Stefanie Mache et al. stellen in ihrer praxisorientierten Übersicht ein integratives Schutzkonzept zur Gewaltprävention in Notaufnahmen vor, das bauliche, technische, personelle und organisatorische Maßnahmen kombiniert. Das Autorenteam zeigt, dass Mitarbeitende in Notaufnahmen besonders häufig Gewalt ausgesetzt sind und dass effektive Prävention eine systematische Umsetzung verschiedener Maßnahmen erfordert – von Zugangskontrollen über Deeskalationstrainings bis zur psychosozialen Nachsorge. Herausforderungen bestehen vor allem in Ressourcenknappheit, fehlenden Leitlinien und Akzeptanzproblemen. Der Artikel plädiert für einen nachhaltigen Kulturwandel und die Verankerung von Gewaltprävention als festen Bestandteil der Organisationskultur.
Joerg Hensiek und Albert Nienhaus analysieren die Bundeslagebilder zu geschlechtsspezifischer Gewalt gegen Frauen und häuslicher Gewalt in Deutschland. Die Zahlen zeigen einen besorgniserregenden Anstieg, insbesondere im häuslichen Bereich und bei digitaler Gewalt, wobei die Dunkelziffer hoch bleibt. Die Umsetzung der Istanbul-Konvention und das neue Gewalthilfegesetz sind zentrale politische Maßnahmen, die den Schutz und die Beratung für betroffene Frauen verbessern sollen. Der Beitrag hebt die Bedeutung von Prävention, Monitoring und einer diskriminierungsfreien Arbeitskultur hervor und empfiehlt eine stärkere Einbindung von Betriebsärzten in die Unterstützung betroffener Frauen.
In einem weiteren Beitrag stellen Nazan Ulusoy und Albert Nienhaus die Everyday Discrimination Scale (EDS) als validiertes Instrument zur Erfassung von Diskriminierungserfahrungen bei Pflegekräften vor. Diskriminierung am Arbeitsplatz ist ein relevanter psychosozialer Stressor, der die Gesundheit und Arbeitszufriedenheit beeinträchtigen kann. Die EDS wurde für den Pflegebereich angepasst und ins Deutsche sowie Türkische übersetzt. Insgesamt zeigen die Studien, dass Pflegende – insbesondere mit Migrationsgeschichte – regelmäßig Diskriminierung erleben. Die Skala eignet sich für Gefährdungsbeurteilungen und kann zur Entwicklung gezielter Präventionsmaßnahmen beitragen.
Carla Bormann von der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung (DGUV) stellt in ihrem Beitrag die bundesweite Kampagne gegen Gewalt am Arbeitsplatz vor. Die Kampagne #GewaltAngehen adressiert die massiven Übergriffe auf Einsatzkräfte und richtet sich besonders an das Gesundheitswesen. Sie betont die Bedeutung von Gefährdungsbeurteilungen, Prävention und Nachsorge und bietet konkrete Hilfestellungen, Best-Practice-Beispiele und Qualifizierungsangebote für Führungskräfte und Beschäftigte. Die Kampagne setzt auf Sensibilisierung, statistische Erfassung von Gewaltvorfällen und eine Null-Toleranz-Strategie. Gewalt wird dabei als gesamtgesellschaftliches Problem verstanden, das alle betrifft und gemeinsam angegangen werden muss.
In der Rubrik „Für Sie referiert“ befasst sich Joerg Hensiek mit einer Querschnittsstudie zu Gewalt am Arbeitsplatz und Burnout bei Rettungsdienstmitarbeitenden und Pflegekräften in Deutschland. Die Ergebnisse zeigen, dass beide Berufsgruppen häufig verbale und körperliche Übergriffe erleben, wobei Rettungsdienstmitarbeitende besonders häufig betroffen sind. Ein hoher Anteil der Beschäftigten weist dabei ein mittleres bis hohes Burnout-Risiko auf, dabei korrelieren körperliche Gewaltvorfälle signifikant mit erhöhtem Burnout-Risiko. Die Autorengruppe fordert verstärkte Präventionsmaßnahmen, innerbetriebliche Richtlinien und systemische Verbesserungen der Arbeitsbedingungen, um Beschäftigte besser zu schützen und zu unterstützen.
Ihr Volker Harth
Professur für Arbeitsmedizin und Maritime Medizin, Universitätsklinikum
Hamburg-Eppendorf (UKE)
Foto: DGAUM/Scheere