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Interview

Neuroenhancement – Einschätzung aus dem klinischen Alltag

ASU: Was meinen Sie: wie verbreitet ist der Konsum sogenannter „Smart Drugs“ oder „Brainbooster“ im Arbeitsleben tatsächlich? Ist das unter den Beschäftigten überhaupt ein Thema?

Tanja Veselinović (TV): Die Forschungslage zu dem Phänomen des pharmakologisches Neuroenhancement (PN) im Arbeitsleben, aber auch in der Allgemeinbevölkerung, ist eher unzureichend. Es gab zwar eine Reihe von Studien, die sich damit befasst haben, jedoch sind diese methodologisch (hinsichtlich der untersuchten Population, der Definition von PN und der erfassten Substanzen) sehr heterogen, so dass abschließende Rückschlüsse über die Epidemiologie und die Hintergründe kaum möglich sind. So haben Faraone et al. (2020) vor kurzem in einem systematischen Review 111 Studien erfasst, in denen für die nicht medizinisch indizierte Nutzung von Stimulanzien (z. B. Methylpenidat, Amphetamine) eine Prävalenz zwischen 2,1 und 58,7% in der Allgemeinbevölkerung berichtet wurde. Die höchsten Prävalenzen wurden dabei unter Studierenden festgestellt, mit dem höchsten Werten bei männlichen Befragten im Alter zwischen 18 und 25 Jahren. Gezielte Untersuchungen der Verbreitung von PN im Arbeitsleben sind seltener, wie beispielsweise innerhalb der Chirurgie (8,9 %; Franke et al. 2013) oder im Wirtschafts- und Finanzsektor (19 %; Franke et al. 2013).

Eine geringere Prävalenz geht aus dem aktuellen Gesundheitsbericht der DAK „Update: Doping am Arbeitsplatz“ hervor. 5,5 % der Befragten gaben an, mindestens einmal im Leben pharmakologisches PN verwendet zu haben, um fitter im Job zu sein. 3,3 % gaben eine Verwendung mindestens ein Mal in den letzten 12 Monaten an, während 1,8 % von einem regelmäßigen PN (mindestens zweimal im Monat) berichteten (DAK 2020).

Betrachtet man die hohe Diversität der Ergebnisse wird schnell klar, dass die vorhandenen Umfragen nur bedingt die Gesamtverbreitung des Phänomens PN abbilden können. Zum einen ist es schwierig, eine repräsentative Stichprobe zu erreichen, in der die gesamte Heterogenität der Arbeitswelt abgebildet ist. Andererseits muss, trotz der Anonymität, auch mit einer gewissen Dunkelziffer gerechnet werden. Letztendlich hatten die meisten erwähnten Befragungen einen Rücklauf deutlich unter der Hälfte der initial versendeten Anfragen, so dass ungewiss bleibt, ob die Prävalenz des PN unter den angefragten Personen, die nicht geantwortet haben, höher oder geringer ist.

Auch wenn man die genaue Prävalenz vom PN im Arbeitsleben nur schwer einschätzen kann, handelt es sich hier um ein für die Gesellschaft insgesamt und auch für die Arbeitswelt relevantes Phänomen, das weitere Untersuchungen und inhaltliche Aufklärung erfordert.

ASU: Worin sehen Sie die Ursache für pharmakologisches Neuroenhancement bei Beschäftigten?

TV: Auch zu dieser Frage lohnt es sich, zunächst auf die Ergebnisse der erwähnten Studien zu schauen. Im Wirtschafts- und Finanzsektor war der führende Grund für die Nutzung der erfragten Substanzen Müdigkeit (72 %), gefolgt von Stress und Leistungsdruck (61 %), Stimmungsverbesserung (46 %), Neugier (31 %), Bestreben nach selbstbewussterem Auftreten (29 %) und Deadline-Druck (28 %; Dietz et al. 2016). Unter den Chirurgen waren finanziellen Aspekte (OR: 1,4) Leistungsdruck bei der Arbeit (OR: 1,3) oder im Privatleben (OR: 1,2) führende Grunde (Franke et al. 2013). In der GDS2017 waren die Motive für die die Nutzung der Stimulanzien vor allem Verbesserung der Konzentration und der Lernfähigkeit, höhere Ausdauer, Minderung der Erschöpfung und besseren Umgang mit Stress. Frauen gaben häufiger als Männer als Begründung an, dadurch eine Gewichtsreduktion und einen besserer Umgang mit emotionalem Stress anzustreben (Maier et al. 2018).

