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Eine Zukunftsaufgabe für die Arbeitswelt
Pflege findet überwiegend zu Hause statt. Sie wird meist von Angehörigen geleistet. Das geschieht häufig neben einer Erwerbstätigkeit, oft über Jahre hinweg. Die Folgen reichen von körperlicher und psychischer Belastung über eingeschränkte Karrierechancen bis hin zu finanziellen Risiken. Gleichzeitig stehen Betriebe vor der Aufgabe, qualifizierte Beschäftigte zu halten und Arbeitsbedingungen zu schaffen, die den unterschiedlichen Lebenssituationen ihrer Mitarbeitenden gerecht werden. Die Frage nach der Vereinbarkeit von Erwerbsarbeit und Pflege ist deshalb längst kein Randthema mehr, sondern eine zentrale Zukunftsfrage für die Arbeitswelt.
Der Schwerpunkt dieser Ausgabe beleuchtet das Thema aus unterschiedlichen Perspektiven. Besondere Aufmerksamkeit widmen wir dabei den Herausforderungen rund um die Versorgung von Menschen mit Myalgischer Enzephalomyelitis/Chronischem Fatigue-Syndrom (ME/CFS). Zunächst wird die arbeitsmedizinische Bedeutung dieser schweren neuroimmunologischen Multisystemerkrankung erläutert und beschrieben, welche Rolle Betriebsärztinnen und Betriebsärzte bei der Früherkennung, Arbeitsplatzgestaltung und Wiedereingliederung übernehmen können. Ein zweiter Beitrag richtet den Blick auf die häufig übersehene Gruppe der pflegenden Angehörigen von Menschen mit schwerem ME/CFS, bei denen die gesundheitlichen Belastungen und ihr Unterstützungsbedarf im betrieblichen Kontext bislang nur selten thematisiert werden.
Der Erfahrungsbericht von Jochen Springborn macht eindrucksvoll deutlich, welche Belastungen, aber auch welche Lösungen im Arbeitsalltag entstehen können, wenn ein Arbeitgeber mit Flexibilität und Verständnis unterstützt. Über die nationale Perspektive hinaus beschreibt Birgit Meinhard-Schiebel die Versorgungssituation von Menschen mit ME/CFS und ihren pflegenden Angehörigen in Österreich und zeigt, dass die Herausforderungen länderübergreifend bestehen. Sigrun Fuchs berichtet anschließend darüber, welche Bedeutung informelle Pflege für das deutsche Pflegesystem besitzt und welche politischen, betrieblichen und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen notwendig sind, damit Erwerbsarbeit und Pflege dauerhaft miteinander vereinbar bleiben beziehungsweise werden. Einen Blick nach vorn richtet schließlich der Beitrag von Brit Rebentisch-Krummhaar und Regina Schmeer-Oetjen über das Pflegepraxiszentrum Hannover. Er verdeutlicht, wie technologische Innovationen und praxisnahe Forschung dazu beitragen können, Pflegefachpersonen zu entlasten, die Versorgungsqualität zu verbessern und den Transfer neuer Lösungen in den Pflegealltag zu fördern.
Allen Beiträgen gemeinsam ist die Erkenntnis, dass Vereinbarkeit nicht allein eine individuelle Aufgabe der Betroffenen sein kann. Sie erfordert verlässliche gesellschaftliche Rahmenbedingungen, flexible betriebliche Lösungen und ein Gesundheitssystem, das die Bedürfnisse pflegender Angehöriger ebenso im Blick hat wie die der Pflegebedürftigen. Die Arbeitsmedizin kann hierbei eine wichtige Rolle übernehmen. Sie erkennt Belastungen frühzeitig, berät sowohl Beschäftigte als auch Arbeitgeber und hilft, tragfähige Lösungen für eine Arbeitswelt zu entwickeln, in der Erwerbsarbeit und Sorgearbeit miteinander vereinbar sind.
Ich wünsche Ihnen eine anregende Lektüre und hoffe, dass die Beiträge dieses Schwerpunkthefts Impulse für die arbeitsmedizinische Praxis, für Betriebe und für die weitere gesellschaftliche Diskussion geben.
Ihre Lotte Habermann-Horstmeier
Chefredakteurin ASU
Foto: privat
MPH, M.Sc.