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ErgoMed

Betriebsärztliche und sicherheits­technische Betreuung von Physiotherapiepraxen

Information, motivation, and implementation support for physiotherapy practices regarding alternative, needs-based occupational health and safety services

Practice owners and managers are key players in ensuring safe and healthy working conditions. The project “Healthy and Safe in Physiotherapy Practices” tested a concept for the step-by-step implementation of alternative occupational health and safety support. The focus was on strengthening prevention competence among practice owners and managers in general and improving the implementation of risk assessments in particular. A total of 36 physiotherapy practices participated and completed four training modules based on the Plan-Do-Check-Act cycle. The content was aligned with the BGW version of DGUV Regulation 2 and adapted to the specific needs of the sector. An in-house developed online tool was available for risk assessment. Additional support included occupational health consultations and digital networking opportunities. Evaluation was carried out through online surveys, feedback discussions, and usage data. Participants reported high satisfaction and continuously improved their knowledge as well as the implementation of risk assessments. The concept provides valuable impulses for occupational safety in small physiotherapy practices and serves as a model for other sectors.

Information, Motivation und Umsetzungsbegleitung für Physiotherapiepraxen bei der alternativen bedarfsorientierten betriebsärztlichen und sicherheitstechnischen Betreuung1

Führungskräfte sind zentrale Akteure für sichere und gesunde Arbeitsbedingungen. Im Projekt „Gesund und sicher in der Physiotherapiepraxis“ wurde ein Konzept zur stufenweisen Umsetzung der alternativen arbeitsmedizinischen und sicherheitstechnischen Betreuung erprobt. Der Fokus lag auf der Stärkung der Präventionskompetenz von Praxisinhaberinnen und -inhabern im Allgemeinen und auf der Verbesserung der Umsetzung der Gefährdungsbeurteilung im Speziellen. 36 Physiotherapiepraxen nahmen teil und absolvierten vier Schulungsmodule nach dem Plan-Do-Check-Act-Zyklus. Die Inhalte orientierten sich an der BGW-Fassung der DGUV Vorschrift 2 und wurden branchenspezifisch angepasst. Zur Gefährdungsbeurteilung stand ein selbstentwickeltes Online-Instrument zur Verfügung. Ergänzend gab es arbeitsmedizinische Beratung und digitale Austauschmöglichkeiten. Die Evaluation erfolgte über Online-Befragungen, Feedbackgespräche und Nutzungsdaten. Die Teilnehmenden zeigten hohe Zufriedenheit mit dem Schulungskonzept und verbesserten ihr Wissen sowie die Umsetzung der Gefährdungsbeurteilung kontinuierlich. Das Konzept liefert Impulse für den Arbeitsschutz in kleinen Physiotherapiepraxen und besitzt Modellcharakter für andere Branchen.

Kernaussagen

  • Umsetzungslücken verdeutlichen den Handlungsbedarf: Bestehende Defizite bei der arbeitsmedizinischen und sicherheitstechnischen Betreuung sowie bei der Durchführung und Dokumentation der Gefährdungsbeurteilung unterstreichen den Bedarf an praxisnahen Unterstützungsangeboten für kleine Physiotherapiepraxen.
  • Mehrstufiges Schulungskonzept unterstützt Wissensaufbau und Umsetzung: Vier am PDCA-Zyklus orientierte Module begleiteten den schrittweisen Aufbau von Arbeitsschutzwissen und die kontinuierliche Bearbeitung der Gefährdungsbeurteilung im Praxisalltag.
  • Digitale Instrumente und kollegialer Austausch unterstützen die Umsetzung: Die Kombination aus Online-Checkliste, hybriden Schulungen und kollegialem Erfahrungsaustausch bietet niedrigschwellige Unterstützung bei der Bearbeitung arbeitsschutzbezogener Aufgaben.
  • Schulungen und Austausch deckten einen Großteil der geäußerten Fragen ab: Nur vier der 36 Teilnehmenden nahmen zusätzlich eine individuelle (Vor-Ort-)Beratung in Anspruch. Dies deutet darauf hin, dass viele Fragen bereits in den Schulungen und Austauschformaten bearbeitet werden konnten.

