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Award-winning congress posters (Part 6): Benefits of occupational medicine in health prevention
Occupational medicine plays a central role in primary prevention and the promotion of healthy working and living conditions. In the context of demographic change, skills shortages, and increasingly complex demands on the mental and physical resilience of employees, the work underlying this article examines the actual benefits of occupational health measures for maintaining employee health. Based on an empirical study in companies in the greater Graz area, the acceptance and perceived added value of
occupational medicine are presented and discussed.
Prämierte Kongress-Poster (Teil 6): Nutzen der Arbeitsmedizin in der Gesundheitsprävention
Die Arbeitsmedizin nimmt eine zentrale Rolle in der Primärprävention und der Förderung gesunder Arbeits- und Lebensbedingungen ein. Im Spannungsfeld zwischen demografischem Wandel, Fachkräftemangel und immer komplexeren Anforderungen an die psychische und physische Belastbarkeit der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer untersucht die Arbeit, die diesem Beitrag zugrunde liegt, den tatsächlichen Nutzen arbeitsmedizinischer Maßnahmen zur Gesunderhaltung der Mitarbeitenden. Basierend auf einer empirischen Untersuchung in Betrieben des Großraums Graz werden die Akzeptanz und der wahrgenommene Mehrwert der Arbeitsmedizin dargestellt und diskutiert.
Kernaussagen
Zielsetzung
Arbeit darf nicht krank machen! Heute liegt der Fokus – auf Basis gesetzlicher Grundlagen – in erster Linie auf der Vermeidung von Krankheiten durch entsprechende Schutzmaßnahmen, begleitet durch ein umfangreiches Repertoire zur aktiven Stärkung der eigenen Gesundheit samt dahingehender Bewusstseinsbildung. Durch Primärprävention soll die Erhaltung einer bestmöglichen physischen und psychischen Gesundheit, noch bevor gesundheitlich negative Einflüsse wirksam werden, gewährleistet werden. Information und Unterweisung der Mitarbeitenden und Realisierung von evidenzbasierten, gesundheitsförderlichen Arbeitsverhältnissen stellen dabei wesentliche Eckpfeiler in der nachhaltigen Umsetzung dar. Im Hinblick auf die Verhältnisprävention kann auf ein umfangreiches Regelwerk (Gesetze, Verordnungen, Normen etc.) zurückgegriffen werden.
Demografische Entwicklung
Ausgedehntere Lebenszeit durch verbesserte Lebensumstände (Ernährung, Hygiene, Sensibilisierung zur Vorsorge, Diagnostik, Therapie) im Vergleich zu früheren Generationen und eine notwendigerweise verlängerte Lebensarbeitszeit durch demografische Verschiebungen rücken den Mehrwert der Arbeitsmedizin in ein neues Licht: Prognosen, die gesundheitsbezogene Infrastruktur betreffend, sprechen bis zum Jahr 2030 in Österreich von bis zu 7700 fehlenden Ärztinnen und Ärzten sowie etwa 34.000 zusätzlich fehlenden Arbeitskräften in der Pflege (Bachner et al. 2012).
„Erfolgsorgan Mensch“
Jede beruflich akquirierte Erkrankung wirkt sich auch negativ im Privatleben aus und vice versa. Es gibt nur „eine Gesundheit“ – nur einen Körper, der multiplen Einflüssen ausgesetzt ist. Um den Beruf Arbeitsmedizinerin/Arbeitsmediziner ausüben zu dürfen, ist die allgemeinmedizinische Grundausbildung (ius practicandi) in Österreich Voraussetzung. Diese Basis befähigt zu umfassender Beratung im Hinblick auf alle medizinischen Aspekte, erweitert um die arbeitsmedizinische Expertise.
Im Zentrum der Beratung stehen die Beschäftigten am Arbeitsplatz, in einem angestrebten Gleichgewicht von Verhaltens- und Verhältnisprävention einerseits und Interventionsmöglichkeiten andererseits. Die wesentliche Variable in diesem System stellt die Verhaltensprävention dar, auf deren Ausgestaltung die Arbeitsmedizinerin/der Arbeitsmediziner proaktiv, wiederholt und vor allem individualisiert einwirken kann. Gesundheitsförderung „Health Promotion“ – die Stärkung der gesundheitlichen Entfaltungsmöglichkeiten und „Empowerment“ der Beschäftigten, deren Lebensbedingungen selbst positiv zu beeinflussen, verfolgen den salutogenetischen Ansatz, Schutzfaktoren und Ressourcen zu stärken (Hurrelmann et al. 2018; Abb. 5 im Poster).
Methodik
Die Befragung einer Grundgesamtheit von 2700 Personen in ausgewählten Betrieben im Großraum Graz (Feldzeit 3 Wochen) zu Nutzen, Zufriedenheit und Inanspruchnahme erfolgte mit einem quantitativen, hypothesenprüfenden Verfahren mittels standardisierter Online-Fragebögen. Die Rücklaufquote betrug 28,4 % (767 Fragebögen; Abb. 4 im Poster). Die empirischen Faktoren des Fragebogens sind in ➥ Tabelle 1 dargestellt.
