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ME/CFS in Occupational Medicine Practice: The Most Important Supportive Measures
Myalgic Encephalomyelitis/Chronic Fatigue Syndrome (ME/CFS) is a severe, chronic, neuroimmunological multisystem disorder that usually occurs following an infection and is often associated with a significant impairment of the ability to work. The key diagnostic feature is post-exertional malaise (PEM), an exertion-induced worsening of symptoms with delayed recovery. Not least because of the rising number of post-infectious conditions following the COVID-19 pandemic, ME/CFS is also becoming increasingly important in occupational medicine. Occupational physicians can play a key role in detecting the condition early, avoiding misdiagnoses, and implementing appropriate measures related to workplace design, workplace reintegration management, and the maintenance of work capacity.
ME/CFS in der betriebsärztlichen Praxis: Die wichtigsten begleitenden Maßnahmen
Die Myalgische Enzephalomyelitis/das Chronische Fatigue-Syndrom (ME/CFS) ist eine schwere chronische neuroimmunologische Multisystemerkrankung, die meist nach Infektionen auftritt und häufig mit einer erheblichen Einschränkung der Arbeitsfähigkeit verbunden ist. Zentrales diagnostisches Merkmal ist die Post-Exertional Malaise (PEM), eine belastungsinduzierte Verschlechterung der Symptomatik mit verzögerter Erholung. Nicht zuletzt aufgrund der steigenden Zahl postinfektiöser Erkrankungen nach der COVID-19-Pandemie gewinnt ME/CFS auch in der Arbeitsmedizin zunehmend an Bedeutung. Betriebsärztinnen und Betriebsärzte können wesentlich dazu beitragen, die Erkrankung frühzeitig zu erkennen, Fehleinschätzungen zu vermeiden und geeignete Maßnahmen zur Arbeitsplatzgestaltung, zum Betrieblichen Eingliederungsmanagement und zum Erhalt der Erwerbsfähigkeit einzuleiten.
Kernaussagen
- ME/CFS ist eine schwere neuroimmunologische Multisystemerkrankung mit dem Kardinalsymptom der Post-Exertional Malaise (PEM). Eine gezielte Anamnese zur Feststellung einer PEM ist entscheidend für die frühzeitige Diagnosestellung und die Abgrenzung gegenüber anderen Erkrankungen.
- Betriebsärztinnen und Betriebsärzte tragen wesentlich dazu bei, ME/CFS frühzeitig zu erkennen, Fehleinschätzungen zu vermeiden und durch eine individuelle Arbeitsplatzgestaltung sowie ein angepasstes Betriebliches Eingliederungsmanagement die Erwerbsfähigkeit möglichst lange zu erhalten.
- Die Beurteilung der Arbeitsfähigkeit sollte die ausgeprägten Schwankungen der Leistungsfähigkeit sowie die belastungsinduzierte Symptomverschlechterung berücksichtigen und sich nicht allein am klinischen Eindruck während einer Untersuchung orientieren.
- Standardisierte Aktivierungs- und Rehabilitationskonzepte mit kontinuierlicher Belastungssteigerung sind bei ME/CFS kontraindiziert. Die zu ergreifenden Maßnahmen sollten sich konsequent an den Prinzipien des Pacings orientieren, um eine Überlastung mit nachfolgender PEM vermeiden.
