Recruiting young occupational physicians
The need for occupational medicine expertise is increasing, while many medical students have little exposure to the specialty. Recruitment succeeds when occupational medicine becomes visible early, offers practical experience, mentoring and reliable training pathways. This article outlines an integrated model linking undergraduate education, specialist training and regional networks.
Nachwuchs konsequent gewinnen
Der Bedarf an arbeitsmedizinischer Expertise wächst, während viele Studierende das Fach kaum kennenlernen. Nachwuchsgewinnung gelingt, wenn Arbeitsmedizin früh sichtbar wird, praktische Erfahrungen ermöglicht, Mentoring bietet und Weiterbildung verlässlich strukturiert. Der Beitrag skizziert ein durchgängiges Fördermodell für Studium, Weiterbildung und regionale Netzwerke.
Kernaussagen
- Arbeitsmedizinische Nachwuchsgewinnung beginnt im Studium und braucht praktische Lernorte.
- Famulaturen, PJ-Angebote, Hospitationen und Betriebsbegehungen sollten niedrigschwellig, sichtbar und verlässlich begleitet sein.
- Mentoring übersetzt ein häufig unbekanntes Fach in individuelle Berufswege und erhöht Bindung.
- Strukturierte Weiterbildung mit Curricula, Rotation, Supervision und regionalen Verbünden macht das Fach planbarer.
- Zukunftsthemen wie psychische Gesundheit, Klimawandel, Digitalisierung und Beschäftigungsfähigkeit sollten fallbezogen kommuniziert werden.
Ausgangslage
Die Arbeitsmedizin steht vor einer doppelten Aufgabe: Sie muss eine komplexer werdende Arbeitswelt präventiv begleiten und zugleich den eigenen ärztlichen Nachwuchs verlässlich gewinnen. Fachärztinnen und Fachärzte für Arbeitsmedizin beraten Arbeitgeberinnen und Arbeitgeber sowie Beschäftigte zu Arbeits- und Gesundheitsschutz, Unfallverhütung, arbeitsmedizinischer Vorsorge, Wiedereingliederung und gesundheitsgerechter Arbeitsgestaltung (Bundesagentur für Arbeit, siehe Online-Quellen). Damit verbindet das Fach klinisches Denken mit Prävention, Arbeitsschutz, Public Health, Sozialmedizin und organisationsbezogener Beratung zu gesundheitsgerechter Arbeitsgestaltung.
Die Dringlichkeit ergibt sich auch aus der allgemeinen ärztlichen Demografie. Nach der Ärztestatistik der Bundesärztekammer waren zum 31. Dezember 2024 rund 437.000 Ärztinnen und Ärzte berufstätig; zugleich weist die Bundesärztekammer auf den bevorstehenden Ruhestand vieler Ärztinnen und Ärzte hin. Bereits 23 % der berufstätigen Ärztinnen und Ärzte waren älter als 60 Jahre, mehr als 40.000 hatten das 65. Lebensjahr überschritten (Bundesärztekammer 2025, siehe Online-Quellen). Diese Entwicklung betrifft die kurative Versorgung ebenso wie präventive Fächer.
Für die Arbeitsmedizin kommt eine weitere Hürde hinzu: Viele Studierende erleben das Fach im Studium nur punktuell. Häufig bleibt ein verkürztes Bild zurück, das arbeitsmedizinische Vorsorge, Untersuchungen oder gesetzliche Betreuung in den Vordergrund stellt. Weniger sichtbar sind die gestaltenden Aufgaben im Betrieb: Beratung bei Gefährdungsbeurteilungen, Begehungen, Präventionsprojekten, Umgang mit psychischen Belastungen, alternsgerechter Arbeit, Hitzeprävention, Digitalisierung oder Wiedereingliederung. Nachwuchsgewinnung muss deshalb nicht nur informieren, sondern das Fach erfahrbar machen.
Was die Fachwahl beeinflusst
Die Fachgebietswahl entsteht nicht erst am Ende des Studiums. Eine Befragung an der Universitätsmedizin Rostock zeigte, dass eigene klinische Erfahrungen, Patientenkontakt und Work-Life-Balance wichtige Kriterien der späteren Facharztwahl sind; als wichtigste Komponente wurde die eigene klinische Erfahrung identifiziert (Gebhard u. Müller-Hilke 2019). Eine systematische Übersichtsarbeit beschreibt darüber hinaus akademisches Interesse, Kompetenzerleben, planbare Arbeitszeiten, Mentorinnen und Mentoren, Lehrende sowie Karrierechancen als relevante Einflussgrößen (Yang et al. 2019).
