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Bladder dysfunction – a taboo subject, even in occupational medicine?
Bladder dysfunction occurs frequently and has a prevalence of up to 40 % from the age of 40. The aetiology is varied and requires a comprehensive and qualified differential diagnosis. Bladder dysfunction can lead to a considerable impairment of quality of life, lower work performance and increased absenteeism at work and may require a reorganisation of the workplace or a change in occupational activity.
Störungen der Blasenfunktion – Tabu-Thema, auch für die Arbeitsmedizin?
Blasenfunktionsstörungen haben ab dem 40. Lebensjahr eine Prävalenz von bis zu 40 %. Die vielfältige Ätiologie erfordert eine umfassende und qualifizierte Differenzialdiagnostik. Blasenfunktionsstörungen können zu einer erheblichen Beeinträchtigung der Lebensqualität, einer geringeren Arbeitsleistung und erhöhten Fehlzeiten am Arbeitsplatz führen und erfordern gegebenenfalls eine Umgestaltung des Arbeitsplatzes beziehungsweise eine Änderung der beruflichen Tätigkeit.
Kernaussagen
Einleitung
Blasenfunktionsstörungen beeinflussen auf vielfältige Weise den Arbeitsalltag und mindern so gegebenenfalls auch die Arbeitsleistung. Ungewollter Urinverlust (Harninkontinenz) in der zweiten Lebenshälfte wird, seit Jahren unverändert, für Frauen mit einer Häufigkeit von 20–50 %, für Männer mit 5–11 % angegeben (Thomas et al. 1980; Temml et al. 2000). Sind junge Frauen und Männer zwischen 20 und 29 Jahren zu 4,1 % beziehungsweise 1,7 % betroffen, lässt sich eine nahezu lineare Zunahme der Häufigkeit mit steigendem Alter feststellen (Temml et al. 2000). Ab etwa dem 40. Lebensjahr werden Beschwerden am unteren Harntrakt bei beiden Geschlechtern mit einer Häufigkeit um 20– 40 % geschätzt (Ebbesen et al. 2013; Ng et al. 2017; Temml et al. 2000; Wie et al. 2025). Dabei betonen wissenschaftliche Untersuchungen die konsekutiven, mitunter erheblichen Einschränkungen der individuellen Lebensqualität und Teilhabe, nicht zuletzt auch am Arbeitsplatz, durch die vielfältigen Symptome einer „Blasenschwäche“ die in einer nahezu beliebigen Kombinationsvielfalt auftreten können (➥ Abb. 1).
Neben den sogenannten Entleerungssymptomen (z. B. verzögerter Entleerungsbeginn, erschwertes Wasserlassen, abgeschwächter Harnstrahl, mehrzeitige Entleerung, verzweigter Harnstrahl, Restharngefühl), sind vor allem Speichersymptome (z. B. häufiges Wasserlassen, imperativer, nicht aufschiebbarer Harndrang mit oder ohne ungewolltem Urinverlust, nächtliches Wasserlassen) zu nennen, die nicht zuletzt durch häufige Toilettengänge die Abläufe an einem Arbeitsplatz aber auch die Lebensqualität bedeutsam stören können. Dabei sind die Auslöser meist harmlose, gut behandelbare Ursachen, wie zum Beispiel Harnwegsinfektionen, gutartige Prostatavergrößerung, Blasensteine und viele andere mehr.
Gelegentlich können sich hinter den Beschwerden jedoch auch ernste Erkrankungen verbergen, beispielsweise Prostatakarzinome oder Harnblasenblasentumoren. Aber auch neurologische Ursachen (z. B. Schlaganfall, Schädel-Hirn-Verletzungen, Wirbelsäulenverletzungen, Beckenfrakturen, Bandscheibenschäden, neurodegenerative Erkrankungen wie Multisystematrophie, Morbus Parkinson oder Enzephalitis disseminata u. v. a. m.), Begleiterkrankungen wie zum Beispiel Diabetes mellitus (mit und ohne diabetische Polyneuropathie) und Herz-Kreislauf-Störungen führen zu einer hohen Prävalenz von Symptomen des unteren Harntrakts (LUTS – lower urinary tract symptoms) (Chancellor u. Blaivas 1995; Fowler 1999; Patel et al. 2001). Den Harnröhrenstrikturen, die in der Regel nur bei Männern auftreten, ist als weitere Ursache von Blasenfunktionsstörungen ein eigener Artikel in diesem Themenheft gewidmet. Daneben kann auch eine Vielzahl verschiedener Medikamente und kombinierte Ursachen Auslöser störender Blasenbeschwerden sein (➥ Abb. 2).
