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Psychosocial risk assessment – from legal obligation to practical benefit
Psychosocial risk assessment in occupational health is often seen as a legal requirement rather than a practical tool. This article highlights how effective implementation focuses on working conditions, not individuals, and requires context-specific approaches. Key success factors include employee participation, balancing risk and protective factors, and translating results into concrete measures. Well-designed work not only supports employee health but also strengthens performance and organizational resilience.
Die Gefährdungsbeurteilung der psychischen Belastung – von der gesetzlichen Pflicht zum praktischen Nutzen
Die Beurteilung psychosozialer Risiken im Arbeits- und Gesundheitsschutz wird oft eher als gesetzliche Pflicht denn als praktisches Instrument wahrgenommen. Dieser Artikel verdeutlicht, dass eine wirksame Umsetzung den Fokus auf die Arbeitsbedingungen statt auf die einzelnen Beschäftigten legt und kontextspezifische Ansätze erfordert. Zu den wesentlichen Erfolgsfaktoren zählen die Beteiligung der Beschäftigten, das Ausbalancieren von Risiko- und Schutzfaktoren sowie die Überführung der Ergebnisse in konkrete Maßnahmen. Eine gut gestaltete Arbeitsweise fördert nicht nur die Gesundheit der Mitarbeitenden, sondern stärkt auch die Leistungsfähigkeit und die organisationale Resilienz.
Kernaussagen
- Psychische Belastung ist ein wertneutraler Fachbegriff. Je nach den vorliegenden Arbeitsbedingungen kann sie zu positiver oder negativer psychischer Beanspruchung führen.
- Die Gefährdungsbeurteilung der psychischen Belastung richtet den Blick nicht auf Personen, sondern auf Arbeitsbedingungen.
- Wirksam wird der Prozess nur, wenn Beschäftigte transparent beteiligt und Ergebnisse konsequent in Maßnahmen übersetzt werden.
- Gute Arbeitsbedingungen stärken nicht nur die Gesundheit, sondern unterstützen auch die Leistungsfähigkeit und organisationale Resilienz von Unternehmen.
- Führungskräfte benötigen Gestaltungswissen und Handlungsspielräume, um psychische Belastung wirksam zu steuern.
„Psychische Belastung“ ist ein Begriff, der polarisiert. Das zeigte sich gleich zu Beginn des Livestreams „Die Basi im Dialog“. 84 % der rund 500 angemeldeten Teilnehmenden bewerteten die Gefährdungsbeurteilung der psychischen Belastung als sinnvoll; 16 % sahen sie eher als notwendige Pflicht. Auffällig war, dass gerade letztgenannte Gruppe viele Fragen hatte: Wie setzt man das Thema richtig um? Wie entsteht am Ende ein echter Nutzen für Betriebe und Beschäftigte? Diese Fragen waren gute Startpunkte für einen Dialog, ausgehend von der Fragestellung „Zwischen Gesetz und Realität – wie gelingt die Gefährdungsbeurteilung der psychischen Belastung wirklich?“, der schnell an Tiefe gewann.
Belastung – nicht nur negativ
Dr. Christian Felten, Geschäftsführer der Bundesarbeitsgemeinschaft für Sicherheit und Gesundheit bei der Arbeit (Basi), sprach mit Ivon Ames, Arbeits- und Organisationspsychologin, Diplom-Betriebswirtin (FH) sowie Vizepräsidentin des Berufsverbands Deutscher Psychologinnen und Psychologen (BDP) darüber, was psychische Belastungen im Arbeitskontext wirklich bedeuten. Und vor allem darüber, was sie nicht sind. Denn Belastung klingt im Alltag fast immer negativ, im fachlichen Sinne ist der Begriff jedoch wertneutral. Je nach den Arbeitsbedingungen kann Belastung zu positiver oder negativer psychischer Beanspruchung führen. Genau hier setzt die Gefährdungsbeurteilung der psychischen Belastung, kurz GBU Psyche, an.
