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Berufszufriedenheit in der Arbeitsmedizin – alles gut, nur keine Anerkennung?

N. Amler1,2

C. Quittkat¹

S. Sedlazcek1

T. Nesseler1

S. Letzel1,3

H. Drexler1,2

(eingegangen am 28.01.2020, angenommen am 06.02.2020)

Job satisfaction of company doctors – all is well except recognition?

Objective: The aim of this paper is to examine job satisfaction among company doctors in the German-speaking area. Moreover, we analysed the extent to which various sociodemographic data and specific occupational contexts have an influence on job satisfaction and to what extent the individual groups differ in this respect.

Methods: The present study is based on the company doctor survey conducted as part of a large-scale care research project in Germany. The survey was designed as a cross-sectional study and took place from September 2017 to April 2018. The survey was conducted online and on paper. The data was prepared and analysed mainly by using descriptive statistical methods.

Results: The majority of the doctors questioned seem to be happy with their occupation as company doctor. Company doctors were especially positive about the focus on prevention (67 %), the working hours (63 %), the meaningfulness (59 %) and the attractiveness of the subject (57 %). Company doctors found the lack of recognition by colleagues to be one of the particularly negative aspects of their occupation, with 50 % of those questioned highlighting this as a negative factor. These findings hold for the most part irrespective of age, gender and occupational context.

Conclusion: It is important to work on the occupational profile of company doctors in order to counteract the lack or absence of recognition and to educate the public and professionals in a targeted manner. A start should be made with medical students to this end. Above all, it is important to emphasise the preventive character of the subject and the opportunities provided by what is plainly the largest setting for the practice of prevention. In this connection, it is also important to exploit the opportunities provided within the scope of the Prevention Act.

Keywords: job satisfaction – recognition – prevention – payment – appreciation

Berufszufriedenheit in der Arbeitsmedizin – alles gut, nur keine Anerkennung?

Zielstellung: Ziel des vorliegenden Beitrags ist die Untersuchung der Berufszufriedenheit von Arbeitsmedizinerinnen und -medizinern im deutschsprachigen Raum. Ferner wurde analysiert, inwiefern verschiedene soziodemografische Daten beziehungsweise tätigkeitsspezifische Merkmale einen Einfluss auf die Berufszufriedenheit haben beziehungsweise inwiefern sich die einzelnen Gruppen diesbezüglich unterscheiden.

Methoden: Im Rahmen eines großangelegten arbeitsmedizinischen Versorgungsforschungsprojekts wurden deutschlandweit Arbeitsmedizinerinnen und -mediziner befragt. Die Befragung war als Querschnittsstudie konzipiert und fand von September 2017 bis April 2018 statt. Die Umfrage wurde online sowie papierbasiert durchgeführt. Die Daten wurden aufbereitet und überwiegend deskriptiv ausgewertet.

Ergebnisse: Der Großteil der Befragten scheint zufrieden mit der betriebsärztlichen Tätigkeit zu sein. Als besonders positiv empfinden die befragten Arbeitsmedizinerinnen und -mediziner insbesondere den Schwerpunkt Prävention (67 %), die Arbeitszeiten (63 %), die Sinnhaftigkeit (59 %) sowie die Attraktivität des Fachs (57 %). Im Hinblick auf die negativen Facetten einer betriebsärztlichen Tätigkeit sticht insbesondere die mangelnde Anerkennung im Kollegenkreis heraus. Diese wurde von knapp 50 % der Befragten als negativ bewertet. Die Ergebnisse gelten im Wesentlichen unabhängig von Alter, Geschlecht beziehungsweise beruflichem Kontext.

Schlussfolgerung: Um dem „Wermutstropfen“ der mangelnden beziehungsweise fehlenden Anerkennung zu begegnen, gilt es, gezielt am arbeitsmedizinischen Berufsbild zu arbeiten und sowohl in der Öffentlichkeit als auch in der Fachwelt gezielt Aufklärungsarbeit zu leisten. Hiermit sollte bereits im Studium begonnen werden. Vor allem gilt es, den präventiven Charakter des Fachs und die damit verbundenen Möglichkeiten auch und gerade im Hinblick auf das größte Präventionssetting herauszuarbeiten. In diesem Zusammenhang gilt es auch, gezielt die Chancen zu nutzen, die sich im Rahmen des Präventionsgesetzes bieten.

Schlüsselwörter: Berufszufriedenheit – Anerkennung – Prävention – Bezahlung – Wertschätzung

Einleitung

Mit dem Präventionsgesetz ist auch der Berufsstand der Arbeits­medizinerinnen/-mediziner und Betriebsärztinnen/-ärzte wieder stärker in den Blickpunkt der Öffentlichkeit gerückt. Das betriebsärztliche Aufgabenspektrum ist dabei recht weit gefächert. Laut § 3 des Gesetzes über Betriebsärzte, Sicherheitsingenieure und andere Fachkräfte für Arbeitssicherheit (ASIG) haben Betriebsärztinnen und -ärzte die Aufgabe, das Unternehmen beim Arbeitsschutz und bei der Unfallverhütung in allen Fragen des Gesundheitsschutzes zu unterstützen. Dabei müssen sie den Betrieb beziehungsweise die sonst für den Arbeitsschutz und für die Unfallverhütung zuständigen Personen unter anderem bei der Beurteilung der Arbeitsbedingungen, bei der Planung, Ausführung und Unterhaltung von Betriebsanlagen, und auch bei Fragen des Arbeitsplatzwechsels sowie der Eingliederung und Wiedereingliederung Behinderter in den Arbeitsprozess beraten. Neben der Beratung haben Betriebsärztinnen und -ärzte die Beschäftigten zu untersuchen, arbeitsmedizinisch zu beurteilen und zu beraten, sowie die Durchführung des Arbeitsschutzes und der Unfallverhütung zu beobachten und dem Arbeitgeber etwaige Mängel mitzuteilen und auf deren Beseitigung hinzuwirken (§ 3 ASIG).