Weiterhin klassisches Tabuthema
Trotz der hohen Bedeutung dieser Störungen, bespricht nur etwa ein Drittel der Betroffenen die Symptome und Beschwerden mit der Hausärztin oder dem Hausarzt. Viele Betroffene nehmen irrtümlich an, dass diese Situation mit dem Alter unvermeidbar oder zu „peinlich“ ist, um sie in der Arztpraxis zu besprechen. Andere denken, es würde sich um kein ernstzunehmendes Krankheitsbild handeln (MacKay u. Hemmett 2000). Die meisten Menschen versuchen, sich zunächst mit dem Problem zu arrangieren. Oftmals werden zu Beginn der Erkrankung die Symptome negiert.
Mit Zunahme der Störungen wird der Bewegungsradius nach der Verfügbarkeit von Toiletten gewählt. Oft wird in der fälschlichen Annahme, die Symptomatik lindern zu können, fatalerweise die Flüssigkeitsaufnahme reduziert. Das kann vor allem bei höheren Temperaturen und/oder stärkerer körperlicher Anstrengung (cave: entsprechende Arbeitsplätze!) nicht nur bei älteren Menschen mit reduziertem Durstgefühl zu einem akuten Flüssigkeitsmangel mit ernsten Kreislaufsymptomen und konsekutiv erhöhtem Unfall- und Verletzungsrisiko am Arbeitsplatz führen. Unabhängig davon führt eine Flüssigkeitsrestriktion in der Regel nicht zu einer bedeutenden Besserung der Blasenbeschwerden. Die Toilette wird oftmals vorsorglich aufgesucht, um „Katastrophen“ zu vermeiden. Wo immer möglich werden Sitzplätze in Toilettennähe gewählt. Und wenn diese Vorsorge nicht mehr ausreicht, werden Sozialkontakte, beispielsweise Kino-, Theater- und Konzertbesuche, das Treffen mit Freunden und Bekannten außerhalb der eigenen vier Wände zunehmend vermieden. Das soziale Leben erlischt immer mehr, die Lebensfreude schwindet zusehends. Die Lebensqualität ist stark reduziert.
Gestörte Blasenfunktion – gesteigerte Vigilanz der Gesundheitsprofis erforderlich
Störungen der Blasenfunktion werden auch von Ärztinnen und Ärzten der Allgemeinmedizin, Urologie und Gynäkologie als relevante Gesundheitsstörung unzureichend wahrgenommen und unzureichend behandelt (Milsom et al. 2001). Auch durch Berufskrankheiten und insbesondere durch Arbeitsunfälle, vor allem nach Schädel-Hirn-Traumen, Wirbelsäulen- und Beckenfrakturen, verursachte Störungen der Blasenfunktion werden häufig erst mit (deutlicher) Latenz sowohl von Betroffenen als auch von Ärztinnen und Ärzten angesprochen. Ohne ätiologische Zuordnung werden urologische Symptome oftmals überwiegend symptomorientiert mit aufsaugenden oder ableitenden Hilfsmitteln oder probatorisch medikamentös behandelt. Folge ist eine in vielen Fällen inadäquate Versorgung mit potenzieller Komplikationsmorbidität und -mortalität, zum Beispiel infolge nosokomialer Infektionen. Unbeachtet bleiben daher auch konsekutive Primär- und Sekundärkosten sowie potenziell vermeidbare Beeinträchtigungen der Lebensqualität der Betroffenen und Einschränkungen am Arbeitsplatz.
Qualifizierte Diagnostik obligat
Grundlage einer zielführenden, optimalerweise kausalen Behandlung ist eine qualifizierte ätiologische und differenzialdiagnostische Zuordnung einer Blasenfunktionsstörung. Dies gelingt durch ein qualifiziertes, weitgehend standardisiertes und quantifizierbares diagnostisches Vorgehen. Dadurch lässt sich das mitunter „bunte“ Bild einer gestörten Blasenfunktion in der Regel ätiologisch zweifelsfrei zuordnen und einer adäquaten Behandlung zuführen.