Ausgangssituation

Laut Bundesagentur für Arbeit waren am
31. März 2022 165.600 sozialversicherungspflichtig Beschäftigte im Bereich Physiotherapie in Deutschland tätig. Den Angaben einer Eckdatenstudie zur Situation der Deutschen Physiotherapieeinrichtungen zufolge sind in rund 65 % der Physiotherapiepraxen drei bis zehn Mitarbeitende beschäftigt (ETL ADVISION 2024). Etwa 8,6 % sind Einpersonenbetriebe.

Der Berufsalltag von Physiotherapeutinnen und -therapeuten ist geprägt von einer hohen körperlichen Nähe zu Patientinnen und Patienten, wiederholten manuellen Tätigkeiten wie Massagen, Mobilisationen und Lagerungen sowie dem Einsatz von therapeutischen Hilfsmitteln und Geräten. Hinzu kommen dynamische Arbeitsanforderungen durch wechselnde Patientenkontakte, eng getaktete Behandlungspläne sowie Hausbesuche.

Aus diesen Tätigkeitsmerkmalen können verschiedene spezifische Gefährdungs- und Belastungsschwerpunkte resultieren. In der Fachliteratur finden sich unter anderem Hinweise auf muskuloskelettale Belastungen, Infektionsrisiken, Hautbelastungen, psychische Belastungen, Unfallgefahren in der Praxis und bei Hausbesuchen (Girbig et al. 2017; Stoll 2019; Vieira et al. 2016; BGW 2015).

Um potenziellen Gesundheitsgefahren bei der Arbeit möglichst vorausschauend entgegenzuwirken, sind Praxisinhaberinnen und -inhaber, wie andere Arbeitgebende auch, zur Schaffung und Aufrechterhaltung sicherheits- und gesundheitsgerechter Arbeitsbedingungen verpflichtet. Gemäß Arbeitsschutzgesetz (ArbSchG) §§ 3 bis 6, Arbeitssicherheitsgesetz (ASiG) §§ 2, 5 und DGUV Vorschrift 2 § 2 müssen Praxisinhaberinnen und -inhaber erforderliche Präven­tionsmaßnahmen umsetzen und sich dazu arbeitsmedizinisch und sicherheitstechnisch betreuen lassen. In Abhängigkeit von der Betriebsgröße (Anzahl der Beschäftigten) kann die Betreuung entweder als „Betriebsärztliche und Sicherheitstechnische Regelbetreuung“ oder als sogenannte alternative bedarfsorien­tierte Betreuung erfolgen.

Speziell für Praxen mit bis zu 50 Beschäftigen bietet die alternative bedarfsorientierte betriebsärztliche und sicherheitstechnische Betreuung eine flexible, selbstbestimmte Möglichkeit beziehungsweise Form der Betreuung. Laut DGUV Vorschrift 2, Anlage 3 besteht das Betreuungsmodell im Kern aus drei Bausteinen, die von der Praxisinhaberin oder dem Praxisinhaber umgesetzt werden müssen. Dazu gehören in erster Linie die Teilnahme an einer Qualifizierung im Sinne einer „Motivations- und Informationsmaßnahme“ (MIMa) mit vorgegebenen arbeitsschutzbezogenen Inhalten, die Teilnahme an „Fortbildungsmaßnahmen“ sowie die „Inanspruchnahme der bedarfsorientierten Betreuung“. Über die Notwendigkeit und das Ausmaß der bedarfsorientierten, externen Betreuung hat die Unternehmerin/der Unternehmer auf der Grundlage der betriebsbezogenen Gefährdungsbeurteilung selbst zu entscheiden.

Die Ergebnisse einer deutschlandweiten Online-Befragung von Physiotherapeutinnen und -therapeuten zeigen, dass Sicherheit und Gesundheit bei der Arbeit in Physiotherapiepraxen hohe Relevanz besitzen (Schöne et al. 2023). Gleichzeitig berichten Praxisinhaberinnen und -inhaber über Defizite bei der Umsetzung der arbeitsmedizinischen und sicherheitstechnischen Betreuung: Nur etwa die Hälfte der Praxen erfüllt die gesetzlichen Vorgaben (ASiG, DGUV Vorschrift 2). Auch bei der Gefährdungsbeurteilung nach §§ 5, 6 ArbSchG bestehen Lücken; lediglich jede/jeder zweite Befragungsteilnehmende gab an, dass die eigene Praxis über eine aktuelle Dokumentation verfügt.

