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Leistungsminderung am Arbeitsplatz als Folge sexueller Funktionsstörungen

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Reduced performance at work as a result of sexual ­dysfunction

Damage to the nerve and vascular structures that are important for sexual function can lead to anxiety, depression, social phobias and reduced self-esteem and identity, thereby impairing performance at work. This causes a much greater strain in affected patients than is perceived in occupational health practice.

Leistungsminderung am Arbeitsplatz als Folge sexueller Funktionsstörungen

Schädigungen der für das Sexualleben wichtigen Nerven- und Gefäßstrukturen können zu Angstzuständen, Depressionen, sozialen Phobien sowie Einschränkungen des Selbstwertgefühls und der Identität führen und so die Leistungsfähigkeit am Arbeitsplatz mindern. Dies belastet betroffene Patientinnen und Patienten wesentlich stärker als in der betriebsärztlichen Praxis wahrgenommen wird.

Kernaussagen

  • Sexuelle Funktionsstörungen können als Folge von Arbeitsunfall und Berufskrankheit auftreten.
  • Sie können zu Angstzuständen, Depressionen, sozialer Phobie sowie Einschränkungen des Selbstwertgefühls und der Identität führen und damit auch die Leistungsfähigkeit am ­Arbeitsplatz einschränken.
  • In der Begutachtung Unfallverletzter und Berufserkrankter ist der Verlust des sexuellen ­Erlebens ein wesentliches Element, wobei die sexuellen Funktionsstörungen der Frau bislang nicht hinreichend beachtet werden.
  • Der Opioid-induzierte Hypogonadismus des Mannes muss bei Langzeitmedikation und ­entsprechenden Symptomen beachtet werden.
  • Fertilitätsstörungen sind auch bei ursächlichem Zusammenhang mit dem Arbeitsunfall oder der Berufskrankheit nur bei Behandlung in einem Kinderwunschzentrum MdE-relevant.
  • Einleitung

    Sexualität ist ein zentraler Aspekt im Leben eines Menschen (Zimmermann 2022), die nicht nur von somatischen Faktoren beeinflusst wird (Marschke 2025). Als Folge von Arbeitsunfall und Berufskrankheiten können sich sexuelle Störungen entwickeln, die zu Angstzuständen, Depressionen, sozialen Phobien sowie Einschränkungen des Selbstwertgefühls und der Identität führen (Hartmann 2000; Hunt u. McHale 2007). Die dadurch bedingten Funktionsstörungen können die Patientinnen und Patienten wesentlich stärker belasten, als dies von außen, und somit auch von der Betriebsärztin oder dem Betriebsarzt, wahrgenommen wird. Für Arbeitsmedizinerinnen und -mediziner ist ein grundsätzliches Verständnis dieser Funk­tionsstörungen hilfreich, da sie auch die Leistungsfähigkeit am Arbeitsplatz beeinträchtigen können.

    Die Zystektomie bei Harnblasentumoren ist das klassische Beispiel für die Auslösung von sexuellen Funktionsstörungen. Bei Männern kann in der Regel das erektionssteuernde Nervengefäßbündel nicht geschont werden. Bei Frauen müssen in der Regel Teile der Scheidenvorderwand und auch das Nervengefäßbündel reseziert werden. Sexuelle Funktionsstörungen können aber auch als Unfallfolge nach Schädelhirntraumen, Wirbelsäulenverletzungen und Beckenfrakturen oder nach Eingriffen im kleinen Becken bei beiden Geschlechtern auftreten.

    Während Frauen selbst in der Begutachtung sexuelle Störungen selten ungefragt vortragen, sind Erektionsstörungen ein von männlichen Versicherten seit der Einführung der Phosphodiesterase­hemmer als ­effektive Therapie häufig geklagtes Symptom, dessen Bewertung in der MdE-Einschätzung von den Betroffenen meist vehement gefordert wird.

    Der Verlust des sexuellen Erlebens führt nicht direkt zum Verlust der Beschäftigungsmöglichkeit auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt. Aber die aus dem Verlust resultierenden Angstzustände, Depressionen, sozialen Phobien sowie Einschränkungen des Selbstwertgefühls und der Identität schränken die Arbeitsmöglichkeiten ein (Hartmann 2000; Hunt u. McHale 2007). Es hat sich etabliert, dass objektivierte sexuelle Störungen bei Männern mit nachgewiesenem Leidensdruck von Urologen im Rahmen ihrer fachübergreifenden Kompe­tenz mit einer Einzel-MdE von 20 v. H. eingeschätzt werden, die die Gesamt-MdE um 10 v. H. erhöht. Sexuelle Funktionsstörungen bei Frauen sind nach dem gleichen Maßstab wie bei Männern zu bewerten. Im Zweifel sollten die Auswirkungen dieser Störungen auf die Arbeitsplatzmöglichkeiten psychiatrisch diagnostiziert und bewertet werden.

    Erektionsstörungen

    Die Ursachen sexueller Dysfunktion sind mannigfaltig und oft multifaktoriell. Die wichtigsten Auslöser sind nachfolgend aufgeführt:

  • Psychogen (diverse Subformen):
    BK-Abhängigkeit möglich
  • Nach Operationen im Becken:
    BK-Abhängigkeit möglich
  • Traumatisch (Beckenfraktur!):
    Unfallabhängigkeit möglich
  • Spinale Nervenschädigung:
    Unfallabhängigkeit möglich
  • Medikamentennebenwirkung:
    BK-Abhängigkeit möglich
  • Bestrahlungsfolge: sehr selten
    BK-Abhängigkeit möglich
  • Diabetes mellitus
  • Arteriosklerose
  • Insbesondere die psychogenen Formen sind auch wegen der schwierigen Anamnese oft nur unzureichend einzuordnen. Die Unter­differenzierung dieser Gruppen sollte dem Facharzt für Psychiatrie vorbehalten ­bleiben.