Einleitung
Die Myalgische Enzephalomyelitis/das Chronische Fatigue-Syndrom (ME/CFS) ist eine Erkrankung, die durch eine multisystemische neuroimmunologische Dysregulation (MuNID) gekennzeichnet ist, bei der zahlreiche Regulationsprozesse im menschlichen Körper gestört sind (Arron et al. 2024; Renz-Polster et al. 2022; Wirth u. Scheibenbogen 2020). Diese Störungen der Funktion von Regulationssystemen (Nervensystem, endokrines System, Immunsystem; Arron et al. 2024; Renz-Polster et al. 2022) und der Energieversorgung (insbesondere in Muskelzellen und Zellen des Nervensystems) führen zu einer beeinträchtigten Fähigkeit, das dynamische Gleichgewicht (Homöostase) im Körper, das heißt stabile physiologische Bedingungen, aufrechtzuerhalten. Aktuellen Schätzungen zufolge leben in Deutschland mehr als 650.000 Menschen mit ME/CFS (Risklayer u. ME/CFS Foundation 2026). Frauen sind deutlich häufiger betroffen als Männer (ca. 70–80 % weibliche Betroffene; Thomas et al. 2022). Seit der COVID-19-Pandemie ist SARS-CoV-2 in vielen Ländern der häufigste Auslöser einer postinfektiösen ME/CFS (NIH Roadmap 2024; Arron et al. 2024), aber auch viele andere Virusinfekte (z. B. hervorgerufen durch Influenza-Viren, verschiedene Herpesviren wie Epstein-Barr-Viren oder Herpes-simplex-Viren, Dengue-Viren oder Chikungunya-Viren; Arron et al. 2024; Carruthers et al. 2021) sowie Infekte durch Bakterien, Pilze und Protozoen können Auslöser von ME/CFS sein. Die Erkrankung wird seit 1969 als neurologische Krankheit klassifiziert (ICD-10-GM G93.3, ICD-11 8E49; WHO 2026) und führt häufig zu erheblichen Einschränkungen der körperlichen, kognitiven und sozialen Leistungsfähigkeit (Vyas et al. 2022; Pears 2023), und damit auch – im günstigsten Fall – zu einer erheblich eingeschränkten Arbeitsfähigkeit. Nur sehr selten sind die Betroffenen noch in der Lage, einer Vollzeitbeschäftigung nachzugehen. Für die betriebsärztliche Praxis ist die Erkrankung insbesondere deshalb relevant, da vor allem Jugendliche und Menschen im erwerbsfähigen Alter betroffen sind.
Pathophysiologie
Nach dem aktuellen Forschungsstand handelt es sich um eine komplexe neuroimmunologische Erkrankung (Arron et al. 2024; Renz-Polster et al. 2022) mit Beteiligung des zentralen und des autonomen Nervensystems (Zinn u. Jason 2021; Thomas et al. 2022), des Magen-Darm-Trakts, des Immun- und des Gefäßsystems sowie des zellulären Energiestoffwechsels (Wirth u. Scheibenbogen 2021; Scheibenbogen und Wirth 2025). Letzteres betrifft in besonderem Maße die gesamte Muskulatur (Nuzzo et al. 2026; Scheibenbogen u. Wirth 2025) und das Zentralnervensystem. Nach einer meist infektiösen Trigger-Erkrankung, die auch leicht verlaufen kann, entwickeln sich bei einem Teil der Betroffenen anhaltende physiologische Fehlregulationen in den angesprochenen Bereichen. Eine kürzlich veröffentlichte Studie von de Sá et al. (2026) konnte erstmals einen direkten kausalen Zusammenhang zwischen bestimmten Autoantikörpern von Personen aus einer Long-COVID-Subgruppe mit ME/CFS-Symptomen, und der Entstehung von heftigen, ME/CFS-ähnlichen neurologischen Symptomen im Long-COVID-Mausmodell nachweisen. Die Ergebnisse stützen die Hypothese, dass Autoimmunmechanismen wesentlich zur Entstehung postinfektiöser Krankheitsbilder einschließlich ME/CFS beitragen können (de Sá et al. 2026; Bynke et al. 2020; Wirth u. Scheibenbogen 2020).
Für die betriebsärztliche Praxis ist es wichtig zu wissen, dass die wissenschaftliche Evidenz mittlerweile sehr klar gegen die Annahme spricht, ME/CFS sei eine primär psychosomatische Erkrankung. Dies wurde kürzlich auch von Schomerus et al. (2026) in einer psychiatrischen Positionsarbeit hervorgehoben, in der ME/CFS und Long-COVID als Prüfsteine einer evidenzbasierten und patientenorientierten Psychiatrie und Psychotherapie diskutiert werden. Die Autorinnen und Autoren weisen ausdrücklich darauf hin, dass psychische Faktoren zwar den Umgang mit chronischen Krankheiten wie ME/CFS beeinflussen können, jedoch nicht als Ursache der Erkrankung anzusehen sind.
