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Diskriminierungserfahrungen von Pflegenden: Vorstellung der Everyday Discrimination Scale

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Experiences of discrimination among caregivers: ­Introduction to the Everyday Discrimination Scale

Workplace discrimination is a psychosocial stressor that frequently occurs in nursing and impacts the health of those affected. The American Everyday Discrimination Scale (EDS) is used to assess discrimination. The EDS has been adapted for professional nurses and translated into German and Turkish. The EDS is now available for conducting risk assessments of psychological stress that take discrimination into account.

Diskriminierungserfahrungen von Pflegenden: ­Vorstellung der Everyday Discrimination Scale

Diskriminierung am Arbeitsplatz ist eine psychosoziale Belastung, die in der Pflege häufig auftritt und Auswirkungen auf die Gesundheit der Betroffenen hat. Zur Erfassung von Diskriminierung wird die amerikanische Everyday Discrimination Scale (EDS) eingesetzt. Die EDS wurde für professionell Pflegende angepasst und ins Deutsche sowie Türkische übersetzt. Für eine Gefährdungsbeurteilung psychischer Belastungen, die Diskriminierung berücksichtigt, steht die EDS nun zur Verfügung.

Kernaussagen

  • Diskriminierung am Arbeitsplatz kommt regelmäßig und aus verschiedenen Gründen vor. ­Geschlecht, Religion oder Migration sind häufige Gründe für Diskriminierung.
  • Diskriminierung kann negative Folgen für die Gesundheit der Betroffenen und für die ­betroffene Arbeitsgruppe bzw. Organisation haben.
  • Pflegende mit Migrationshintergrund sind häufiger als andere Pflegende von Diskriminierung betroffen.
  • Belastungen durch Diskriminierung sollten bei der Gefährdungsbeurteilung psychischer Belastungen insbesondere in der Pflege, aber auch in anderen Bereichen berücksichtigt werden.
  • Mit der Everyday Discrimination Scale (EDS) in deutscher und türkischer Sprache stehen validierte Instrumente zur systematischen Erfassung von Diskriminierung am Arbeitsplatz zur Verfügung.

Diskriminierung in der Arbeitswelt

Diskriminierung kann in allen Lebensbereichen auftreten, auch am Arbeitsplatz (Nunez-Smith et al. 2009; Baptiste 2015). Sie kann sich auf sichtbare Merkmale wie Geschlecht, Alter, ethnische Herkunft oder Behinderung beziehen, aber auch auf weniger erkennbare Merkmale wie Religion, Weltanschauung, sexuelle Orientierung oder Geschlechtsidentität (Beigang et al. 2017; Kouta u. Kaite 2011). In der wissenschaftlichen Literatur wird Diskriminierung meist auf drei Ebenen betrachtet: institutionell, strukturell und individuell. In­stitutionelle Diskriminierung umfasst organisatorische Praktiken, die bestimmte Gruppen systematisch benachteiligen. Strukturelle Diskriminierung bezeichnet gesellschaftlich verankerte Ungleichheiten, die zu ungleichen Teilhabechancen führen. Individuelle Diskriminierung äußert sich im zwischenmenschlichen Verhalten, das auf Vorurteilen oder Stereotypen basiert. Diskriminierung kann sowohl direkt (unmittelbar) als auch indirekt (mittelbar) auftreten (Beigang et al. 2017).

Diskriminierung am Arbeitsplatz kann sich nicht nur negativ auf die physische und psychische Gesundheit der Betroffenen auswirken (Caqueo-Urízar et al. 2021), sondern auch auf die Organisation, etwa durch Beeinträchtigungen der Arbeitszufriedenheit, Motivation, Teamdynamik und Organisationskultur. Sie kann zu erhöhter Fluktuation, verminderter Leistungsbereitschaft und einer geringeren Attraktivität eines Berufs oder einer Einrichtung führen. Darüber hinaus kann Diskriminierung dazu beitragen, dass Organisationen für bestimmte Bevölkerungsgruppen weniger attraktiv werden, was die Rekrutierung und Bindung von qualifizierten Beschäftigten erschwert (Pascoe et al. 2009; Volpone u. Avery 2013; Wood et al. 2013).

Internationale Studien zeigen, dass Pflegekräfte diskriminierendes Verhalten besonders häufig von Pflegebedürftigen und deren Angehörigen erfahren (Shields u. Price 2002; Larsen 2007; Xu et al. 2008; Tregunno et al. 2009). Hiervon sind im Besonderen Pflegekräfte aus marginalisierten Gruppen betroffen, beispielsweise lesbische, schwule, bisexuelle und transgender (LGBT; Eliason et al. 2011), männliche (Kouta u. Kaite 2011) und ältere Pflegekräfte sowie Pflegekräfte mit körperlicher Behinderung oder Einschränkung (Wood u. Marshall 2010).

