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Klimafreundliche Ernährung im Betrieb – ein betriebsärztliches Handlungsfeld

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Climate-friendly nutrition in the workplace – A field of action for occupational health services

Climate change and unhealthy dietary habits are two of the most significant health risks of our time – and they are closely linked. As a global reference, the Planetary Health Diet offers a science-based framework that combines individual health and planetary sustainability. The dietary recommendations valid for Germany were published by the German Nutrition Society (Deutsche Gesellschaft für Ernährung, DGE). For occupational health physicians, this opens up concrete opportunities for action within workplace health management (WHM).

Klimafreundliche Ernährung im Betrieb – ein betriebsärztliches Handlungsfeld

Klimawandel und ungesunde Ernährung sind zwei der bedeutendsten ­Gesundheitsrisiken unserer Zeit – und sie sind eng miteinander verknüpft. Die Planetary Health Diet bietet als weltweite Referenzernährung einen wissenschaftlich fundierten Rahmen, der individuelle Gesundheit und planetare Nachhaltigkeit verbindet. Die für Deutschland gültigen Ernährungsempfehlungen wurden von der Deutschen Gesellschaft für Ernährung (DGE) veröffentlicht. Für Betriebsärztinnen und Betriebsärzte eröffnen sich konkrete Handlungsoptionen im Betrieblichen Gesundheitsmanagement (BGM).

Kernaussagen

  • Die Planetary Health Diet vereint das, was in der Betriebsmedizin selten so klar zusammenfällt: individuelle Prävention und planetare Gesundheit.
  • Wer überwiegend vollwertig und pflanzlich isst, schützt die eigene Gesundheit und schont ­zugleich planetare Ressourcen.
  • Betriebsärztinnen und Betriebsärzte sind in einer privilegierten Position, diese Botschaft in Einzel- wie in Strukturmaßnahmen zu übersetzen.
  • Angesichts der hohen ernährungsbedingten Krankheitslast und der gesellschaftlichen ­Folgekosten ist klimafreundliche Ernährung ein Kernthema moderner Arbeitsmedizin.

Klimawandel als wachsendes Risiko in der Arbeitswelt

Die fortschreitenden Klima- und Umweltkrisen stellen längst kein abstraktes Zukunftsszenario mehr dar, sondern sie sind ein handfestes Gesundheitsproblem mit direkten Konsequenzen für die Arbeitswelt. Zunehmende Hitzetage, Luftverschmutzung, veränderte Infektionskrankheiten und zunehmende Allergiebelastungen sowie psychische Belastung durch Unsicherheit summieren sich zu einer multiplen Gesundheitsbelastung, die sich in steigenden Fehlzeiten, Produktivitätsverlusten und einem erhöhten Unfallrisiko niederschlägt (Watts et al. 2015).

Ernährungssysteme im Zentrum ­planetarer Belastung

Ernährungssysteme (Ernährung und Landwirtschaft) tragen nach der EAT-Lancet Commission (2025) maßgeblich zur Überschreitung von sechs der neun planetaren Belastungsgrenzen und damit zur Beschleunigung ökologischer Krisen bei. Zu diesen planetaren Belastungsgrenzen gehören Klimawandel, Biodiversitätsverlust, Verfügbarkeit von Frischwasser, Stickstoff- und Phosphorkreislauf sowie Landnutzungsänderungen. Rotes Fleisch und Milchprodukte haben dabei über die Lebensmittelkette hinweg den größten Verbrauch an planetaren Ressourcen pro Kilogramm Nahrungsmittel (Poore u. Nemecek 2018; WWF 2021). Im Vergleich hierzu ist der Ressourcenbedarf für Lebensmittel pflanzlicher Herkunft deutlich geringer, auch im Hinblick auf die Kalorien- und Proteinversorgung (Quandt et al. 2024). Ausnahmen bilden Kakao und Kaffee, die aufgrund der Anbauregionen und -methoden hohe CO2-Äq-Emissionen verursachen (Poore u. Nemecek 2018).

Gleichzeitig ist ungesunde Ernährung, nach Tabak, der wichtigste vermeidbare Risikofaktor für nicht-übertragbare Erkrankungen in Deutschland. Der Verlust gesunder Lebensjahre durch Typ-2-Diabetes, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, chronische Nierenerkrankungen und Krebserkrankungen wurde hierzulande für 2023 auf rund 2,3 Millionen beziffert. Ernährungsbedingte Risiken werden auf einem zu geringen Verzehr von vollwertigen pflanzlichen Lebensmitteln, wie Vollkorngetreide, Gemüse, Obst und Hülsenfrüchte bei gleichzeitigem Überverzehr von rotem und verarbeitetem Fleisch sowie Zucker und Salz zurückgeführt (Institute for Health Metrics and Evaluation 2025). Ernährungsmitbedingte Risiken verursachen dabei nach aktuellen Schätzungen gesellschaftliche Folgekosten von insgesamt rund 50 Milliarden Euro jährlich – etwa 10 % der gesamten deutschen Gesundheitsausgaben für 2023 (Richter et al. 2025; Seidel et al. 2023).