Blasenfunktionsstörungen – nicht nur im Lehrbuch gültig: konservativ vor operativ
In der überwiegenden Zahl der Fälle führt nicht primär der operative Ansatz, sondern sehr häufig ein konservativer Behandlungsweg nach adäquater Differenzialdiagnostik zu einer oftmals guten bis sehr guten Besserung oder Heilung der zugrunde liegenden Blasenfunktionsstörung.
Blasenfunktionsstörungen am Arbeitsplatz
Häufiger Harndrang und Nykturie (nächtliches Wasserlassen) können zu Schlafstörungen und daraus folgend zu erhöhter Müdigkeit am Arbeitsplatz führen. Bei Dranginkontinenz oder Stressinkontinenz (bei Anstrengung wie Husten oder Niesen) entstehen möglicherweise durch unkontrollierten Harnverlust belastende, mit Scham behaftete Situationen am Arbeitsplatz. Durch eine unvollständige Entleerung der Blase mit Restharnbildung kann es zu häufigen Blasenentzündungen und gegebenenfalls erhöhten Fehlzeiten am Arbeitsplatz kommen. Alle diese Faktoren können zu einer geringeren Arbeitsleistung führen.
Für die Betroffenen ist wichtig:
Interessenkonflikt: Das Autorenteam gibt an, dass keine Interessenkonflikte vorliegen.
Literatur
Chancellor MB, Blaivas JG (Hrsg.): Practical Neuro-Urology. Genitourinary complications in neurologic disease. Boston et al.: Butterworth-Heinemann, 1995.
Ebbesen MH, Hunskaar S, Rortveit G, Hannestaad YS: Prevalence, incidence and remission of urinary incontinence in women: longitudinal data from the Norwegian HUNT study (EPINCONT). BMC Urology 2013; 13: 27. doi:10.1186/1471-2490-13-27 (Open Access).
MacKay K, Hemmett L: Needs assessment of women with urinary incontinence in a district health authority. Br J Gen Pract 2001; 51: 801–804 (Open Access).
Milsom I, Abrams P, Cardozo L, Roberts RG, Thüroff J, Wein AJ: How widespread are the symptoms of an overactive bladder and how are they managed? A population-based prevalence study. BJU-Int 2001; 87: 760–766. doi:10.1046/j.1464-410x.2001.02228.x.
Ng SC, Hu S-W. Chen GD: A community based epidemiological survey of overactive bladder and voiding dysfunction in female Taiwanese residents aged 40 years and above. Taiwan J Obstet Gynecol 2017; 56: 811–814. doi:10.1016/j.tjog.2017.10.019 (Open Access).
Patel M, Coshall C, Rudd AG, Wolfe CDA: Natural history and effects on 2-year outcomes of urinary incontinence after stroke. Stroke 2001; 32: 122–127. doi:10.1161/01.str.32.1.122 (Open Access).
Temml C, Haidinger G, Schmidbauer J, Schatzl G, Madersbacher S: Urinary incontinence in both sexes: prevalence and impact on qualitiy of life and sexual life. Neurourol Urodyn 2000; 19: 259–271. doi: 10.1002/(sici)1520-6777(2000)19:3<259::aid-nau7>3.0.co;2-u (Open Access).
Thomas TM, Plymat KR, Blannin J, Meade TW: Prevalence of urinary incontinence. Br Med J 1980; 281: 1243–1245. doi: 10.1136/bmj.281.6250.1243 (Open Access).
Wie JT, Dauw CA, Brodsky CN: Lower urinary tract symptoms in men: a review. JAMA 2025; 334: 809–821. doi:10.1001/jama.2025.7045.
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Koautorin und Koautoren
Prof. (em.) Dr. med. Hans Drexler
Priv.-Doz. Dr. med. Wobbeke Weistenhöfer
Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg, Institut und Poliklinik für Arbeits-, Sozial- und Umweltmedizin (IPASUM), Erlangen
Olaf P. Jungmann
Urologische Gutachtenpraxis Köln/Bonn
Dr. med. Wolfgang Schöps
Urologische Praxis, Sankt Augustin
Prof. Dr. med. Bernd Wullich
Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg, Urologische und Kinderurologische Klinik, Uniklinikum Erlangen
Prof. Dr. med. Klaus Golka
Leibniz-Institut für Arbeitsforschung an der TU Dortmund (IfADo), Dortmund