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Ernährung am Arbeitsplatz

In den folgenden Beiträgen werden relevante Ernährungsaspekte beleuchtet und verbreitete Mythen rund um das Thema Essen und Trinken kritisch hinterfragt. So entsteht ein klarer Blick darauf, was aus fachlicher Sicht zu einer gesunden Lebensweise beiträgt. Im ersten Beitrag wird die Frage diskutiert, inwiefern „viel“ trinken wirklich „viel bringt“.

Nutrition at the workplace (Part 1): Drinking at the ­workplace – How much is enough?

The question of the right amount of fluid intake has long since become a lifestyle issue, detached from evidence-based discussion. Not only the undoubtedly well-intentioned advice of many family members and friends, but also daily advertising suggests that drinking “a lot” is healthy and can prevent many health problems.

This article discusses and summarizes the physiological background of drinking water as opposed to salt intake, the aspects of different beverages, and the data on the effects of different drinking strategies.

Ernährung am Arbeitsplatz (Teil 1): Trinken am ­Arbeitsplatz – Wieviel ist genug?

Die Frage nach der richtigen Trinkmenge ist schon seit Längerem zu einer Frage des Life-Styles geworden und von einer evidenzbasierten Diskussion entkoppelt. Nicht nur die sicherlich gut gemeinten Ratschläge vieler Angehöriger und Freunde, auch die tägliche Werbung suggeriert, dass „viel“ trinken gesund wäre und viele gesundheitliche Probleme fernhalten könnte.

In diesem Artikel werden die physiologischen Hintergründe des Trinkens von Wasser im Gegensatz zur Salzaufnahme, die Aspekte verschiedener Getränke und die Daten zu den Effekten verschiedener Trinkstrategien diskutiert und zusammengefasst.

Kernaussagen

  • Trinken ist Teil der Osmoregulation. Die Regulatoren dafür sind das Antidiuretische Hormon (ADH) sowie das Durstgefühl.
  • Entgegen der häufig propagierten These, „je mehr trinken, desto besser“ für nahezu alle ­Lebenslagen, gibt es für die meisten Situationen keine Evidenz für medizinische Vorteile in Assoziation mit einer höheren als der „normalen“ Trinkmenge.
  • Die durchschnittliche Trinkmenge eines Erwachsenen liegt etwas unter der von der ­Deutschen Gesellschaft für Ernährung (DGE) empfohlenen Trinkmenge pro Tag von 2600 ml.
  • Die interindividuellen Unterschiede und die Abhängigkeit der Trinkmenge von diversen ­externen Faktoren wie Umwelteinflüssen, körperlicher Aktivität und anderen Zuständen mit höheren Flüssigkeitsverlusten (z. B. Diarrhoe) muss bei den allgemeinen Empfehlungen ­mitberücksichtigt werden.
  • Eine erhöhte Wasserzufuhr hat positive Effekte auf kognitive Funktion, Leistungsfähigkeit und Arbeitsproduktivität, insbesondere bei Berufsgruppen mit hoher körperlicher Belastung und Hitzeexposition wie Bauarbeitenden.
  • Der Zuckeranteil/die Kalorien der Getränke sollten berücksichtigt werden, insbesondere auch im Hinblick auf das Risiko der Entstehung von Adipositas oder Diabetes mellitus.
  • Beim Thema Trinken wird in Zukunft die Mikroplastikexposition aufgrund der zunehmenden Daten bezüglich der gesundheitlichen Risiken möglicherweise zunehmend ins Gewicht fallen.
  • Abb. 1: Osmolarität-Volumen-Diagramm. Eine positive Salzbilanz vergrößert das Extrazellulär­volumen (x-Achse), während Wasser im Gesamtflüssigkeitsraum gleichmäßig verteilt wird und zur Veränderung der Osmolarität (y-Achse) führt. Beispielvolumina für eine 70 kg wiegende männliche Person. *inklusive transzellulärer Raum (etwa 1/10 des EZR bei Gesunden)
    EZR = Extrazellularraum; KG = Körpergewicht; TBW = Gesamtkörperwasser (Total Body Water). Quelle: Ralph Wendt 2025

    Salz und Wasserregulation

    Beim Thema Trinken denkt die Mehrzahl der Menschen an die Aufnahme von Wasser, entweder in Form von Leitungswasser oder abgefülltem Mineralwasser. Der eine oder andere denkt hier auch an Säfte oder Schorlen, viele sicherlich, gerade in Deutschland, auch an den Konsum von Bier.