Die Planetary Health Diet: Ein Konzept mit doppeltem Nutzen

Die EAT-Lancet-Kommission hat 2019 (aktualisiert 2025) mit der Planetary Health Diet (PHD) eine globale Referenzernährung vorgelegt, die individuelle Gesundheitsförderung und planetare Nachhaltigkeit vereint. Die PHD umfasst täglich 2400 kcal, ist zu 80 % pflanzlich ausgerichtet und inkludiert kleine Mengen an tierischen Produkten sowie Zucker und Salz. Im Mittelpunkt stehen Vollkornprodukte (210 g/Tag), Gemüse (300 g/Tag), Hülsenfrüchte (100 g/Tag), Nüsse (50 g/Tag) sowie Obst (200 g/Tag) (Rockström et al. 2025).

Die Evidenz für den gesundheitlichen Nutzen der PHD wächst. Eine aktuelle Mixed-Methods-Analyse der Forschungsgruppe um Jiang et al. (2026) zeigt deutliche Reduktionen des Erkrankungsrisikos bei
hoher Adhärenz:

  • Herz-Kreislauf-Erkrankungen: HR 0,84 (95 %-KI 0,76–0,92)
  • Diabetes mellitus Typ 2: HR 0,69 (95 %-KI 0,56–0,85)
  • Adipositas: HR 0,69 (95 %-KI 0,56–0,85)
  • Krebserkrankungen: HR 0,78 (95 %-KI 0,65–0,95)
  • Gesamtmortalität: HR 0,87 (95 %-KI 0,82–0,92)

Auf Bevölkerungsebene wurde hochgerechnet, dass die globale Umsetzung der PHD bis zu 15 Millionen ernährungsbedingte Todesfälle pro Jahr verhindern sowie 15–20 % der Landwirtschaftsemissionen bis 2050 einsparen könnte (Rockström et al. 2025).

Einordnung der Planetary Health Diet für Deutschland

Die Planetary Health Diet bietet als weltweite Referenzernährung globale Orientierung, stellt jedoch keine Ernährungsempfehlung im engeren Sinne dar. Die EAT Lancet Commission weist darauf hin, dass eine flexible Anpassung der Lebensmittelauswahl an nationale Gegebenheiten wie Kultur, Geografie und Demografie der jeweiligen Bevölkerung notwendig ist (Rockström et al. 2025). Die für Deutschland gültigen lebensmittelbezogenen Ernährungsempfehlungen wurden im März 2024 in überarbeiteter Form von der Deutschen Gesellschaft für Ernährung (DGE) veröffentlicht (Link siehe Online-Quellen). Sie gelten für die Zielgruppe der gesunden Erwachsenen im Alter von 18 bis 65 Jahren mit omnivorer Ernährungsweise.

Zur Ableitung der Empfehlungen wurde ein mathematisches Optimierungsmodell entwickelt, um gleichzeitig die Aspekte Gesundheit, Umwelt und den üblichen Lebensmittelverzehr in Deutschland berücksichtigen zu können. Die Gesundheitsaspekte umfassen eine adäquate Energie- und Nährstoffzufuhr basierend auf den DGE/ÖGE-Referenzwerten (Deutsche Gesellschaft für Ernährung 2024) sowie Daten zu Lebensmittel-Gesundheitsrelationen (GBD 2017 Causes of Death Collaborators 2018; Schwingshackl et al. 2019). Im Bereich der Umweltaspekte wurden Treibhausgasemissionen und Landnutzung auf Grundlage von Ökobilanzdaten (Mertens et al. 2019) in das Modell aufgenommen. Ebenso wurden agronomische Abhängigkeiten (Koppelprodukte wie Rindfleisch und Milch) berücksichtigt. Daten aus der Nationalen Verzehrstudie II (Merten 2011) wurden in das Modell integriert, um den üblichen Lebensmittelverzehr in Deutschland abzubilden.

