Clinical Environmental Medicine and Planetary Health – Challenges and Opportunities for Teaching in Cross-sectional area QB 06
Objectives: The climate and environmental crisis is changing healthcare demands and requires the systematic integration of Planetary Health (PH) into medical education. In the longitudinal cross-sectional area QB 06 “Clinical Environmental Medicine” at Witten/Herdecke University, this is implemented, among other approaches, through peer-teaching presentations and field excursions in environmental medicine. This study aims 1) to evaluate excursions as markers of perceived knowledge gain, perspective change, and reflection, and 2) to describe prior knowledge and learning changes using the formative Environmental Medicine Progress Test (PTU) in a pre–post comparison, in order to derive starting points for curriculum development.
Methods: Excursions (wastewater treatment plant, drinking water treatment plant, waste-to-energy plant) were evaluated in 2022/23–2023 with 106 students using a purpose-developed questionnaire (internal consistency α = .763). The PTU (True/False/“don’t know”) was administered anonymously in 2023/24–2024 at the beginning (N = 101) and end (N = 117) of the teaching week.
Results: Overall, excursions were rated positively: 76 % of students would recommend them, and 49 % reported a perspective shift. In the PTU, “don’t know” responses decreased substantially, while correct and – didactically relevant – also incorrect responses increased. By topic, higher baseline knowledge was observed for socially prominent issues (e. g., particulate matter, microplastics), whereas lower baseline scores were found in clinically specific fields (e.g., climate change–infectious diseases, pharmaceuticals in wastewater).
Conclusions: Combining excursion evaluation with the PTU provides a feasible evidence base for a gap-oriented, feedback-informed constructive alignment of PH teaching within QB 06.
Keywords: planetary health – clinical environmental medicine – excursions – progress test – NKLM 2.0
Klinische Umweltmedizin und Planetare Gesundheit – Herausforderungen und Chancen für die Lehre im Querschnittsbereich 06
Zielstellungen: Die Klima- und Umweltkrise verändert Versorgungsanforderungen und erfordert eine systematische Integration von Planetarer Gesundheit (PG) in die medizinische Ausbildung. Im Querschnittsbereich QB 06 „Klinische Umweltmedizin“ der Universität Witten/Herdecke werden dafür unter anderem Peer-Teaching-Referate und umweltmedizinische Exkursionen eingesetzt. Ziel dieser Arbeit ist es, 1) Exkursionen als Marker für wahrgenommenen Erkenntnisgewinn, Perspektivwechsel und Reflexion zu evaluieren und 2) Vorwissen sowie Lernveränderungen mit dem formativen Progress Test Umweltmedizin (PTU) im Pre-Post-Vergleich zu beschreiben, um Ansatzpunkte für die Curriculum-Entwicklung abzuleiten.
Methoden: Exkursionen (Klärwerk, Wasserwerk, Müllheizkraftwerk) wurden 2022/23–2023 mit 106 Studierenden mittels eigens entwickeltem Fragebogen (interne Konsistenz α = 0,763) evaluiert. Der PTU (True/False „weiß nicht“) wurde 2023/24–2024 anonym zu Beginn (N = 101) und Ende (N = 117) der Lehrwoche erhoben.
Ergebnisse: Die Exkursionen wurden überwiegend positiv bewertet, 76 % der Studierenden würden sie empfehlen, 49 % berichteten einen Perspektivwechsel. Im PTU nahm „weiß nicht“ deutlich ab, während richtige und – didaktisch relevant – auch falsche Antworten zunahmen. Thematisch zeigten sich höheres Vorwissen bei gesellschaftlich präsenten Themen (z. B. Feinstaub, Mikroplastik) und niedrigere Ausgangswerte bei klinisch spezifischen Feldern (z. B. Klimawandel, Infektionskrankheiten, Arzneimittel im Abwasser).
Schlussfolgerungen: Die Kombination aus Exkursionsevaluation und PTU liefert eine praktikable Evidenzbasis für ein lückenorientiertes, Feedbackgestütztes Constructive Alignment der PG-Lehre im QB 06.