Über die notwendige arbeitsmedizinische Fachkunde verfügt und damit für die betriebsärztliche Tätigkeit qualifiziert ist jeder, der entweder die Gebietsbezeichnung Arbeitsmedizin besitzt oder die Zusatzbezeichnung Betriebsmedizin nachweisen kann. Neben dem Facharzt Arbeitsmedizin legitimiert somit auch der Erwerb der Zusatzbezeichnung für eine betriebsärztliche Tätigkeit. Die fachliche Herkunft ist dabei nachrangig und damit auch entsprechend heterogen. So unterschiedlich die fachliche Herkunft und vielfältig die Bandbreite an zu erfüllenden Aufgaben, so heterogen sind auch das Arbeitsumfeld und damit die Rahmenbedingungen einer betriebsärztlichen Tätigkeit. Ein Großteil der Arbeitsmedizinerinnen und -mediziner arbeitet freiberuflich als Betriebsärztin/-arzt oder ist in einem Unternehmen angestellt. Wieder andere arbeiten für einen überbetrieblichen Dienst oder sind für eine Behörde tätig. Gerade die freiberufliche Tätigkeit ist oftmals mit viel Fahrtätigkeit verbunden. Während in einem Unternehmen oder bei einem überbetrieblichen Dienst festangestellte Betriebsärztinnen und -ärzte ein festes Gehalt beziehen, ist die Vergütung bei Freiberuflern in der Regel Verhandlungsbasis. Engen staatlichen Regulierungen unterliegen die Betriebsärztinnen und -ärzte hingegen mehr oder weniger unabhängig von ihrem beruflichen Kontext.

Was die Rahmenbedingungen einer betriebsärztlichen Tätigkeit beziehungsweise der damit verbundenen Berufszufriedenheit betrifft, ist die Datenlage unzureichend. In ihrem systematischen Literaturüberblick zur Arbeitssituation und Ärztegesundheit im deutschsprachigen Raum konnte Werner 2016 keine einzige Studie identifizieren, die sich mit der Berufszufriedenheit von Arbeitsmedizinerinnen und -medizinern beschäftigt, obwohl die Hälfte aller identifizierten Studien die ärztliche Arbeitssituation zum Thema hatte beziehungsweise konkret die ärztliche Berufszufriedenheit oder Arbeitsbelastung untersuchte. Die Fachgruppe der Chirurgie war am häufigsten Gegenstand von Untersuchungen, gefolgt von ärztlichem Fachpersonal aus dem Bereich Anästhesie und Intensivmedizin. Die arbeitsmedizinische Fachgruppe wurde, wie bereits erwähnt, in keiner der identifizierten Studien betrachtet.

Dennoch werden, was die Rahmenbedingungen des Berufs Betriebsärztin/-arzt betrifft, in der (Fach-)Öffentlichkeit aktuell Aspekte diskutiert, von denen angenommen wird, dass sie sich positiv oder negativ auf die betriebsärztliche Berufszufriedenheit auswirken. Die ebenfalls 2016 publizierte Studie von Peißl et al. zur Arbeitssituation von Arbeitsmedizinerinnen und -medizinern in Österreich kommt zu dem Ergebnis, dass sich die Befragten mit ihrem Beruf identifizieren und die berufliche Sinnerfüllung im Allgemeinen als hoch eingeschätzt wird. Auch berichteten die Befragten mehrheitlich, dass diese Tätigkeit sowohl in der Gesellschaft als auch von Seiten der Unternehmen und Beschäftigen wertgeschätzt würde (Peißl et al. 2016). Die wahrgenommene Wertschätzung stand dabei in positivem Zusammenhang sowohl mit der beruflichen Sinnerfüllung als auch der Identifikation mit dem Beruf. Als Fehlbelastung wurden unter anderem die für die Tätigkeit erforderliche Flexibilität sowie Informationsprobleme berichtet (Peißl et al. 2016). Stranzinger und Niehaus berichten 2017 im Rahmen ihrer Arbeiten zur Umsetzung der Novelle der Verordnung zur arbeitsmedizinischen Vorsorge (ArbMedVV) in Deutschland, dass die betriebsärztliche Arbeitszufriedenheit seit der Novellierung unverändert sei beziehungsweise sich verbessert habe. Als Gründe für die Verbesserung wurden unter anderem Rechtssicherheit und Transparenz seitens der Unternehmen sowie mehr Eigenverantwortung der Beschäftigten genannt. Als Hauptgründe für eine berufliche Unzufriedenheit im Zusammenhang mit der ArbMedVV wurden insbesondere eine Zunahme an Bürokratie sowie Unverständnis seitens der betreuten Betriebe diskutiert.

Doch wie schätzen Arbeitsmedizinerinnen und -mediziner selbst einzelne Aspekte ihrer beruflichen Tätigkeit ein? Und lassen sich systematische Unterschiede feststellen in der Einschätzung zwischen betriebsärztlichen Gruppen, so dass hieraus „Handlungsempfehlungen“ abgeleitet werden können, um zu der betriebsärztlichen Berufszufriedenheit und somit indirekt auch zu der Attraktivität des Berufs beizutragen? Aufgrund der nur sehr schwachen Datenlage zu der Thematik erscheint eine systematische Analyse der Berufszufriedenheit sinnvoll.

Hinweis: Für einen einfacheren Lesefluss werden die Begriffe Arbeitsmedizinerinnen/-mediziner und Betriebsärztinnen/-ärzte synonym verwendet. Sofern es um Unterschiede im Hinblick auf die Qualifikation geht, wird gesondert darauf hingewiesen und es ist explizit die Rede von ärztlichem Fachpersonal mit der Facharztweiterbildung Arbeitsmedizin beziehungsweise der Zusatzbezeichnung Betriebsmedizin. Der Begriff Werksärztin/Werksarzt wird hier synonym für in einem Betrieb/Unternehmen fest angestellte Betriebsärztinnen und -ärzte verwendet (siehe Formulierung im Fragebogen).

Zielstellung

Ziel des vorliegenden Beitrags ist die Untersuchung der Berufszufriedenheit von Arbeitsmedizinerinnen und -medizinern im deutschsprachigen Raum. Ferner wurde analysiert, inwiefern verschiedene soziodemografische Daten bzw. tätigkeitsspezifische Merkmale einen Einfluss auf die Berufszufriedenheit haben beziehungsweise inwiefern sich die einzelnen Gruppen diesbezüglich unterscheiden.

