesserung der Schutzmaßnahmen zu ermöglichen (Reißmann et al. 2023).

    Mangel an praktikablen Leitlinien und Screening-Instrumenten

    Eine weitere Barriere ist das Fehlen klarer, praxisnaher und evidenzbasierter Leitlinien zur Gewaltprävention. In vielen Einrichtungen existieren entweder keine verbindlichen Standards oder diese werden von den Mitarbeitenden als wenig alltagsrelevant und schwer umsetzbar wahrgenommen, was die Implementierung erschwert und zu heterogenen Vorgehensweisen führt (Arnetz u. Arnetz 2000). Zudem ist die Integration von validierten Screening-Instrumenten zur frühzeitigen Identifikation von Personen mit erhöhtem Gewaltpotenzial häufig unzureichend. Obwohl die Relevanz solcher Tools anerkannt ist, mangelt es an standardisierten Verfahren sowie an Wissen und organisatorischer Infrastruktur für deren Anwendung im klinischen Alltag (Reißmann et al. 2023).

    Akzeptanzprobleme und Defizite in der Schulung

    Die Akzeptanz der präventiven Maßnahmen durch die Mitarbeitenden stellt eine weitere kritische Herausforderung dar. Nicht alle Beschäftigten sind gleichermaßen von der Notwendigkeit und Wirksamkeit der Gewaltprävention überzeugt, was die Umsetzung erschwert (Lanctôt u. Guay 2014). Zudem zeigen sich häufig Defizite bei der Durchführung regelmäßiger, praxisnaher und interaktiver Schulungen, die theoretisches Wissen in konkrete Handlungskompetenzen überführen und die Mitarbeitenden im sicheren Umgang mit aggressiven Situationen stärken (Reißmann et al. 2023). Nur durch kontinuier­liche Fortbildungen und praktische Übungen lässt sich eine nachhaltige Verbesserung der Sicherheitskultur und der individuellen Handlungssicherheit erzielen (Hahn et al. 2012).

    Führung, Beteiligung und Sicherheitskultur als Schlüsselfaktoren

    Veränderungsprozesse im Bereich der Gewaltprävention stoßen häufig auf Widerstände, die aus langjährigen Routinen, einer Kultur des „Hinnehmens“ von Gewalt als normaler Bestandteil der Arbeit oder mangelnder Unterstützung durch Führungskräfte resultieren (Arnetz et al. 2018). Die Rolle der Führungsebene ist hierbei entscheidend, da sie durch Vorbildfunktion und Ressourcenbereitstellung maßgeblich zur Etablierung einer Sicherheitskultur beiträgt (Lanctôt u. Guay 2014). Darüber hinaus erhöht die Einbindung der Beschäftigten in Planung und Umsetzung, beispielsweise bei der Gestaltung von Empfangstresen, der Auswahl von Alarmierungstechnologien oder der Entwicklung von Schulungsprogrammen, die Akzeptanz und Wirksamkeit der Maßnahmen (Beringer et al. 2023).

    Ein nachhaltiger Kulturwandel ist unerlässlich, um Gewalt als festen Bestandteil der Arbeitsrealität zu erkennen und aktiv zu adressieren. Hierzu tragen Sensibilisierungsmaßnahmen, Reflexion von Fallbeispielen und sichtbare Unterstützung durch die Führung maßgeblich bei (Arnetz u. Arnetz 2000). Nur durch eine umfassende Bewusstseinsbildung und gemeinsame Verantwortung kann der Umgang mit Gewalt systematisch verbessert werden (Wirth et al. 2021).

    Ausblick

    Die Herausforderungen im Bereich der Gewaltprävention in Notaufnahmen erfordern eine kontinuierliche Weiterentwicklung und Anpassung der bestehenden Schutzmaßnahmen, um den komplexen und dynamischen Risikofaktoren wirksam zu begegnen (Arnetz et al. 2018; Beringer et al.
    2023). Insbesondere die verstärkte Inte­gration innovativer Technologien, wie moderne Zugangskontrollsysteme, intelligente Alarmierungstechnologien und digitale Erfassungstools zur systematischen Dokumentation von Übergriffen, stellt einen wesentlichen Fortschritt dar (Anderson u. Jenson 2019). Diese technischen Lösungen ermöglichen nicht nur eine schnellere Intervention, sondern tragen auch zur differenzierten, datenbasierten Risikoanalyse bei, wodurch präventive und reaktive Maßnahmen evidenzbasiert optimiert werden können (Kowalenko et al. 2012).