Im Fokus stehen Arbeitsbedingungen: Aufgaben, Abläufe, Arbeitsmittel, Zeitdruck, Unterbrechungen und soziale Beziehungen. Es geht um die Frage, ob Menschen ihre Arbeit gut erledigen können – ohne unnötige Reibungsverluste oder unnötige Hürden und ohne Dauerstress. Ivon Ames betont im Dialog: Die GBU Psyche prüft nicht das Innenleben einzelner Personen, sondern blickt auf das System Arbeit.
Jede Tätigkeit hat ihren Kontext
Eine zentrale Botschaft des Expertendialogs lautete: Es gibt keine Lösung für alle. Wer Straßenbahn fährt, erlebt die Rahmenbedingungen seiner Arbeit anders als Beschäftigte in Kitas, in Pflegeeinrichtungen oder im Büro. Jede Tätigkeit bringt eigene Umstände mit sich. Deshalb plädierte Ivon Ames dafür, den Blick zu weiten. Besser sei es, von einer Beurteilung der Arbeitsbedingungen zu sprechen und konkret hinzuschauen, was vor Ort wirkt.
Dabei lohnt es sich aus Sicht der Psychologin, nicht nur auf kritische Faktoren zu achten. Auch förderliche Aspekte gehören auf den Tisch. Was hilft? Was schützt? Was macht Aufgaben erfüllbar? Wer nur nach Gefährdungen sucht, kann leicht wertvolle Ressourcen übersehen – und dadurch Chancen für echte Prävention ungenutzt lassen.
Resilienz verschafft Spielräume
Resilienz zählt zu den häufigen Schlagwörtern der letzten Jahre. Oft richtet sich der Blick in diesem Zusammenhang auf einzelne Personen. Ames setzte hier bewusst einen anderen Akzent: Organisationale Resilienz entsteht beispielsweise nicht allein durch Coaching von Mitarbeitenden, sondern in der betrieblichen Arbeit
Organisationen brauchen Puffer, Spielräume und Anpassungsfähigkeit. Ist Arbeit dauerhaft „auf Kante genäht“, fehlt jede Reserve. Dann reichen zusätzliche externe Herausforderungen wie Klimawandel, geopolitische Unsicherheit oder Personalausfälle, um das System aus dem Gleichgewicht zu bringen. Gut gestaltete Arbeitsbedingungen schaffen Stabilität. Sie erhöhen die organisatorische Widerstandsfähigkeit der Unternehmen gegenüber internen und externen Belastungen.
Beschäftigte einbeziehen
Hinweise darauf, wie eine wirksame GBU Psyche aussehen sollte, gab auch eine Live‑Umfrage unter den Teilnehmenden. Ganz oben stand die Beteiligung der Beschäftigten. Dahinter folgte die Ableitung konkreter Schritte und der gleichzeitige Blick auf belastende und förderliche Faktoren.
Ivon Ames riet zu einem pragmatischen Start: Nicht alles auf einmal wollen, sondern einen gut vorbereiteten Steuerkreis ins Leben rufen, klare Fragen stellen und daraus realistische Maßnahmen ableiten. Entscheidend aus ihrer Sicht ist, dass nicht nur auf die Folgen wie Stress oder Erschöpfung geschaut werden sollte, sondern auch auf die Bedingungen, die dazu führen, sowie auf das, was bereits gut läuft. Was sich gestalten lässt, sollte konsequent gestaltet werden.
Entscheidend bleibt, die Beschäftigten als Expertinnen und Experten ihres Arbeitsalltags einzubeziehen – ehrlich, transparent und verbindlich. Symbolische Kampagnen reichen nicht, erst die Arbeit mit den Ergebnissen bringt Veränderung.
Führung braucht Gestaltungswissen
Eine Schlüsselrolle kommt auch aus Sicht von Basi-Geschäftsführer Dr. Christian Felten den Führungskräften zu. Sie prägen Arbeitsbedingungen täglich. Damit sie diese Rolle wahrnehm können, brauchen sie Gestaltungswissen und Spielräume, um zu entscheiden.