Methoden

Datenbasis und Variablen

Im Rahmen eines großangelegten arbeitsmedizinischen Versorgungsforschungsprojekts wurden deutschlandweit Betriebsärztinnen und -ärzte befragt. Für das Modellvorhaben „Gesund arbeiten in Thüringen“ nach § 20g SGB V (Präventionsgesetz) wurde (u. a. auf der Grundlage von qualitativen Interviews) ein Fragebogen für Arbeitsmedizinerinnen und -mediziner/Betriebsärztinnen und -ärzte entwickelt. Der Fragebogen wurde zunächst in einer Pilotstudie getestet und anschließend finalisiert. Bei dem verwendeten Instrument handelt es sich um einen relativ umfangreichen Fragebogen bestehend aus überwiegend quantitativen sowie vereinzelt qualitativen Items. Das Instrument bestand aus verschiedenen Themenkom­plexen (u. a. ärztliche Zusammen­arbeit mit anderen Fachgruppen, Rollenempfinden, Telemedizin, Berufszufriedenheit; Sedlaczek et al. 2018). Gegenstand dieses Beitrags sind die Fragen zur Berufszufriedenheit sowie die Angaben zur Person (Alter, Geschlecht, beruflicher Kontext; vgl. ➥ Abb. 1).

Die Befragung war als Querschnittsstudie konzipiert und fand von September 2017 bis April 2018 statt. Die Umfrage wurde online sowie papierbasiert durchgeführt. Dabei wurde sowohl auf Adressdaten der Bundesärztekammer zurückgegriffen als auch eine Handrecherche durchgeführt. Ein Teil der Daten wurde ferner im Rahmen der 58. Wissenschaftlichen Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Arbeitsmedizin und Umweltmedizin e.V. (DGAUM) in München erhoben.

Datenaufbereitung und -auswertung

Die Variablen wurden teilweise neu kategorisiert. So wurde unter anderem das Alter der Teilnehmenden in die Altersklassen unter 40, 40–49, 50–59 und über 60 aggregiert.

Zur Abbildung des beruflichen Kontextes wurde unter anderem unterschieden, ob jemand in Voll- oder Teilzeit tätig ist – wobei hier die beiden Ausprägungen „Teilzeit (15–34 Std./Woche)“ und „stundenweise (14 Std./Woche und weniger)“ zu einer Variablen („Teilzeit“) zusammengefasst wurden –, ob jemand die Facharztweiterbildung Arbeitsmedizin oder die Zusatzbezeichnung Betriebsmedizin führt, ob jemand selbstständig ist oder nicht, ob jemand festangestellt in einem Unternehmen ist oder nicht, ob jemand angestellt bei einem überbetrieblichen Dienst ist oder nicht, und so weiter. Die Befragten, die sowohl die fachärztliche Weiterbildung Arbeitsmedizin als auch die Zusatzbezeichnung Betriebsmedizin erworben haben, wurden zur Teilgruppe der Befragten mit dem Facharzt Arbeitsmedizin gezählt.

Zur Abbildung der Berufszufriedenheit wurden unter anderem Summenscores aus der Anzahl der Nennungen über die verschiedenen Aspekte der betriebsärztlichen Tätigkeit ermittelt. Auf diese Weise entstanden zwei neue, kardinalskalierte Variablen zur Abbildung der Berufszufriedenheit (positiv bzw. negativ konnotiert). Führte jemand bei der Frage nach den positiven Aspekten seiner betriebsärztlichen Tätigkeit beispielsweise die drei Aspekte „Attraktivität des Fachs“, „Schwerpunkt liegt auf Prävention“ und „Arbeitszeiten“ an, so geht man davon aus, dass dieser „zufriedener“ ist als jemand, der lediglich einen Aspekt wie zum Beispiel die „Attraktivität des Fachs“ genannt hat. Gleiches gilt für die negativen Facetten der betriebsärztlichen Tätigkeit. Hier geht der neu ermittelte Score davon aus, dass jemand, der beispielsweise die beiden Aspekte „Bezahlung“ und „viel Fahrtätigkeit“ angekreuzt hat, „unzufriedener“ ist als jemand, der lediglich einen Aspekt angegeben hat.

Für einzelne Subanalysen wurden die drei im Fragebogen enthaltenen Variablen zur mangelnden Anerkennung seitens Kolleginnen und Kollegen, Unternehmen beziehungsweise privatem Umfeld zu einer Variablen zusammengefasst.

Die Häufigkeiten der Nennungen im Zusammenhang mit den verschiedenen Aspekten der betriebsärztlichen Tätigkeit wurden mittels deskriptiver Statistik erfasst. Zur Prüfung etwaiger Unterschiede im Hinblick auf die Berufszufriedenheit nach Alter, Geschlecht beziehungsweise beruflichem Kontext wurden Kreuztabellen verwendet. Die Signifikanz wurde mittels Chi-Quadrat-Test (χ2) geprüft. Das Signifikanzniveau ist mit Sternchen gekennzeichnet. Ein Sternchen bedeutet dabei, dass der Unterschied zwischen den Gruppen auf dem Niveau 0,05 signifikant ist, zwei beziehungsweise drei Sternchen stehen für ein Signifikanzniveau von 0,01 beziehungsweise 0,001. Zur Abbildung der Effektstärke wurde der normierte Kontingenzkoeffizient (K*) verwendet. Die Adjustierung des Kontingenzkoeffizienten (K) war notwendig, um diesen besser interpretieren zu können. Hierzu erfolgte jeweils eine Division durch den maximal möglichen Wert, den der Koeffizient in Abhängigkeit von der Anzahl der Zeilen beziehungsweise Spalten der jeweiligen Kreuztabelle annehmen kann. K* konnte somit Werte zwischen 0 und 1 annehmen, wobei 0 für keinen Zusammenhang und 1 für einen großen Zusammenhang steht.

Die Freitextitems im Kontext der Berufszufriedenheit wurden qualitativ ausgewertet und zusammengefasst.