    Trinken dient in erster Linie der Wasseraufnahme und der Regulation der Osmolarität („Osmo-Regulation“) und damit einhergehend der Serumnatriumkonzentration. Diese hat im Wesentlichen nur zwei Regulatoren: das Durstgefühl mit entsprechender Verhaltensanpassung (= Trinken) sowie die Freisetzung (und Wirkung) von Antidiuretischem Hormon (ADH).

    Sehr oft wird Trinken verwechselt mit der Salzaufnahme, die aber hauptsächlich über die Nahrung realisiert wird. Die Salzmenge im Körper bedingt die Größe des Extrazellulärvolumens, da die Aktivität der Natrium-Kalium-ATPase das Natrium extrazellulär hält (➥ Abb. 1). Die Menge Natrium im Körper kann durch die Menge des im Allgemeinen mit der Nahrung aufgenommen Salzes erhöht werden. Der wesentliche Regulator der Salzmenge ist das Aldosteron, das die Menge des resorbierten Natriums kontrolliert und somit die Salzbalance einstellt.

    Hierdurch erklärt sich auch das häufige „Missverständnis“, dass eine höhere Trinkmenge unter anderem den Kreislauf stabilisiert und zum Beispiel bei Menschen mit Hypotonie den Blutdruck erhöhen könnte. Patientinnen und Patienten mit Blutdruckabfällen, beispielsweise unter Diuretika-Therapien oder mit Gastroenteritis, bekommen häufig den Rat, sie mögen „mehr trinken“. Der Vorstellung, dass die Aufnahme von Wasser oder Tee „kreislaufstabilisierend“ beziehungsweise blutdrucksteigernd sein würde, muss widersprochen werden: Die Aufnahme von salzfreien oder stark salzarmen
    Flüssigkeiten nimmt kaum Einfluss auf Blutdruck oder Kreislauf, da dies eine nur sehr geringe Auswirkung auf die Größe des Ex­trazellulärvolumens (zu dem auch das Intra­vasalvolumen gehört) hat und sich Wasser
    zu 2/3 intrazellulär verteilt. Die Größe des Extrazellulärvolumens stellt aber eine der wichtigsten Determinationen des Blutdrucks dar. Wie oben ausgeführt, wäre hier eine erhöhte Salzaufnahme das Mittel der Wahl, um einen Effekt auf den Blutdruck zu erzielen.

    Trinkmenge: „Viel“ trinken? Wieviel ist genug?

    Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung empfiehlt Erwachsenen zwischen 25 und 51 Jahren täglich knapp 1,5 l (1410 ml) zu trinken (DGEM 2025, s. Online-Quellen). Die empfohlene Gesamtwasserzufuhr (Getränke, Wasserzufuhr durch feste Nahrung und Oxidationswasser) für diese Altersgruppe beträgt 2600 ml. Die „European Food Safety Authority Guidelines“ empfehlen eine tägliche Trinkmenge von 2,5 l für Männer und 2,0 l für Frauen (Manz et al. 2012).

    Die durchschnittliche Trinkmenge eines Erwachsenen in Deutschland liegt bei etwa 2,1 bis 2,5 l pro Tag (einschließlich aller Getränke und Wasser aus Lebensmitteln) und damit nur knapp unterhalb der oben beschriebenen täglichen Trinkmenge von 2,6 l. In einer populationsbasierten Untersuchung an deutschen Erwachsenen wurde eine mediane Gesamtwasseraufnahme von 2483 ml/Tag bei Männern und 2054 ml/Tag bei Frauen festgestellt, wobei die Trinkmenge mit zunehmendem Alter bei Männern abnimmt, bei Frauen jedoch weitgehend konstant bleibt (Manz et al. 2012; Braun et al. 2019). Ähnliche Werte wurden in weiteren europäischen Studien für Deutschland bestätigt, wobei die durchschnittliche Wasseraufnahme aus Getränken bei etwa 2,1 l pro Tag liegt.

