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Neu in der Arbeitsmedizin?
Die Arbeitsgruppe Next Generation der DGAUM hat ein Mentoring-Programm ins Leben gerufen. Das Projekt bringt erfahrene Arbeitsmedizinerinnen und Arbeitsmediziner mit Nachwuchskräften zusammen und schafft so ein bundesweites Netzwerk für Austausch, Karriereorientierung und fachliche Weiterentwicklung. Deutschlandweit engagieren sich mittlerweile 20 erfahrene Mentorinnen und Mentoren im Rahmen des 2021 gestarteten Programms. Sie kommen aus Wissenschaft, Unternehmen oder aus überbetrieblichen Diensten und stehen jeweils einzelnen Mentees oder kleinen Gruppen von Nachwuchskräften vertraulich zur Seite bei Fragen zu Berufseinstieg, Weiterbildung oder Karriereplanung. Das Mentoring-Programm wurde 2026 von der DGAUM mit dem Innovationspreis ausgezeichnet.
Dr. med. Hildegard Lenze ist seit acht Jahren Fachärztin für Arbeitsmedizin und Innere Medizin und seit zwei Jahren leitende Ärztin im Werksarztzentrum Limburg e. V. Frau Lenze freut sich, dass sie im Rahmen des Mentoring-Programms ihr Wissen an jüngere Kolleginnen und Kollegen weitergeben kann. In einem Gespräch mit uns berichtet sie über ihre sehr bereichernden Erfahrungen, denn auch sie profitiert vom Austausch.
Es heißt oft, die Arbeitsmedizin ist die zweite Liebe. Was zeichnet das Fach aus?
H. Lenze: In die Arbeitsmedizin kommt man meistens auf Umwegen; der typische Karriereweg führt über eine längere klinische Tätigkeit in dieses Fach. Die Arbeitsmedizin ist jedoch nicht „nur“ ein anderes Fach. Die Arbeitsmedizin ist von Grund auf anders: Statt Patientinnen und Patienten werden in erster Linie Beschäftigte bzw. Probandinnen und Probanden betreut, statt auf der therapeutischen Intervention liegt der Fokus plötzlich klar auf Prävention. Für viele Kolleginnen und Kollegen, die neu in dieses Fach kommen, bedeutet das neben einem neuen Aufgabenbereich auch einen Identitätswechsel.
Wie unterstützen Sie die Kolleginnen und Kollegen dabei, ihre neue Rolle zu finden?
H. Lenze: Wie herausfordernd der Übergang sein kann, habe ich selbst erlebt. Deshalb ist es mir ein besonderes Anliegen, junge Kolleginnen und Kollegen beim Wechsel in die Arbeitsmedizin zu unterstützen und für sie eine „Abkürzung“ durch den Dschungel aus Regeln und Paragrafen zu schaffen. Neben der Rolle als Vorbild im neuen Tätigkeitsfeld möchte ich aufzeigen, dass ich auch weiterhin vor allem Ärztin bin: Ich arbeite mit und für Menschen und deren Gesundheit. Darüber hinaus bin ich aber auch Gutachterin, Technikerin und, hier wird es ganz wichtig: Ich bin Jongleurin. Als Arbeitsmedizinerin habe ich zwar primär die Interessen und den Gesundheitsschutz der Mitarbeitenden im Blick, darf dabei aber auch die Interessen des jeweiligen Betriebs nicht aus den Augen verlieren. Daraus resultieren manchmal Fallstricke, für die man sensibilisiert sein muss. Eine weitere bedeutende Lektion, die man besser rechtzeitig lernt, ist, dass die Tätigkeit als Arbeitsmediziner permanent im Spannungsfeld an der Grenze zum Arbeitsrecht stattfindet.
Worum geht es im Kern beim Mentoring?
H. Lenze: Kurz gesagt: Beim Mentoring geht es darum, Wissen und persönliche Erfahrung zugänglich zu machen, den Rollenwechsel zu begleiten und damit wertvolle Unterstützung für individuelle Werdegänge zu leisten. Betreut man mehrere Mentees, können sie zusätzlich durch wechselseitigen Austausch voneinander profitieren. Networking ist ein wichtiger Teil unserer Arbeit, nicht nur im Hinblick auf Weiterbildung und Mentoring.
Welche zentralen Botschaften vermitteln Sie Ihren Mentees?