    Darüber hinaus ist die Förderung interdisziplinärer Forschungsaktivitäten unabdingbar, um evidenzbasierte Leitlinien zu entwickeln, die sowohl wissenschaftlich fundiert als auch praktikabel im klinischen Alltag implementierbar sind (Lanctôt u. Guay 2014). Die Validierung und Integration standardisierter Screening-Instrumente zur frühzeitigen Identifikation von Gewaltpotenzia­len können hierbei einen entscheidenden Beitrag leisten, indem sie die Erkennung von Risikokonstellationen verbessern und damit präventive Interventionen ermöglichen (Anderson u. Jenson 2019).

    Ein nachhaltiger Erfolg der Gewaltprävention hängt zudem maßgeblich von einem tiefgreifenden Kulturwandel innerhalb der Organisationen ab (Arnetz u. Arnetz 2000). Hierzu zählen insbesondere eine systematische Sensibilisierung aller Mitarbeitenden sowie deren aktive Einbindung in Präventionsmaßnahmen (Hahn et al. 2012). Die Führungsebene nimmt dabei eine Schlüsselrolle ein, indem sie Gewaltprävention als integralen Bestandteil der Organisationskultur etabliert und entsprechende Ressourcen bereitstellt (Reißmann et al. 2025). Nur durch eine umfassende Verankerung in Leitlinien, Aus- und Weiterbildung sowie im Arbeitsalltag kann ein langfristiger und effektiver Schutz der Beschäftigten gewährleistet werden (Lanctôt u. Guay 2014).

    Nicht zuletzt sind die politischen und finanziellen Rahmenbedingungen von entscheidender Bedeutung für die Umsetzung und Nachhaltigkeit der Präventionsmaßnahmen (Reißmann et al. 2023; Reißmann et al. 2025). Die Bereitstellung adäquater Ressourcen sowie gezielte Förderprogramme sind Grundvoraussetzungen, um die Implementierung wirkungsvoller Maßnahmen zu ermöglichen und zu sichern (Hahn et al. 2012). Insgesamt zeigt sich, dass Gewaltprävention in Notaufnahmen ein dynamischer, multidimensionaler Prozess ist, der ständige Aufmerksamkeit, Anpassungsfähigkeit und das Engagement aller Akteure erfordert, um ein sicheres und gesundes Arbeitsumfeld zu schaffen (Arnetz et al. 2018).

    Schlussfolgerung

    Die Gewaltprävention in Notaufnahmen stellt eine komplexe und multidimensionale Herausforderung dar, die ein integriertes Vorgehen erfordert, das bauliche, technische, personelle sowie organisatorische Komponenten miteinander verknüpft (Arnetz et al. 2018; Lanctôt u. Guay 2014). Die etablierten Mindeststandards und präventiven Maßnahmen bieten eine fundierte Grundlage zum Schutz der Mitarbeitenden vor verbaler, körperlicher und sexualisierter Gewalt. Gleichwohl verdeutlichen empirische Befunde und Praxiserfahrungen, dass deren Implementierung mit einer Vielzahl von Herausforderungen einhergeht, die in einem holistischen Kontext betrachtet werden müssen (Hahn et al. 2012).

    Insbesondere die limitierten Ressourcen vieler Kliniken, sowohl in personeller als auch in finanzieller Hinsicht, stellen eine wesentliche Barriere für die flächendeckende Einführung umfassender Schutzkonzepte dar (Reißmann et al. 2023). Die daraus resultierenden Engpässe behindern notwendige Investitionen in bauliche Sicherungsmaßnahmen sowie die Bereitstellung kontinuierlicher, qualitativ hochwertiger Schulungen. Vor diesem Hintergrund erlangt eine prioritätsorientierte und schrittweise Umsetzung an Bedeutung, die die vorhandenen Kapazitäten realistisch berücksichtigt und dadurch die Nachhaltigkeit der Maßnahmen gewährleistet (Wirth et al. 2021).

    Darüber hinaus offenbart sich ein deutlicher Bedarf an praxisnahen, evidenzbasierten Leitlinien sowie der Integration validierter Screening-Instrumente zur frühzeitigen Identifikation von Gewaltpotenzialen. Solche standardisierten Verfahren sollten stringent an die spezifischen Arbeitsabläufe in Notaufnahmen angepasst sein, um den Mitarbeitenden eine sichere und praktikable Anwendung zu ermöglichen.

    Ein weiterer kritischer Erfolgsfaktor ist die Akzeptanz der Gewaltpräventionsmaßnahmen innerhalb der Belegschaft. Technische und organisatorische Vorkehrungen entfalten ihre Wirkung nur in einer Organisationskultur, die Gewaltprävention als integralen Bestandteil klinischer Arbeit verankert (Arnetz u. Arnetz 2000). Dies erfordert kontinuierliche Sensibilisierungsmaßnahmen, die aktive Einbindung der Mitarbeitenden in Entwicklungs- und Umsetzungsprozesse sowie eine konsequente Unterstützung durch Führungskräfte (Hahn et al. 2012).

