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Die stille Gefahr: Arbeitsstress und Herzgesundheit – ein psychokardiologischer Weckruf

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The silent danger: Work-related stress and cardiovascular health – A psychocardiological wake-up call

Chronic occupational stress may represent a significant yet often underestimated risk factor for cardiovascular disease. This case vignette illustrates how performance-driven identity patterns and persistent psychosocial strain may contribute to physiological stress activation and cardiac vulnerability. The article highlights the relevance of psychocardiology in occupational health prevention and emphasizes the importance of psychosocial protective factors in maintaining long-term heart health.

Die stille Gefahr: Arbeitsstress und Herzgesundheit – Ein psychokardiologischer Weckruf

Chronischer Arbeitsstress ist mehr als eine subjektive Belastung – er kann sich unmittelbar auf das Herz-Kreislauf-System auswirken. Eine Fallvignette zeigt, wie leistungsorientierte Identitätsmuster und fehlende Regenera­tion zu einer kardiovaskulären Vulnerabilität beitragen können. Der Beitrag unterstreicht die zentrale Rolle der Betriebsmedizin an der Schnittstelle zwischen Prävention, psychosozialer Diagnostik und Herzgesundheit im ­Unternehmen.

Kernaussagen

  • Chronischer Arbeitsstress stellt einen relevanten, oft unterschätzten Risikofaktor für ­kardiovaskuläre Erkrankungen dar.
  • Psychosoziale Belastungen können über neuroendokrine Stressmechanismen akute kardiale Symptome auslösen oder verstärken.
  • Leistungsorientierte Identitätsmuster und Overcommitment erhöhen die Vulnerabilität für stressassoziierte Herzereignisse.
  • Frühe Warnsignale bleiben häufig unbemerkt, da hohe Funktionsfähigkeit lange eine ­beginnende Erschöpfung maskiert.
  • Betriebsmedizin spielt eine zentrale Rolle bei der frühzeitigen Identifikation psychosozialer Risikofaktoren.
  • Prävention umfasst neben klassischen Risikofaktoren auch die Stärkung von Ressourcen, ­Regeneration und gesunder Führung.
  • Neben klassischen Risikofaktoren rückt die Bedeutung psychosozialer Belastungen am Arbeitsplatz für die Herzgesundheit zunehmend in den Fokus (Kivimäki u. Steptoe 2018; Herrmann-Lingen 2019). Dieser Beitrag analysiert den Zusammenhang zwischen Führungsverhalten und kardialen Stressindikatoren.

    Fallvignette: Wenn plötzlich nichts mehr geht

    In psychosomatischen Tageskliniken stellen sich häufig Patientinnen und Patienten mit wiederkehrenden Krisen, generalisierten Ängsten und chronischen Depressionen vor. Die Erwerbsbiografien sind oft brüchig oder von langen Krankheitsphasen geprägt.

    Ein 54-jähriger Patient, der an einem Montagmorgen neu aufgenommen wird, fällt zunächst aus diesem Bild. Sein Habitus, gekennzeichnet durch ein gepflegtes Erscheinungsbild, sicheres Auftreten und eine differenzierte Ausdrucksweise, suggeriert Erfahrung in einer verantwortungsvollen Position mit Entscheidungskompetenz. Seit fast 30 Jahren ist er im selben Unternehmen tätig, zuletzt als leitende Führungskraft. Sechzig Stunden Arbeitszeit pro Woche sind Normalität für ihn. Sonntags fährt er regelmäßig 80 Kilometer mit dem Rennrad; Disziplin und Leistungsfähigkeit sind für ihn selbstverständlich.

    Und dennoch sitzt er nun hier – im Gesprächskreis mit acht anderen Patienten – blass, erschöpft, und niedergeschlagen. Sein Zusammenbruch liegt sechs Wochen zurück. Am Vorabend einer entscheidenden Geschäftsverhandlung reiste er zu dem Termin an. Während der langen und verkehrsreichen Autofahrt verspürt er ein Druckgefühl in der Brust und ein Ziehen im Bauch. Wie so oft in den letzten Monaten ignoriert er aber die Signale. Nach einem hastigen Abendessen arbeitet er im Hotelzimmer erneut an der Präsentation, jede Folie wird optimiert, jede Formulierung geschärft. Erst nach Mitternacht findet er in einen unruhigen Schlaf.