    Die Frage nach einer ausreichenden oder „korrekten“ Trinkmenge kann nicht eindeutig beantwortet werden. Es ist unklar, was „normal“ ist und wieviel genug sein sollte. Zudem hängt die „richtige“ Trinkmenge stark von vielen verschiedenen Faktoren ab, vor allem aber von den tatsächlichen Flüssigkeitsverlusten und der aufgenommenen Wassermenge über die Nahrung. An heißen Sommertagen, bei schwerer körperlicher Arbeit oder sportlicher Aktivität sind andere Trinkmengen notwendig als bei weniger schweißtreibenden Temperaturen und fehlender körperlicher Aktivität.

    Quellen: Hooton et al. 2018; Bao et al. 2020;
    Qaseem et al. 2014; Wang et al. 2021; Hakam et al. 2024; Wang et al. 2012

    Wasserzufuhr und Adipositas

    Eine systematische Übersichtsarbeit von Hakam et al. (2024) fasst 18 randomisierte kontrollierte Studien zusammen und berichtet, dass eine gesteigerte Wasserzufuhr in mehreren Studien mit signifikant größerem Gewichtsverlust assoziiert war, was als positiver Einfluss auf Adipositas und damit verbundene kardiometabolische Risiken gewertet werden kann. Eine Meta-Analyse von Majdi et al. (2021) suggerierte, dass eine höhere Gesamtwasseraufnahme mit einer geringeren kardiovaskulären Mortalität assoziiert sein könnte (jede zusätzliche Tasse Wasser pro Tag würde das Risiko um etwa 3 % senken), während kein signifikanter Zusammenhang mit der Gesamtmortalität gefunden wurde. In anderen Studien zeigte sich kein Zusammenhang zwischen der Flüssigkeitsaufnahme und der kardiovaskulären Mortalität (Palmer et al. 2014). Viele Ernährungsprogramme empfehlen, vor den Mahlzeiten 3–5 dl Wasser zu trinken, um bereits vor dem Essen ein Sättigungsgefühl zu erlangen. Diese Empfehlung kann bei einer angestrebten Gewichtsabnahme unterstützend wirken.

    Flüssigkeitsbedarf bei körperlicher Aktivität

    In den Studien zur erhöhten Wasserzufuhr bei gesunden Erwachsenen wurden bestimmte Berufsgruppen und Lebensstile besonders berücksichtigt, insbesondere Erwerbstätige in verschiedenen Arbeitsum­gebungen wie Personen mit hohem körper­lichem Aktivitätsniveau und Menschen mit unterschiedlichen sozioökonomischen Hintergründen. Eine aktuelle Untersuchung an gesunden Beschäftigten in Griechenland zeigte, dass Faktoren wie die Anzahl der Arbeitsstunden pro Woche, die berufliche Exposition gegenüber Wetterbedingungen und die Nutzung von Trinkflaschen am Arbeitsplatz signifikant mit der täglichen Wasserbilanz assoziiert sind. Insbesondere Personen, die im Freien arbeiten oder längere Arbeitszeiten haben, weisen eine höhere Wasseraufnahme auf (Papadopoulou et al. 2025). Darüber hinaus wurde in einer internationalen Studie mit über 5600 Teilnehmenden festgestellt, dass körperlich aktive Personen, Athleten und Schwangere einen erhöhten Wasserumsatz und damit einen höheren Wasserbedarf haben. Auch Umweltfaktoren wie Temperatur, Luftfeuchtigkeit und geografische Lage beeinflussen die Wasseraufnahme, wobei Lebensstilfaktoren wie sportliche Aktivität und berufliche Belastung eine zentrale Rolle spielen (Yamada 2022).

    Es liegen Daten zur Trinkmenge und Flüssigkeitsaufnahme bei bestimmten Berufsgruppen vor, insbesondere bei Beschäftigten mit körperlicher Belastung und/oder Hitzeexposition wie Industriearbeiterinnen und -arbeitern, Beschäftigten in der Land- und Forstwirtschaft sowie Feuerwehrleuten. In diesen Gruppen ist Hypohydration häufig, insbesondere bei Arbeiten unter Hitzestress, wobei bis zu 70 % der Beschäftigten in europäischen Industriebetrieben und über 95 % der Farmarbeiterinnen und -arbeiter in den USA am Ende der Schicht Zeichen einer ­Dehydratation aufweisen (Piil et al. 2018; Abasilim et al. 2024).