Verbunden mit dem Ziel, die Handlungskompetenz und Compliance zum Arbeitsschutz in Physiotherapiepraxen mit bis zu 50 Beschäftigten zu stärken, wurde ein optimiertes mehrstufiges und settingspezifisch ausgerichtetes Verfahren zur alternativen bedarfsorientierten Betreuung entwickelt, erprobt und evaluiert. Im Mittelpunkt standen die Information und Motivation der teilnehmenden Praxisinhaberinnen und -inhaber zur Förderung und Aufrechterhaltung sicherer und gesunder Arbeitsbedingungen im Allgemeinen und die Umsetzungsbegleitung bei der Gefährdungsbeurteilung im Speziellen. Die Umsetzung des Vorhabens erfolgte in Abstimmung mit und unterstützt durch die BGW. Nachfolgend werden das Konzept und die gewonnenen Erkenntnisse vorgestellt.

Vorgehen

Projektaufbau und -ablauf

Das Projekt „Gesund und sicher in der Physiotherapiepraxis“ wurde von Mai 2023 bis Oktober 2024 durchgeführt. Drei Gruppen, bestehend aus insgesamt 36 Teilnehmenden, wurden rekrutiert. Die erste Gruppe startete Ende April 2023 mit 11 Teilnehmenden, die zweite Gruppe Mitte Oktober 2023 mit
15 Teilnehmenden und die dritte Gruppe Anfang Februar 2024 mit 10 Teilnehmenden. Anders als im etablierten Schulungskonzept der BGW (eine ca. sechsstündige Unternehmerschulung an einem Tag) absolvierten die Teilnehmenden vier Schulungsmodule im Abstand von drei Monaten, basierend auf dem „Plan-Do-Check-Act“-Zyklus, einem weit verbreiteten, prozessorientierten Modell aus dem Bereich Qualitätsmanagement (DIN EN ISO 9001:2015). Ergänzend zu den Schulungen wurde den Teilnehmenden wiederholt individuelle arbeitsmedizinische und sicherheitstechnische Beratung angeboten. Zudem wurde ein Unternehmernetzwerk aufgebaut, um den Austausch und die Vernetzung unter den Teilnehmenden zu fördern.

Motivations- und Informations­maßnahmen (4 Schulungsmodule)

Die entwickelten Schulungsmodule orien­tierten sich eng an den aktuellen Schulungsvorgaben der BGW (DGUV Vorschrift 2, Anlage 3, Punkt 2 „Motivations-, Informations- und Fortbildungsmaßnahmen“). Sie wurden branchenspezifisch ausgestaltet und angepasst an die Prozessschritte zur Gefährdungsbeurteilung an vier Schulungsterminen vermittelt:

  • Modul 1 („Plan“): Einführung in die Themen Arbeitssicherheit und Gesundheitsschutz. Schwerpunkt: Identifikation und Beurteilung von Gefährdungen (Dauer ca. 2,5 Stunden in Präsenz)
  • Modul 2 („Do“): Umsetzung von relevanten Präventionsmaßnahmen in der Praxis (Dauer ca. 1,5 Stunden, online und in Präsenz)
  • Modul 3 („Check“): Überprüfung und Evaluierung umgesetzter Präventionsmaßnahmen (Dauer ca. 1,5 Stunden)
  • Modul 4 („Act“): Kritische Reflexion der absolvierten Schulungsmodule und Festlegung von Zielen und Maßnahmen zur kontinuierlichen Verbesserung der Organisation von Arbeitssicherheit in der eigenen Praxis (Dauer ca. 1 Stunde)