Schlüsselwörter: Planetare Gesundheit – Klinische Umweltmedizin – Exkursionen – Progress Test – NKLM 2.0
ASU Arbeitsmed Sozialmed Umweltmed 2026; 61: 416–421
Einleitung
Die planetare Klima- und Umweltkrise prägt zunehmend öffentliche Diskurse und gesundheitspolitische Debatten und stellt Ärztinnen und Ärzte vor neue Versorgungsanforderungen. Entsprechend gewinnt die Planetare Gesundheit (PG) in der medizinischen Ausbildung an Bedeutung und ist im Nationalen Kompetenzbasierten Lernzielkatalog Medizin (NKLM 2.0) unter anderem über Kompetenzen zu Arbeits-, Umwelt- und Umfeldeinflüssen sowie Wechselwirkungen zwischen Umwelt und Gesundheit verankert (Matthies-Wiesler et al. 2021). Zusätzlich existiert seit 2021 ein optionaler Zusatzkatalog „Planetare Gesundheit“, der mit Lernzielen im Hauptkatalog verknüpft ist (Schwienhorst-Stich et al. 2023).
Das Gesundheitssystem trägt selbst über seine hohen CO2-Emissionen weltweit zum gesundheitsbedrohlichen Klimawandel bei. Daraus müssen praktische Schlussfolgerungen gezogen werden, wie zum Beispiel eine Abwägung des Einsatzes von klimabelastenden Produkten im klinischen Kontext (Zschachlitz et al. 2023). Hierfür sollten zukünftige Ärztinnen und Ärzte bereits im Studium sensibilisiert werden, um ihr Umweltwissen und -bewusstsein zu verbessern (Müller et al. 2023; Straßer et al. 2023). In der curricularen Praxis zeigt sich jedoch häufig ein Spannungsfeld: Studierende bringen – angesichts der breiten gesellschaftlichen Präsenz von Klimawandel und Umweltbelastungen – ein Grundverständnis und ein gewisses Umweltbewusstsein mit (Heydari et al. 2023; Khabour et al. 2025). Zugleich bestehen heterogene Wissensstände und insbesondere Lücken beim spezifischen Gesundheitsbezug und bei umweltmedizinischen Handlungskompetenzen. Fundiertes Umweltwissen ist jedoch für Medizinstudierende unabdingbar, da sie die zukünftige Anpassung der Gesundheitsversorgung an die mit dem Klimawandel assoziierten Gesundheitsschäden umsetzen müssen (Habermann-Horstmeier 2023; Kligler et al. 2021).
An der Universität Witten/Herdecke (UW/H) wird im Querschnittsbereich QB 06 „Klinische Umweltmedizin“ ein Lehr- und Prüfungskonzept umgesetzt, das die Methode des Peer Teaching (Hildenbrand et al. 2025; Thurston et al. 2020) strukturell integriert. Gruppenreferate im Plenum am Ende der Umweltmedizinischen Woche dienen als Prüfungsleistung und zugleich als Lehrformat für den entsprechenden Jahrgang. Ergänzend werden umweltmedizinische Exkursionen eingesetzt, um systemische Zusammenhänge, beispielsweise in der Wasser- oder Abfallwirtschaft erfahrbar zu machen und Reflexion über Umweltwissen und Handlungsoptionen anzuregen. Für die Planung der Lehre ist die Erfassung des Ausgangsniveaus der Studierenden wesentlich. In einem konstruktivistischen Verständnis erfolgt Lernen aktiv, konstruktiv und selbstreguliert (Piaget 1977). Demnach gilt Vorwissen als bedeutsame Grundlage für Lernprozesse und kann im Sinne eines Constructive Alignments (Biggs u. Tang 2011) genutzt werden, um Inhalte nicht „flächendeckend“, sondern selektiv entlang identifizierter Lücken zu vertiefen. Der Wissensaufbau kann mit einem formativen Progress Test begleitet werden, der den aktuellen Wissensstand erfasst und vorhandene Lücken identifiziert (Schüttpelz-Brauns et al. 2018). Ein Progress Test dient dem Feedback, um das Lernverhalten konstruktiv zu beeinflussen.
Die freie Auswahl eines eigenen umweltmedizinischen Referatthemas aus der historisch gewachsenen Themenliste im QB 06 (insgesamt 105) ermöglicht es den Studierenden der UW/H, ihrer individuellen Einstellung zur Bedeutung des Themas „Klimawandel und Gesundheit“ Ausdruck zu verleihen. Dabei konnte bereits 2015 ein Trend in der Themenauswahl mit einer deutlichen Zunahme hin zu globalen Umweltfaktoren verzeichnet werden (Reißenweber et al. 2015). Den Lernzielen des NKLM 2.0 entsprechend können Medizinstudierende die Wechselwirkungen zwischen Umwelt und Gesundheit erläutern und reflektieren und zu Arbeits-, Umwelt- und Umfeldeinflüssen beraten. Die Zuordnung der 105 umweltmedizinischen Themen zu der entsprechende NKLM-ID findet sich in ➥ Abb. 1.