    In den frühen Morgenstunden wacht der Patient schweißgebadet mit Herzrasen, stechendem Brustschmerz und Übelkeit auf. Als die Beschwerden nicht nachlassen, ruft er die Rezeption, die sofort den Notarzt verständigt. Mit dem Bild eines akuten Koronarsyndroms wird der 54-Jährige mit dem Rettungsdienst in die nächstgelegene Notaufnahme gebracht. Dort kann ein akutes kardiales Ereignis ausgeschlossen werden. Wie erklärt sich die Diskrepanz zwischen dem klinisch eindrucksvollen Bild eines akuten Koronarsyndroms, aber laborchemisch und echokardiografisch unauffälligen Befunden?

    Starke psychosoziale Belastungen, wie chronischer Arbeitsstress, können über ­pathophysiologische Mechanismen akute, ­einen Myokardinfarkt imitierende Symptome auslösen. In diesem Kontext spielt die vasospastische Angina (VSA), auch Prinzmetal-Angina genannt, eine bedeutende Rolle. Die VSA ist ein Brustschmerzsyndrom, das durch einen plötzlichen Spasmus der epikardialen Koronararterien und die daraus resultierende myokardiale Ischämie verursacht wird. Obwohl Anfälle klassischerweise in Ruhe auftreten, können sie auch durch emotionalen oder mentalen Stress getriggert werden. Insbesondere die stressbedingte Freisetzung von Katecholaminen kann eine Episode auslösen. Die zugrunde liegende Pathophysiologie ist eine Hyperreaktivität der Gefäßsegmente auf vasokonstriktive Reize, basierend auf einer übersteigerten Reaktion der glatten Gefäßmuskelzellen. Ein zentraler Mechanismus hierbei ist der erhöhte Kalzium (Ca²+)-Einstrom sowie eine Ca²+-Hypersensitivität der kontraktilen Proteine, was die exzessive Kontraktion der Koronararterien bewirkt. Faktoren wie niedriggradige Entzündungen, eine Dysregulation des autonomen Nervensystems und oxidativer Stress tragen ebenfalls zur ­Pathogenese bei und werden ihrerseits durch Stressoren verstärkt (Jenkins et al. 2024).

    Nach der Entlassung aus der Klinik und wieder zu Hause führt die Arbeitsunfähigkeit des Beschäftigten zu einer Phase innerer Lähmung. Apathisch sitzt er am Küchentisch, unrasiert, kaum ansprechbar. Scham- und Schuldgefühle bestimmen sein Denken. Der Gedanke an die Rückkehr an den Arbeitsplatz löst Panik aus. Gleichzeitig wächst seine Angst, nicht mehr leistungsfähig zu sein – eine Grundhaltung, die ihn über Jahrzehnte definiert hat. Die Ehefrau und die beiden Kinder erreichen ihn emotional kaum noch. Der ehemals als hochleistungsfähig und resilient wahrgenommene Fachmann zeigt nun eine signifikante Minderung seiner funktionalen Kapazitäten und seiner psychischen Belastbarkeit.

    Leistungsbereitschaft – und ihr Preis

    Das geschilderte Beispiel ist kein Einzelfall. Aus arbeitsmedizinischer Perspektive zeigt dieser Fall beispielhaft den Paradigmenwechsel in der Belastungsstruktur der modernen Arbeitswelt: An die Stelle primär physischer Beanspruchungen treten zunehmend psychosoziale Stressoren wie hohe kognitive Anforderungen, Arbeitsverdichtung und die Entgrenzung von Berufs- und Privatleben (BAuA 2020, s. Online-Quellen). Beschäftigte ohne die Möglichkeit, ihr Arbeitsumfeld zu gestalten, leiden unter einer höheren psychomentalen Belastung (Luchman u. González-Morales 2013). Das Gefühl der Hilflosigkeit ist ein wesentlicher Stressfaktor am Arbeitsplatz, das zu Burnout und geringerer Arbeitszufriedenheit führen kann. Führungskräfte verfügen im Gegensatz dazu oft über einen größeren Gestaltungsspielraum, der ihnen trotz hoher Arbeitsanforderungen als Puffer gegen Stress dient. Diese Autonomie stärkt die psychische Widerstandsfähigkeit. Das Job-Demands-Resources-Modell erklärt diesen Zusammenhang: Fehlende Ressourcen, zum Beispiel Kontrolle über die eigene Arbeit, bei hohen Anforderungen (Demands) erhöhen das Risiko für Erschöpfung, während vorhandene Ressourcen die Resilienz fördern. Daher ist die Gewährung von mehr Handlungsspielraum und die Schaffung von psychologischer Sicherheit am Arbeitsplatz für Beschäftigte in Unternehmen ein entscheidender Hebel für eine gesündere und produktivere Arbeitskultur (Häusser et al. 2010).