    Wasserzufuhr und Leistungsfähigkeit

    Die Wasserzufuhr beeinflusst die Arbeitsfähigkeit und Leistungsfähigkeit direkt: Dehydratation führt zu messbaren Einbußen bei kognitiven Aufgaben, motorischer Präzision und kombinierter Leistungsfähigkeit. Bereits ein Flüssigkeitsdefizit von etwa 2 % des Körpergewichts verschlechtert die Leistung in einfachen und komplexen motorischen sowie kognitiven Aufgaben um 4–16 % unter Hitzestress (Piil et al. 2018). Auch Müdigkeit, Kopfschmerzen und Konzentrationsstörungen treten vermehrt auf (Kottwitz et al. 2017). Allerdings zeigen Studien selbst unter Extrembedingungen wie bei der Waldbrandbekämpfung, dass auch hier Flüssigkeitsmengen (6,2 ± 2,3 l) aufgenommen werden, die den Flüssigkeitshaushalt und den Elektrolytstatus während der Arbeitsschicht aufrechterhalten (Rosales et al. 2021). Die American College of Occupatio­nal and Environmental Medicine empfiehlt für Beschäftigte unter Hitzestress die regelmäßige Aufnahme von kühlem Wasser, idealerweise alle 20 Minuten etwa 250 ml, und bei längerer Belastung auch elektrolythaltige Getränke, um Flüssigkeitsverluste auszugleichen und die Arbeitsfähigkeit zu erhalten (Tustin et al. 2021). Die Flüssigkeitsaufnahme sollte individuell an Arbeitsintensität, Umgebungstemperatur und persönliche Faktoren angepasst werden (Orysiak et al. 2023; Maughan et al. 2015).

    Berufsgruppen mit körperlicher Belastung und Hitzeexposition sind also besonders gefährdet für Dehydratation, was die Arbeits- und Leistungsfähigkeit signifikant beeinträchtigt. Eine gezielte, regelmäßige Wasserzufuhr ist essenziell für die Prävention von Leistungseinbußen und gesundheitlichen Risiken.

    Zusammengefasst: Die Literatur unterstützt, dass eine erhöhte Wasserzufuhr positive Effekte auf kognitive Funktion, Nierenfunktion und Arbeitsproduktivität hat, insbesondere bei Berufsgruppen mit hoher körperlicher Belastung und Hitzeexposition wie Bauarbeitern. Für Büroangestellte sind die Effekte auf kognitive Funktion und Wohlbefinden relevant, aber weniger ausgeprägt. Direkte, vergleichende Langzeitstudien zwischen diesen Berufsgruppen fehlen bislang.

    Mehrere Studien zeigen, dass Beschäftigte in Berufen mit Hitzeexposition (z. B. auf dem Bau, in der Industrie und in der Landwirtschaft) eine deutlich höhere Prävalenz von Dehydratation aufweisen als Büroangestellte. Beispielsweise waren in europäischen Industriebetrieben bis zu 70 % der Beschäftigten am Ende der Schicht hypohydriert, gemessen an der Urindichte (Piil et al. 2018). Bei Bauarbeitenden in Florida wurde eine hohe Rate an Dehydratation (78 % post-shift) und akuter Nierenschädigung (38 %) dokumentiert (Chicas et al. 2025).

    Die wichtigsten in wissenschaftlichen Studien evaluierten Präventionsmaßnahmen zur Reduzierung von chronischer Dehydra­tation bei Beschäftigten auf dem Bau und anderen körperlich stark belasteten Berufsgruppen sind strukturierte Programme, die auf regelmäßige Flüssigkeitszufuhr, häufige und längere Pausen, Zugang zu Schatten, Reduktion der Arbeitszeit bei Hitze, Monitoring der Hydration und arbeitsmedizinische Überwachung setzen (Hansson et al. 2025; Al-Bouwarthan et al. 2020; Habibi et al. 2025; Sorensen et al. 2020).