Alle Themen können einer NKLM-ID im Bereich von 14.1.3.1 bis 14.1.3.10 zugeordnet werden und verdeutlichen die Schwerpunkte der Umweltmedizinischen Lehre an der UW/H. Die meisten der insgesamt 31 Themen werden der 14.1.3.1 „Zusammenhänge zwischen Klima, Umwelt und Gesundheit erläutern“ zugeordnet, gefolgt von 14.1.3.8 „Luftschadstoffe und deren gesundheitliche Wirkung bewerten“ mit 25 Themen und 14.1.3.4 „Mikrobiologische Risiken in Lebensmitteln erkennen“ mit 14 Themen. Mit jeweils sieben Themen sind die 14.1.3.9 „Tabak- und Nikotinprodukte: Prävention und Aufklärung“ und 14.1.3.10 „Trinkwasserqualität und Hygieneaspekte erklären“ vertreten, gefolgt von 14.1.3.3 „Umweltrelevante Arzneimittelrückstände erkennen und Maßnahmen ableiten“ mit sechs Themen und 14.1.3.5 „Lüftungs- und Raumhygiene beurteilen“ mit fünf Themen. Nur vier Themen werden der 14.1.3.2 „Risiken elektromagnetischer Felder einordnen und Beratungskompetenz entwickeln“ zugeordnet sowie die wenigsten, jeweils nur drei Themen, 14.1.3.6 „Mykosen und Innenraumhygiene einschätzen“ und 14.1.3.7 „Lärmexposition und gesundheitliche Folgen erläutern“.
Fragestellung/Zielsetzung
Vor diesem Hintergrund bündelt die vorliegende Arbeit zwei Evaluationszugänge aus der Lehre im QB 06 der UW/H:
- Die Evaluation einer umweltmedizinischen Exkursion als Marker für wahrgenommenen Erkenntnisgewinn, Perspektivwechsel und Reflexion sowie
- eine Wissenserhebung mit dem Progress Test Umweltmedizin (PTU) zur Erfassung von Vorwissen und Lernzuwachs im Pre-Post-Vergleich.
Ziel ist es, die umweltbezogenen Lern- und Reflexionsprozesse (Exkursionen) und umweltmedizinisches Vorwissen sowie Lernzuwachs (PTU) zu beschreiben und daraus Ansatzpunkte für die Curriculum-Entwicklung abzuleiten.
Leitfragen sind:
- Wie werden umweltmedizinische Exkursionen von Studierenden vor dem Hintergrund von Klimawandel und Gesundheit bewertet (Erwartungserfüllung, Perspektivwechsel, Empfehlung, Reflexionsmotive)?
- Wie ausgeprägt und wie heterogen ist das umweltmedizinische Vorwissen der Medizinstudierenden (Pre-Test PTU) und wie verändert es sich nach der Lehrwoche (Post-Test PTU)?
- In welchen Themenbereichen werden hohes Vorwissen oder niedrige Ausgangswerte beziehungsweise „medizinaffine“ Wissenslücken sichtbar und welche Bereiche profitieren besonders?
Methoden
Bei dem Studiendesign handelt es sich um zwei quantitative Querschnittuntersuchungen zur Erfassung des umweltmedizinischen Vorwissens von Medizinstudierenden (6. Semester) im Rahmen von Lehrveranstaltungen im QB 06 „Klinische Umweltmedizin“ an der Universität Witten/Herdecke:
- Umweltwissen als Lernziel in umweltmedizinischen Exkursionen und
- Umweltwissen im Pre-Post-Vergleich mit dem Progress Test Umweltmedizin (PTU).