Als Lage- bzw. Streuungsmaß im Kontext der Berufszufriedenheit wurden das arithmetische Mittel beziehungsweise die Standard­abweichung (Varianz) verwendet. Zur Analyse etwaiger Unterschiede im Hinblick auf die Berufszufriedenheit in Abhängigkeit vom Alter der Befragten wurden Varianzanalysen durchgeführt. Die Prüfung der Varianzhomogenität erfolgte mittels Levene-Test. Als Maß zur Abbildung der Effektstärke wurde Eta-Quadrat (η²) verwendet.
Etwaige Mittelwertunterschiede zwischen den einzelnen Altersgruppen wurden mittels gängigen Post-hoc-Tests (Bonferroni-Test im Fall von Varianzgleichheit oder Games-Howell-Test im Fall von Varianzheterogenität) überprüft.

Das Vorliegen etwaiger Unterschiede im Hinblick auf die Berufszufriedenheit nach Geschlecht, Voll- versus Teilzeittätigkeit beziehungsweise Facharztausbildung versus Zusatzbezeichnung wurde mittels T-Tests überprüft. Als Maß für die Effektstärke und damit letztlich zur Beurteilung der praktischen Relevanz eines Unterschieds wurde Cohen’s d (d) herangezogen. Werte kleiner als 0,2 sprechen für einen vernachlässigbaren Effekt, zwischen 0,2 und 0,5 wird von einem schwachen, zwischen 0,5 und 0,8 von einem mittleren und ab 0,8 von einem starken Effekt gesprochen. Die Prüfung der Varianzhomogenität erfolgte auch hier mittels Levene-Test.

Waren Annahmen beziehungsweise Voraussetzungen für die Verwendung der parametrischen Tests (T-Tests bzw. Varianzsanalysen) verletzt, erfolgte eine Überprüfung mittels nichtparametrischer Verfahren (Mann-Whitney-U-Test beziehungsweise Kruskal-Wallis-Rangvarianzanalyse).

Sämtliche Auswertungen erfolgten mittels SPSS 24.0 oder Excel 2016.

Ergebnisse

Stichprobe

Die Auswertung basiert auf 297 vollständig ausgefüllten Fragebögen.

Die Betriebsärztinnen und -ärzte waren zum Zeitpunkt der Befragung im Mittel 54 Jahre alt, die jüngsten Befragten waren 30, der älteste Teilnehmer 76 Jahre alt. Die beiden unteren Altersgruppen unter 40 Jahren bzw. 40–49 Jahre waren mit 7% beziehungsweise 25% am geringsten besetzt. Mit 41 % der Befragten waren die meisten Personen zum Zeitpunkt der Befragung zwischen 50 und 59 Jahre alt. Die Kohorte der über 60-Jährigen war mit 27 % die am zweitstärksten besetzte Altersgruppe. Männer (47 %) und Frauen (53 %) haben sich nahezu gleichermaßen an der Umfrage beteiligt. Die Stichprobe kann damit in Bezug auf Alter und Geschlecht als repräsentativ im Vergleich zur Grundgesamtheit (Bundesärztekammer 2018) gewertet werden (➥ Tabelle 1).

Tabelle 1:  Verteilung nach Altersklassen und GeschlechtTable 1: Distribution by age group and gender

Tabelle 1: Verteilung nach Altersklassen und Geschlecht
Table 1: Distribution by age group and gender

Die Mehrheit der Befragten ist in Vollzeit tätig (67 %) und verfügt über die Facharztweiterbildung Arbeitsmedizin (84 %). Knapp ein Drittel der Befragten (31 %) gab an, selbstständig tätig zu sein, 46% sind als Werksärztin/-arzt in einem Unternehmen tätig. 28 % haben angegeben, bei einem überbetrieblichen Dienst angestellt zu sein. Lediglich 6 Befragte (2 %) haben angegeben, bei einer Behörde, einem Unfallversicherungsträger, an einem universitären Institut oder für eine andere wissenschaftliche Einrichtung tätig zu sein. Die Ausprägungen „Tätigkeit bei einer Behörde“, „Tätigkeit bei einem Unfallversicherungsträger“, „Tätigkeit an einem universitären Institut“ sowie „Tätigkeit für eine andere wissenschaftliche Einrichtung“ im Zusammenhang mit dem beruflichen Kontext wurden aufgrund zu geringer n-Zahlen nicht weiter ausgewertet.

Positive Aspekte der betriebsärztlichen Tätigkeit

Als besonders positiv empfinden die befragten Arbeitsmedizinerinnen und -mediziner insbesondere den Schwerpunkt Prävention (67 %), die Arbeitszeiten (63 %), sowie die Sinnhaftigkeit ihrer Tätigkeit (59 %). Immerhin 57 % beziehungsweise 53 % der Befragten empfinden die Attraktivität des Fachs im Allgemeinen beziehungsweise die freie Zeiteinteilung als besonders positiv. Die Punkte Bezahlung und Anerkennung wurden hingegen nur von 24 % beziehungsweise 29 % als positiv herausgestellt (➥ Abb. 2).

Abb. 2:  Häufigkeiten der Nennungen im Hinblick auf positive Aspekte einer betriebsärztlichen TätigkeitFig. 2: Number of mentions in relation to positive aspects of the occupation of company doctor

Abb. 2: Häufigkeiten der Nennungen im Hinblick auf positive Aspekte einer betriebsärztlichen Tätigkeit
Fig. 2: Number of mentions in relation to positive aspects of the occupation of company doctor

Interessanterweise zeigen sich nur wenige Unterschiede nach Alter, Geschlecht beziehungsweise beruflichem Kontext (➥ Tabelle 2). So empfinden beispielsweise die jüngeren Altersgruppen (<39 bzw. 40–49) die Arbeitszeit(en) häufiger als positiv als die älteren. Mit K*=0,323** ist der Effekt vergleichsweise stark ausgeprägt. Ferner scheint es einen Zusammenhang zwischen dem Alter und der wahrgenommenen Sinnhaftigkeit der Tätigkeit zu geben (K*=0,239*). Insbesondere Befragte über 60 Jahre sowie die Gruppe der unter 40-Jährigen gaben die Sinnhaftigkeit als besonders positiv an. Auch empfinden arbeitsmedizinisch Tätige, die in Vollzeit ihrem Beruf nachgehen, die Sinnhaftigkeit ihre Tätigkeit häufiger als positiv als die in Teilzeit Tätigen (K*=0,250*).