    Konkret wurden Interventionsprogramme wie das Rest-Shade-Hydration-Hygiene (RSHH)-Konzept und das Water-Electrolyte-Rest-Shade (WERS)-Programm untersucht. Diese beinhalten die Bereitstellung von Trinkwasser und Elektrolyten, die Implementierung von Pausen in schattigen Bereichen, die Verkürzung von Arbeitsintervallen bei Hitze und die Überwachung von Biomarkern wie Kreatinin und Entzündungsparametern. In Studien führte die konsequente Umsetzung dieser Maßnahmen zu einer signifikanten Reduktion von, Entzündungszeichen und Biomarkern für Nierenschädigung sowie zu einer Stabilisierung der Nierenfunktion über mehrere Erntesaisons (Hansson et al. 2025; Sorensen et al. 2020).

    Zusätzlich wird die Reduktion der Arbeitszeit bei extremer Hitze als besonders ­effektiv bewertet, da sie sowohl die Exposition gegenüber Hitzestress als auch Schlafmangel reduziert (Al-Bouwarthan et al. 2020; Habibi et al. 2025). Die Förderung gesunder Lebensgewohnheiten wie ausreichender Schlaf und Vermeidung von Übergewicht, unterstützt die Prävention nachhaltig (Al-Bouwarthan et al. 2020).

    Für die Prävention kognitiver Defizite ist die Vermeidung von Dehydratation durch regelmäßige Wasseraufnahme und Pausen entscheidend, da Dehydratation nachweislich die kognitive Leistungsfähigkeit und das subjektive Wohlbefinden beeinträchtigt (Palmer et al. 2014; Maughan et al. 2015).

    Tabelle 1:  Übersicht zum Elektrolytgehalt von deutschem Leitungswasser und bekannten Mineralwassermarken, Angaben in mg/l (in Klammern dahinter Angabe in mmol/l) Die Werte sind gerundet und stammen aus den Herstellerangaben sowie typischen Analysewerten deutscher Regionen, aufbereitet mittels perplexity.ai

    Tabelle 1: Übersicht zum Elektrolytgehalt von deutschem Leitungswasser und bekannten Mineralwassermarken, Angaben in mg/l (in Klammern dahinter Angabe in mmol/l) Die Werte sind gerundet und stammen aus den Herstellerangaben sowie typischen Analysewerten deutscher Regionen, aufbereitet mittels perplexity.ai

    Was sollte getrunken werden?

    Beim Begriff „Trinken“ denken die meisten Menschen zunächst an den Konsum von Wasser. Es gibt erstaunlich große Unterschiede in der Elektrolytzusammensetzung und der Tonizität von Leitungswasser, verschiedenen Mineralwässern und anderen Getränken (➥ Tabelle 1 und ➥ Tabelle 2).

    Insbesondere bei jüngeren Erwachsenen und Adoleszenten gibt es in den letzten Jahren eine zunehmende Tendenz, gesüßte Softdrinks anstelle von Wasser zu konsumieren. Maissirup mit hohem Fruktosegehalt (High-fructose corn syrup, HFCS) ist ein gängiger Süßstoff in vielen Erfrischungsgetränken und enthält einen höheren Anteil an Fruktose als Glukose. Beliebte „Drinks“ wie Coca-Cola, Pepsi, Dr. Pepper, Mountain Dew und Sprite sind dafür bekannt, mit HFCS gesüßt zu sein und enthalten zumeist ein Fruktose-/Glukose-Verhältnis >1 (Walker et al. 2014; Ando et al. 2023). Die Einnahme dieser gesüßten Getränke ist als Risikofaktor für Adipositas, Fettleber und Diabetes mellitus bekannt. Dies hat nicht nur mit der häufig enthaltenen Fruktose, sondern auch mit dem Kalorienanteil an sich zu tun (s. Tabelle 2 letzte Spalte).