Umweltwissen als Lernziel in Exkursionen
Umweltmedizinische Exkursionen zu den Standorten Klärwerk Buchenhofen, Wasserwerk Herbringhausen und Müllheizkraftwerk Wuppertal wurden im Wintersemester 2022/23 mit 71 Studierenden (Jahrgang 50) und im Sommersemester 2023 mit 69 Studierenden (Jahrgang 51) durchgeführt. Die Evaluation erfolgte jeweils im Anschluss mit einem eigens entwickelten Fragebogen. Dieser beinhaltete insgesamt zehn Fragen: drei soziodemografische, vier kategoriale zur Bewertung der Exkursion und drei offene Fragen zur Begründung von Entscheidungen/Bewertungen. Die resultierende Stichprobe bestand bei einer Rücklaufquote von 75,7 % von 140 Studierenden aus insgesamt 106 Studierenden (70 weiblich, 36 männlich) mit einem durchschnittlichen Alter von 24,8 ± 2,3 Jahren. Die überwiegende Mehrheit der Studierenden (N = 85, 80,2 %) hatte noch keine Vorerfahrungen mit dem jeweiligen Exkursionsort sammeln können. Dieser war im Jahrgang 50 bei 44 % das Klärwerk und bei 46 % das Wasserwerk und 10 % Missing; im Jahrgang 51 bei 19 % das Klärwerk, bei 48 % das Wasserwerk und bei 33 % das Müllheizkraftwerk. Die statistische Analysen erfolgten zunächst deskriptiv, wobei die Antworten auf offene Fragen inhaltlich zusammengefasst wurden, zum Beispiel exemplarische Aussagen oder Reflexionsmotive. Mögliche Gruppenunterschiede zwischen den Semestern wurden nicht-parametrisch mittels Mann-Whitney-U-Test geprüft und Unterschiede zwischen den Exkursionsorten mittels Kruskal-Wallis-Test.
Umweltwissen im Progress Test Umweltmedizin (PTU)
Der PTU wurde anonym und freiwillig jeweils zu Beginn (Pre) und am Ende (Post) der Umweltmedizinischen Woche im Wintersemester 2023/24 mit 92 Studierenden (Jahrgang 52) und im Sommersemester 2024 mit 126 Studierenden (Jahrgang 53) durchgeführt. Aufgrund der anonymen Erhebung war keine personenbezogene Zuordnung von Pre- und Post-Test-Daten möglich. Die Auswertung erfolgte daher nicht als gepaartes Pre-Post-Design, sondern als Gruppenvergleich zweier unabhängiger Stichproben. Die Stichprobe setzt sich zusammen aus insgesamt 218 Medizinstudierenden, davon 101 im Pre-Test und 117 im Post-Test. Der eigens im Peer-Review (MS, JR, AFW, FM) entwickelte PTU zur Erfassung des umweltmedizinischen Vorwissens beinhaltete 70 Aussagen (Jahrgang 52) bzw. 80 Aussagen (Jahrgang 53)
im True/False-Format (Witherby et al. 2022). Er deckt mit je fünf Items 14 identische umweltmedizinische Themenbereiche für beide Jahrgänge ab, plus zwei weitere für Jahrgang 53. Der Lernzuwachs der Studierenden wurde nach der Präsentation und Diskussion der Gruppenreferate im Peer-Teaching, die zugleich als Prüfungsleistung dienen (Schwienhorst-Stich et al. 2024), am Ende der QB-06-Woche mit dem identischen Test erhoben. Die Antwortoptionen im PTU sind „richtig“ (= Punktgewinn), „falsch“ (= Punktabzug) und „weiß nicht“ (= keine Wertung). Die „Weiß nicht“-Option dient der Fehlervermeidung beim Progress Test und der Abfrage sicheren Wissens (Büssing et al. 2021). Die erwarteten Unterschiede zwischen Pre- und Post-PTU wurden nicht-parametrisch mittels Mann-Whitney-U-Test getestet.
