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Einsatz von Exoskeletten am Arbeitsplatz

Als vor einigen Jahren erste Anbieter von Exoskeletten für den Einsatz am Arbeitsplatz auf den Markt drängten, waren die Aussagen der zahlreichen Hersteller zu deren Effekten markig und die Einsatzbereitschaft bei etlichen Arbeitgebern fast ebenso groß wie die Skepsis von Arbeitnehmervertretungen und Arbeitssicherheitsexperten. Wissenschaftliche Erkenntnisse zu den Folgen eines Einsatzes waren so gut wie nicht vorhanden. Zu einem regulären Einsatz solcher körpergetragenen Hilfsmittel kommt es in der Praxis bislang so gut wie nicht, was an vielen Gründen liegen mag.

Zum einen sind Exoskelette in der Beschaffung ausgesprochen kostenintensiv und ihr Einsatzzweck bei weitem nicht so universell wie anfangs versprochen, zum anderen werden betriebliche Anforderungen von vielen Akteuren mit sehr unterschiedlichen Beweggründen und Zielen definiert. Hin und wieder treibt das sogar uns Arbeitsmediziner an den Rand der Verzweiflung …

Viele Anbieter der Geräte sind kleine Start-ups, die sich technologieverliebt auf mechanische Unterstützungsmöglichkeiten konzentriert haben und sich dem Reiz der Idee, Arbeit leichter zu gestalten, unterordneten. Darüber wurden Nachweise von Wirksamkeit, Verträglichkeit und auch Erträglichkeit hintangestellt. Für den Arbeits- und Gesundheitsschutz selbstverständliche und geläufige Grundsätze wie das TOP-Prinzip (Technisch – Organisatorisch – Persönlich) schienen bei der Entwicklung oft gar keine Rolle zu spielen.

Dabei hat sich auf diesem Feld vieles bewegt. Exoskelette wurden leichter, kleiner, handhabbarer und weniger prototypenhaft; auf der wissenschaftlichen Seite wurden Einsatzmöglichkeiten und technische Produkt-Designs kritisch begutachtet. In diesem Heft werden im Wissenschaftsteil biomechanische Untersuchungen eines rücken­unterstützenden Exoskeletts (Benjamin Steinhilber et al.) beschrieben. Mit dem Aufkommen erster aktiver Exoskelette für den industriellen Einsatz könnten ganz neue Möglichkeiten und Bewertungsfragen auf die Arbeitsmedizin zukommen, da die Effekte beispielsweise eines aktiven greifkraftunterstützenden Hand-Exoskeletts überraschen können, wie Tobias Alexander Mayer et al. in ihrer Arbeit beschreiben. Mit diesen Methoden eröffnet sich noch kein Inventar zur ergonomischen Bewertung eines Exoskelett-Einsatzes.

Passend zum Schwerpunktthema wurde die AWMF-Leitlinie „Einsatz von Exoskeletten“ verabschiedet, die Benjamin Steinhilber
et al.
vorstellen.

Für die Beurteilung einer Exoskelett-unterstützten Arbeitsumgebung wird vermutlich eine Kombination bewährter Instrumenten erforderlich sein. Im Praxisteil führen Jonas Miesner und Martin Schmauder aus, dass die Situation ähnlich wie bei der Bewertung tragbarer Bildschirmgeräte ist, bei denen einzelne Bewertungsverfahren allein wesentliche Belastungen nicht widerspiegeln würden. Für die Planung von Exoskelett-Einsätzen könnten – wie der Beitrag von Lars Fritzsche et al. zeigt – biomechanische Simulationswerkzeuge wertvoll sein; die Bewertung selbst sollte auf aktuellen arbeitswissenschaftlichen Erkenntnissen beruhen wie zum Beispiel dem erweiterten Inventar an Leitmerkmalmethoden, die von Marianne Schust et al. skizziert werden. Es bleibt also sehr viel Dynamik in diesem Feld.

Noch mehr Dynamik birgt die SARS-CoV-Situation, zu der in meinem Beitrag aus aktuellem Anlass versucht wird, eine pragmatische Hilfestellung zur Beurteilung der besonderen Schutzbedürftigkeit von Beschäftigten zu geben (Stephan Weiler). Die Branchenerfahrungen zur Arbeitsplatzgestaltung in der Pandemie im Beitrag von Elisa Clauss und Caroline Rigo geben Ihnen zusätzlich Hinweise auf besonderen Beratungsbedarf und zu adressierende Fragen in der täglichen Arbeit. Beides wäre insbesondere für eine zweite Erkrankungswelle gedacht, von der wir alle hoffen, dass sie uns erspart bleibt.

Großer Dank gilt allen Autorinnen und Autoren, die diese Ausgabe ermöglicht haben.

Ich wünsche Ihnen eine anregende Lektüre und spannende Diskussionen

Ihr Stephan Weiler
Ingolstadt