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Zehn Thesen zur Bürokratisierung bzw. Entbürokratisierung für einen effizienten Arbeitsschutz aus arbeitsmedizinischer Sicht1

Ten theses on bureaucratization and debureaucratization for efficient occupational safety and health from an occupational medicine perspective

Bureaucracy affects all areas of social life, not just occupational safety. In principle, bureaucratization is the central process—and the foundation—by which organizations and social systems are structured, formalized, and governed through a set of rules and procedures. Properly understood, bureaucracy is therefore, by definition, a key organizing factor in all aspects of our society and ultimately serves as a vital guarantee of performance, efficiency, legal certainty, and reliability. Bureaucracy acts as an important safeguard against arbitrary action and is a central component of our democracy.

Zehn Thesen zur Bürokratisierung bzw. Entbürokratisierung für einen effizienten Arbeitsschutz aus arbeitsmedizinischer Sicht

Bürokratie betrifft alle Bereiche des gesellschaftlichen Zusammenlebens, nicht nur den Arbeitsschutz. Prinzipiell ist die Bürokratisierung der zentrale Prozess und die Grundlage, durch den Organisationen und soziale Systeme strukturiert, formalisiert und durch eine Reihe von Regeln und Verfahren gesteuert werden. Richtig verstanden ist Bürokratie per definitionem also ein zentraler Ordnungsfaktor in allen Bereichen unseres gesamtgesellschaftlichen Zusammenlebens und ist letztendlich ein wichtiger Garant für Leistung, Effizienz, Rechtssicherheit und Verlässlichkeit. Bürokratie ist ein wichtiger Schutz vor Willkür und zentraler Bestandteil unserer Demokratie.

Seit vielen Jahren beobachten wir zunehmend, dass sich Bürokratie zum Selbstzweck entwickelt hat. Damit einher geht eine durchgängig negative Konnotation, und ­Bürokratie wird ihrer originären Aufgabe nicht mehr gerecht.

Im Arbeitsschutz stehen die Bürokratisierung und Entbürokratisierung darüber hinaus in dem Spannungsfeld zwischen den Interessen der Beschäftigten und denen der Arbeitgeber sowie unter anderem den Rahmenbedingungen der Gesetz- und Verordnungsgeber der Europäischen Union, des Bundes, der Länder sowie der gesetzlichen Unfallversicherung. Darüber hinaus spielen auch Partikularinteressen von Akteuren und Beratenden im Arbeitsschutz bei der Dis­kussion um Bürokratisierung und Endbürokratisierung eine wichtige Rolle.

Im Bereich des medizinischen Arbeitsschutzes sind zudem die Vorgaben der ärztlichen Berufsordnung (u. a. allgemeine ärztliche Berufspflichten wie insbesondere die Weisungsfreiheit gegenüber Nichtärztinnen und -ärzten, die Berücksichtigung der ethischen Grundsätze des ärztlichen Berufs, die ärztliche Schweigepflicht) zu beachten.

Die folgenden zehn Thesen zur Bürokratisierung beziehungsweise Entbürokratisierung für einen effizienten Arbeitsschutz sollen daher hier zur Diskussion gestellt werden:

  • Im Mittelpunkt des Arbeitsschutzes muss das gesundheitliche Wohl und die Arbeitssicherheit der Beschäftigten stehen. Die Bürokratie und die damit einhergehende Bürokratisierung müssen die entsprechenden iterativen Prozesse unterstützen, dürfen jedoch die Abläufe in keiner Weise behindern. Dies betrifft nicht nur die Bürokratisierung, sondern in gleicher Weise auch die Entbürokratisierung.
  • Bürokratische Vorgaben müssen Leitplanken für ein sicheres und verlässliches Handeln im Arbeitsschutz sein. Da sich jedoch die Vielfalt des Lebens nicht in allen Facetten durch bürokratische Abläufe abbilden lässt, darf die Büro­kratie nicht eigenverantwortliches Handeln auf dem Stand von Wissenschaft und Technik verhindern. Die Entbürokratisierung muss daher eine höhere Flexibilität zum Ziel haben.
  • In Zeiten des Fachkräftemangels darf Personal, das im Arbeitsschutz tätig ist, nicht durch einen zu großen bürokratischen Aufwand von seinen originären Aufgaben in der betrieblichen Prävention abgehalten werden. Die Entbürokratisierung muss diesen Punkt prioritär berücksichtigen.
  • Bürokratisierung und Entbürokratisierung dürfen nicht durch Lobbyismus, taktische Überlegungen und finanzielle Partikularinteressen bestimmt werden.
  • Sowohl Bürokratisierung als auch Entbürokratisierung müssen sich einer kontinuierlichen Evaluation und Qualitätssicherung unterziehen, die selbst jedoch nicht zu einem weiteren Bürokratieaufbau führen dürfen.
  • Effiziente digitale Handlungshilfen wie zum Beispiel „Künstliche Intelligenz“ sind für bürokratische Prozesse und damit zur Verbesserung und Beschleunigung von Handlungsabläufen im Gesundheitswesen anzuwenden und können viel zu einer Entbürokratisierung beitragen. Beachtet werden müssen dabei unter anderem die Vorgaben der ­europäischen KI-Verordnung.
  • Entbürokratisierungsprozesse im Arbeitsschutz dürfen keine gern zitierten „Worthülsen“ sein, sondern sind zeitnah unter Einbindung des Fachwissens der Anwendenden sowie der Arbeitsschutzexpertinnen und -experten unter Berücksichtigung des geltenden EU-Rechts umzusetzen.
  • Entbürokratisierung muss zu einer ­Vereinfachung und Vereinheitlichung von Nachweispflichten im Arbeitsschutz führen.
  • Entbürokratisierung darf nicht zu einer weiteren Kostensteigerung im Arbeitsschutz führen, sondern muss zu einem Motivationsschub und zur Rechtssicherheit aller Beteiligter beitragen.
  • Bei allen Prozessen der Entbürokratisierung im Arbeitsschutz ist der Grundsatz „so viel Bürokratisierung wie nötig, so wenig wie möglich“ einzuhalten.

Interessenkonflikt: Der Autor gibt an, dass kein Interessenkonflikt vorliegt.

Ihre Meinung ist gefragt

Bürokratisierung beziehungsweise Entbürokratisierung ist eines der großen Themen, die Politik und Gesellschaft heute beschäftigen. Vor diesem Hintergrund möchten wir Sie herzlich einladen, mit uns und Prof. Letzel darüber zu diskutieren. Wo sehen Sie Ansatzpunkte für mehr oder weniger Bürokratie im Bereich des Arbeitsschutzes? Was würden Sie gerne ändern? Und wie?

Schicken Sie uns Ihre Änderungsvorschläge, gern auch in Form eines kurzen Praxisbeitrags (ca. 2 Seiten). Ausgewählte Beiträge möchten wir in einer der kommenden Ausgaben veröffentlichen, um den Austausch zwischen Praxis und Fachöffentlichkeit zu fördern. Auch kürzere Beiträge sind willkommen, die dann gegebenenfalls gemeinsam publiziert werden können.
Senden Sie Ihren Beitrag per E-Mail an manuskript@asu-arbeitsmedizin.de

Herzlichen Dank für Ihre Mitwirkung!

Ihr ASU-Redaktionsteam

Kontakt

Univ.-Prof. Dr. med. Dipl. Ing. Stephan Letzel
Ehemaliger Leiter des Instituts für Lehrergesundheit; Universitätsmedizin Mainz

Foto: Pressestelle der LÄK RLP

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