Die für Deutschland gültigen lebens­mittelbezogenen Ernährungsempfehlungen zeigen eine breite Übereinstimmung mit der Planetary Health Diet. Beide Empfehlungen fokussieren auf eine pflanzenbetonte Ernährungsweise mit einem hohen Anteil an Vollkornprodukten und pflanzlichen Ölen mit ungesättigten Fettsäuren bei gleichzeitiger Einschränkung gesättigter Fettsäuren, stark verarbeiteter Lebensmittel sowie Zucker und Salz. Ersten Abschätzungen im Auftrag des Umweltbundesamtes zufolge leistet eine Ernährung nach den neuen DGE-Empfehlungen einen effektiven Beitrag zur Umweltentlastung in den Dimensionen Treibhaus­gasemissionen, Biodiversitätsfußabdruck und Flächennutzung. Der Beitrag ist vergleichbar mit dem der Planetary Health Diet (Umweltbundesamt, siehe Online-Quellen).

Praktische Umsetzungsmöglich­keiten einer klimafreundlichen ­Ernährung in Betrieben

Die Qualität der Ernährung kann Leistungsfähigkeit, Fehlzeiten, kardiometabolisches Risiko und langfristige Erwerbsfähigkeit beeinflussen. Betriebe sind ein ideales Setting für Maßnahmen, die eine klimafreundliche und zugleich gesundheitsfördernde Ernährungsweise fördern. Hier wird gleichzeitig eine Vielzahl von Arbeitnehmenden erreicht und es besteht die Chance, auch solche Beschäftigten zu erreichen, die im privaten Umfeld keine solche Leistung in Anspruch nehmen würden. Jedoch sind die Voraussetzungen von Betrieb zu Betrieb unterschiedlich, sodass es keinen universell einsetzbaren Maßnahmenplan geben kann.

Ein Verpflegungsangebot im Betrieb ist die Voraussetzung für verhältnispräventive Maßnahmen. Gibt es vor Ort ein Verpflegungsangebot für die Mitarbeitenden (z. B. ein Betriebsrestaurant mit ganztägigem Angebot oder Mittagsangebot, eine Cafeteria oder ein begrenztes Angebot, beispielsweise über Snackautomaten), sollte dieses geprüft und bei Bedarf optimiert oder erweitert werden. Als Basis für die Überprüfung und Optimierung kann der kostenfrei verfügbare DGE-Qualitätsstandard für die Verpflegung in Betrieben, Behörden und Hochschulen herangezogen werden (siehe Online-Quellen). Dieser beschreibt eine optimale Verpflegungssituation, die sich an den Maßstäben Gesundheitsförderung und Nachhaltigkeit orientiert und unterstützt Verpflegungsverantwortliche dabei, die Verpflegungsqualität schrittweise zu optimieren. Ergänzende Informationen zum DGE-Qualitätsstandard, praktische Umsetzungstipps, Rezepte, Medien zur Gästekommunikation und Maßnahmen zur Akzeptanzförderung finden sich auf der Internetseite www.jobundfit.de.

Gibt es in einem Betrieb bisher kein Verpflegungsangebot (Selbstversorgung durch Mitarbeitende), sind verhaltenspräventive Angebote das Mittel der Wahl. Hierzu zählen beispielsweise Gesundheitstage oder Aktionswochen, Vorträge, Seminare und Workshops, Ernährungskurse oder eine individuelle Ernährungsberatung.

Sofern ein Verpflegungsangebot vorhanden ist, ist eine Kombination von Angeboten aus der Verhaltens- und der Verhältnisprävention empfehlenswert, um eine hohe Wirksamkeit zu erreichen. Dabei sollten die Maßnahmen idealerweise inhaltlich und zeitlich aufeinander abgestimmt sein. Findet beispielsweise eine Aktionswoche zur Herzgesundheit statt, sollte auch in der Betriebsgastronomie eine entsprechende Menülinie angeboten werden. Dies ermöglicht den Mitarbeitenden, ihr neu erlerntes Wissen und die neuen Impulse direkt in der Betriebsgastronomie anzuwenden und erleichtert ihnen zudem eine Änderung ihres Ernährungsverhaltens.

Interessenkonflikt: Das Autorenteam gibt an, dass keine Interessenkonflikte vorliegen.

Literatur

GBD 2017 Causes of Death Collaborators: Global, regional, and national age-sex-specific mortality for 282 causes of death in 195 countries and territories, 1980–2017: a systematic analysis for the Global Burden of Disease Study 2017. Lancet 2018; 392: 1736–1788. doi:10.1016/S0140-6736(18)32203-7 (Open Access).

Jiang L, Wang J, Gao M et al.: Health and environmental evidence, challenges, and sustainable strategies of Planetary Health Diet: A mixed-methods review. Eco-Environment & Health 2026; 5(1): Artikel 100224. doi:10.1016/j.eehl.2026.100224 (Open Access).

Poore J, Nemecek T: Reducing food’s environmental impacts through producers and consumers. Science 2018; 360: 987–992.