Die Everyday Discrimination Scale (EDS), ursprünglich von Williams et al. (1997) entwickelt, ist ein international etabliertes Instrument zur Erfassung alltäglicher Diskriminierung. Sie wird in verschiedenen Ländern und Populationen eingesetzt und gilt als zuverlässiges Maß für wiederkehrende, subtile Formen unfairer Behandlung. Die Originalfassung der EDS umfasst neun Items, die auf einer sechsstufigen Likert-Skala beantwortet werden und die Häufigkeit von Erfahrungen wie unhöflicher oder respektloser Behandlung, Beschimpfungen oder Bedrohungen erfassen. Die Teilnehmenden an der Erhebung werden gefragt, wie oft sie eine der Diskriminierungen erleben. Null steht dabei für nie, eins für weniger als einmal im Jahr, zwei für mehrmals im Jahr, drei für mehrmals im Monat, vier für wöchentlich und fünf für (fast) täglich. Personen, die angeben, eine oder mehrere der beschriebenen Situationen erlebt zu haben, werden zusätzlich gebeten, den Hauptgrund zu benennen, den sie für diese Erfahrungen verantwortlich machen.

Obwohl die EDS in Studien zum Thema Diskriminierung herangezogen wurde, existierte bisher keine entsprechende Anpassung für das Gesundheitspersonal im Allgemeinen und das Pflegepersonal im Besonderen. Vor diesem Hintergrund zielten die beiden Untersuchungen von Ulusoy et al. (2023) und Ulusoy et al. (2024) darauf ab, die EDS auf das Pflegepersonal in Deutschland und der Türkei zu übertragen und anzupassen sowie ihre Reliabilität und Validität zu überprüfen. Ferner wurde die Messäquivalenz zwischen den Geschlechtern sowie zwischen verschiedenen Altersgruppen untersucht (Ulusoy et al. 2023).

Methodisches Vorgehen bei der deutsch- und türkischsprachigen ­Adaption der EDS

Beide Studien basieren auf einem querschnittlichen Studiendesign und wurden in Deutschland sowie in der Türkei mittels Online-Fragebögen durchgeführt. In Deutschland fand die Datenerhebung zwischen Juli und Oktober 2022 in zwei Krankenhäusern und zwei stationären Pflegeeinrichtungen statt. Insgesamt nahmen 302 Pflegekräfte daran teil. In der Türkei erfolgte die Datenerhebung von Januar bis April 2023 in einem Universitätskrankenhaus, an der 244 Pflegekräfte teilnahmen.

Für die Zwecke der beiden Studien wurde die EDS unter Verwendung eines Vorwärts-Rückwärts-Übersetzungsansatzes gemäß den Standardrichtlinien für die Anpassung von Umfrageinventaren aus dem Englischen ins Deutsche beziehungsweise Türkische übersetzt (Beaton et al. 2000). Aufgrund dessen, dass sich Item 3 der ursprünglichen EDS auf den erlebten Service bezieht („Sie erhalten in Restaurants oder Geschäften einen schlechteren Service als andere Menschen“), wurde dies in der adaptierten Version weggelassen, da Pflegekräfte eher Dienstleistungen erbringen als in Anspruch nehmen (➥ Tabelle 1).

Tabelle 1:  Items der deutsch- und türkischsprachigen EDS, angepasst an Pflegende in Deutschland und in der Türkei

Tabelle 1: Items der deutsch- und türkischsprachigen EDS, angepasst an Pflegende in Deutschland und in der Türkei

Die Prüfung der Reliabilität und der Validität waren positiv (Ulusoy et al. 2023, Ulusoy et al. 2024). Die interne Konsistenz der adaptierten Skala war in beiden Ländern hoch und vergleichbar mit früheren Untersuchungen in anderen Populationen (Wood u. Marshall 2010; Moody et al. 2018; Goreis et al. 2020; Googhary et al. 2020). Die Skala ist insgesamt gut geeignet für Gruppenvergleiche innerhalb heterogener Pflegepopulationen. Aus arbeits- und gesundheitswissenschaftlicher Perspektive ist hervorzuheben, dass die EDS insbesondere subtile und wiederkehrende Formen unfairer Behandlung erfasst. Solche Erfahrungen werden im Pflege­alltag häufig nicht als offene Diskriminierung thematisiert, können jedoch langfristig zur psychosozialen Belastung beitragen und mit gesundheitlichen Beeinträchtigungen, verminderter Arbeitszufriedenheit oder erhöhter Wechselabsicht assoziiert sein. Die Skala bietet damit eine sinnvolle Ergänzung bestehender Instrumente zur Erfassung psychosozialer Arbeitsbelastungen im Gesundheitswesen.

