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Arbeitshistorische Fundstücke (Teil 1)

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Work history artifacts (Part 1): The „Königspesel“ on Hallig Hooge

Numerous museums provide extensive insight into the history of work environment and occupational safety and health. Sometimes, however, historical work equipment can still be found at its original place. There, it usually remains hidden from visitors, even in popular tourist destinations. Three such very different “hidden places” will be presented in a series in the next issues of the ASU: The Königspesel on Hallig Hooge, a private villa in Großhansdorf and Cologne Cathedral.

Arbeitshistorische Fundstücke (Teil 1): Der Königspesel auf Hallig Hooge

Zahlreiche Museen geben einen umfassenden Einblick in die Historie des Arbeitslebens und des Arbeitsschutzes. Manche Zeugnisse vergangener ­Arbeitswelten finden sich aber auch unverändert an ihren originalen Standorten. Dort bleiben sie selbst an touristisch viel besuchten Orten den Besuchern meist verborgen. Drei derartige, sehr unterschiedliche „Hidden Places“ werden in einer Serie in den nächsten Ausgaben der ASU vorgestellt: Der Königspesel auf Hallig Hooge, eine Privatvilla in Großhansdorf und der Dom zu Köln.

Der Königspesel auf Hallig Hooge

Etwa 20 Kilometer vor der nordfriesischen Küste, zwischen den Inseln Amrum im Norden und Pellworm im Süden, liegt im nordfriesischen Wattenmeer die Hallig Hooge. Dort leben etwa einhundert Menschen auf neun Warften, die ihnen auch bei „Land unter“ Schutz vor Überflutung bieten (➥ Abb. 1 und ➥ Abb. 2). Ein beliebtes Ziel von Besucherinnen und Besuchern ist die Hanswarft mit ca. 20 Häusern. Hier befindet sich der 1677 erbaute Königspesel, benannt nach König Friedrich VI. von Dänemark, der dort im Jahr 1825 übernachtet hat (➥ Abb. 3). Kostbare Wandkacheln und Einrichtungsgegenstände, die einst Kapitäne und Grönlandfahrer von ihren Reisen mitgebracht haben, beeindrucken die Besucher (➥ Abb. 4). Dagegen entziehen sich ihrer Aufmerksamkeit in der Regel zwei Details, bei denen es sich um historisch interessante Arbeitsschutzvorkehrungen handelt.

Abb. 2:  Landunter (Südfall)

© M. Stock, wattenmeerbilder.de

Abb. 2: Landunter (Südfall)
Abb. 3:  Königspesel

© M. Albrod

Abb. 3: Königspesel

Die Grube

Mittelpunkt des Alltagslebens war im Königspesel wie in allen Hallighäusern die Küche. Hier befanden sich Kochstelle und Backofen, die mit getrocknetem Kuhdung befeuert wurden. Während Besucher sich für Gestaltung und Funktion des Ofens interessieren, stehen sie meist auf einem unscheinbaren Holzdeckel im Boden. Dieser Deckel verschließt eine 60 × 60 × 65 cm messende Grube („Gastellock“, „Grasterloch“, „Gresterhol“), die sich 53 cm vor dem Ofen befindet (➥ Abb. 5).

Eine solche Grube ist typisch für das utlandfriesische Haus (Kunz u. Steensen 2002), gehörte aber auch in anderen Regionen zur Ausstattung vieler Bauernhäuser (Bayerischer Rundfunk 2025, s. Online-Quelle). Dem Bau der Grube liegt eine fortschrittliche Überlegung zum Gesundheitsschutz zugrunde. Denn zu den typischen Aufgaben der Halligfrauen gehörten das Kochen und das Backen von Brot (➥ Abb. 7). Möller (1924) erläutert die Funktion der Grube: „Mit dem Herd ist der Backofen vereinigt; seine halbkreisförmige Mundöffnung liegt in der Mitte über dem Fußboden, und damit der Hausfrau das Arbeiten vor dem Backofen nicht gar zu unbequem sei, befindet sich vor ihm eine mit einem Holzdeckel verschlossene Vertiefung (Gastellock). Auf der Kante derselben sitzt die Frau, wenn sie vor dem Backofen hantiert, während ihre Füße sich in der kleinen Grube befinden“.

Abb. 4:  Pesel

© M. Albrod

Abb. 4: Pesel

Der Bilegger

Vom Backofen aus wurde durch eine Wandöffnung auch der Bilegger (niederdeutsch „bileggen“: dazulegen oder nachheizen) im Pesel („gute Stube“) beheizt (➥ Abb. 6 und 8).

Aus Sicht des Gesundheitsschutzes ist bemerkenswert, dass durch diese Anordnung der Pesel sauber blieb und dass vor ­allem der Rauch über den Küchenschornstein abziehen konnte (Kunz u. Steensen 2002). Auch die großen Messingknöpfe an den Seiten des Bileggers, die von Touristen zunächst nur als bloße Verzierungen verkannt werden, erfüllen einen gesundheitlichen Zweck: Die Bewohnerinnen und Bewohner konnten sie vom Bilegger abschrauben, um sich damit die Hände zu wärmen.

Fazit

Die Hallig Hooge wird jährlich von tausenden Touristen besucht. Die charakteristische Landschaft und viele gut erhaltene Hallighäuser auf den Warften stellen eine große Attraktion dar. Im Königspesel bemerken fachkundige Besucherinnen und Besucher daneben allerdings Zeugnisse historischer Überlegungen zu Gesundheitsschutz und Ergonomie. Bereits im 17. Jahrhundert wurden diese Aspekte bei der Gestaltung und Einrichtung von Häusern berücksichtigt. An ungewöhnlichem Ort und Objekt lässt sich somit ein Stück Geschichte des Gesundheitsschutzes nachvollziehen.

Interessenkonflikt: Der Autor gibt an, dass kein Interessenkonflikt vorliegt.

Literatur

Kunz H, Steensen T: Sylt Lexikon (herausgegeben vom Nordfriisk Instituut). Hamburg: Wachholtz Verlag, 2002, ISBN 3-529-05518-2.

Möller T: Die Welt der Halligen. Kiel: Schleswig-Holsteinische Verlagsgesellschaft Wilh. Handorff, 1924.

Online-Quelle

Bayerischer Rundfunk: Buschenschänken in Kärnten: Brotzeit direkt am Hof | Unter unserem Himmel | Doku | BR
https://www.youtube.com/watch?v=23w8WhN1400

Abb. 5:  Backofen und Grube

© M. Albrod

Abb. 5: Backofen und Grube
Abb. 6:  Grundriss Hallighaus (Ausschnitt)

© Aus: Möller 1924

Abb. 6: Grundriss Hallighaus (Ausschnitt)
Abb. 7:  Halligfrau beim Brotbacken

(© Landesamt für Denkmalpflege Schleswig-Holstein (LDSH), Archiv Th. Möller

Abb. 7: Halligfrau beim Brotbacken
Abb. 8:  Bilegger

© M. Albrod

Abb. 8: Bilegger

Kontakt

Dr. med. Manfred Albrod

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