Für die Arbeitsmedizin folgt daraus eine einfache Konsequenz: Sichtbarkeit allein reicht nicht. Studierende und junge Ärztinnen und Ärzte müssen erleben, welche Fragen das Fach bearbeitet, welche Verantwortung es trägt und welche beruflichen Entwicklungsmöglichkeiten es eröffnet. Dazu gehören praktische Lehrformate, persönliche Begegnungen, belastbare Weiterbildungspfade und sichtbare Vorbilder. Wo solche Erfahrungen fehlen, bleibt die Arbeitsmedizin abstrakt. Wo sie gut gestaltet werden, kann sie als modernes, ärztliches Präventionsfach überzeugen.
Vom Einzelangebot zum Fördermodell
Nachwuchsgewinnung gelingt nicht durch einzelne Werbemaßnahmen. Erforderlich ist ein durchgängiges Fördermodell, das vom ersten Kontakt im Studium bis zur fachärztlichen Weiterbildung reicht. Dieses Modell sollte sechs Elemente verbinden: frühe curriculare Sichtbarkeit, praktische Lernorte, Famulaturen und PJ-Angebote, Mentoring, strukturierte Weiterbildung sowie wissenschaftliche und berufliche Anschlussfähigkeit.
Frühe Sichtbarkeit entsteht durch Lehrveranstaltungen mit Fallbezug, Betriebsbegehungen und interprofessionelle Formate. Ein Fall zur Wiedereingliederung nach psychischer Erkrankung, zur Hitzeprävention in einer Fertigung, zu Gefahrstoffen oder zur ergonomischen Gestaltung eines Arbeitsplatzes zeigt unmittelbarer als jede Imagebroschüre, dass Arbeitsmedizin konkrete Probleme löst. Solche Beispiele machen die Schnittstellen zu Innerer Medizin, Allgemeinmedizin, Psychiatrie, Orthopädie, Public Health, Recht und Technik nachvollziehbar.
Famulaturen und PJ-Tertiale sollten aktiv beworben und organisatorisch erleichtert werden. Für Studierende ist entscheidend, ob ein Angebot auffindbar, planbar und persönlich begleitet ist. Eine klare Ansprechperson, kurze Informationen zu Lernzielen, Einsatzorten und typischen Tätigkeiten sowie eine verlässliche Rückmeldung nach der Hospitation senken die Einstiegshürde. Gute Nachwuchsförderung beginnt oft mit sehr praktischen Fragen: Wer nimmt mich mit zur Begehung? Welche Fälle darf ich sehen? Was lerne ich in zwei Wochen? Welche Perspektive habe ich danach?
Mentoring als Bindeglied
Mentoring ist mehr als freundliche Begleitung. Es übersetzt ein zunächst unbekanntes Fach in individuelle Berufswege. Junge Ärztinnen und Ärzte möchten wissen, welche klinischen Vorerfahrungen sinnvoll sind, wie die Weiterbildung aufgebaut ist, welche Rotationen möglich sind und wie sich Arbeitsmedizin mit Familie, Forschung, Führung oder einer späteren Tätigkeit in Unternehmen, überbetrieblichen Diensten, Behörden oder wissenschaftlichen Einrichtungen verbinden lässt.
Ein niedrigschwelliges Mentoring kann aus regelmäßigen Gesprächen, Hospitationen, Fallbesprechungen, Kontakten zu Weiterzubildenden und Einblicken in fachliche Netzwerke bestehen. Entscheidend ist Verlässlichkeit. Wer Nachwuchs gewinnen will, sollte nicht nur für ein Fach werben, sondern einen realistischen Weg anbieten.
Weiterbildung transparent machen
Nach der (Muster-)Weiterbildungsordnung umfasst die Weiterbildung zur Fachärztin oder zum Facharzt für Arbeitsmedizin 60 Monate, davon 24 Monate in einem Gebiet der unmittelbaren Patientenversorgung. Hinzu kommt eine 360-stündige Kurs-Weiterbildung Arbeitsmedizin/Betriebsmedizin. Maßgeblich ist jedoch die jeweils geltende Weiterbildungsordnung der zuständigen Landesärztekammer. Die genannten Eckdaten entsprechen der Musterregelung, verbindlich sind aber die Regelungen der Landesärztekammern (VDBW, siehe Online-Quellen). Für Interessierte ist diese Struktur attraktiv, aber erklärungsbedürftig. Sie müssen wissen, welche Landesärztekammer zuständig ist, wer weiterbildungsbefugt ist, welche klinischen Zeiten anerkannt werden, welche Teilzeitmodelle möglich sind und wie Kursangebote erreichbar sind.