Aus den Validierungsstudien lassen sich aber auch erste wichtige Erkenntnisse zur Häufigkeit und zu den Gründen von Diskriminierung in der Pflege in Deutschland ableiten.

Die Ergebnisse der deutschen Validierungsstudie zeigen, dass Pflegende regelmäßig verschiedenen Arten von Diskriminierung durch Pflegebedürftige oder ihre Angehörigen ausgesetzt sind. Rund 80 % der Teilnehmenden gaben an, mindestens eine Art von Diskriminierung „ein paar Mal im Jahr oder öfter“ zu erleben. Pflegende mit Migrationsgeschichte berichteten Diskriminierungserfahrungen häufiger als Pflegende ohne Migrationsgeschichte. Am häufigsten wurden von beiden Gruppen Verhaltensweisen genannt, die auf eine herabsetzende oder abwertende Haltung der Pflegebedürftigen schließen lassen, wie etwa „Pflegebedürftige tun so, als seien sie etwas Besseres“. Auch Beschimpfungen/Beleidigungen gehörten zu den am häufigsten berichteten Diskriminierungsarten (➥ Abb. 1).

Die von Pflegenden mit und ohne Mi­grationsgeschichte wahrgenommenen Diskriminierungsgründe unterscheiden sich teilweise. Bei „Respekt“ und „Bedrohung/Belästigung“ wurde am häufigsten das Geschlecht als ausschlaggebender Grund genannt; bei „Intelligenz“ und „Überlegenheit“ („tun so, als wären sie etwas Besseres“) überwiegend das Alter. Erfahrungen im Zusammenhang mit „Höflichkeit“ und „Unehrlichkeit“ sowie mit „Beschimpfungen/Beleidigungen“ führten Pflegende mit Migrationsgeschichte am häufigsten auf ihre ethnische Herkunft zurück, während Teilnehmende ohne Migrationsgeschichte diese eher dem Alter beziehungsweise Geschlecht zuschrieben.

Diskriminierungserlebnisse am Arbeitsplatz können sich negativ auf die Arbeitszufriedenheit und die Gesundheit der Betroffenen auswirken. Daher ist die Schaffung einer diskriminierungsarmen Arbeitskultur von besonderer Bedeutung nicht nur in der Pflege. Im Rahmen von Gefährdungsbeurteilungen nach dem Arbeitsschutzgesetz sollte Diskriminierung als Gefährdung aufgenommen werden. Die validierten Skalen können bei der Analyse eingesetzt werden. Bei Bedarf kann der komplette Fragebogen EDS in deutscher und türkischer Fassung beim Autorenteam angefordert
werden.

Interessenkonflikt: Das Autorenteam gibt an, dass keine Interessenkonflikte vorliegen.

Abb. 1:  Anteil der Pflegenden, die mehrmals im Jahr oder öfter Diskriminierung erlebt haben, getrennt nach Herkunft (eigene Darstellung nach Ulusoy et al. 2023)

Abb. 1: Anteil der Pflegenden, die mehrmals im Jahr oder öfter Diskriminierung erlebt haben, getrennt nach Herkunft (eigene Darstellung nach Ulusoy et al. 2023)

Literatur

Baptiste MM: Workplace discrimination: An additional stressor for internationally educated nurses. OJIN: The Online Journal of Issues in Nursing 2015; 20: 8.

Beaton DE, Bombardier C, Guillemin F, Ferraz MB: Guidelines for the process of cross-cultural adaptation of self-report measures. Spine 2000; 25: 3186–3191.

Beigang S, Fetz K, Kalkum D, Otto M: Diskriminierungserfahrungen in Deutschland: Ergebnisse einer Repräsentativ- und einer Betroffenenbefragung. Baden-Baden: Nomos, 2017.

Caqueo-Urízar A, Urzúa A, Mena-Chamorro P, Bustos, C: Relationship between everyday discrimination and substance use among adolescents in Northern Chile. Int J Environ Res Public Health 2021; 18: 6485. https://doi.org/10.3390/ijerph18126485 (Open Access).

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Kontakt

Prof. Dr. med. Albert Nienhaus
Berufsgenossenschaft ­Gesundheitsdienst und ­Wohlfahrtspflege (BGW); Abteilung Arbeitsmedizin, Gefahrstoffe und Gesundheitswissenschaften (AGG); Pappelallee 35–37; 22089 Hamburg

Foto: Jörg Modrow

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