    Eine oft gestellte Frage dreht sich um die Zurechnung von Kaffee und Tee zur Flüssigkeitsbilanz. Beide Getränke können grundsätzlich der täglichen Flüssigkeits- und Wasseraufnahme zugerechnet werden. Koffeinhaltige Getränke wie Kaffee und viele Tees wirken zwar leicht diuretisch, führen aber bei regelmäßigem Konsum in der Regel nicht zu einer negativen Flüssigkeitsbilanz.

    Bezüglich der Einnahme von Bier gibt es ähnliche Aspekte zu beachten, wobei auch das Bier zur Flüssigkeitsbilanz vollständig hinzugerechnet wird. Wenn das Bier Alkohol enthält, gelten die bekannten negativen Implikationen, die mit Alkohol assoziiert werden, wobei neben negativen Auswirkungen auf den Stoffwechsel, einer Leberverfettung, einem erhöhten Blutdruck und einem höheren Krebsrisiko auch eine alkoholasso­ziierte stärkere Progression chronischer Nieren­erkrankungen beschrieben ist (Joo et al. 2020; Yokus et al. 2025). Bier erhöht das Risiko für Hyperurikämie und Gicht, unter anderem aufgrund des Alkohols und des relativ hohen Puringehalts (Fukui et al. 2023; Lyu et al. 2024; Nakamura et al. 2012). Darüber hinaus ist alkoholhaltiges Bier ein stark hyperosmolares Getränk (im Durchschnitt 1705 mosmol/l), während alkoholfreies Bier in den meisten Fällen isotonisch ist (Wagner et al. 2015).

    Tabelle 2:  Überblick über die wichtigsten Elektrolyte (in mg/l) sowie die Osmolarität (mosmol/l) verschiedener verbreiteter Getränke. ­ Bei Bier ist alkoholhaltiges Bier angegeben. Alkoholfreie Biere haben eine Osmolalität von 192–412 mosmol/l, im Durchschnitt um 280 mosmol/l (Wagner et al. 2015). Die Werte sind Durchschnittswerte und können je nach Marke und Produkt variieren. Adaptiert mittels www.perplexity.ai1,2

    Tabelle 2: Überblick über die wichtigsten Elektrolyte (in mg/l) sowie die Osmolarität (mosmol/l) verschiedener verbreiteter Getränke. ­ Bei Bier ist alkoholhaltiges Bier angegeben. Alkoholfreie Biere haben eine Osmolalität von 192–412 mosmol/l, im Durchschnitt um 280 mosmol/l (Wagner et al. 2015). Die Werte sind Durchschnittswerte und können je nach Marke und Produkt variieren. Adaptiert mittels www.perplexity.ai1,2

    Trinken und Mikroplastik

    Besonderes Interesse an dieser Thematik hat eine Studie im NEJM geweckt, in der gezeigt wurde, dass Patientinnen und Patienten, die sich einer Karotis-Endarteriektomie wegen einer asymptomatischen Karotisstenose unterzogen haben und bei denen Mikro- und Nanoplastik (Polyethylen) in den Plaques der Halsschlagader nachgewiesen wurde (immerhin 58,4 % von 304 Personen), nach 34 Monaten ein deutlich höheres Risiko für Herzinfarkt, Schlaganfall oder Tod aus jeglicher Ursache hatten als Patientinnen und Patienten, bei denen kein Mikroplastik nachgewiesen wurde (HR 4,53) (Marfella et al. 2024). Das Trinken von Wasser, insbesondere Flaschenwasser, gilt als wesentliche Quelle für die Mikroplastik-Exposition und -Aufnahme (Zuri et al. 2023; Bocker et al. 2025). Hierbei ist das Wasser aus Plastikflaschen im Vergleich zum Leitungswasser deutlich stärker mit Mikro- und Nanoplastik kontaminiert (Danopoulos et al. 2020; Li et al. 2023; Gambino et al. 2022; Sajedi et al. 2025; Râpă et al. 2023), was bei der Diskussion zu den gesundheitlichen Aspekten von Trinkmengen zunehmend berücksichtigt werden sollte. Hierbei sollte trotzdem die Mikroplastikkontamination von Leitungswassersystemen nicht unterschätzt werden (Sun et al. 2024). Interessant ist, dass die weitläufige Besorgnis über die Mikroplastikkontamination vor allem in Plastikflaschen nicht das ganze Abbild zeigt. Rezente französische Daten deuten darauf hin, dass auch Glasflaschen relevante Mikroplastikkonzentrationen aufweisen, die teilweise sogar höher als in Plastikflaschen sein können (Chaïb et al. 2025). Hierbei scheinen vor allem die Plastikdeckel und deren Kolorierung einen wesentlichen Anteil zu haben. Mikro- und Nanoplastik können potenziell schädliche Effekte auf die menschliche Gesundheit ausüben, wobei sowohl inflammatorische Reaktionen, die Schädigung embryofetaler Entwicklungen und oxidativer Stress bis hin zur direkten Zytotoxizität beschrieben
    werden.