Weiterbildungsverbünde können hier ein wichtiges Zukunftsmodell sein. Solche Verbünde könnten Universitäten, Kliniken, arbeitsmedizinische Dienste, Unternehmen, überbetriebliche Anbieter und gegebenenfalls Forschungseinrichtungen verbinden. Ein solcher Verbund sollte nicht nur formal existieren, sondern mit Curricula, Rotationen, Supervision, Fallseminaren und Evaluation hinterlegt sein. Gute Weiterbildung braucht erkennbare Lernziele und eine Kultur, in der Fragen, Feedback und fachliche Entwicklung ausdrücklich erwünscht sind.
Bestehende Initiativen nutzen
Die Arbeitsmedizin beginnt nicht bei null. Fachgesellschaften, Berufsverbände und Bündnisse haben in den vergangenen Jahren bereits Strukturen geschaffen, die Sichtbarkeit und Einstiegsmöglichkeiten verbessern. Das Aktionsbündnis Arbeitsmedizin wurde 2014 während der 54. DGAUM-Jahrestagung initiiert und fördert unter anderem Weiterbildungskurse, Famulaturen, PJ-Tertiale, arbeitsmedizinische Promotionen, wissenschaftliche Qualifizierungen sowie Maßnahmen zur Verbesserung von Aus-, Fort- und Weiterbildung (DGAUM, siehe Online-Quellen).
Der VDBW und weitere Akteure bieten Fortbildungs- und Austauschformate an, unter anderem Webmeetings für Ärztinnen und Ärzte in Weiterbildung (VDBW, siehe Online-Quellen). Solche Angebote sind wertvoll, weil sie Orientierung geben und Zugehörigkeit schaffen. Entscheidend ist, dass sie an den Lernorten vor Ort bekannt sind und aktiv vermittelt werden. Nachwuchsförderung wird wirksamer, wenn bundesweite Initiativen, regionale Netzwerke und konkrete persönliche Kontakte ineinandergreifen.
Regionale Lernräume schaffen
Regionale Ausbildungs- und Kooperationsräume können die Arbeitsmedizin besonders anschaulich machen. Der Medizincampus Wolfsburg ist nach Angaben der Universitätsmedizin Göttingen zweiter Studienstandort der UMG und entstand auf Grundlage einer Kooperation zwischen der UMG, der Stadt Wolfsburg und der ansässigen Volkswagen AG (Universitätsmedizin Göttingen, siehe Online-Quellen). Dort können Studierende praktische Lehrveranstaltungen im klinischen Studienabschnitt besuchen; seit dem Sommersemester 2024 werden Module des dritten klinischen Semesters und seit dem Wintersemester 2024/25 auch Lehrveranstaltungen des vierten klinischen Semesters angeboten. Ab dem Sommersemester 2025 können Studierende praktischen Unterricht in Modulen des dritten, vierten und fünften klinischen Semesters absolvieren.
Für die Arbeitsmedizin liegt die Chance solcher Standorte nicht darin, sie vorschnell als fertige arbeitsmedizinische Weiterbildungszentren zu beschreiben. Ihr Potenzial besteht vielmehr darin, klinische Versorgung, kommunale Perspektive und industrielle Arbeitswelt miteinander zu verbinden. Dadurch können Studierende erleben, dass Gesundheit nicht erst in der Praxis oder Klinik entsteht, sondern auch in Arbeitsprozessen, Organisationen, Führung, Prävention und Teilhabe gestaltet wird.
Zukunftsthemen offensiv zeigen
Die Themen der kommenden Jahre sprechen für die Arbeitsmedizin: psychische Gesundheit, gesunde Führung, Schichtarbeit, Ergonomie, alternsgerechte Arbeit, Klimawandel und Hitze, Digitalisierung, KI-Anwendungen, Datenschutz, muskuloskelettale Erkrankungen, Beschäftigungsfähigkeit und Transformation industrieller Arbeit. Diese Themen sind klinisch relevant, gesellschaftlich aktuell und betrieblich konkret.
Damit junge Ärztinnen und Ärzte diese Breite erkennen, sollte die Kommunikation weniger abstrakt und stärker fallbezogen werden. Statt nur von Prävention zu sprechen, können konkrete Situationen gezeigt werden: eine Begehung in einem Produktionsbereich, eine Beratung zur Wiedereingliederung, eine arbeitsmedizinische Bewertung bei Hitze, ein Projekt zur Vermeidung muskuloskelettaler Belastungen oder eine interdisziplinäre Fallkonferenz. Digitale Medien können diese Sichtbarkeit unterstützen, ersetzen aber nicht die echte Praxiserfahrung im Betrieb.