    Opioid-induzierter Hypogonadismus des Mannes

    Ein relevanter Aspekt, dem kaum Aufmerksamkeit gewidmet wird, ist der Opioid-induzierte Hypogonadismus, der zu Erschöpfung oder Schlafstörungen und damit auch zu einer verminderten Leistungsfähigkeit am Arbeitsplatz führen kann (Antony et al. 2020; O‘Rourke u. Wosnitzer 2016). Unter einer länger andauernden Schmerztherapie mit opioidhaltigen starken Schmerzmitteln entwickelt über die Hälfte der männlichen Patienten durch Hemmung des GnRH (Gonadotropin-Releasing-Hormon) bei gleichzeitiger peripherer Stimulation der 5-alpha-Reduktase einen Mangel an Testosteron, den sogenannten Opioid-induzierten Hypogonadismus (O‘Rourke u. Wosnitzer 2016). Insbesondere wegen der Erschöpfung oder Schlafstörungen ist es für Betriebsärztinnen oder Betriebsärzten wichtig, bei Personen mit Opioiden als Langzeitmedikation auf die entsprechenden Symptome zu achten.

    Sexuelle Funktionsstörungen der Frau

    Durch Unfall oder BK-Behandlungen wie Operation, Chemo- oder Strahlenbehandlung, kann es bei Frauen zu den gleichen Schädigungen der Genitalien und der versorgenden Gefäß- und Nervenstrukturen wie bei Männern kommen (Zimmermann 2022) und damit auch zu den oben beschriebenen Leistungseinschränkungen. Die Veränderungen des Körperbildes durch Narben und Stomata können ebenfalls wie bei Männern zum subjektiv empfundenen Verlust der Attraktivität und dann sekundär zu sexuellen Erlebensstörungen führen (Zimmermann 2022). Eine Harninkontinenz kann bei Frauen mittelbar zu einer sexuellen Erlebensstörung führen, deren Häufigkeit nach Auswertung großer Kohorten mit nahezu 50 % angegeben wird (Korda et al. 2007).

    Weitere Ursachen sexueller ­Funktionsstörungen

    Hier sind in erster Linie die persistierende, nach Beckenfrakturen auftretende schmerzbedingte sexuelle Funktionsstörung sowie sexuelle Funktionsstörungen bei Körperschemastörungen (z. B. Harnableitung über ein Stoma; Zimmermann 2022) zu nennen. Letztere sind grundsätzlich psychiatrisch therapierbar.

    Fertilitätsstörung

    Die Behandlung in einem Kinderwunschzentrum kann zu erheblichen Fehlzeiten am Arbeitsplatz führen. Die psychische Belastung, die aus der Unerfüllbarkeit des Kinderwunsches resultiert, kann Leistungsminderung und damit zu einer MdE-relevanten Funktionsstörung führen. Es kann sich also insbesondere bei langwieriger bis erfolgloser Behandlung eine rein psychiatrische MdE entwickeln, die in diesem Fall fachspezifisch einzuschätzen ist. Es darf erwartet werden, dass sich in einem Teil der Fälle im Laufe der Zeit eine Anpassung entwickelt, so dass ein Absenken der MdE unbedingt geprüft werden sollte. Für die Gesetzliche Unfallversicherung wird die Fertilitätsstörung nur dann relevant (Kostenübernahme, MdE), wenn sich die Betroffenen in die ­Behandlung eines Kinderwunschzentrums begeben.▪

    Interessenkonflikt: Das Autorenteam gibt an, dass keine Interessenkonflikte vorliegen.

    Literatur

    Antony T, Alzaharani SY, El-Ghaiesh SH: Opioid-induced hypogonadism: Pathophysiology, clinical and therapeutics review. Clin Exp Pharmacol Physiol 2020; 47: 741–750. doi:10.1111/1440-1681.13246

    Korda JB, Braun M, Engelmann UH: Sexuelle Dysfunktion bei Harninkontinenz. Urologe A 2007; 46: 1058–1065. doi: 10.1007/s00120-007-1408-4.

    Jungmann OP, Schöps W, Kadhum T, Zumbé J, Golka K: Vollbeweis der erektilen Dysfunktion. URO-NEWS 2018; 22: 22–25. doi:10.1007/s00092-018-1761-1.

    Hartmann U: Psychosomatische Aspekte bei Erektionsstörungen. Dt Ärztebl 2000; 97: A-615–619.

    Hunt N, McHale S: Psychosocial aspects of andrologic disease. Endocrinol Metab Clin North Am 2007; 36: 521–531. doi:10.1016/j.ecl.2007.03.001.

    Zimmermann T: Beeinträchtigungen des Sexuallebens im Rahmen einer Krebserkrankung. Best Practice Onkologie 2022; 17: 400–406. doi:10.1007/s11654-022-00417-0.

    Koautoren

    Kontakt

    Olaf P. Jungmann
    Urologische Gutachtenpraxis Köln/Bonn; In den Weingärten 21; 53127 Bonn

    Foto: privat

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