Nach dem ersten Schulungsmodul in Präsenz konnten die Teilnehmenden bei den nachfolgenden Modulen (2–4) selbst entscheiden, ob sie die Schulungen in Präsenz oder online wahrnehmen (hybrides Schulungsformat). Zentrale Elemente der einzelnen Schulungstermine waren praktische Übungen zur Gefährdungsbeurteilung und ein wiederkehrender Erfahrungsaustausch der Teilnehmenden. In den Gruppen wurden Problem-/Fragestellungen – primär zum Umsetzungsstand der Maßnahmen aus der betriebsbezogenen Gefährdungsbeurteilung – diskutiert und entsprechende Lösungsansätze ausgetauscht. Zwischen den Schulungsterminen bearbeiteten die Teil­nehmenden Arbeitsaufträge, die auf die schrittweise Erstellung und Weiterentwicklung der Gefährdungsbeurteilung in der eigenen Praxis ausgerichtet waren.

Gefährdungsbeurteilung

Für die Beurteilung und Dokumentation relevanter Gefährdungen in der eigenen Praxis wurde den Projektteilnehmenden in Modul 1 eine Online-Checkliste als unterstützendes Instrument zur Verfügung gestellt. Die Online-Checkliste beinhaltete eine Auflistung möglicher Gefährdungen zu ausgewählten Themenbereichen und Arbeitsbereichen (u. a. orientiert an den BGW-Broschüren „Gefährdungsbeurteilung in therapeutischen Praxen“ und „Gesund und sicher arbeiten – Sichere Seiten für therapeutische Praxen“). Antwortoptionen waren „zurzeit kein Handlungsbedarf“ (geringes Risiko), „Handlungsbedarf“ (mittleres ­Risiko), „dringender Handlungsbedarf“ (hohes Risiko) und „trifft nicht zu/nicht relevant“. Wenn bei den aufgelisteten Gefährdungen in dem Online-Tool ein (dringender) Handlungsbedarf angegeben wurde, erschien ein zusätzliches To-Do/Aufgaben-Textfeld, in dem die Praxisinhaberinnen und -inhaber eine entsprechende Maßnahme, die umsetzungsverantwortliche Person und einen Termin dokumentieren konnten. Zum Zweck der Dokumentation konnten die bearbeiteten Themen/Beurteilungsergebnisse von den Teilnehmenden als PDF-Datei heruntergeladen werden. Alternativ beziehungsweise ergänzend zur Online-Checkliste konnten die Projektteilnehmenden bei Bedarf auch die verfügbaren Handlungs- und Dokumentationshilfen der BGW zur Aktualisierung ihrer Gefährdungsbeurteilung verwenden (bgw-online.de, Dokumentationshilfen Gefährdungsbeurteilung). Die Ergebnisse der durchgeführten Gefährdungsbeurteilungen und eventuelle Rückfragen wurden im Rahmen der Folgeschulungsmodule 2–4 in der Gruppe erörtert.

Bedarfsorientierte arbeitsmedizinische und sicherheitstechnische Beratung

Unter Verweis auf die in der DGUV Vorschrift 2, Anlage 3 genannten „besonderen Anlässe für eine Betreuung“ wurde in und nach jedem Schulungsmodul den Teilnehmenden das Angebot einer im Projekt integrierten und demnach kostenfreien bedarfsorientierten arbeitsmedizinischen und sicherheitstechnischen Beratung gemacht. Die Teilnehmenden konnten das Beratungsangebot online und/oder vor Ort in ihrer Praxis in Anspruch nehmen.Ergänzend dazu wurde zum Austausch von Fragen eine WhatsApp-Gruppe mit allen Teilnehmenden sowie den Dozierenden etabliert. Unter fachlicher Begleitung durch die Dozierenden trug die WhatsApp-Gruppe zur Beantwortung relevanter Fragen zum Arbeitsschutz und betrieblichen Gesundheitsschutz bei.

Qualitätssicherung

Die Qualität der Schulungen wurde durch regelmäßige Befragungen der Teilnehmenden (nach jedem Schulungsmodul und zum Abschluss der Schulungsmaßnahme) erhoben. Diese Erhebungen erfassten sowohl die Zufriedenheit mit den Schulungsinhalten als auch die subjektiv erlebten Fortschritte im Bereich des Arbeitsschutzes für ihre Praxis.