Klinisches Bild
Leitsymptom von ME/CFS ist die Post-Exertional Malaise (PEM) (Carruthers et al. 2011; Johns Hopkins Medicine, o. J.; NIH Roadmap 2024). Bereits geringe körperliche, kognitive oder emotionale Belastungen können zu einer deutlichen Verschlechterung der vorliegenden Symptomatik führen (➥ Abb. 1). Diese Verschlechterung tritt typischerweise nicht sofort, sondern mit einer zeitlichen Verzögerung von mehreren Stunden bis etwa 2 Tagen ein (Johns Hopkins Medicine, o. J.; Carruthers et al. 2011). Charakteristisch ist auch eine verzögerte Erholung, die Stunden, Tage oder sogar Wochen dauern kann. In schweren Fällen kann der Zustand auch dauerhaft verschlechtert bleiben. Hinzu kommt in der Regel eine ausgeprägte Fatigue (Carruthers et al. 2011). Der Begriff bezeichnet hier eine hochgradige Schwäche beziehungsweise physische und psychische Kraft- und Energielosigkeit (Zitat einer Erkrankten: „So, als wäre einem der Stecker herausgezogen worden“), ohne dass Ruhe zu einer Erholung führen würde (Habermann-Horstmeier 2025a). Anders als immer wieder zu lesen, versteht man unter der Fatigue bei ME/CFS also ausdrücklich keine verstärkte Müdigkeit!
Neben PEM und Fatigue treten bei ME/CFS noch zahlreiche weitere Symptome auf, deren Ursache in der Störung der Regulationssysteme des Körpers liegen. Hierzu gehören als wichtigste Symptombereiche:
- Konzentrationsstörungen („Brain Fog“ = das Gefühl, keinen klaren Gedanken fassen zu können; Carruthers et al. 2011; Habermann-Horstmeier u. Horstmeier 2025), Wortfindungsstörungen, Kopfschmerzen, Missempfindungen (→ Restless-legs-Symptome);
- ausgeprägte sensorische Überempfindlichkeiten (Carruthers et al. 2011; Habermann-Horstmeier u. Horstmeier 2025), zum Beispiel gegenüber Licht, Lärm, Gerüchen, Berührung;
- Schlafstörungen (McCarthy 2022): erhebliche, zentral bedingte Ein- und Durchschlafstörungen bis hin zur Umkehr des Tag-Nacht-Rhythmus mit Auswirkungen auf die zirkadianen Rhythmen physiologischer Prozesse im Körper;
- Sehstörungen (Habermann-Horstmeier u. Horstmeier 2025), unter anderem trockenes Auge, verschwommenes Sehen, Akkommodationsstörungen, vorübergehende Gesichtsfeldausfälle;
- Muskelbeschwerden (Nuzzo et al. 2026; Wirth u. Scheibenbogen 2021) wie Muskelschmerzen, Muskelzuckungen, -zittern und -krämpfe, Schweregefühl in den Muskeln des gesamten Körpers, sehr schnelle Ermüdung bei Bewegungen –bis hin zur vorübergehenden völligen Unfähigkeit, Bewegungen auszuführen;
- POTS mit Schwindel/Kollaps und Herzrasen, orthostatische Hypotonie (van Campen et al. 2020), ausgeprägte paradoxe Blutdruckreaktionen, nächtliche hypertensive Blutdruckspitzen;
- weitere Formen der vegetativen Dysregulation (z. B. Unfähigkeit, sich an Wärme oder Kälte anzupassen (s. Klinische Fachinformation für Ärztinnen und Ärzte), Dysfunktion der endokrinen und exokrinen Drüsen → trockene Haut, trockene Schleimhäute, Beeinträchtigung der Verdauung, Beeinträchtigung des Sehens etc.; Zinn u. Jason 2021; Thomas et al. 2022; s. ➥ Abb. 2);
- erhebliche Unverträglichkeiten gegenüber Nahrungsmitteln (Habermann-Horstmeier u. Horstmeier 2025) – im Extremfall werden kaum noch Nahrungsmittel oder Medikamente vertragen – und anderen Substanzen, die in Kontakt mit der Haut oder den Schleimhäuten kommen (z. B. Pflegemittel, Waschmittelreste auf der Kleidung, aber auch deutliche Reaktionen auf Mückenstiche etc.).