Ergebnisse
Evaluation der Exkursionen
Die Erwartungen der Studierenden an die umweltmedizinischen Exkursionen wurden im Sommersemester 2023 (Jahrgang 51) mit 85,1 ± 19,9 % signifikant besser erfüllt als im Wintersemester 2022/23 (Jahrgang 50) mit 59,7 ± 28,05 % (Mann-Whitney-U = 538, p < 0,001). Bei insgesamt 52 Studierenden (49,1 %) veränderte sich ihre Sichtweise (nicht nur) auf den Exkursionsort. Die Studierenden (N = 79, 74,5 %) benannten unter anderem den „großen Aufwand für Stromproduktion, Verantwortung für die Gesellschaft“ (Stud. 42), „Wasser sehr oft gefiltert, Fische sterben leider“ (Stud. 31), „kein Tafelwasser nach Trinkwasserstandard produziert“ (Stud. 117) und „Restmüll aus Kliniken kann strahlenbelastet sein“ (Stud. 148). Dabei wurden wiederkehrende Reflexionsmotive deutlich, unter anderem „bewusster Umgang mit Wasser“, „sinnvoller Umgang mit Medikamenten“ sowie „Nachhaltigkeit“ im Sinne maximaler Nutzung. Auf die offene Frage zu wesentlichen Kernaussagen/Erkenntnissen zur umweltmedizinischen Exkursion konnten bis zu drei Nennungen erfolgen. Die Freitextantworten der Studierenden wurden inhaltsanalytisch ausgewertet und neun thematischen Kategorien zugeordnet. Die in ➥ Tabelle 1 ausgewiesenen Häufigkeiten beziehen sich daher auf kategorisierte Nennungen.
Die Exkursion wurde auf einer Skala von 1–10 im Sommersemester 2023 mit 8,3 ± 1,4 signifikant besser bewertet als im Wintersemester 2022/23 mit 6,4 ± 1,7 (Mann-Whitney-U = 602, p < 0,001). Insgesamt 76,4 % (N = 81) der Studierenden würden die Exkursion weiterempfehlen. Die drei Exkursionsorte wurden positiv bewertet, mit dem höchsten Mittelwert für das Müllheizkraftwerk (8,3 ± 1,4), gefolgt vom Wasserwerk (7,6 ± 1,8) und dem Klärwerk (6,9 ± 1,4). Diese Unterschiede waren signifikant (Kruskal-Wallis-Test H = 7,9, p = 0,020).
Table 1: Categories of the core messages/findings
Vorwissen und Lernzuwachs im PTU
Zur Prüfung des Testgütekriteriums Reliabilität wurde die interne Konsistenz (Cronbachs α) des Progress Test Umweltmedizin ermittelt (Döring 2023). Dabei ergab sich für den PTU mit insgesamt 70 gleichen Items in 14 identischen umweltmedizinischen Themenbereichen (Jahrgang 52 und 53) eine akzeptable interne Konsistenz (α = 0,763).
Die beiden Jahrgänge 52 und 53 unterscheiden sich nicht signifikant in ihren durchschnittlichen Pre-Test-Ergebnissen (= Vorwissen) und Post-Test-Ergebnissen (= Lernzuwachs). Das Vorwissen wurde zu Beginn der Umweltmedizinischen Woche bei insgesamt 101 Studierenden mit dem Pre-PTU erhoben. Im Durchschnitt resultierten 40,26 ± 10,24 richtige (Minimum 6, Maximum 59) und 8,62 ± 4,34 falsche Antworten (Min. 1, Max. 21) sowie die „Weiß nicht“-Option mit 21,12 ± 12,70 (Min. 0, Max. 63). Die daraus berechnete PTU-Summe ergab für das Vorwissen 31,63 ± 9,30 Punkte (Min. 5, Max. 52). Der Lernzuwachs wurde am Ende der Umweltmedizinischen Woche bei insgesamt 117 Studierenden mit dem Post-PTU erfasst. Im Durchschnitt resultierten 45,11 ± 8,97 richtige (Minimum 20, Maximum 59) und 15,22 ± 7,07 falsche Antworten (Min. 3,
Max. 40) sowie die „Weiß nicht“-Option mit 9,66 ± 8,33 (Min. 0, Max. 39). Die daraus berechnete PTU-Summe ergab für den Lernzuwachs 29,89 ± 13,82 Punkte (Min. –12, Max. 52). Die Unterschiede im Pre-Post-Vergleich, die den Lernzuwachs in der Umweltmedizinische Woche repräsentieren, sind in allen Kennwerten des PTU signifikant, das heißt bei den richtigen Antworten (U = 4230, p < 0,001), den falschen Antworten (U = 2454, p < 0,001) und bei der „Weiß nicht“-Option (U = 2630, p < 0,001). Richtige, aber auch falsche Antworten nehmen zu, „Weiß nicht“-Antworten nehmen ab, wie in ➥ Abb. 2 ersichtlich.
