Springe auf Hauptinhalt Springe auf Hauptmenü Springe auf SiteSearch

Softwaregestützter Profilvergleich in der Praxis

Software-supported profile comparison in practice

Software-supported documentation and profile comparison procedures, by means of which work requirements can be comprehensively presented and directly compared with the capabilities of employees, support company medical practice in integration issues and the search for alternative employment. Supplementary FCE (Functional Capacity Evaluation diagnostics are considered best practice in the assessment of work-related physical capacity.

Kernaussagen

  • Der direkte Abgleich von Arbeitsanforderungen und Fähigkeiten ist in der betriebsärztlichen Praxis wesentlich.
  • Profilvergleiche können dazu beitragen, die Beanspruchungssituation spezifisch zu erfassen, um so Integrationserfolge zu begünstigen.
  • Diagnostik auf Aktivitätsebene mittels FCE verbessert die Aussagekraft der Eignungsfeststellung.
  • MARIE-Software ermöglicht die Prüfung von Beschäftigungsalternativen auch bei einer ­Vielzahl von Arbeitsplätzen.
  • Softwaregestützter Profilvergleich in der Praxis

    Softwaregestützte Dokumentations- und Profilvergleichsverfahren, mittels derer Arbeitsanforderungen umfassend dargestellt und direkt mit den Fähigkeiten von Mitarbeitenden verglichen werden können, unterstützen die betriebsärztliche Praxis bei Eingliederungsfragen, der Identifikation von Reha-Bedarfen (insbesondere medizinisch beruflich orientierter Rehabilitation – MBOR) oder der Suche nach Beschäftigungsalternativen. Eine ergänzende FCE-Diagnostik (Functional Capacity Evaluation) gilt als Best-Practice-Methode in der Beurteilung der arbeitsbezogenen körperlichen Leistungsfähigkeit.

    Die betriebsärztlichen Aufgaben sind vielschichtig und reichen von der Bewertung von Arbeitsplätzen gemäß § 3 Arbeitssicherheitsgesetz (ASiG) bis zur individuellen Beurteilung der Belastbarkeit von Beschäftigten – etwa im Kontext von Arbeitsplatzwechseln, (Wieder-)Eingliederungen oder der Einschätzung der Einsatzfähigkeit von leistungsgewandelten Beschäftigten.

    Eine besondere Herausforderung ergibt sich aus der Vielfalt der Arbeitsbelastungen, die in den unterschiedlichen Tätigkeitsfeldern anzutreffen sind. Hierbei ist es Aufgabe der Betriebsärztinnen und Betriebsärzte, die Passung zwischen den individuellen gesundheitlichen Voraussetzungen und den konkreten Anforderungen der jeweiligen Arbeitsplätze differenziert zu beurteilen. Im Falle von Einzelhandelskaufleuten im Lebensmittelbereich wären so unter anderem Anforderungen an die Körperhaltung (z. B. längeres Sitzen an der Kasse), die Fortbewegung auf der Ladenfläche und im Lager, die Handhabung von Lasten (z. B. Einräumen der Ware), die Interaktion mit Kundinnen/Kunden und Kolleginnen/Kollegen (z. B. Teamarbeit, Umgang mit Kritik) oder auch aus der Arbeitsorganisation und den Umgebungseinflüssen resultierende Belastungen (z. B. Kälte, Zugluft, Lärm, Schichtarbeit) zu berücksichtigen. Ein wesentliches Risiko besteht darin, dass individuell kritische Belastungen, die die Produktivität und/oder die individuelle Arbeitsfähigkeit gefährden, infolge dieser Komplexität beruflicher Belastungen unerkannt bleiben.