Die Symptomatik unterliegt meist erheblichen Schwankungen (Habermann-Horstmeier u. Horstmeier 2025). Die Art und die Schwere der Symptome kann sich von Stunde zu Stunde ändern. Darüber hinaus gibt es Hinweise auf eine unterschiedliche Symptomatik bei Männern und Frauen (Thomas et al. 2022; Lee u. Keller-Ross 2025) sowie bei prä- und postmenopausalen Frauen. Hinzu kommt, dass sich auch die Gewichtung der Symptome im Krankheitsverlauf ändert. Insbesondere der kurzzeitige Wechsel in der Art und der Schwere der Symptomatik kann die Einschätzung der Leistungsfähigkeit der Betroffenen im Arbeitsalltag erschweren. So kann eine betroffene Person morgens durchaus so wirken, als sei sie normal leistungsfähig, während es ihr am Nachmittag und den folgenden Tagen so schlecht geht, dass sie aufgrund des Kräftemangels Unterstützung bei den Aktivitäten des täglichen Lebens (z. B. beim Waschen und Ankleiden) benötigt. Die aktuelle Schwere der Symptomatik wird üblicherweise anhand der Bell-Skala (grobe Übersicht) oder über die PEM-Beurteilung mit Hilfe von FUNCAP55 beziehungsweise FUNCAP27 (alle siehe Online-Quellen) vorgenommen (s. ➥ Abb. 3).
Die Bedeutung für die betriebsärztliche Praxis
Betriebsärztinnen und Betriebsärzte stellen die Diagnose ME/CFS in der Regel nicht selbst. Sie sollten jedoch typische Warnsignale erkennen können (Carruthers et al. 2011; Deutsche Gesellschaft für ME/CFS, s. Online-Quellen; Habermann-Horstmeier 2025b). Hierzu gehören
- die fehlende Erholung nach einem Infekt,
- eine deutliche Belastungsintoleranz,
- wiederkehrende Zustandsverschlechterungen, zum Teil bereits nach minimaler Aktivität,
- eine ausgeprägte Fatigue im oben beschriebenen Sinne sowie
- eine Kombination aus neurologischen, vegetativen und immunologischen Beschwerden.
Insbesondere die gezielte Nachfrage nach einer PEM kann entscheidende Hinweise liefern (Carruthers et al. 2011; Johns Hopkins Medicine, o. J.) und zur weiteren fachärztlichen Abklärung veranlassen.
Arbeitsfähigkeit und Arbeitsplatzgestaltung
Das Leistungsvermögen von Menschen mit ME/CFS ist in der Regel deutlich reduziert (Vyas et al. 2022). Ihre Belastbarkeit kann zudem von Tag zu Tag stark schwanken (Habermann-Horstmeier u. Horstmeier 2025). Zahlreiche Untersuchungen haben inzwischen gezeigt, dass das klassische Konzept der Aktivierung und der stufenweisen Leistungssteigerung hier ungeeignet ist (NICE Guideline NG206, 2021, aktualisierte Fassung, NIH Roadmap 2024, Deutsche Gesellschaft für ME/CFS; s. Online-Quellen) und bei den Betroffenen vielfach zu einer dauerhaften, nicht mehr rückgängig zu machenden Verschlechterung führt.
Eine Beschäftigung ist in bestimmten Berufen (z. B. Büroberufe) vor allem bei milden Krankheitsverläufen möglich, wenn die Arbeitsbedingungen ausreichend flexibel gestaltet werden können. Geeignet sind insbesondere
- Homeoffice-Möglichkeiten,
- flexible Arbeitszeiten,
- ein reduzierter Arbeitsumfang,
- zusätzliche Erholungsphasen,
- eine reizarme Arbeitsumgebung, angepasst an die vorliegende Symptomatik,
- das Vermeiden von Zeitdruck,
- eine selbstbestimmte Arbeitsorganisation.
