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Liebe Leserinnen und Leser,
die Kernaufgabe der Arbeits-, Sozial- und Umweltmedizin ist es, den Menschen in seiner Gesamtheit und in Wechselwirkung mit seiner Umwelt zu betrachten. Wir untersuchen komplexe Zusammenhänge und stellen uns Fragen wie: Wie wirken chemische Toxine, psychischer Stress, soziale Arbeitsbedingungen und biologische Erreger auf den menschlichen Organismus ein? Doch je komplexer die Herausforderungen unserer Zeit werden, desto dringlicher wird es, uns als wissenschaftliche Gemeinschaft in diesem Zusammenhang auch eine selbstkritische Frage zu stellen: Passt denn das wissenschaftliche Publikationssystem, mit dessen Hilfe wir unsere Studienergebnisse publik machen, in seiner jetzigen Form überhaupt noch, um echte wissenschaftliche Durchbrüche zuzulassen?
In seinem aktuellen Werk „Nexus“ warnt der Historiker Yuval Noah Harari eindringlich vor einer strukturellen Trägheit moderner Informationsnetzwerke (Harari 2024). Er legt dar, dass bürokratische Systeme – zu denen auch das akademische Publikationswesen mit seinen starren Peer-Review-Verfahren gehört – dazu neigen, den Erhalt der bestehenden Ordnung und den Konsens auf der Basis etablierten Wissens über die Suche nach neuen Wahrheiten zu stellen. Das System filtert das Unkonventionelle oft instinktiv heraus, weil es nicht in den gängigen, linearen Bewertungsrahmen passt.
Die Geschichte der Medizin zeigt, wie recht Harari mit dieser Analyse hat, wenn wir uns zum Beispiel an Harald zur Hausen und dessen These erinnern, dass Gebärmutterhalskrebs durch Viren (HPV) ausgelöst wird. Er wurde jahrzehntelang vom medizinischen Establishment belächelt und blockiert – bis er 2008 den Nobelpreis erhielt (Zur Hausen 2002). Ein weiteres Beispiel sind Robin Warren und Barry Marshall, die durch einen Selbstversuch ihre Theorie beweisen mussten, dass das Bakterium Helicobacter pylori für die Entstehung von Magengeschwüren verantwortlich ist – eine Theorie, die von der etablierten Fachwelt kategorisch abgelehnt wurde (Marshall u. Warren 1984). Sie erhielten den Nobelpreis im Jahr 2005. Oder wenn wir an Katalin Karikó denken, deren Anträge auf Forschungsförderung für die mRNA-Technologie über Jahre hinweg konsequent abgelehnt wurden, weil man die Idee für zu riskant und unrealistisch hielt (Karikó et al. 2008; Nobelpreis 2023). Ohne ihre Hartnäckigkeit gegen die Widerstände des akademischen Betriebs hätte die COVID-19-Pandemie nicht so schnell eingedämmt werden können. Es ist offensichtlich, dass unser akademisches System selten aus Einsicht lernt, sondern eher in Krisen dazu gezwungen wird.
Eine solche Krise erleben wir aktuell als Folge der COVID-19-Pandemie bei den postinfektiösen und umweltassoziierten Systemerkrankungen wie ME/CFS (Myalgische Enzephalomyelitis/Chronic Fatigue Syndrome) und Long COVID. Jahrzehntelang wurde ME/CFS in eine psychosomatische Nische gedrängt, weil es nicht in das lineare, reduktionistische Denken der klassischen Medizin passte. Sie sucht für jede Krankheit einen spezifischen Defekt in einem Organ. Und bisher gab es ja auch viele Erfolge bei der Anwendung dieser Art des Denkens. Neuere Arbeiten aus der Systembiologie zeigen jedoch als Basis der Entstehung von chronischen Erkrankungen einen völlig anderen, netzwerkbasierten Mechanismus (z. B. Naviaux 2014 mit Wang et al. 2023).
Warum dringen solche Erkenntnisse so langsam in den klinischen Alltag vor? Es ist für klassische Förderkommissionen und traditionelle Fachzeitschriften nach wie vor einfacher, in linearen Kausalitäten zu denken („Virus X ruft Symptom Y hervor“), als multikausale, systemische Netzwerke zu begreifen. Die ASU möchte dieses Nadelöhr des Wissenskreislaufs bewusst aufbrechen. Wir wollen nicht nur den etablierten Konsens wiedergeben, sondern auch neuen, unkonventionellen, systemischen Ideen eine Plattform bieten. Das heißt, wir wollen in unserem Wissenschaftsteil ab sofort explizit auch Forschungsansätze publizieren, die dem Mainstream widersprechen oder tradierte Dogmen infrage stellen, wenn sie methodisch sauber begründet und mit validen Daten unterlegt sind.
Wir laden daher alle Forscherinnen und Forscher ein, interdisziplinär und unkonventionell zu denken. Die Fälle von zur Hausen, Warren und Marshall, Karikó und die aktuelle Debatte um ME/CFS sollten uns lehren, dass die Medizin der Zukunft in der Regel nicht auf dem alten Konsens beruht, sondern dass es Mut zu neuen Perspektiven braucht.
Dr. med. Lotte Habermann-Horstmeier, MPH, MSc.
Chefredakteurin der ASU