H. Lenze: Die erste wichtige Botschaft, die ich meinen Mentees vermittle: Lerne Dich rauszuhalten und lass Dir eine genaue Fragestellung geben. Was ist der Auftrag? Die zweite Botschaft: Definiere Deinen Standpunkt, nämlich den des/der medizinischen Sachverständigen. Mit „Raushalten“ meine ich nicht: ohne Engagement. Ich weiß inzwischen, über welche Kanäle im Betrieb ich gehen muss, um für die Mitarbeitenden etwas zu erreichen. Jeder Betrieb ist anders. Wer auf welcher Ebene ist mein Ansprechpartner? Sind die Erwartungen, die an mich gestellt werden, sinnvollerweise leistbar? Und drittens: Wie komme ich zu einem angemessenen betriebswirtschaftlichen Denken? Wie rechne ich ab, ohne mich dabei als Verkäufer zu fühlen? Diese arbeitsmedizinischen bzw. betriebsärztlichen Soft Skills finden sich in keinem Lehrbuch, sind aber unverzichtbar für ein erfolgreiches Agieren im betrieblichen Arbeitsschutz. Arbeitsmedizin lernt man eben nur bedingt aus Büchern. Umso wichtiger sind Konzepte wie das Mentoring-Programm der AG Next Generation, die den Erfahrungsschatz langjährig tätiger Arbeitsmediziner und Arbeitsmedizinerinnen für junge Kolleginnen und Kollegen zugänglich und greifbar machen.
Auf welche Erfahrungen können Sie als Mentorin zurückblicken?
H. Lenze: Es macht Spaß! Ich profitiere persönlich sehr vom Austausch mit den Kolleginnen und Kollegen, die ich in unserer Mentoring-Partnerschaft betreue. Es bringt mich persönlich und fachlich weiter, schafft neue Perspektiven und liefert oft interessanten und wichtigen Input. Die Diskussionen sind bereichernd und auf Augenhöhe. Für mich persönlich ist es auch sehr spannend, Mentees mit unterschiedlichen Persönlichkeiten in unterschiedlichen Ausbildungs- und Karrierestufen zu betreuen. Eine meiner Mentees stand noch ganz am Anfang, als wir uns kennenlernten. Sie arbeitete als Assistenzärztin in der Inneren Medizin, plante ihren Weg in die Arbeitsmedizin und wurde vor allem von der Frage bewegt, welches weitere Fach aus der unmittelbaren Patientenversorgung für die zukünftige Tätigkeit als Arbeitsmedizinerin sinnvoll wäre. Meine zweite Mentee ist mittlerweile Fachärztin für Arbeitsmedizin, was die Gelegenheit bietet, „fachzusimpeln“ und aktuelle arbeitsmedizinische Fragestellungen in der Tiefe und aus unterschiedlichen Blickwinkeln zu diskutieren.
Was nehmen Sie für Ihren beruflichen Alltag mit?
H. Lenze: Der Austausch und die Interaktion auf diesen verschiedenen Ebenen ergänzt und bereichert auch die Weiterbildungstätigkeit im eigenen Haus. Schwierige Situationen im Arbeitsalltag können im Kontext des weiter oben beschriebenen Spannungsfeldes zu jeder Ausbildungs- und Karrierestufe auftreten und den Austausch mit Kolleginnen oder Kollegen zu einer sehr wertvollen Ressource machen.
Was möchten Sie abschließend mitgeben?
H. Lenze: Wir Arbeitsmediziner sind oft genug allein unterwegs – insofern: Input geben, Erfahrungen teilen, Perspektivwechsel wagen, Netzwerke schaffen – davon profitieren nicht nur die Mentees, sondern letztendlich wir alle.
Danke an diesem Punkt auch an das Organisationsteam der AG Next Generation der DGAUM. Unsere Diskussionsrunden in den Online-Meetings und vor Ort beim Forum unserer AG bei der Jahrestagung der DGAUM bringen mich auf neue Ideen und tragen sukzessive dazu bei, uns deutschlandweit zu vernetzen.
Ich kann daher meinen erfahrenen Kolleginnen und Kollegen nur empfehlen, sich ebenfalls zu engagieren – es lohnt sich in jedem Fall!
Sie haben Interesse am Mentoring-Programm der DGAUM-Arbeitsgruppe AG NEXT GENERATION? Nehmen Sie Kontakt mit uns auf:
Dr. med. Anna Wolfschmidt-Fietkau
Institut und Poliklinik für Arbeits-, Sozial- und Umweltmedizin
Friedrich-Alexander-Universität (FAU) Erlangen-Nürnberg
Anna.Wolfschmidt@fau.de
Priv.-Doz. Dr. med. Rüdiger Görtz
BG prevent GmbH
Gesundheitszentrum Nürnberg
ruediger.goertz@bg-prevent.de