    Nicht zuletzt ist die psychosoziale Nachsorge ein essenzieller Bestandteil eines ganzheitlichen Präventionskonzepts, der häufig unterschätzt wird. Ein strukturiertes Nachsorgeangebot trägt dazu bei, Übergriffe nicht nur zu erfassen, sondern betroffene Mitarbeitende nachhaltig zu stabilisieren und ihre Resilienz gegenüber zukünftigen Belastungen zu stärken (Lanctôt u. Guay 2014).

    Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass Gewaltprävention in Notaufnahmen nur durch ein interdisziplinäres und integratives Konzept erfolgreich realisiert werden kann. Die Vernetzung von baulichen Schutzmaßnahmen, innovativen technischen Lösungen, kontinuierlichen Schulungen, klar definierten Notfallplänen und einer unterstützenden Organisationskultur ist unerlässlich. Darüber hinaus erfordert die nachhaltige Umsetzung die Bereitstellung angemessener politischer und finanzieller Ressourcen sowie einen grundlegenden Wandel auf organisationaler Ebene, um die Sicherheit der Mitarbeitenden langfristig zu gewährleisten und ein gesundes Arbeitsumfeld zu fördern (Lundqvist u. Schröder 2015).

    Interessenkonflikt: Das Autorenteam gibt an, dass keine Interessenkonflikte bestehen.

    Literatur

    Beringer V, Wirth T, Kazmierczak L, Reißmann S, Schnieder W, Kottkamp H-W, Mache S: Notfallversorgung als risikoreicher Arbeitsplatz – Maßnahmen zum Umgang mit Gewalt gegen Beschäftigte. Medizinische Klinik – Intensivmedizin und Notfallmedizin 2023; 118: 540–548. doi:10.1007/s00063-022-00960-2 (Open Access).

    Liu J, Gan Y, Jiang H, Li L, Dwyer R, Lu K, Lu Z: Prevalence of workplace violence against healthcare workers: a systematic review and meta-analysis. Occup Environ Med 2019; 76: 927–937. doi:10.1136/oemed-2019-105849.

    Reißmann S, Kottkamp HW et al.: Prävention von Aggressionen und Gewalt gegenüber Beschäftigten in der Notaufnahme. 2023. Retrieved from https://www.bgw-online.de/bgw-online-de/themen/gesund-im-betrieb/umgang….

    Reißmann S, Wirth T, Beringer V, Groneberg DA, Nienhaus A, Harth V, Mache S: “I think we still do too little“: measures to prevent violence and aggression in German emergency departments – a qualitative study. BMC Health Serv Res 2023; 23: 97. doi:10.1186/s12913-023-09044-z (Open Access).

    Reißmann S, Wirth T, Beringer V, Harth V, Mache S: Gewaltprävention in Notaufnahmen – eine qualitative Studie aus Deutschland zur Rolle von Klinikleitung, Führungskräften und Beschäftigten. Präv Gesundheitsf 2025. doi:10.1007/s11553-025-01225-4 (Open Access).

    Schablon A, Wendeler D, Kozak A, Nienhaus A,
    Steinke S: Prevalence and consequences of aggression and violence towards nursing and care staff in Germany – a survey. Int J Environ Res Public Health 2018; 15: 1274. doi:10.3390/ijerph15061274 (Open Access).

    Wirth T, Peters C, Nienhaus A, Schablon A: Interventions for workplace violence prevention in emergency departments: a systematic review. Int J Environ Res Public Health 2021; 18: 8459. doi: https://doi.org/10.3390/ijerph18168459 (Open Access).

    Die gesamte Literaturliste mit allen Quellen kann auf der ASU-Homepage beim Beitrag eingesehen werden (asu-arbeitsmedizin.com).

    Koautorinnen und Koautor

    Kontakt

    Priv.-Doz. Dr. Dr. Stefanie Mache
    Zentralinstitut für Arbeits­medizin und Maritime Medizin (ZfAM), Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf (UKE); Seewartenstraße 10, Haus 1; 20459 Hamburg

    Foto: UKE/Dagmar Claussen

    Jetzt weiterlesen und profitieren.

    + ASU E-Paper-Ausgabe – jeden Monat neu
    + Kostenfreien Zugang zu unserem Online-Archiv
    + Exklusive Webinare zum Vorzugspreis

    Premium Mitgliedschaft

    2 Monate kostenlos testen