Rockström J, Thilsted SH, Willett WC et al.: The EAT–Lancet Commission on healthy, sustainable, and just food systems. The Lancet 2025; 406: 1625–1700. doi:10.1016/S0140-6736(25)01201-2.

Schwingshackl L, Knüppel S, Michels N et al.: Intake of 12 food groups and disability-adjusted life years from coronary heart disease, stroke, type 2 diabetes, and colorectal cancer in 16 European countries. Eur J Epidemiol 2019; 34: 765–775. doi:10.1007/s10654-019-00523-4 (Open Access).

Seidel F, Oebel B, Stein L, Michalke K, Gaugler T: The true price of external health effects from food consumption. Nutrients 2023; 15(15): Artikel 3386. doi:10.3390/nu15153386 (Open Access).

Watts N, Adger WN, Agnolucci P et al. (2015). Health and climate change: Policy responses to protect public health. The Lancet 2015; 386(10006): 1861–1914. doi:10.1016/S0140-6736(15)60854-6.

Die gesamte Literaturliste mit allen Quellen kann auf der ASU-Homepage beim Beitrag eingesehen werden (asu-arbeitsmedizin.com).

Online-Quellen

Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE): DGE-Qualitätsstandard für die Verpflegung in Betrieben, Behörden und Hochschulen. 6. Aufl. Bonn: 2023
https://www.jobundfit.de/fileadmin/user_upload/medien/DGE-QST/DGE-Quali…

Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE): Lebensmittelbezogene Ernährungsempfehlungen der DGE. 2024
https://www.dge.de/wissenschaft/fbdg/

Umweltbundesamt: Nachhaltige Ernährung konkret: Mit den neuen Empfehlungen der DGE auch für die „planetare Gesundheit“ sorgen. Vorläufige Abschätzung des Umweltentlastungspotentials der aktualisierten lebensmittelbezogenen Ernährungsempfehlungen für Deutschland.
https://www.umweltbundesamt.de/sites/default/files/medien/421/publikati…

WWF Deutschland: So schmeckt Zukunft: Gesunde Ernährung für eine gesunde Erde (WWF-Positionspapier)
https://www.wwf.de/fileadmin/fm-wwf/Publikationen-PDF/Landwirtschaft/ww…

Richter B, Schubecker M, Aleksandrova I, Zerzawy F: Die versteckten Kosten der Ernährung: Was kostet uns unsere Ernährung – für Gesundheit und Umwelt? Forum Ökologisch-Soziale Marktwirtschaft. Im Auftrag von Greenpeace e.V. 2025
https://www.greenpeace.de/publikationen/Versteckte%20Kosten%20der%20Ern…

Info

Handlungsoptionen für Betriebsärztinnen und Betriebsärzte

Betriebsärztinnen und Betriebsärzte können Ernährung als zentralen Hebel in der betrieblichen Gesundheitsförderung auf verschiedenen Ebenen nutzen:

Verhaltensprävention: individuelle Beratung

  • Ernährungsanamnese als Teil der arbeitsmedizinischen Vorsorge etablieren und auf ernährungsbedingte Risiken (z. B. hoher Fleischkonsum, wenig Ballaststoffe) hinweisen
  • Evidenzbasierte Kurzberatung auf Basis
    der PHD/DGE-Empfehlungen: mehr Hülsenfrüchte, Vollkorn und Gemüse; weniger rotes und verarbeitetes Fleisch sowie zuckerhaltige Getränke
  • Informationsmaterialien zu pflanzlicher Ernährung und Planetarer Gesundheit bereitstellen (z. B. Factsheets von KLUG unter www.klimawandel-gesundheit.de)

Verhältnisprävention: Gesunde Ernährungsumgebung gestalten

  • Einfluss auf Kantinenplanung und Speisenangebote nehmen: pflanzliche Alternativen sichtbar machen, als Standard (Default) anbieten und attraktiv gestalten
  • Betriebsverpflegung an der PHD/DGE orientieren – auch als Signal für Klimaverantwortung des Unternehmens
  • Kooperation mit Betriebsgastronomie und Geschäftsführung für strukturelle Maßnahmen suchen
  • Klimafreundliche Ernährung als Teil einer integrierten Nachhaltigkeitsstrategie im Betrieb positionieren

KOAUTORINNEN

Saskia Wendt
Oecotrophologin, Wissenschaftliche Mitarbeiterin, KLUG – Deutsche Allianz Klimawandel und Gesundheit e. V.

Dr. Ing. Jasmin Geppert
Oecotrophologin, Leitung Referat Gemeinschaftsverpflegung und Qualitätssicherung – Deutsche Gesellschaft für Ernährung e. V.

Kontakt

Dr. med. Matthias Finell
AUDI Gesundheitsschutz (I/SW-3)85045 Ingolstadt

Foto: Audi AG

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