Im Hinblick auf den Aspekt der freien Zeiteinteilung zeigen sich die meisten Unterschiede. Arbeitsmedizinerinne und -mediziner in Teilzeit bewerten die freie Zeiteinteilung häufiger als positiv als in Vollzeit tätige Beschäftigte (K*=0,166*). Gleiches gilt für ärztliches Fachpersonal mit der Zusatzbezeichnung Betriebsmedizin im Vergleich zu jenen mit Facharztweiterbildung (K*=0,235**). Erwartungsgemäß nehmen selbstständig tätige Betriebsärztinnen und -ärzte die freie Zeiteinteilung signifikant häufiger als positiv wahr als nicht selbstständig Tätige (K*=0,390***). Ähnliches gilt im Vergleich zwischen Betriebsärzten, die nicht als Werksarzt in einem Unternehmen angestellt sind und angestellten Werksärzten (K*=0,403***).

Von den insgesamt 33 Freitextnennungen im Zusammenhang mit den positiven Aspekten einer betriebsärztlichen Tätigkeit drehte sich die Mehrzahl der Antworten um das breite Spektrum an Aufgaben beziehungsweise Tätigkeiten, denen man als Betriebsärztin/-arzt gegenübersteht. Insgesamt 15 Befragte (45 %) lobten die abwechslungsreiche und vielseitige Arbeit beziehungsweise wiesen dezidiert auf das interessante und breite Spektrum an unterschiedlichen Aufgaben hin. Vereinzelt fanden sich Nennungen wie „zunehmend auch Lotsenfunktion“ oder „Unabhängigkeit von Krankenversicherungen und Kassenärztlichen Vereinigungen“ oder „Einblick in industrielle Technik“.

Tabelle 2:  Häufigkeiten der Nennungen im Hinblick auf positive Aspekte einer betriebsärztlichen Tätigkeit nach Alter, Geschlecht und beruflichem KontextTable 2: Number of mentions in relation to positive aspects of the occupation of company doctor by age, gender and occupational context

Tabelle 2: Häufigkeiten der Nennungen im Hinblick auf positive Aspekte einer betriebsärztlichen Tätigkeit nach Alter, Geschlecht und beruflichem Kontext
Table 2: Number of mentions in relation to positive aspects of the occupation of company doctor by age, gender and occupational context

Negative Aspekte der betriebsärztlichen Tätigkeit

Im Hinblick auf die negativen Facetten einer betriebsärztlichen Tätigkeit sticht insbesondere die mangelnde Anerkennung im Kollegenkreis heraus. Alle anderen Aspekte, wie etwa viel Fahrtätigkeit, die enge Reglementierung oder auch eine schlechte Bezahlung wurden lediglich von 27 % oder weniger der Teilnehmenden angeführt (➥ Abb. 3).

Mit knapp 50 % der Befragten empfindet die mit Abstand größte Gruppe die mangelnde Anerkennung im Kollegenkreises als negativ. Interessanterweise scheint diese Einschätzung vollkommen unabhängig von Geschlecht, beruflicher Tätigkeit, Voll- oder Teilzeittätigkeit sowie davon zu sein, ob jemand die Zusatzbezeichnung Betriebsmedizin führt oder den Facharzt für Arbeitsmedizin erworben hat (➥ Tabelle 3). Lediglich im Hinblick auf das Alter beziehungsweise die Tätigkeit als festangestellte/r Werksärztin/-arzt scheinen sich Effekte abzuzeichnen. So empfinden Betriebsärztinnen/-ärzte, die als festangestellte Werksärztinnen/-ärzte in einem Unternehmen beschäftigt sind, die mangelnde Anerkennung im Kollegenkreis signifikant häufiger als negativ als ihre betriebsärztlichen Kolleginnen/Kollegen, die nicht als festangestellte Werksärztinnen/-ärzte bei einem Unternehmen tätig sind (K*=0,164*). Das Alter scheint sich dahingehend auszuwirken, dass sich insbesondere die jüngeren Altersgruppen an der mangelnden Anerkennung im Kollegenkreis stören (K*=0,309**). Während nur knapp 44 % der über 60-Jährigen angaben, sich an der mangelnden Anerkennung zu stören, waren es in der Gruppe der unter 40-Jährigen 85 %.

Abb. 3: Häufigkeiten der Nennungen im Hinblick auf negative Aspekte einer betriebsärztlichen Tätigkeit
Fig. 3: Number of mentions in relation to negative aspects of the occupation of company doctor

Neben der mangelnden Anerkennung im Kollegenkreis beklagten einige der Befragten ferner eine mangelnde Anerkennung beziehungsweise Wertschätzung seitens ihres
Kundenkreises (20 %) beziehungsweise des privaten Umfelds (8 %). Fasst man die drei Facetten (mangelnde Anerkennung seitens Kollegen-, Kundenkreis oder im privaten Umfeld) zusammen, wird das Problem noch deutlicher. So beklagen 55 % der Befragten von mindestens einer der drei Gruppen keine Anerkennung zu bekommen. Auch hier zeigen sich keinerlei Unterschiede nach Geschlecht, Vollzeit- vs. Teilzeittätigkeit sowie beruflicher Qualifikation (Facharzt versus Zusatzbezeichnung). Lediglich bezogen auf das Alter zeichnet sich hier wieder ein Zusammenhang ab (K*=0,300**). So empfinden die älteren Altersgruppen die mangelnde Anerkennung im Kollegen- und Kundenkreis beziehungsweise im privaten Umfeld signifikant weniger häufig als negativ als die jüngeren Altersgruppen.

Stärkere statistische Effekte finden sich im Hinblick auf die Einschätzung der mit der betriebsärztlichen Tätigkeit verbundenen Fahrtätigkeit. So empfinden Selbstständige beziehungsweise Betriebsärztinnen und -ärzte, die nicht fest in einem Unternehmen angestellt sind, die Fahrtätigkeit deutlich häufiger als negativ als die nicht selbstständig Tätigen oder in einem Unternehmen festangestellten Werksärztinnen und -ärzte (K*=0,418*** bzw. 0,508***). Ein ähnliches Bild zeichnet sich auch dahingehend ab, dass man als Betriebsärztin/-arzt häufig alleine unterwegs ist. So stören sich in einem Unternehmen fest angestellte Werks- beziehungsweise nicht selbstständige Betriebsärztinnen und -ärzte grundsätzlich weniger daran, häufig allein unterwegs zu sein.