    Als besonders gefährdet gelten in diesem Kontext Personen mit ausgeprägtem Overcommitment (Überengagement), die ihren Selbstwert wesentlich aus beruflichem Erfolg beziehen (Siegrist 1996). So nachvollziehbar der Wunsch nach Anerkennung ist – er trägt nicht selten eine Schattenseite in sich. Beständig über die eigenen Grenzen zu gehen, ist häufig biografisch verankert. Manche Menschen berichten von extremen Erwartungen in einem Elternhaus, in dem Liebe von Leistung abhängig war. Andere versuchen, eine innere Leere durch permanente Aktivität zu kompensieren. So wird Erfolg zum zentralen Identitätsanker – mit entsprechend erhöhter Vulnerabilität bei Einbruch der Leistungsfähigkeit. Diese psychische Dauerbelastung kann sich auch auf physiologischer und kardiovaskulärer Ebene mit dem Auftreten von Herzereignissen widerspiegeln.

    Die stille kardiovaskuläre ­Vulnerabilität

    Chronischer Arbeitsstress ist kein rein subjektives Empfinden, sondern kann eine VSA auf zwei Wegen begünstigen: Er erhöht über Stresshormone den vasokonstriktorischen Druck und schwächt gleichzeitig durch Entzündungsprozesse die endotheliale, NO-vermittelte Gefäßerweiterung. Dieses Ungleichgewicht führt zu hyperreaktiven Koronararterien und einer erhöhten Anfälligkeit für Spasmen, selbst bei unauffälligen Gefäßen (Jenkins et al. 2024).

    Entscheidend ist, dass diese Prozesse lange kompensiert werden können. Die Leistungsfähigkeit bleibt erhalten, Termine werden eingehalten, Zielvorgaben erfüllt. Gerade das hohe Funktionsniveau verdeckt die beginnende Erschöpfung. Erst wenn die Regulationsmechanismen aufgebraucht sind, manifestieren sich Symptome – nicht selten in Form akuter kardialer Ereignisse oder psychischer Dekompensation.

    Psychokardiologie ist daher kein Rand­thema, sondern ein Bestandteil moderner betriebsmedizinischer Prävention (Herrmann-Lingen 2019). Im Unternehmen beginnt der Blick auf die Herzgesundheit nicht erst bei akuten Herzbeschwerden, sondern schon bei der Frage, wie wir arbeiten, wie wir leben – und wie wir mit unseren eigenen Ressourcen und Grenzen umgehen (Uexküll et al. 2025).

    Betriebsmedizin als Ort der ganzheitlichen Betrachtung

    Für die Betriebsmedizin bedeutet dies einen erweiterten Blick. Neben klassischen Risiko­faktoren für die Herzgesundheit (s. Artikel Kreye in dieser Ausgabe) sollten auch das Stresserleben, die Regeneration und die Beziehungsgestaltung, zum Beispiel im Rahmen der psychischen Gefährdungsbeurteilung, thematisiert werden.

    Häufig findet sich bereits ein gutes Wissen über Ernährung und Bewegung – die bewusste Selbstfürsorge im psychischen Sinne wird jedoch oft vernachlässigt.

    Eine moderne Arbeitsmedizin berücksichtigt daher nicht nur physische, sondern auch psychosoziale Bedingungen. Sie sichert langfristige Leistungsfähigkeit nicht nur durch Förderung der Leistungsintensivierung, sondern auch durch die Stärkung psychosozialer Ressourcen. Tragfähige soziale Netze jenseits beruflicher Rollen sowie regenerative, nicht leistungsorientierte Freizeitaktivitäten sind dabei keine Nebensache. Sie fungieren als zentrale protektive Faktoren zur Prävention psychischer und kardiovaskulärer Erkrankungen (Siegrist 1996).

    Für Unternehmen ist es lohnend, Führungskräfte zur psychischen Gesundheit zu qualifizieren, damit sie ihre psychische Widerstandsfähigkeit stärken, besser mit ­ihren Ressourcen haushalten, ihre persönliche Entwicklung fördern und ihre Teams gestärkt führen können. Hierzu gibt es eine Vielzahl von Programmen, wie beispielsweise das Vorsorgeprogramm „Psychische Vorsorge für Führungskräfte“ zu gesunder Führung der DGUV Akademie.