Die Wortwolke der Teilnehmenden während der Veranstaltung machte es deutlich: Beteiligung, Klarheit, Verbindlichkeit und echtes Interesse an Menschen gelten als wichtige Erfolgsfaktoren. Wer Arbeit gut gestaltet, fördert nicht nur die Gesundheit der Mitarbeitenden, sondern auch ihre Leistungsfähigkeit.
Instrumente bewusst auswählen
Auch das Thema Messinstrumente spielte im Dialog eine wichtige Rolle. Gute Verfahren zeichnen sich nach Einschätzung von Ivon Ames dadurch aus, dass Fragen wissenschaftlich validiert und standardisiert sind. Die Fachfrau arbeitet unter anderem mit Instrumenten der Berufsgenossenschaften und Unfallversicherungsträger.
Externe Begleitung kann ihrer Ansicht nach gerade zu Beginn des Prozesses sinnvoll sein – etwa um Struktur zu schaffen und interne Kompetenz aufzubauen. Das Ziel bleibt, dass Betriebe später eigenständig weiterarbeiten können.▪
Interessenkonflikt: Die Autorin ist freie Journalistin und für die Basi tätig. Weitere Interessenkonflikte liegen nicht vor.
Hinweis: Beim Erstellen des Infokastens wurde KI benutzt, die Links der Online-Quellen hat die Autorin selbst überprüft.
Online-Quellen
BAuA: Psychische Faktoren bei der Arbeit
https://www.baua.de/DE/Themen/Arbeitsgestaltung/Gefaehrdungsbeurteilung…
BAuA/GDA: Berücksichtigung psychischer Belastung in der Gefährdungsbeurteilung – Empfehlungen zur Umsetzung
https://www.baua.de/DE/Angebote/Publikationen/Kooperation/GDA-Gefaehrdu…
Arbeitsschutzgesetz § 5 ArbSchG
https://www.gesetze-im-internet.de/arbschg/__5.html
DGUV: Psychische Belastung – der Schritt der Risikobeurteilung (DGUV Information 206‑026)
https://publikationen.dguv.de/widgets/pdf/download/article/3476
Hinweise zur Veranstaltung
Aufzeichnung ansehen: Die vollständige Aufzeichnung des Livestreams finden Sie auf basi.de unter Veranstaltungen Die Basi im Dialog.
Fragen & Antworten: Zahlreiche Fragen aus dem Chat werden im Nachgang gesammelt und auf der Veranstaltungsseite beantwortet. Die Seite wird fortlaufend ergänzt.
Info
Gefährdungsbeurteilung der psychischen Belastung
Eine Gefährdungsbeurteilung der psychischen Belastung ist gesetzlich vorgeschrieben und Teil der allgemeinen Gefährdungsbeurteilung. Ziel ist es, Arbeitsbedingungen so zu gestalten, dass gesundheitliche Beeinträchtigungen möglichst vermieden werden.
Zentrale Merkmale guter Praxis:
- Fokus auf Arbeitsinhalt, Arbeitsorganisation, Arbeitszeit, soziale Beziehungen und Arbeitsumgebung,
- tätigkeitsbezogene Betrachtung statt pauschaler Befragungen,
- Beteiligung der Beschäftigten als Expertinnen und Experten ihres Arbeitsalltags,
- Berücksichtigung belastender und förderlicher Faktoren,
- Ableitung konkreter, umsetzbarer Maßnahmen mit Zuständigkeiten,
- Überprüfung, ob Maßnahmen tatsächlich wirken.
Der Gesetzgeber nennt psychische Belastungen ausdrücklich als möglichen Gefährdungsfaktor im Arbeitsschutz (§ 5 Absatz 3 Nummer 6 Arbeitsschutzgesetz). Wissenschaftliche Grundlagen und praxisnahe Empfehlungen liefern insbesondere die Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (BAuA) sowie die Gemeinsame Deutsche Arbeitsschutzstrategie (GDA). Auch die Deutsche Gesetzliche Unfallversicherung (DGUV) betont, dass gute Arbeitsgestaltung ein zentraler Hebel für Gesundheit und Prävention ist (s. Online-Quellen).