    An dieser Stelle setzt das vom ehemaligen Bundesministerium für Arbeit und Sozialordnung geförderte und ICF1-kompatible (Hennaert et al. 2022) Dokumentations- und Profilvergleichsverfahren IMBA (Integration von Menschen mit Behinderung in die Arbeitswelt; BMA 2000, siehe auch Online-Quellen) an (➥ Abb. 1). Mittels dieses Verfahrens können die Fähigkeiten einer Person auf Basis von 70 Merkmalen systematisch mit den Anforderungen eines Arbeitsplatzes verglichen werden. Hierzu werden zunächst separate Fähigkeits- beziehungsweise Anforderungsprofile erstellt. Die Einstufung erfolgt anhand einer mehrheitlich sechs- beziehungsweise siebenstufigen Skala, mit der das individuelle Leistungsvermögen (Fähigkeitsprofil) beziehungsweise das Ausmaß beruflicher Anforderungen (Anforderungsprofil) bewertet werden. Mit dem Profilwert 3– werden etwa Personen beschrieben, die – im Vergleich zu allen Personen im erwerbsfähigen Alter – über ein leicht unterdurchschnittliches Leistungsvermögen verfügen beziehungsweise Tätigkeiten, die ein zumindest leicht unterdurchschnittliches Leistungsvermögen erfordern. Für die Einschätzungen selbst stehen Beurteilungshilfen zur Verfügung.

    Während die Erhebung der Anforderungsprofile in der Regel auf Basis von Interviews, Stellenbeschreibungen, Gefährdungsbeurteilungen und idealerweise auch Beobachtungen erfolgt, können vielfältige Informationsquellen zur Einstufung der Fähigkeiten herangezogen werden (z. B. anamnestische Informationen, Diagnosen, Selbsteinschätzungsverfahren, Tests, Arbeitsproben). In Bezug auf die Einschätzung der arbeitsbezogenen körperlichen Leistungsfähigkeit haben sich dabei Verfahren der Functional Capacity Evaluation (FCE) in besonderem Maße etabliert (King et al. 1998). Assessments wie beispielsweise ELA (Einschätzung körperlicher Leistungsfähigkeiten bei arbeitsbezogenen Aktivitäten; siehe auch Online-Quellen), EFL (Evaluation der funktionellen Leistungsfähigkeit) und ALa (Arbeitstherapeutische Leistungsanalysen) ermöglichen es, körperliche Arbeitsanforderungen spezifisch mittels motorischer Aktivitätstests zu simulieren (Kaiser et al. 2000; Bühne et al. 2018, 2020). Das 24 Aktivitätstests umfassende FCE-Verfahren ELA wurde speziell für die ökonomische und spezifisch bedarfsorientierte Anwendung entwickelt und bietet zudem eine direkte Übersetzungshilfe in IMBA-Profilwerte. Im Falle einer Einzelhandelskauffrau mit chronischen Rückenschmerzen könnten so Kurztestungen durchgeführt werden, um die individuell kritischen Anforderungen, wie etwa das Befüllen der Regale, zu simulieren. Darüber hinaus ermöglicht das Verfahren auch standardisierte, etwa 1,5-stündige Testungen für eine umfassende Darstellung der arbeitsbezogenen körperlichen Leistungsfähigkeit. Die Ausstattungsvoraussetzung (Regal, Leiter, Kiste, Gewichte, Handkraftmesser,
    Koordinationstest) sind gering, wodurch sich die Testungen auch innerhalb der Betriebe realisieren lassen. Alternativ können nahegelegene Rehabilitationseinrichtungen, die über entsprechende Systeme verfügen, mit der FCE-basierten Erstellung von Fähigkeitsprofilen beauftragt werden. ELA ermöglicht die Integration eines Eventvideografie-Systems, um charakteristische Beanspruchungsreaktion anhand kurzer Videosequenzen zu dokumentieren.

    Um das zu erwartende körperliche, psychosoziale und kognitive Beanspruchungs­niveau sichtbar zu machen, werden die Profile anschließend im Profilvergleich übereinandergelegt. Diese IMBA-Profilvergleiche können sowohl händisch als auch softwareunterstützt mittels MARIE (Matching Abilities and Requirements to Increase Evidence, siehe Online-Quellen) durchgeführt werden. Die letztgenannte Vorgehensweise empfiehlt sich vor allem dann, wenn – gegebenenfalls über die ausgeübte Tätigkeit hinaus – potenziell geeignete Arbeitsplätze zu identifizieren sind beziehungsweise eine Anlegung von Berufsdatenbanken angestrebt wird. Die Auswahl geeigneter Arbeitstätigkeiten auf Basis von Profilvergleichen vermeidet Aufwände und Frust erfolgloser Arbeitserprobungen beziehungsweise Integrationsversuche (➥ Abb. 2).