In der DAK-Untersuchung berichtete jede/jeder zweite Befragte, dass er/sie die Substanzen brauche, um berufliche Ziele besser zu erreichen. Ein Drittel gab an, dass mit Hilfe von solchen Medikamenten die Arbeit „leichter von der Hand“ gehe. In etwa einem Viertel der Fälle wurde angegeben, die Substanzen zu nutzen, um nach der Arbeit noch Energie und gute Laune für Privates zu haben. Im Geschlechtervergleich gaben deutlich mehr Männer an (28 vs. 21 %), solche Medikamente vor allem zu bestimmten Anlässen, wie Prüfungen, Präsentationen, wichtigen Verhandlungen und schwierigen Gesprächen zu nehmen und dass sie ohne solche Medikamente beruflich nicht mithalten könnten (21% vs. 13 %). Generell fand sich die höchste PN-Verbreitung in der Gruppe der 60- bis 65-Jährigen. Interessanterweise stieg mit zunehmendem Alter der Anteil derer, die als Grund der Einnahme eine Leistungsverbesserung angaben (DAK-Studie 2020).

Auch hier sieht man eine hohe Heterogenität der genannten Gründe, was natürlich auch von der Formulierung der Fragen abhängig ist. In der Summe scheinen die Gründe für das PN häufig im Zusammenhang mit einem hohen Leistungsdruck und emotionalem Unbehagen am Arbeitsplatz zu stehen. Damit ist die Erfassung der Motivationen und der prädisponierenden Faktoren aber bei weitem noch nicht als vollständig anzusehen. Beispielsweise konnte in einigen Studien eine Assoziation zwischen PN und den Persönlichkeitseigenschaften gezeigt werden (Maier et al. 2015). Ebenso fand sich in einer kleineren Untersuchung bei PN-Nutzenden auch eine erhöhte Tendenz zum generellen Substanzmissbrauch (Hildt et al. 2015).

ASU: Sehen Sie Bedarf für spezielle Prävention in diesem Feld und wenn ja, worauf sollte sie abzielen?

TV: Aktuell besteht aus meiner Sicht vor allem Bedarf nach einer generellen Steigerung des Bewusstseins für die psychischen Belastungen im Arbeitsalltag.

In unserer klinischen Arbeit sehen wir nicht selten Patientinnen und Patienten, bei denen die Entwicklung der psychischen Erkrankungen maßgeblich durch die Überlastung im Arbeitsleben getriggert ist. Hier findet sich ein sehr buntes klinisches Bild – angefangen von Anpassungsstörungen, über Depressionen, diverse Angstsymptome bis zur Entwicklung von Sucht und sogar psychotischer Dekompensation. Bei vielen dieser Betroffenen gelingt uns im Rahmen der psychiatrisch-psychotherapeutischen Behandlungen keine zufriedenstellende und dauerhafte Wiederherstellung der psychischen Gesundheit und der Arbeitsfähigkeit, da es kaum Möglichkeiten gibt, die auslösende Situation zu beeinflussen. So verwundert nicht, dass psychische Erkrankungen die zweithöchste Anzahl von Arbeitsunfähigkeits-Tagen und die längsten Fehlzeiten je Krankschreibung verursachen (BMG 2020) und außerdem die häufigste Ursache für den Rentenzugang wegen verminderter Erwerbsfähigkeit sind (DRV 2019b).

