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Handlungsfeld moderner Arbeitsmedizin
Hitzeperioden, neue Allergene, eine längere Pollensaison, eine veränderte Vektorverbreitung, UV-Belastung, Extremwetterereignisse und psychische Belastungen durch Schlafmangel, Erschöpfung und individuelle Sorgen wirken nicht isoliert. Sie treffen auf reale Arbeitsbedingungen: körperliche Arbeit im Freien, Tätigkeiten in aufgeheizten Innenräumen, Tätigkeiten in Schutzkleidung oder Schichtarbeit. Und sie treffen auf Beschäftigte in besonderen Lebensphasen und mit spezifischen Besonderheiten: mit chronischen Erkrankungen, in der Schwangerschaft oder mit zunehmendem Alter. Damit wird der Klimawandel zu einem Verstärker bekannter arbeitsmedizinischer Risiken – und genau deshalb gehört er in Gefährdungsbeurteilung, Vorsorge, Beratung, Unterweisung und betriebliche Präventionsstrategien.
Diese Ausgabe der ASU zeigt, wie breit das Thema inzwischen arbeitsmedizinisch gedacht werden muss. Melanie Weiss beschreibt die gesundheitlichen Auswirkungen des Klimawandels im betrieblichen Setting: Hitze belastet das Herz-Kreislauf-System, Atemwege, Nierenfunktion, Stoffwechsel und die psychische Gesundheit. Hohe Temperaturen erhöhen das Risiko für Arbeits- und Wegeunfälle, Leistungseinbußen und Fehlzeiten. Zugleich verändern sich allergologische und infektiologische Risikolagen. Pollenbelastungen können früher beginnen und länger anhalten, invasive Pflanzen und Vektoren gewinnen an Bedeutung. Für Betriebsärztinnen und Betriebsärzte bedeutet das, Klimawandel in Differenzialdiagnostik, Risikokommunikation und gezielter Beratung vulnerabler Beschäftigtengruppen zu berücksichtigen.
Ewald Hottenroth übersetzt diese Problemlage in betriebliche Strukturen. Hitzeschutzpläne sind keine freiwillige Komfortmaßnahme, sondern ein notwendiger Bestandteil betrieblicher Anpassung. Saisonale Hitze muss in der Gefährdungsbeurteilung abgebildet werden. Verantwortlichkeiten, Kommunikationswege, Warn-Apps sowie technische, organisatorische und personenbezogene Schutzmaßnahmen und Schulungen müssen vor der nächsten Hitzewelle festgelegt sein – nicht erst, wenn die Innenraumtemperaturen bereits über 30 Grad liegen. Prävention braucht Vorbereitung.
Elisabeth Boßlet nimmt zusätzlich die arbeitsmedizinische Praxis
beziehungsweise den arbeitsmedizinischen Dienst selbst in den Blick: Wie arbeiten wir selbst nachhaltiger? Wie reduzieren wir unseren eigenen CO2-Fußabdruck? Wie verbinden wir Hitzeschutz mit Klimaschutz? Wie gelingt es, Nachhaltigkeits- und Klimaschutzzielen miteinander zu verknüpfen? Und welchen Beitrag kann Arbeitsmedizin selbst zum Klima- und Gesundheitsschutz beitragen?
Auch Ernährung spielt in diesem Zusammenhang eine Rolle. Matthias Finell, Saskia Wendt und Jasmin Geppert zeigen, dass klimafreundliche Ernährung im Betrieb ebenfalls ein arbeitsmedizinisches Handlungsfeld ist. Die Planetary Health Diet und die
lebensmittelbezogenen Empfehlungen der DGE verbinden individuelle Prävention mit Ressourcenschonung. Damit wird Betriebsverpflegung zu einem strukturellen Hebel für Herz-Kreislauf-Prävention, Stoffwechselgesundheit und Nachhaltigkeit.
Mit ihrer bundesweiten Befragung der DGUV Akademie zeigen
Maria Klotz, Annekatrin Wetzstein und Anna-Maria Hessenmöller, dass klimabedingte Risiken in der betriebsärztlichen Praxis bereits angekommen sind. Die Einschätzungen von 187 Betriebsärztinnen und Betriebsärzten machen deutlich, dass die Mehrheit konkrete Auswirkungen des Klimawandels auf Arbeitsplätze und Tätigkeiten wahrnimmt. Besonders Hitze und psychische Stressreaktionen werden als relevante Risiken für Sicherheit und Gesundheit der Beschäftigten eingeordnet. Zugleich zeigt der Beitrag eine wichtige Lücke: Viele Betriebsärztinnen und Betriebsärzte befassen sich bereits fachlich mit klimabedingten Gefährdungen und bringen sie teils proaktiv in die Beratung ein – die Nachfrage aus den Betrieben bleibt jedoch noch zurückhaltend. Fehlendes Problembewusstsein und begrenzte Ressourcen bleiben hier zentrale Hemmnisse. Gerade daraus ergibt sich ein klarer arbeitsmedizinischer Auftrag, Klimarisiken aktiv in Beratung, Gefährdungsbeurteilung und Präventionsmaßnahmen zu berücksichtigen. Die Arbeitsmedizin darf nicht warten, bis Unternehmen das Thema von selbst einfordern. Sie muss Klimarisiken fachlich einordnen, priorisieren und in bestehende Arbeitsschutzstrukturen übersetzen. Der Arbeitsschutzausschuss, die Gefährdungsbeurteilung, die arbeitsmedizinische Vorsorge, das Betriebliche Gesundheitsmanagement und die Beratung von Führungskräften sind dafür bereits etablierte Zugänge.
Liebe Leserinnen und Leser, Beschäftigungsfähigkeit unter Klimawandelbedingungen ist keine Aufgabe einzelner besonders engagierter Betriebe. Sie ist eine systemische Aufgabe. Sie betrifft Arbeitgeber, Beschäftigte, Betriebs- und Personalräte, Fachkräfte für Arbeitssicherheit, Unfallversicherungsträger, öffentliche Gesundheit und Arbeitsmedizin gleichermaßen.
Diese Ausgabe macht deutlich: Klimakompetenz wird zu einer Kernkompetenz unseres Fachs. Nicht irgendwann, sondern jetzt. Wer Beschäftigungsfähigkeit sicherstellen will, muss Hitzeschutz planen, vulnerable Gruppen erkennen, Arbeitsorganisation anpassen, gesunde und nachhaltige Verhältnisse fördern und Betriebe resilienter machen. Prävention im Klimawandel ist damit keine Zukunftsagenda, sondern bereits jetzt Handlungsfeld moderner Arbeitsmedizin.
Ich wünsche Ihnen eine anregende Lektüre
Ihre Susanne H. Liebe
Präsidentin dees VDBW
Foto: © VDBW / Guido Kollmeier