Projektergebnisse

Die 36 Teilnehmenden des Projekts setzten sich zu 44 % aus Frauen und zu 56 % aus Männern zusammen. Das Durchschnittsalter betrug 40 Jahre. Die Mehrheit (75 %) war Praxisinhaberin/-inhaber, 25 % waren als Praxisleiterin/-leiter tätig. Die teilnehmenden Praxen hatten überwiegend (69,4 %) zwischen 1 und 9 Beschäftigte, 16,7 % hatten 10–19 Beschäftigte, 13,9 % machten hierzu keine Angabe. Im Onlineformular zur Projektanmeldung wurde auch der Betreuungsstand der Praxis abgefragt. Auf die Frage, ob die Praxis aktuell arbeitsmedizinisch und sicherheitstechnisch betreut wird, antworteten 6 Personen mit „ja“, 25 Personen mit „nein“ und 5 Personen machten hierzu keine Angaben. Außerdem gaben 10 Personen an, dass sie das Modell der alternativen bedarfsorientierten Betreuung kennen. Im Projektverlauf kam es zu vier Teilnahmeabbrüchen. Über die Gründe der Teilnahmeabbrüche liegen keine Angaben bzw. Informationen vor.

Tabelle 1:  Bearbeitete Themenbereiche (n= 145, Mehrfachnennungen möglich)

Tabelle 1: Bearbeitete Themenbereiche (n= 145, Mehrfachnennungen möglich)

Wissensvermittlung/Lernfortschritte

Aus den jeweils am Ende der einzelnen Schulungsmodule durchgeführten Befragungen wurde ersichtlich, dass die Teilnehmenden ihre Kenntnisse im Bereich Sicherheit und Gesundheit sukzessive auf- beziehungsweise ausbauen konnten. Nach Modul 4 schätzte die überwiegende Mehrheit der Teilnehmenden (91,7 %) ihre Kenntnisse erheblich besser als vor der Schulung ein (➥ Abb. 1).

Gefährdungsbeurteilung

Vor Beginn des Projekts hatten nur wenige Praxen eine (aktuelle) Gefährdungsbeurteilung. Im Verlauf der Schulungen nahm der Anteil der Praxen mit dokumentierten Gefährdungsbeurteilungen zu. Ab dem zweiten Modul verfügten alle Teilnehmenden über eine begonnene oder vollständige Gefährdungsbeurteilung (➥ Abb. 2).

Die im Projekt zur Gefährdungsbeurteilung unterstützend bereitgestellte Online-Checkliste wurde von den 36 Teilnehmenden insgesamt 107-mal aufgerufen. ➥ Tabelle 1 zeigt an, wie häufig die einzelnen Themenbereiche bearbeitet wurden und ➥ Tabelle 2 stellt die Häufigkeit der Beurteilung einzelner Arbeits-/Tätigkeitsbereiche dar.

Zu den aufgelisteten Gefährdungen, bei denen ein (dringender) Handlungsbedarf angegeben wurde, wurden insgesamt 244 Maßnahmen angelegt. Am häufigsten wurden Maßnahmen zu den Themen „Ziele im Bereich Gesundheit und Sicherheit“ (z. B. Reduzierung von Unfall-/Gefahrenquellen), „Erste Hilfe“ (z. B. Planung Erste-Hilfe-Kurs), „Brandschutz“ (z. B. Organisation Brandschutz, Brandschutzfachkraft anfragen), „Aktualisierung der Gefährdungsbeurteilung“ (z. B. regelmäßige Praxisbegehung) geplant.

Tabelle 2:  Bearbeitete Arbeits-/Tätigkeitsbereiche (n = 97, Mehrfachnennungen möglich)

Tabelle 2: Bearbeitete Arbeits-/Tätigkeitsbereiche (n = 97, Mehrfachnennungen möglich)
Abb. 2:  Stand der Gefährdungsbeurteilung in der Praxis

Abb. 2: Stand der Gefährdungsbeurteilung in der Praxis

Beratung und individueller Bedarf

Um einschätzen zu können, inwieweit nach der Teilnahme an den einzelnen Schulungsmodulen zusätzlicher Bedarf an einer bedarfsorientierten Betreuung besteht, wurde jeweils zu den vier Schulungsterminen und mit drei Erinnerungen per E-Mail auf die Möglichkeit einer kostenlosen individuellen, bedarfsorientierten Beratung während des Projekts hingewiesen und um eine Rückmeldung gebeten. Von den 36 Teilnehmenden gaben vier Personen an, Bedarf an einem Beratungstermin vor Ort zu haben. Drei Praxisinhaberinnen und -inhaber baten um eine allgemeine Beratung/Begehung der Praxis sowie eine/einen Praxisinhaberin/-inhaber um eine Beratung zum Thema Brandschutz (u. a. Beschilderung der Flucht- und Rettungswege).