Ergebnisse
Ein Großteil der Befragten sieht in der Arbeitsmedizin einen klaren Nutzen für die Erhaltung der eigenen Gesundheit. Die angebotenen Leistungen werden mit hoher Zufriedenheit bewertet und das arbeitsmedizinische Angebot wird als zusätzliche Wertschätzung des Betriebs gegenüber den Beschäftigten wahrgenommen. Ein Zusammenhang mit Arbeitgeberversprechen (Employer Value Propositions) oder ein Einfluss auf die Wahl der Arbeitgeber im Kontext mit der Arbeitsmedizin im Betrieb spielten in der Befragung nur eine untergeordnete Rolle. Empirisch konnte in der quantitativen Befragung gezeigt werden, dass der Arbeitsmedizin mit hoher Akzeptanz begegnet wird und gleichzeitiges Interesse an weiteren gesundheitsförderlichen Kampagnen und zielgruppenorientierten Angeboten besteht.
Zusammenfassende Erkenntnis
In der Übersichtsdarstellung werden die zentrale Bedeutung von Wissen und Verständnis hinsichtlich gesundheitsbezogener Thematiken illustriert und dabei komplexe Zusammenhänge vieler (interdisziplinärer) Einflussfaktoren skizziert. Je deutlicher „Self-care“ und „Hilfe zur gesundheitlichen Selbsthilfe“ im Rahmen von (arbeits)medizinischer Beratung, Sensibilisierung und Information als zentrale Elemente der Steuerung beeinflussbarer Prozesse des Berufs- und Privatlebens wahrgenommen werden, umso wirkungsvoller kann der Präventionsgedanke umgesetzt werden: „Wissen ist Vorsprung“ bewahrheitet sich einmal mehr. Ein ganzheitlicher Präventionsansatz mit großen Schnittmengen aller „Lebenswelten“ unterstützt dabei, umfangreiche Synergien zu realisieren. Zentrum der Beratung ist die Person und deren individuelle Verhaltensweisen, die durch die positiven Einflüsse der arbeitsmedizinischen Beratung und Vorsorge sowie durch Auseinandersetzung mit dem eigenen Lifestyle idealerweise in Richtung eines optimierten, gesundheitsbezogenen Verhaltens gelenkt wird. In der Peripherie werden reziproke Wechselwirkungen zwischen physischen und psychischen Einflüssen sowie den komplexen Systemen „Führung“, „Entwicklung“ und „Organisation“ wahrgenommen. Ziel ist es, eine „gesunde Dynamik“ mit möglichst hoher Stabilität im per se labilen System zu forcieren.
Ausblick
In Zukunft werden zusätzlich zu den dargestellten Aspekten am Arbeitsplatz, vermehrt gesellschaftliche und kulturelle Gesichtspunkte im arbeitsmedizinischen Setting beachtet und entsprechend integriert werden müssen. Durch die aktuelle Situation anhaltender Migration und demografischer Veränderung, durch Verlagerung von Prioritäten zwischen Arbeit und Leben und durch die Etablierung dynamischer Anforderungsprofile hinsichtlich beruflicher Rahmenbedingungen werden zur bedarfs- und bedürfnisorientierten Beratung künftig thematisch variable Schwerpunkte gesetzt werden. Inklusion und Integration am Arbeitsplatz, Diversität, Gleichstellung, Gewaltprävention, Mediation, Reduktion psychischer Belastungen und die Förderung interkultureller Kommunikation bedürfen aus Sicht der Autorin intensiver Thematisierung und Ausarbeitung, um letztendlich physische und psychische Gesundheit und entsprechende Gesundheitsförderung am Arbeitsplatz nachhaltig umsetzen zu können. In diesem Szenario stellt die Arbeitsmedizin gleichzeitig sowohl einen wertvollen interdisziplinären Ankerpunkt als auch eine Drehscheibe dar.
Gesunde Lebenswelten
Vor dem Hintergrund künftiger demografischer Entwicklungen und wachsender Herausforderungen im Gesundheitssystem leistet die Arbeitsmedizin zusätzlich einen wertvollen Beitrag zum Erhalt physischer und psychischer Gesundheit. Gesundheitsfördernde Lebensgewohnheiten, Stressmanagement und betriebliche Gesundheitsförderung wirken motivational positiv und können Krankheitsrisiken insgesamt reduzieren, Ausfallszeiten verkürzen sowie Produktivität, Lebensqualität und Wohlbefinden steigern.
Interessenskonflikte: Die Autorin gibt an, dass keine Interessenkonflikte vorliegen.
Literatur
Bachner F et al.: Das Österreichische Gesundheitswesen im internationalen Vergleich, Wien: Gesundheit Österreich GmbH im Auftrag des Bundesministeriums für Gesundheit, 2012.
Hurrelmann K, Richter M, Stock S (Hrsg.): Referenzwerk Prävention und Gesundheitsförderung. 4. Aufl. Bern: Hogrefe, 2018.
Ilmarinen J: Work ability – a comprehensive concept for occupational health research and prevention. Scand J Work Environ Health 2009; 35: 1–5. doi:10.5271/sjweh.1304 (Open Access).