Qualität prüfen und politisch verankern
Nachwuchsprogramme sollten nicht nur angeboten, sondern auch überprüft werden. Einfache Qualitätsindikatoren reichen für den Anfang aus: Anzahl der Teilnehmenden, Anschlusskontakte nach Lehrveranstaltungen, Famulaturen, PJ-Wahlentscheidungen, begonnene Weiterbildungen, Zufriedenheit der Teilnehmenden und Rückmeldungen von Mentorinnen und Mentoren. So wird sichtbar, welche Formate tatsächlich Zugänge schaffen.
Zugleich braucht die Arbeitsmedizin eine stärkere strukturelle und politische Verankerung. Ihr Beitrag zur Beschäftigungsfähigkeit, zur Prävention arbeitsbedingter Erkrankungen, zur Transformation der Arbeitswelt und zur Stabilität von Unternehmen und Sozialversicherungssystemen sollte klarer benannt werden. Nachwuchsförderung ist damit nicht nur eine Personalfrage einzelner Dienste, sondern Teil einer präventiven Systemleistung.
Fazit
Die Nachwuchsgewinnung in der Arbeitsmedizin ist eine gemeinsame Aufgabe von Universitäten, Weiterbildungseinrichtungen, Fachgesellschaften, Berufsverbänden, Unternehmen und Förderinstitutionen. Entscheidend sind belastbare Strukturen statt einzelner Kampagnen: frühe Sichtbarkeit im Studium, praktische Erfahrungen, Mentoring, transparente Weiterbildung, wissenschaftliche Perspektiven und regionale Kooperation. Arbeitsmedizin kann junge Ärztinnen und Ärzte gewinnen, wenn sie als ärztliches Fach erkennbar wird, das Prävention, klinisches Denken, Forschung und Gestaltung gesunder Arbeit verbindet.
Wer Nachwuchs gewinnen will, sollte deshalb nicht nur erklären, was Arbeitsmedizin ist. Er sollte zeigen, wo sie wirkt, welche Verantwortung sie trägt und welchen professionellen Gestaltungsspielraum sie bietet. Dann wird aus einem wenig sichtbaren Fach ein attraktiver Berufsweg für Ärztinnen und Ärzte, die Medizin präventiv, interdisziplinär und nah an der Lebenswelt Arbeit gestalten möchten.
Interessenkonflikt: Der Autor gibt an, dass keine Interessenkonflikte vorliegen.
Literatur
Gebhard A, Müller-Hilke B: Kriterien von Medizinstudierenden für die Auswahl ihrer zukünftigen klinischen Weiterbildung. GMS Journal for Medical Education 2019; 36: Doc76. doi:10.3205/zma001284 (Open Access)
Yang Y, Li J, Wu X et al.: Factors influencing subspecialty choice among medical students: a systematic review and meta-analysis. BMJ Open 2019; 9: e022097. doi:10.1136/bmjopen-2018-022097 (Open Access).
Online-Quellen
Bundesagentur für Arbeit: BERUFENET: Facharzt/-ärztin Arbeitsmedizin. Aufgabenprofil, Weiterbildung und Tätigkeitsfelder
https://web.arbeitsagentur.de/berufenet/beruf/8684
Bundesärztekammer: Ärztestatistik 2024. Ergebnisse der Ärztestatistik zum 31.12.2024
https://www.bundesaerztekammer.de/baek/ueber-uns/aerztestatistik/2024
Deutsche Gesellschaft für Arbeitsmedizin und Umweltmedizin (DGAUM): Aktionsbündnis Arbeitsmedizin. Nachwuchsförderung
https://dgaum.de/ausbildungsweg/nachwuchsfoerderung/aktionsbuendnis-arb…
Universitätsmedizin Göttingen: Medizincampus Wolfsburg MCW. Zweiter Studienstandort der Universitätsmedizin Göttingen
https://www.umg.eu/studium-lehre/medizincampus-wolfsburg-mcw/
Verband Deutscher Betriebs- und Werksärzte (VDBW): Fortbildungen und Webmeeting „Arbeitsmedizin für Weiterzubildende“
https://www.vdbw.de/fortbildung/cat/fortbildungen/
Verband Deutscher Betriebs- und Werksärzte (VDBW): Weiterbildung zur Erlangung der Gebietsbezeichnung Arbeitsmedizin bzw. Zusatzbezeichnung Betriebsmedizin
https://www.vdbw.de/arbeits-und-betriebsmedizin/weiterbildung/page