In der themenspezifischen Betrachtung zeigte sich gutes Vorwissen (Pre-PTU) bei einigen Themen wie Feinstaub, Holzverbrennung, Mikroplastik und Passivrauchen, während niedrigste Kennwerte bei Klimawandel, Infektionserkrankungen und raumlufttechnische Anlagen beobachtet wurden. Im Pre-Post-Vergleich wird bei spezifisch umweltmedizinischen Themen wie Arzneimittel im Abwasser (nicht signifikant – n. s.) oder Schimmelpilzmykosen (Mann-Whitney-U = 4915, p = 0,030) eine Zunahme des Wissens deutlich, während bei eher gesellschaftspolitischen Themen wie Klimawandel allgemein (U = 4937, p = 0,033) oder Passivrauchen (n. s.) eine Abnahme resultiert. Die Ergebnisse sind in ➥ Tabelle 2 dokumentiert mit Sortierung der Themengebiete anhand der NKLM-ID (vgl. Abb. 1).
Fig. 2: Pre-post comparison of the PTU results (correct answers, incorrect answers, and “don’t know” responses; N = 218). PTU = Progress Test in Environmental Medicine
Diskussion
In den hier vorgestellten Studien zeigen sich komplementäre Perspektiven auf die umweltmedizinische Lehre im QB 06 der Universität Witten/Herdecke (UW/H): Umweltmedizinische Exkursionen adressieren erfahrungs- und reflexionsbasierte Lernfacetten, während der Progress Test Umweltmedizin (PTU) die kognitive Ausgangslage und deren Veränderung sichtbar macht.
Die Exkursionsdaten sprechen dafür, dass praxisnahe Formate in der Lage sind, Perspektivwechsel anzustoßen und Studierende zur Reflexion über eigenes Handeln und systemische Zusammenhänge anzuregen. Dies korrespondiert mit den in der Literatur beschriebenen Lernzielen konstruktivistischer Exkursionen, bei denen Studierende einen von ihnen selbst bestimmten Zugang zu einem Thema ermöglicht wird (Seckelmann u. Hof 2020). Durch eigene Beobachtungen werden Fragen aufgeworfen und somit das umweltmedizinische Interesse geweckt oder vertieft.
Der PTU belegt zugleich eine heterogene Wissensbasis in den betrachteten Jahrgängen und identifiziert inhaltliche Schwerpunkte, die curricular gezielt vertieft werden können. In der themenspezifischen Betrachtung zeigte sich ein allgemeines Grundverständnis des Klimawandels sowie gutes Vorwissen bei Themen, die bereits gesellschaftspolitisch diskutiert werden, wie Feinstaub – Holzverbrennung und Mikroplastik, wie bei Schwienhorst-Stich et al. (2023) beschrieben. Dagegen werden „medizinaffine“ Wissenslücken mit niedrigen PTU-Ausgangswerten in Bezug auf die spezifischen gesundheitlichen Auswirkungen bei Themen wie Klimawandel, Infektionserkrankungen, Arzneimittel im Abwasser und RLT-Anlagen sichtbar. Diese unbekannteren Themen sind für die zukünftige berufliche Handlungsfähigkeit relevant und sollten demnach gezielt in der Lehrplanung intensiviert werden, um spezifische gesundheitliche Aspekte der Planetaren Gesundheit zu vermitteln (Boekels et al. 2023; Ccami-Bernal et al. 2024).
Didaktisch besonders aufschlussreich ist das Muster der Ergebnisse im Pre-Post-Vergleich: Der Anteil „weiß nicht“ nimmt deutlich ab, während neben einer Zunahme richtiger Antworten auch falsche Antworten ansteigen. Dieses Muster ist aus der Literatur bekannt (Heenemann et al. 2017; Nouns u. Georg 2010) und tritt mit steigendem Vertrauen in das eigene Wissen durch die Lehrinterventionen auf. Durch das vermehrte Wissen wird die Antwortbereitschaft aktiviert und resultiert zum einem in einer Zunahme von richtigen, aber auch von falschen Antworten. Die Antwortoption „weiß nicht“ bildet als qualitativer Aspekt des Lernens die Konfidenz in das eigene Wissen umgekehrt proportional ab (Barenberg u. Dutke 2011). Damit zeigt sich als Ansatzpunkt für die Lehre, dass die Wissensvermittlung systematisch mit Feedback verknüpft werden sollte, um Fehlannahmen zu adressieren und die Qualität des Lernzuwachses zu sichern (Schuwirth u. van der Vleuten 2012).