    Interessenskonflikt: Die Autoren haben die beschriebenen Methoden und Systeme mit entwickelt. Sie beforschen und schulen die Verfahren und unterstützen Betriebe in der Anwendung. Weitere Interessenkonflikte bestehen nicht.

    Abb. 2:  Ergebnisliste Profilvergleich MARIE: HM– = Anzahl Hauptmerkmale mit Überforderung; HM max ÜP = maximale Überforderungspunkte; HM sum ÜP = Summe der Überforderungspunkte (© iqpr GmbH)

    Abb. 2: Ergebnisliste Profilvergleich MARIE: HM– = Anzahl Hauptmerkmale mit Überforderung; HM max ÜP = maximale Überforderungspunkte;
    HM sum ÜP = Summe der Überforderungspunkte (© iqpr GmbH)

    Literatur

    BMA – Bundesministerium für Arbeit und Sozial­ordnung: IMBA-Integration von Menschen mit Behinderung in die Arbeitswelt. Einführung, Definitionen, Profilbögen. Essen, Köln, Siegen: BMA (Hrsg.), 2000.

    Bühne D, Alles T, Hetzel C, Froböse I: Die prognostische Validität des FCE-Verfahrens ELA in beruflich orientierten medizinischen Rehabilitationsmaßnahmen. Rehabilitation 2018; 57: 92–99. doi:10.1055/s-0043-104510.

    Bühne D, Alles T, Hetzel C, Streibelt M, Froböse I, Bethge M: Predictive validity of a customized functional capacity evaluation in patients with musculoskeletal disorders. Int Arch Occup Environ Health 2020; 93: 635–643. doi:10.1007/s00420-020-01518-5.

    Hennaert S, Decuman S, Désiron H, Alles T, Bühne D, Braeckman L, Baets S de, van de Velde D: Linking of the “Integration von Menschen mit Behinderungen in die Arbeitswelt“ (IMBA) to the “International Classification of Functioning, Disability and Health” (ICF). Work 2020; 72; 1359–1380. doi:10.3233/WOR-210257

    Kaiser H, Kersting M, Schian HM, Jacobs A, Kasprowski D: Der Stellenwert des EFL-Verfahrens nach Susan Isernhagen in der medizinischen und beruflichen Rehabilitation. Rehabilitation 2000; 39: 297–306. doi:10.1055/s-2000-7861

    King PM, Tuckwell N, Barrett TE: A critical review of functional capacity evaluations. Phys Ther 1998; 78: 852–866. doi:10.1093/ptj/78.8.852.

    Online-Quellen

    Profilvergleich IMBA (Integration von Menschen mit Behinderungen in die Arbeitswelt)
    www.imba.info

    Profilvergleichsoftware MARIE (Matching Abilities and Requirements to Increase Evidence)
    www.marie-software.de

    FCE-Verfahren ELA (Einschätzung körperlicher Leistungsfähigkeiten bei arbeitsbezogenen Aktivitäten)
    www.ela-fce.de

    Koautor

    Dr. David Bühne, Dipl.-Sportwiss.
    Institut für Qualitätssicherung in Prävention und ­Reha­- bilitation GmbH an der Deutschen Sporthochschule Köln

    Kontakt

    Torsten Alles, Ph.D.
    Institut für Qualitätssicherung in Prävention und Rehabilitation GmbH an der Deutschen Sporthochschule KölnEupener Str. 7050933 Köln

    Foto: iqpr GmbH

    Jetzt weiterlesen und profitieren.

    + ASU E-Paper-Ausgabe – jeden Monat neu
    + Kostenfreien Zugang zu unserem Online-Archiv
    + Exklusive Webinare zum Vorzugspreis

    Premium Mitgliedschaft

    2 Monate kostenlos testen