Zufriedenheit mit den Schulungen

Im Anschluss an die vier Schulungsmodule wurden die 36 Teilnehmenden jeweils um ihr Feedback gebeten. Hierbei zeigte sich insgesamt eine hohe Zufriedenheit mit den vermittelten Schulungsinhalten und dem Schulungsformat (➥ Abb. 3 nächste Seite).

Zusammenfassung

Das Konzept der BGW zur alternativen bedarfsorientierten Betreuung für Betriebe mit bis zu 50 Beschäftigten zielt darauf ab, Unternehmerinnen und Unternehmer zu motivieren und zu befähigen, den Arbeitsschutz im Betrieb eigenverantwortlich zu gestalten (DGUV Vorschrift 2, Anlage 3). Ergänzend ist bei besonderen Anlässen (z. B. Beratung zur arbeitsmedizinischen Vorsorge, Einsatz neuer Arbeitsmittel) die Beratung durch eine/n beauftragte/n Betriebsärztin/Betriebsarzt und/oder eine Fachkraft für Arbeitssicherheit vorgeschrieben. Bezüglich der Einhaltung dieser Vorgaben verweisen Schöne et al. (2023) auf bestehende Defizite in kleinen Physiotherapiepraxen (≤50 Beschäftigte).

Im Projekt „Gesund und sicher in der Physiotherapiepraxis“ konnte gezeigt werden, dass ein branchenspezifisch gestaltetes, am Prozess der Gefährdungsbeurteilung orientiertes, mehrstufiges Schulungskonzept für kleine Physiotherapiepraxen geeignet ist, um Kenntnisse und Handlungskompetenzen im Bereich Sicherheit und Gesundheit am Arbeitsplatz systematisch auszubauen. Die Kombination aus vier Schulungsterminen, regelmäßigem Erfahrungsaustausch, Selbstlernaufgaben und ergänzenden individuellen Beratungen ermöglichte eine engmaschige und kooperative Begleitung der Umsetzung erforderlicher Maßnahmen. Konzeptbedingt waren die Teilnehmenden dazu angehalten, ihre Arbeitsschutzorganisation kontinuierlich weiterzuentwickeln. Insbesondere im Hinblick auf die Gefährdungsbeurteilung zeigte sich eine deutliche Verbesserung: Nach dem dritten Modul verfügten alle Praxen über eine begonnene oder vollständig dokumentierte Gefährdungsbeurteilung. Förderlich erwies sich zudem die Vernetzung in einer WhatsApp-Gruppe, die den offenen Austausch praxisbezogener Problemstellungen begünstigte. Auffällig war der geringe Bedarf an individueller Beratung: Lediglich vier der 36 Teilnehmenden nahmen dieses Angebot in Anspruch. Dies legt nahe, dass die im Projekt angebotenen Schulungen in Kombination mit dem regelmäßigen Erfahrungsaustausch bereits ein ausreichendes Unterstützungsniveau boten, um anlassbezogene Fragestellungen adäquat zu bearbeiten.

Insgesamt lässt sich festhalten, dass das mehrstufige Schulungskonzept trotz höheren organisatorischen Aufwands gegenüber kompakten (eintägigen) Formaten deutliche Vorteile bietet. Es ermöglicht eine prozess- und praxisnahe Begleitung der Präventionsarbeit und fördert sowohl das Verständnis für arbeitsschutzrechtliche Vorgaben als auch den Erfahrungsaustausch zwischen den Akteuren.