Bei ausgeprägten orthostatischen Beschwerden können auch besondere ergonomische Lösungen wie beispielsweise ein Liegearbeitsplatz und ein rollstuhlgerechter Zugang zum Arbeitsplatz erforderlich sein.
Pacing als zentrale Maßnahme
Im Gegensatz zur Situation bei vielen anderen chronischen Erkrankungen ist bei Menschen mit ME/CFS eine Aktivierung und eine Steigerung der vorliegenden Leistungsfähigkeit kontraindiziert (NICE Guideline NG206, 2021, aktualisierte Fassung). Zentrale Maßnahme ist vielmehr das Pacing, ein konsequentes Energiemanagement (Deutsche Gesellschaft für ME/CFS, Johns Hopkins Medicine, o. J.). Ziel des Pacings ist es, zu lernen, die individuellen Belastungsgrenzen strikt einzuhalten (Deutsche Gesellschaft für ME/CFS) und PEM-Episoden zu vermeiden. Dies erfordert häufige Anpassungen der Arbeitsorganisation. Daher ist es besonders wichtig, dass sich ein gemeinsames Verständnis zwischen der erkrankten Person und dem betriebsärztlichen Dienst entwickelt und darüber hinaus auch – mit dem Einverständnis der/des Erkrankten – die Vorgesetzten sowie die Kolleginnen und Kollegen mit einbezogen werden.
Betriebliches Eingliederungsmanagement
Es ist typisch für noch arbeitsfähige ME/CFS-Erkrankte, dass sie am Arbeitsplatz immer wieder ausfallen und längere Zeiten arbeitsunfähig sind. Daher sollte das Betriebliche Eingliederungsmanagements (BEM) an die Besonderheiten der Erkrankung angepasst werden. Standardisierte Programme mit obligatorischer Belastungssteigerung sind bei Menschen mit ME/CFS grundsätzlich nicht angebracht (Deutsche Gesellschaft für ME/CFS; Habermann-Horstmeier 2025b). Bei ihnen sollte eine stufenweise Wiedereingliederung individuell gestaltet und an den Prinzipien des Pacings ausgerichtet werden (Habermann-Horstmeier 2025b). Entscheidend ist hierbei nicht eine möglichst schnelle Steigerung der Arbeitsleistung, sondern die Vermeidung einer Überlastung mit nachfolgender PEM (NICE Guideline NG206, 2021, aktualisierte Fassung).
Reha-Maßnahmen
Darüber hinaus ist es wichtig, dass betroffene Beschäftigte nicht routinemäßig in traditionelle stationäre Rehabilitationsmaßnahmen, insbesondere mit psychosomatischer Ausrichtung oder standardisierten Aktivierungsprogrammen, überwiesen werden. Aktuelle Studiendaten zeigen, dass selbst speziell an ME/CFS angepasste stationäre Rehabilitationsprogramme keinen nachweisbaren Nutzen erbrachten und bei einem Teil der Patientinnen und Patienten mit einer Verschlechterung des Gesundheitszustandes verbunden waren (Rücker 2026). Betriebsärztinnen und Betriebsärzte kommt daher eine wichtige Lotsenfunktion zu. Sie sollten die krankheitsbedingten funktionellen Einschränkungen, insbesondere die belastungsinduzierte Zustandsverschlechterung (PEM), sorgfältig dokumentieren und gegenüber Rehabilitationsträgern und anderen beteiligten Stellen unter Bezugnahme auf den aktuellen wissenschaftlichen Kenntnisstand begründen. Dadurch kann dazu beigetragen werden, ungeeignete Rehabilitationsmaßnahmen zu vermeiden und stattdessen individuell angepasste, überwiegend ambulante rehabilitative und unterstützende Maßnahmen zu fördern, die sich an den Prinzipien des Pacings orientieren.