    Ein Weckruf für betriebs­medizinische Prävention

    Der 54-jährige Patient befindet sich inzwischen auf dem Weg der Besserung. Noch in der Tagesklinik nimmt er Kontakt zu einem ehemaligen Studienkollegen auf, der vor einigen Jahren ein ähnliches Ereignis hatte. Heute treffen sie sich gelegentlich. Die Arbeitszeit konnte er auf 50 Wochenstunden reduzieren; einmal pro Woche arbeitet er im Homeoffice und kann an diesem Tag mit seiner Ehefrau frühstücken. Für die Radtour wählt er mittlerweile das Trekkingbike, so dass seine Kinder die kleinere Runde mitfahren können.

    Am Arbeitsplatz hat er gelernt, dass es nicht immer 120 Prozent sein müssen – es reichen 100, manchmal sogar 80 Prozent. Er fühlt sich ausgeglichener und weniger getrieben.

    Entscheidend für den nachhaltigen Erfolg war somit nicht allein die Bewältigung des akuten, als bedrohlich erlebten Koronarereignisses. Von maßgeblicher Bedeutung war vielmehr die Auseinandersetzung mit den dysfunktionalen kognitiven und behavioralen Mustern, die den Patienten über Jahrzehnte angetrieben hatten. Das somatische Ereignis fungierte dabei als Katalysator für eine tiefgreifende kognitive Umstrukturierung und die erfolgreiche ­Initiierung einer nachhaltigen Verhaltensänderung.

    Interessenkonflikt: Die Autorin gibt an, dass kein Interessenkonflikt besteht.

    Danksagung: Herzlichen Dank Dr. med. Alexander Kuhlmann, Robert Bosch GmbH Bamberg und Prof. Dr. Christiane Waller, Klinikum Nürnberg, für wertvolle Hinweise zur Pathophysiologie der vasospastischen Angina.

    Die Autorin dankt Gemini (Large Language Model von Google) für die Unterstützung bei der sprachlichen Überarbeitung und Strukturierung des Manuskripts. Die Verantwortung für die Richtigkeit und die arbeitsmedizinischen Schlussfolgerungen verbleibt vollumfänglich bei der Autorin.

    Literatur

    Häusser JA, Mojzisch A, Niesel M, Schulz-Hardt S: Ten years on: A review of recent research on the Job Demand-Control (-Support) model and psychological well-being. Work & Stress 2010; 24: 1–35. doi:10.1080/02678371003683747.

    Herrmann-Lingen C (Hrsg.): Psychokardiologie: Ein Praxisleitfaden für Ärzte und Psychologen. Berlin: Springer, 2019.

    Jenkins K, Pompei G, Ganzorig N, Brown S, Beltrame J, Kunadian V: Vasospastic angina: a review on diagnostic approach and management. Ther Adv Cardiovasc Dis 2024; 18. doi:10.1177/17539447241230400 (Open Access).

    Kivimäki M, Steptoe A: Effects of stress on the deve­lopment and progression of cardiovascular disease.
    Nat Rev Cardiol 2018; 15: 215–229. doi:10.1038/ nrcardio.2017.189.

    Luchman JN, González-Morales MG: Demands, control, and support: A meta-analytic review of work characteristics interrelationships. J. Occup Health Psychol 2013; 18: 37–52. doi:10.1037/a0030541.

    Siegrist J: Adverse health effects of high-effort/low-reward conditions. J Occup Health Psychol 1996; 1: 27–41. doi:10.1037//1076-8998.1.1.27

    Templin C, Ghadri JR, Diekmann J et al.: Clinical features and outcomes of Takotsubo (stress) cardiomyopathy. N Engl J Med 373: 929–938. doi:10.1056/NEJMoa1406761.

    Uexküll T von, Kruse J, Langewitz W et al.: Psycho­somatische Medizin. Theoretische Modelle und klinische Praxis. 9. Aufl. München: Urban & Fischer/Elsevier, 2025.

    Online-Quellen

    BAuA – Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (Hrsg.): Stressreport Deutschland 2019. Psychische Anforderungen, Ressourcen und Befinden 2020
    https://www.baua.de/DE/Angebote/Publikationen/Berichte/Stressreport-2019

    Kontakt

    Dr. med. Michaela Maria Arnold
    Lehrstuhl für Integrierte Psychosomatische Medizin und Psychotherapie; Universitätsklinikum Würzburg

    Foto: Thomas Berberich

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