Wichtig wäre es daher, in den Arbeits­alltag Strategien zu integrieren, deren primäre Zielsetzung das psychische Wohlbefinden der Beschäftigten ist. Das würde sowohl die Motivation für das PN reduzieren als auch das gesamte Gesundheitssystem und die Gesellschaft entlasten. Ein guter Wegweiser hierzu wurde zum Beispiel von der Initiative Gesundheit und Arbeit (iga) veröffentlicht. Hier werden mehrere spezifische Maßnahmen der Prävention zusammengefasst, die einerseits Vorschläge für eine generelle Optimierung der Arbeitsbedingungen beinhalten, und anderseits mehr Transparenz und einen verstärkten Schutz und Stärkung persönlicher Bewältigungskompetenzen der Beschäftigten fordern.

ASU: Wie gefährlich schätzen Sie das pharmakologische Neuroenhancement für Beschäftigte ein? Wie hoch ist das Risiko für die Entwicklung von beispielsweise Sucht­erkrankungen?

TV: Der Großteil bisheriger Untersuchungen spricht für einen geringen bis nicht vorhandenen Effekt von PN auf die angestrebte Steigerung der kognitiven Leistungen (Winkler u. Hermann 2019). Insbesondere bewirkt das PN keine dauerhafte „Verbesserung“ (Enhancement) sondern höchstens passagere Effekte (de Jongh et al. 2008), die in vielen Fällen lediglich die dahinterliegende Problematik wie zum Beispiel eine Überlastung durch die zu hohen Leistungsanforderungen oder emotionalen Druck maskieren. Andererseits sind die medizinischen Risiken für viele der genutzten Substanzen umfangreich belegt (Ricci 2020), so dass schon die grobe Risiko-Nutzen-Abwägung ungünstig ausfällt.

Bei der Gesamtbetrachtung der Risiken des PN sollten mehrere Aspekte berücksichtigt werden. Da ist zunächst die Ebene der unmittelbaren Nebenwirkungen. Eine eigenmächtige Einnahme von verschreibungspflichtigen Medikamenten ohne Indikation und ärztliche Konsultation kann mit potenziell gefährlichen Nebenwirkungen verbunden sein, insbesondere wenn bei den Nutzern kein ausreichendes Wissen über die Dosierungen und mögliche Interaktionen besteht. Bei der Einnahme von illegalen Drogen oder sonstigen Substanzen aus Quellen, die keiner regulären Überwachung unterliegen, ist dieses Risiko noch deutlich höher beziehungsweise kaum einzuschätzen.

Ein weiterer Aspekt im Zusammenhang mit PN ist die Frage einer möglichen Sucht­entwicklung. Im Falle der Verwendung von illegalen Drogen (z.B. Kokain, Amphetamine, Crystal Meth) ist das Suchtpotenzial eindeutig belegt. Das Gleiche gilt auch für verschreibungspflichtige Stimulanzien, die strukturchemisch den Amphetaminen gleichen und daher letztendlich auch dem Betäubungsmittelgesetz unterliegen. Für viele andere Substanzen aus dem PN Bereich gilt primär die Annahme, dass sie kein Abhängigkeitspotenzial haben. Dennoch scheinen die Mechanismen, die mit einer Steigerung der kognitiven Leistung verbunden sind, die gleichen Neurotransmittersysteme zu involvieren, die auch an der Abhängigkeitsentwicklung beteiligt sind. Somit kann auch hier eine Abhängigkeitsentwicklung nicht sicher ausgeschlossen werden (Heinz et al. 2012).

Auch ethische Abwägungen müssen in der PN-Diskussion berücksichtigt werden. In Analogie mit der Dopingdebatte im Leistungssport erscheint die Nutzung von PN unfair. Des Weiteren könnte eine zunehmende Verbreitung und Akzeptanz von PN dieses Phänomen zu einer Selbstverständlichkeit machen. In einer leistungsorientierten Gesellschaft könnte sich der Druck entwickeln, immer häufiger oder dauerhaft zu leistungssteigernden Mitteln zu greifen, um die Anforderungen zu bewältigen und konkurrenzfähig zu bleiben. Das könnte wiederrum im Verlauf die persönliche Entscheidungsfreiheit erheblich beeinflussen und eine kaum absehbare gesellschaftliche Entwicklung nach sich ziehen.

ASU: Vielen Dank für das Gespräch!

Literatur

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