    Interessenskonflikte: Die Autorin erklärt, dass im Zusammenhang mit dem Inhalt dieses Artikels keine Interessenskonflikte bestehen.

    Literatur

    Abasilim C, Friedman LS, Martin MC et al.: Risk factors associated with indicators of dehydration among migrant farmworkers. Environ Res 2024; 251 (Pt 2): 118633. doi:10.1016/j.envres.2024.118633 (Open Access).

    Chaïb I, Doyen P, Merveillie P, Dehaut A, Duflos G: Microplastic contaminations in a set of beverages sold in France. J Food Compos Anal 2025; 144: 107719. doi:10.1016/j.jfca.2025.107719.

    Orysiak J, Młynarczyk M, Tomaszewski P: Fluid intake at work in foresters working in different thermal conditions. Sci Rep 2023; 13: 15870. doi:10.1038/s41598-023-41652-x (Open Access).

    Papadopoulou AM, Apergi K, Panagopoulou MV, Argyri K, Malisova O: Hydration habits and water balance in a working population in Greece. Nutrients 2025; 17: 371. doi:10.3390/nu17030371 (Open Access).

    Tustin A, Sayeed Y, Berenji M et al.: Prevention
    of occupational heat-related illnesses. J Occup Environ Med 2021; 63: e737–e744. doi:10.1097/jom.0000000000002351.

    Walker RW, Dumke KA, Goran MI: Fructose content in popular beverages made with and without high-fructose corn syrup. Nutrition 2014; 30: 928–935. doi:10.1016/j.nut.2014.04.003 (Open Access).

    Die komplette Literaturliste mit allen Quellen kann auf der ASU-Homepage beim Beitrag eingesehen werden (asu-arbeitsmedizin.com).

    Online-Quellen

    DGEM – Deutsche Gesellschaft für Ernährungsmedizin e.V.: Referenzwert Wasser. 2025
    https://www.dge.de/wissenschaft/referenzwerte/wasser

    Which drinks contain electrolytes and how to make them at home. Accessed July 18, 2025
    https://www.medicalnewstoday.com/articles/electrolytes-drinks#how-to-ma…

    Table: Approximate Sodium Content of Common Beverages-Merck Manual Professional Edition. Accessed July 18, 2025
    https://www.merckmanuals.com/professional/multimedia/table/approximate-…

    Merke

    Entgegen der häufig propagierten These, „je mehr trinken, desto besser“ für nahezu alle Lebenslagen, gibt es keine Evidenz
    für medizinische Vorteile in Asso­ziation
    mit einer höheren als „normalen“ Trinkmenge (Ausnahmen: Prämenopausale
    Frauen mit rezidivierenden Harnwegsinfektionen sowie Patientinnen und Patienten mit Nephrolithiasis.

    Info

    Die American College of Occupational and Environmental Medicine empfiehlt gezielte Präventionsmaßnahmen wie regelmäßige Flüssigkeitszufuhr, Arbeits-/Ruhezyklen und Hitzeschutz, um diese Risiken zu minimieren (Tustin et al. 2021).

    Die Frage nach der richtigen Trinkmenge ist schon seit Längerem zu einer Frage des Life-Styles
    geworden

    Kontakt

    Dr. med. Luise Wendt
    Fachärztin für Arbeitsmedizin; Kompetenzfeldleitung Arbeitsmedizin ias-Gruppe; Ranstädter Steinweg 24; 04109 Leipzig

    Foto: Marco Warmuth

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