Im Hinblick auf die Bezahlung zeigen sich kaum Unterschiede in der Einschätzung zwischen den verschiedenen untersuchten Gruppen (➥ Tabelle 3). Ein vergleichsweise geringer Effekt zeigt sich zum einen bei festangestellten Werksärztinnen/ärzten, die ihre Bezahlung weniger häufig als negativ einschätzen als ihre nicht festangestellten Kollegen (K*=0,164*). Zum anderen zeigt sich ein kleiner Effekt bei angestellten Ärztinnen und Ärzten in einem überbetrieblichen Dienst, die die Bezahlung häufiger als negativ beklagen als diejenigen, die nicht bei einem überbetrieblichen Dienst arbeiten (K*=0,210*).

Von den insgesamt 28 Nennungen im Zusammenhang mit den negativen Aspekten einer betriebsärztlichen Tätigkeit bei dem Freitextitem beklagten 9 Befragte Schwierigkeiten mit dem oder den von ihnen betreuten Unternehmen, angefangen bei mangelndem Interesse seitens der Geschäftsführung beziehungsweise den Führungskräften über Probleme mit der Personalabteilung bis hin zu fehlendem Wissen der Unternehmensleitungen bezüglich der gesetzlichen Vorschriften im betrieblichen Arbeits- und Gesundheitsschutz. Sechs Befragte beklagten die fehlenden Möglichkeiten der Kuration beziehungsweise der zu geringen Verzahnung mit der kurativen Medizin (21 %). Fünf Befragte stören sich an der zunehmenden Arbeitsbelastung beziehungsweise beklagen Personal-oder Nachwuchsmangel (18 %). Daneben fanden sich zahlreiche einzelne Nennungen, unter anderem beklagte ein Kollege die Überregulierung bei gleichzeitig fehlender staatlicher Kontrolle.

Tabelle 3:  Häufigkeiten der Nennungen im Hinblick auf negative Aspekte einer betriebsärztlichen Tätigkeit nach Alter, Geschlecht und beruflichem KontextTable 3: Number of mentions in relation to negative aspects of the occupation of company doctor by age, gender and occupational context

Tabelle 3: Häufigkeiten der Nennungen im Hinblick auf negative Aspekte einer betriebsärztlichen Tätigkeit nach Alter, Geschlecht und beruflichem Kontext
Table 3: Number of mentions in relation to negative aspects of the occupation of company doctor by age, gender and occupational context

Berufszufriedenheit

Im Mittel nannten die Befragten vier positive und lediglich zwei negative Aspekte ihrer beruflichen Tätigkeit. Insgesamt scheinen die Teilnehmenden somit tendenziell eher zufrieden mit ihrer betriebsärztlichen Tätigkeit. Dies gilt im Wesentlichen unabhängig von Geschlecht, Alter und beruflichem Kontext. Ein schwach signifikanter Unterschied (p = 0,080) zeigt sich lediglich im Hinblick auf die Anzahl der positiven Nennungen und dem Umfang der Beschäftigung, wobei betriebsärztliches Fachpersonal in Vollzeit tendenziell mehr positive Aspekte anführten und damit tendenziell zufriedener scheinen als Beschäftigte in Teilzeit, wenngleich der Effekt mit einem Cohen’s d von 0,223 nur gering ausgeprägt ist. Anders als erwartet zeigte sich im Bezug auf das Alter der Befragten weder im Hinblick auf die Anzahl der positiven Nennungen, noch im Hinblick auf die Anzahl der negativen Nennungen ein signifikanter Unterschied zwischen den Gruppen. Auf die Darstellung der Effektgrößen beziehungsweise der Ergebnisse der Post-hoc-Tests wurde daher verzichtet.

Diskussion

Zusammenfassung und Interpretation

In der Gesamtschau scheint der Großteil der Arbeitsmedizinerinne/-mediziner eher zufrieden mit der betriebsärztlichen Tätigkeit zu sein. Bei den negativen Aspekten der beruflichen Tätigkeit überwiegt zu einem großen Teil die mangelnde beziehungsweise fehlende Anerkennung insbesondere im Kollegen-, aber auch im Freundes- oder Bekanntenkreis sowie seitens der Unternehmen. In diesem Punkt unterscheidet sich die vorliegende Studie von der Arbeit von Peißl et al. (2016). So berichten Peißl et al., dass der Großteil der Befragten die Frage nach dem Vorhandensein von Wertschätzung seitens der Gesellschaft sowie seitens der Unternehmen und Beschäftigten bejahten. Im Unterschied zur vorliegenden Studie wurden hier jedoch österreichische Arbeitsmedizinerinnen und -mediziner befragt. Nichtsdestotrotz gilt es, an diesem Punkt anzusetzen und beispielsweise gezielt Aufklärungsarbeit zu leisten. Es ist anzunehmen, dass einem Großteil der Bevölkerung und auch vielen Ärztinnen und Ärzten das arbeitsmedizinische Berufsbild nur wenig beziehungsweise unzulänglich bekannt ist. Auch bei Studierenden der Medizin ist das Fach wenig bekannt oder gilt gemeinhin als wenig attraktiv. So rangierte die Facharztweiterbildung Arbeitsmedizin laut dem aktuellen Berufsmonitor Medizinstudierende beispielsweise wieder auf einem der hintersten Plätze (Kassenärztliche Bundesvereinigung 2019). Hier sollte man gezielt die Chancen nutzen, die sich im Zuge des Präventionsgesetzes bieten. Dies gilt umso mehr, als dass sich die erlebte Wertschätzung in dem Beitrag von Peißl et al. (2016) als elementares Puzzleteil im Hinblick auf die Arbeits­situation in der Arbeitsmedizin erwiesen hat. So konnte die Studie zeigen, dass die erlebte Wertschätzung im Beruf nicht nur in einem signifikant positiven Zusammenhang mit der Arbeitsfähigkeit und dem Wohlbefinden der Befragten steht, sondern auch die berufliche Sinnerfüllung vorhersagt.