Die Ergebnisse verdeutlichen zugleich einen erheblichen Informations- und Umsetzungsbedarf in kleinen Praxen. Mehrere Praxisinhaberinnen und -inhaber waren sich der Relevanz und des Nutzens arbeitsschutzrechtlicher Vorgaben nicht bewusst oder fühlten sich durch den Praxisalltag an deren Umsetzung gehindert. Zielgruppenorientierte Schulungsformate (z. B. online und in den Abendstunden), digitale Tools sowie die Vernetzung der Teilnehmenden erwiesen sich hier als wirksame Ansätze. Darüber hinaus erscheint es sinnvoll, Arbeitsschutzinhalte systematisch in Fort- und Weiterbildungen zu integrieren und bestehende Informationskanäle (z. B. BGW, Verbände, Social Media) sowie niederschwellige Formate wie Podcasts (z. B. BGW-Podcast: „Herzschlag – Für ein gesundes Berufsleben“) oder kurze Erklärfilme zu nutzen.

Für zukünftige Projekte ergibt sich die Aufgabe, den Schulungserfolg stärker anhand objektiver Indikatoren – etwa real im Betrieb umgesetzter Präventionsmaßnahmen – zu evaluieren und die Übertragbarkeit des Konzepts auf andere Gesundheitsberufe zu prüfen.

Interessenkonflikt: Der Autor ist neben seiner Tätigkeit am Institut für Lehrergesundheit auch Geschäftsführer der IASG GmbH. Es bestehen keine direkten finanziellen oder wirtschaftlichen Verbindungen zwischen der Forschung und den kommerziellen Interessen der IASG GmbH. Alle dargestellten Ergebnisse wurden unabhängig und nach wissenschaftlichen Standards erhoben.

Literatur

Girbig M, Freiberg A, Deckert S, Druschke D, Kopkow C, Nienhaus A, Seidler A: Work related exposures and disorders among physical therapists: experiences and beliefs of professional representatives assessed using a qualitative approach. J Occup Med Toxicol 2017; 12: 1–9. https://doi.org/10.1186/s12995-016-0147-0 (Open Access).

Schöne K, Ahlhorn A, Hirschmüller A, Letzel S: (Selbst-)Einschätzungen von Physiotherapeutinnen und Physiotherapeuten zum Stand der Arbeitssicherheits-, Gesundheitsschutz- und Betreuungssituation
in ihrer Praxis. Ergomed 2023; 05.

Stoll S: Arbeitsbedingte Beschwerden und Erkrankungen in der Physiotherapie. manuelle therapie 2019; 23: 238–245. https://doi.org/10.1055/a-1033-5613.

Vieira ER, Schneider P, Guidera C, Gadotti IC, Brunt D: Work related musculoskeletal disorders among physical therapists: a systematic review. J Back Musculoskelet Rehab 2016; 29: 417–428. https:// doi.org/10.3233/BMR-150649.

Online-Quellen

BARMER: Heil- und Hilfsmittelreport 2022
https://www.bifg.de/publikationen/reporte/heil-und-hilfsmittelreport-20…

Deutsches Ärzteblatt: Gründungsboom bei Physiotherapiepraxen. 2023
https://www.aerzteblatt.de/nachrichten/141146/Gruendungsboom-bei-Physio…

ETL ADVISION: 2. Eckdaten­studie Physiotherapie – Eckdaten zur Situation der deutschen Physiotherapieeinrichtungen. 2024
https://studiephysiotherapie.de

Abb. 3:  Beurteilung der Schulungsinhalte und des Schulungsformats

Abb. 3: Beurteilung der Schulungsinhalte und des Schulungsformats

Koautorinnen und Koautor

Anna Hirschmüller, M.Sc., Kristina Schmidt
Univ.-Prof. Dr. med. Dipl.-Ing. Stephan Letzel
Universitätsmedizin der Johannes Gutenberg-Universität Mainz, Institut für Lehrergesundheit am Institut für Arbeits-, Sozial- und Umweltmedizin

Kontakt

Dr. Klaus Schöne
Universitätsmedizin Mainz; Institut für Lehrergesundheit am Institut für Arbeits-, Sozial- und Umweltmedizin; 55116 Mainz

Foto: Universitätsmedizin Mainz

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