Fazit für die Praxis
ME/CFS ist eine schwere neuroimmunologische Multisystemerkrankung mit vielfach gravierenden Auswirkungen auf die Erwerbsfähigkeit. Das Kardinalsymptom PEM ermöglicht eine wichtige Abgrenzung gegenüber anderen Erkrankungen mit überschneidender Symptomatik. Zu den zentralen Aufgaben von Betriebsärztinnen und Betriebsärzten gehören hierbei die Früherkennung der Erkrankung, die arbeitsplatzbezogene Beratung und die Unterstützung bei Arbeitsplatzanpassungen und Wiedereingliederungsmaßnahmen.
Interessenkonflikt: Die Autorin gibt an, dass keine Interessenkonflikte vorliegen.
Literatur
Carruthers BM, van de Sande MI, De Meirleir KL et al.: Myalgic encephalomyelitis: International Consensus Criteria. J Intern Med 2011; 270: 327–338. https://doi.org/10.1111/j.1365-2796.2011.02428.x (Open Access).
de Sá K, Silva J, Bayarri-Olmos R et al.: A causal link between autoantibodies and neurological symptoms in long COVID. Cell 2026; 189: 3214–3235.e37. https://doi.org/10.1016/j.cell.2026.04.042.
Habermann-Horstmeier L: Das Handbuch ME/CFS. Patientenzentrierte Versorgung und interprofessionelle Handlungsempfehlungen. Göttingen: Hogrefe, 2025a.
Habermann-Horstmeier L: ME/CFS in der betriebsärztlichen Praxis. In: Broding HC (Hrsg.): Handbuch betriebsärztliche Praxis. 106. Erg.-Lfg. 6/2025. Landsberg: ecomed Medizin; 2025b. S. 1–27.
Schomerus G, Nicolas ML, Fritz F et al.: Welche Rolle spielt „die Psyche“? Long COVID und ME/CFS als Prüfsteine für eine evidenzbasierte und patient*innenorientierte Psychiatrie und Psychotherapie. Psychiatr Prax Suppl 2026; 53: 1–7. DOI:10.1055/a-2866-9127 (Open Access).
Wirth K, Scheibenbogen C: A unifying hypothesis of the pathophysiology of myalgic encephalomyelitis/chronic fatigue syndrome (ME/CFS): recognitions from the finding of autoantibodies against β2-adrenergic receptors. Autoimmun Rev 2020; 19: 102527. https://doi.org/10.1016/j.autrev.2020.102527 (Open Access).
Die komplette Literaturliste mit allen Quellen kann auf der ASU-Homepage beim Beitrag eingesehen werden (asu-arbeitsmedizin.com).
Online-Quellen
Bell-Skala
https://www.fatigatio.de/fileadmin/Projects/07_fatigatio/user_upload/PD…
FUNCAP55 – Fragebogen zur funktionellen Kapazität
https://www-static.funcap.no/wp-content/uploads/2025/03/FUNCAP55-deutsc…
FUNCAP27 – Fragebogen zur funktionellen Kapazität
https://www-static.funcap.no/wp-content/uploads/2025/06/FUNCAP27-Deutsc…
Deutsche Gesellschaft für ME/CFS. ME/CFS – Informationen für Arbeitgebende
https://www.mecfs.de/wp-content/uploads/2024/11/DG.MECFS_Informations-b…
NICE Guideline NG206. Myalgic encephalomyelitis (or encephalopathy)/chronic fatigue syndrome: diagnosis and management (2021, aktualisierte Fassung)
https://www.nice.org.uk/guidance/ng206
Die Fachinformation „Thermoregulationsstörungen bei ME/CFS unter Hitzestress“ wird in Heft 9 veröffentlicht und bildet den Auftakt zu einer neuen Reihe mit Fachinformationen zu arbeitsmedizinisch/betriebsärztlich relevanten Themen. Zudem kann die Fachinformation bereits online unter obigem Beitrag auf der ASU-Homepage eingesehen werden.
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