Bezüglich der positiven Facetten der betriebsärztlichen Tätigkeit kann aus den Befragungsergebnissen kein einzelner Aspekt besonders herausgehoben werden. Vielmehr scheinen die Befragten viele Aspekte ihrer Tätigkeit zu schätzen, wobei der Präventionscharakter die höchste Zustimmungsrate erhielt. In der Gesamtschau scheinen die Befragten somit – abgesehen von der mangelnden Anerkennung – sehr zufrieden mit ihrer Tätigkeit zu sein. Diese Ergebnisse gelten dabei weitgehend unabhängig von soziodemografischen oder beruflichen Kontextfaktoren.

Insbesondere hinsichtlich Alter und Geschlecht hätte man doch mehr Unterschiede beziehungsweise größere Effekte erwartet. Das Geschlecht hatte zum Beispiel auf keine der untersuchten Variablen einen signifikanten Einfluss. Auch im Hinblick auf das Alter zeigten sich nur wenige Unterschiede zwischen den Gruppen. Dass die jüngeren Altersgruppen die Arbeitszeit(en) häufiger als positiv empfinden als die älteren, könnte unter Umständen mit der neuen Generation von Arbeitsmedizinerinnen und -medizinern zusammenhängen. In verschiedenen Studien zeigt sich, dass Themen wie die Vereinbarkeit von Beruf und Familie beziehungsweise ein ausgewogenes Verhältnis von Freizeit und Arbeitsleben auch innerhalb der Ärzteschaft einen wichtigeren Stellenwert einnimmt. So zählten geregelte oder zumindest flexible Arbeitszeiten sowie die Vereinbarkeit von Familie und Beruf 2018 wieder zu den wichtigsten Ansprüchen, die junge Studierende an das spätere Berufsleben haben (Kassenärztliche Bundesvereinigung 2019). Die Arbeitszeiten scheinen in dem Zusammenhang zumindest bei den jüngeren Befragten ein wichtiger Aspekt zu sein. Hier liegt zugleich eine Chance, das Fachgebiet auch nachfolgenden Generationen „schmackhaft“ zu
machen.

Warum insbesondere Beschäftigte über 60 Jahre beziehungsweise unter 40 Jahren die Sinnhaftigkeit ihrer Tätigkeit besonders häufig als positiv empfinden, kann nicht abschließend geklärt werden.

In der Gesamtschau sind die wenigen vorhandenen Zusammenhänge eher gering. Größere Effekte zeigen sich im Hinblick auf die mit der Tätigkeit verbundenen Fahrzeiten: Selbstständige beziehungsweise Betriebsärztinnen und -ärzte, die nicht in einem Unternehmen fest angestellt sind, empfinden die Fahrtätigkeit deutlich häufiger als negativ als die nicht selbstständig Tätigen beziehungsweise in einem Betrieb festangestellten Werksärztinnen und -ärzte (K*=0,418*** bzw. 0,508***). Hier könnte eventuell der vermehrte Einsatz telematischer Verfahren mitunter Abhilfe schaffen. Dies gilt insbesondere im Hinblick auf die Betreuung Kleinst-, kleiner und mittlerer Betriebe in ländlichen Regionen. Auch könnte es ein Ansatz sein, Kleinst-, kleine und mittlere Betriebe vermehrt im Rahmen vorhandener Netzwerkstrukturen, wie es aktuell zum Beispiel im Rahmen des Modellvorhabens „Gesund arbeiten in Thüringen (GAIT)“ in einem Bundesland modellhaft erprobt wird, zu betreuen (DGAUM 2019). Neben „Gesund arbeiten in Thüringen (GAIT)“ gab beziehungsweise gibt es weitere Vorhaben oder Projekte, die auf einem ähnlichen (Netzwerk-)Ansatz beruhen (Initiative Neue Qualität der Arbeit 2011; Heeg et al. 2004; Fischmann et al. 2019). Auf diese Weise könnten die Fahrzeiten und damit auch der Betreuungsaufwand insgesamt deutlich reduziert werden.

Auch stören sich in einem Unternehmen fest angestellte Werks­ärztinnen/-ärzte beziehungsweise nicht Selbstständige grundsätzlich weniger daran, häufig alleine unterwegs zu sein. Dies ist jedoch nicht weiter verwunderlich, da der Großteil dieser Gruppen üblicherweise selten allein unterwegs ist.

Im Hinblick auf die Bezahlung zeigten sich kaum Unterschiede (vgl. Tabelle 2 bzw. 3). Kleinere Effekte zeigen sich lediglich bezüglich der Festanstellung als Werksärztin/-arzt in einem Unternehmen bzw. bei einem überbetrieblichen Dienst sowie im Hinblick auf den Umfang der Beschäftigung (Voll- vs. Teilzeit). So empfinden die in einem Unternehmen festangestellten Werksärztinnen/-ärzte ihre Bezahlung weniger häufig als negativ als ihre nicht festangestellten Kolleginnen/Kollegen, wohingegen Angestellte bei überbetrieblichen Diensten die Bezahlung häufiger als negativ beklagen als Arbeitsmedizinerinnen/-mediziner, die nicht bei einem überbetrieblichen Dienst arbeiten. Letztlich ist dies ein Hinweis darauf, dass die Bezahlung für in einem Unternehmen festangestellte Befragte akzeptabel zu sein scheint, wohingegen die Bezahlung bei den überbetrieblichen Diensten als unterdurchschnittlich empfunden wird. Wenngleich sich dies sicherlich mit einzelnen Erfahrungen decken mag, kann auf Basis der Befragung weder geschlossen werden, dass die Bezahlung in Betrieben grundsätzlich fair noch bei überbetrieblichen Diensten immer unterdurchschnittlich ist. Interessanterweise empfinden auch die in Vollzeit betriebsärztlich Tätigen die Bezahlung häufiger als positiv als die in Teilzeit tätigen Beschäftigten.

Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass die vorliegende Studie zu sehr ähnlichen Ergebnissen kommt wie die eingangs erwähnten wenigen vorhandenen Arbeiten zu der Thematik. Insgesamt zeichnet sich somit ein sehr einheitliches Bild ab: die Arbeitsmedizinerinnen und -mediziner scheinen mehrheitlich sehr zufrieden mit ihrem Beruf zu sein.