Die vorliegenden Ergebnisse sind anschlussfähig an die curriculare Rahmung der PG im NKLM 2.0: Wenn Studierende zwar ein Grundverständnis zum Klimawandel mitbringen, aber spezifische Gesundheitsbezüge und umweltmedizinische Handlungsdimensionen ungleich verteilt sind, spricht dies für eine Lehrstrategie, die nicht flächendeckend, sondern entlang diagnostizierter Lücken vertieft und zugleich erfahrungsorientierte Formate (Exkursionen) nutzt, um Relevanzwahrnehmung und Selbstwirksamkeit zu stärken (Müller et al. 2023; Straßer et al. 2023).
Table 2: 14 subject areas in Cross-Sectional Area 06 sorted by the identification number in the National Competence-Based Catalogue of Learning Objectives for Undergraduate Medical Education (NKLM ID) (mean, standard deviation, trend, significance)
Limitationen
Es handelt sich hier um Querschnittsuntersuchungen, das heißt kurzfristige Pre-Post-Ergebnisse ohne Follow-up-Erhebung bezüglich Retention und Transfer in die umweltmedizinische Praxis. Die beiden Datensätze zu den Exkursionen und zum Progress Test Umweltmedizin beruhen auf der freiwilligen Teilnahme von Studierenden, so dass ein Selektionsbias (Häder 2015) möglich ist. Saisonale Effekte (Sommer- vs. Wintersemester) können die Bewertung der umweltmedizinischen Exkursionen beeinflussen. Zudem ist der PTU ein eigenes Instrument in der Phase der Validierung (Itembeispiele s. Anhang), bei dem auch die Testmotivation im Sinne des Leistungsbemühens (Test-Taking Effort) der Studierenden bei der Bearbeitung eine wichtige Rolle spielen kann (Schüttpelz-Brauns et al. 2020).
Schlussfolgerungen
Die Kombination aus Exkursionsevaluation und dem Progress Test Umweltmedizin liefert eine praktikable, curricular nutzbare Evidenzbasis für die Lehre im QB 06 Klinische Umweltmedizin. Exkursionen zeigen Potenzial für Perspektivwechsel und reflektierte Anwendung des Umweltwissens, während der PTU themenspezifische Wissenslücken und Lernveränderungen systematisch abbildet. Für die Curriculum-Entwicklung ergibt sich daraus eine klare Strategie: Inhalte mit hohem Vorwissen können verdichtet werden, wohingegen unbekanntere, klinisch relevante Themenfelder gezielt vertieft und durch formative Rückmeldeschleifen abgesichert werden sollten.
Interessenkonflikt: Der Inhalt dieses Artikels ist Ergebnis des Bemühens um größtmögliche Objektivität und Unabhängigkeit. Das Autorenteam versichert, dass in Bezug auf den Inhalt des Artikels keine Interessenskonflikte bestehen, die sich aus einem Beschäftigungsverhältnis, einer Beratertätigkeit oder Zuwendungen für Forschungsvorhaben, Vorträge oder andere Tätigkeiten ergeben.
Finanzierung/Förderung: Diese Forschung erhielt keine spezifische Förderung.
Ethikvotum: Die Teilnahme an den Befragungen (Evaluationsfragebogen, Progress Test Umweltmedizin) erfolgte im Rahmen von Lehrveranstaltungen anonym und freiwillig. Es wurden keine personenbezogenen Daten erhoben und verarbeitet. Daher war keine Genehmigung durch die Ethikkommission der Universität Witten/Herdecke erforderlich.
Datenverfügbarkeit: Die Daten können auf begründete Anfrage bei der korrespondierenden Autorin angefordert werden.
Angaben zu Autorenschaften: MS und JR konzipierten die Studien und den Evaluationsfragebogen für die Exkursionen. Alle Autorinnen und Autoren (MS, JR, AFW, FM) entwickelten den Progress Test Umweltmedizin. JR und FM führten das Mapping der umweltmedizinischen Themen durch. Die Datenerhebung erfolgte durch JR, AFW und FM, die statistischen Analysen durch MS. MS verfasste das Manuskript; alle Autorinnen und Autoren überprüften und genehmigten die endgültige Version.
Software & KI: Die Übersetzung der deutschen Zusammenfassung erfolgte mit ChatGPT 5.0 (Open AI). Die Auswertung der Daten wurde mit SPSS Version 30 durchgeführt.
Literatur
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Didaktik und Bildungsforschung im Gesundheitswesen
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