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Das Jahr 2026 markiert einen strategischen Meilenstein für die deutsche Arbeitswissenschaft. Vor genau drei Jahrzehnten wurde mit der Novellierung des Arbeitsschutzgesetzes (ArbSchG) der Begriff der „menschengerechten Arbeitsgestaltung“ gesetzlich verankert. Was 1996 mit als Resultat des Programms zur Humanisierung der Arbeit begann, ist heute das wesentliche Fundament unseres Fachgebiets.
In einer Ära, die von zum Teil disruptiven Megatrends wie der digitalen Transformation, auch durch künstliche Intelligenz, dem demografischen Wandel oder neuer Arbeitszeitmodelle geprägt ist, ist die Arbeitswissenschaft mehr denn je gefordert, Arbeitsschutz weiterhin nicht als reaktiven Schutz vor Gefahren und Unfällen, sondern als proaktive Gestaltungschance zu interpretieren.
Aus diesem Grund stand der 72. Frühjahrskongress der Gesellschaft für Arbeitswissenschaft unter dem Motto „Menschengerechte Arbeitsgestaltung“. Der vorliegende Themenschwerpunkt präsentiert eine kuratierte Auswahl aus dem Kongressband mit Fokus auf neue Perspektiven für sichere und gesunde Arbeit.
Den Einstieg in den Schwerpunkt der psychischen Gesundheit markiert der Beitrag „Normung im Bereich der arbeitsbezogenen psychischen Belastung (DIN EN ISO 10075) und Folgerungen für die betriebliche Praxis“ von Stephan Sandrock. Der Autor skizziert jüngste Entwicklungen der Ergonomienormung sowie die Neuausrichtung des 2024 überarbeiteten Normteils 2 und zeigt auf, warum die saubere Trennung von Belastung und Beanspruchung für die ergonomische Systemgestaltung unverzichtbar bleibt.
Daran anknüpfend vertiefen Yannick Metzler et al. in ihrem Beitrag „Psychische Belastung: Sind Grenzwerte möglich?“ die methodische Debatte. Ausgehend von klassischen Schwellen- und Grenzwertmodellen physikalisch-chemischer Noxen wird systematisch geprüft, inwieweit sich quantitative Grenzwerte auf psychische Belastungen übertragen lassen und welche methodischen Anforderungen an künftige präventive Ansätze zu stellen sind.
Wie die Umsetzung in der betrieblichen Realität gelingt, analysieren Maleen Halter und Nadine Pieck in ihrem Beitrag „Gefährdungsbeurteilung psychische Belastungen (GB-P): den Prozess wirksam gestalten“. Auf Basis des Projekts „Go on’n learn“ werden zentrale Umsetzungsbarrieren offengelegt und Erfolgsfaktoren, von partizipativer Führung bis zur strukturellen Verankerung, herausgearbeitet, die die GB-P als kontinuierlichen Entwicklungsprozess etablieren.
Ein innovativer Einsatz von digitalen Technologien zur Unterstützung der Gefährdungsbeurteilung wird im Beitrag „Langfristige Belastungsmessungen als Basis einer orientierenden Gefährdungsbeurteilung“ diskutiert. Torsten Merkel und Fabian Dietrich zeigen, wie Wearables und Sensorik eine objektive Vital- und Umwelterfassung ermöglichen, die Qualität der Gefährdungsbeurteilung steigern und vor allem kleinen und mittleren Unternehmen wirksame Dashboards bereitstellen.
Einen konkreten, durch Klimaveränderungen zunehmend bedeutsamen Gefährdungsfaktor sowie die entsprechende Maßnahmenableitung betrachtet Elisabeth Ibenthal in ihrem Beitrag „Kühlwesten im betrieblichen Hitzeschutz“. Am Beispiel von Kurierfahrenden wird die signifikante Absenkung der Hauttemperatur durch hybride Kühlwesten nachgewiesen und zugleich die Bedeutung von Tragekomfort und Gewicht für die betriebliche Akzeptanz beleuchtet.
Julius Kötter und Nils Backhaus betrachten schließlich die „Anforderungen an eine menschengerechte Gestaltung der Arbeitszeit im Wandel“ als zentrales Thema der Arbeitswissenschaft, das sich im Spannungsfeld zwischen Arbeits- und Gesundheitsschutz, betrieblicher Flexibilität sowie individuellen Bedürfnissen bewegt. Vor dem Hintergrund demografischer Umbrüche und digitaler Entgrenzung werden aktuelle Reformdebatten sowie die Schutzfunktion des Arbeitszeitgesetzes kritisch reflektiert, um Gestaltungsspielräume für flexible, zugleich aber gesundheitsförderliche Arbeitsmodelle aufzuzeigen.
Die Beiträge dieses Themenschwerpunkts verdeutlichen, dass gute Arbeitsgestaltung nur als ganzheitlicher, vorausschauender Prozess gelingen kann. Wir hoffen, damit wertvolle Denkanstöße für die wissenschaftliche Debatte und konkrete Handlungsoptionen für betriebliche Akteure zu eröffnen. Die Gesellschaft für Arbeitswissenschaft wünscht allen Lesenden eine anregende und erkenntnisreiche Lektüre.
Ihre Patricia Helen Rosen
Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (BAuA)
Foto: Uwe Völner/FOX