Limitationen

Mit knapp 300 Fragebögen liefert die vorliegende Studie einen guten Anhaltswert bezüglich der Einschätzung beziehungsweise Beurteilung der Berufszufriedenheit der Betriebsärztinnen/-ärzte in Deutschland. Vor dem Hintergrund, dass die Repräsentativität der Daten nicht abschließend bewertet werden kann und die Daten zum Teil selektiv erhoben wurden, müssen die Ergebnisse natürlich vorsichtig interpretiert und Schlussfolgerungen sorgsam gezogen und abgewogen werden. So wurden die Daten beispielsweise zum Teil anlässlich der 58. Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Arbeitsmedizin und Umweltmedizin e.V. (DGAUM) erhoben, so dass eine gewisse Verzerrung nicht ausgeschlossen werden kann. Viele fehlende Angaben im Zusammenhang mit den soziodemografischen Daten beziehungsweise dem beruflichen Kontext und die daraus resultierenden unterschiedlichen n-Zahlen erschweren die Interpretation. Nichtsdestotrotz stellt die vorliegende Arbeit eine erste Annäherung an das Thema dar.

Im Hinblick auf die Summenscorebildung als Versuch die Berufszufriedenheit als Globalmaß abzubilden ist limitierend anzumerken, dass einige Ausprägungen inhaltlich in eine ähnliche Richtung gehen (z. B. „Arbeitszeiten“ und „freie Zeiteinteilung“ oder auch „viel Fahrtätigkeit“ und „häufig alleine unterwegs“), so dass die konstatierten Zusammenhänge in dem Kontext nicht überbewertet werden sollten. Da der Schwerpunkt des vorliegenden Papiers jedoch auf den einzelnen Aspekten der Berufszufriedenheit lag und die Häufigkeiten über die einzelnen Ausprägungen überdies auch recht unterschiedlich waren, scheint dieser Faktor vernachlässigbar.

Methodisch ist limitierend darauf hinzuweisen, dass bei der Auswahl der Tests teilweise pragmatisch vorgegangen und parametrische anstelle von nichtparametrischen Tests verwendet wurden, obwohl teilweise Annahmen verletzt waren. Im Bezug auf Unterschiede nach Alter beziehungsweise Altersgruppen stellte sich beispielsweise heraus, dass die Gruppengrößen mit n=20 (bis 39), n=67 (40–49), n=112 (50–59) bzw. n=73 (ab 60) nicht annähernd gleich groß besetzt waren, so dass korrekterweise auf die Verwendung eines nichtparametrischen Verfahrens zurückgegriffen werden müsste. Wenngleich der nichtparametrische Test nur in seltenen Fällen zu einem ganz anderen Ergebnis kommt als das äquivalente parametrische Verfahren, wurde das Ergebnis mittels Kruskal-Wallis-Analyse überprüft. Wie bereits vermutet, zeigten sich auch bei Verwendung des nichtparametrischen Verfahrens (Kruskal-Wallis-Rangvarianz-Analyse) keine signifikanten Unterschiede im Hinblick auf die Anzahl der positiven oder negativen Nennungen und damit die Berufszufriedenheit im Allgemeinen.

Zusammenfassend lässt sich daher konstatieren, dass die dargestellten Ergebnisse im Hinblick auf das Vorliegen etwaiger Mittelwertunterschiede unabhängig von der Verwendung parametrischer beziehungsweise nichtparametrischer Verfahren gelten.

Fazit und Implikationen

Den Befragungsergebnissen zufolge ist der Großteil der Arbeitsmedizinerinnen und -mediziner mit ihrer betriebsärztlichen Tätigkeit im Wesentlichen sehr zufrieden – einziger „Wermutstropfen“ scheint die mangelnde beziehungsweise fehlende Anerkennung insbesondere im Kollegenkreis zu sein. Hier gilt es, gezielt am Berufsbild der Arbeitsmedizinerinnen/-mediziner zu arbeiten und sowohl in der Öffentlichkeit als auch in der Fachwelt gezielt Aufklärungsarbeit zu leisten. Hier sollte bereits im Studium angesetzt werden, so dass die nachfolgenden Generationen der Mediziner ein korrektes beziehungsweise konkretes Bild der Fachrichtung haben und sich unter der betriebsärztlichen Tätigkeit etwas vorstellen können. Vor allem gilt es, den präventiven Charakter des Fachs Arbeitsmedizin und die damit verbundenen Möglichkeiten im Hinblick auf das größte Präventionssetting schlechthin herauszuarbeiten. Letztlich können am Arbeitsplatz rund 45 Millionen Erwerbstätige und damit mehr als die Hälfte aller Menschen in Deutschland erreicht und für ihre Gesundheit sensibilisiert werden. In diesem Zusammenhang müssen vor allem die Möglichkeiten gezielt genutzt werden, die sich im Rahmen des Präventionsgesetzes bieten.

Interessenkonflikt: Die Erstautorin und ihre Koautorinnen und -autoren geben an, dass keine Interessenkonflikte vorliegen.

Literatur

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Peißl S, Hopfgartner L, Seubert C, Glaser J, Sachse P: Arbeitsmedizin im Wandel – Bestandsaufnahme der Arbeitssituation von Arbeitsmedizinern, 2016. http://www.allgemeine-psychologie.info/cms/images/stories/allgpsy_journ… (zuletzt abgerufen am: 09.05.2019).

Sedlaczek S, Quittkat C, Amler N, Nesseler T, Rieger M A, Drexler H, Letzel S: „Gesund arbeiten in Thüringen“. Schnittstelle zwischen Prävention und Kuration – Ergebnisse der Befragung von Thüringer Ärzten im Rahmen des Modellprojektes nach § 20 g SGB V. In: ASU Arbeitsmed Sozialmed Umweltmed 2018; 9: 588–591.

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Werner A: Arbeitssituation und Ärztegesundheit im deutschsprachigen Raum: Ein systematischer Literaturüberblick, 2016. https://edoc.ub.uni-muenchen.de/19345/2/Werner_Astrid.pdf (zuletzt abgerufen am: 09.05.2019).

Kontakt:

Dr. Nadja Amler
Deutsche Gesellschaft für Arbeitsmedizin und Umweltmedizin e.V. (DGAUM)
Schwanthalerstraße 73 b, 80336 München
amler@dgaum.de

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www.asu-arbeitsmedizin.com/praxis/wie-zufrieden-sind-sie-ihrem-beruf-al…

ASU Arbeitsmed Sozialmed Umweltmed 2019; 55: –176-185