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Gesundheitliche Lage der Beschäftigten 50+

Einleitung

Mehr als jedes dritte beschäftigte Mitglied der Betriebskrankenkassen (33,9 %) gehörte im Jahr 2017 zur Generation 50+ – mit steigender Tendenz. Im Vergleich dazu lag der Anteil dieser Altersgruppe an allen Beschäftigten vor einer Dekade gerade einmal bei einem Fünftel (ca. 20,8 %). Diese Entwicklung zeigt, dass der demografische Wandel insbesondere in der Arbeitswelt zunehmend an Bedeutung gewinnt. Um dieser Frage im Detail nachzugehen, widmete sich der BKK Gesundheitsreport 2018 (Knieps u. Pfaff 2018, s. „Weitere Infos“) dem Schwerpunktthema „Arbeit und Gesundheit – Generation 50+“. Neben zahlreichen Beiträgen von Gastautoren aus Wissenschaft, Politik und Praxis, wird auf Basis der routinemäßig erhobenen Gesundheitsdaten der BKK-Versicherten ein differenziertes Bild der gesundheitlichen Lage der Beschäftigten 50+ erkennbar. Einige wichtige Ergebnisse sollen im Folgenden auszugsweise berichtet werden.

Demografischer Wandel in der Arbeitswelt – eine Differenzierung

Zusätzlich zum allgemeinen Anteil der Beschäftigten, die 50 Jahre oder älter sind, lassen sich weitere Differenzierungen anhand verschiedener arbeitsweltlicher Merkmale wie der Zugehörigkeit zu einer bestimmten Berufs- oder Wirtschaftsgruppe vornehmen. So sind z. B. Berufsgruppen (Bundesagentur für Arbeit 2011) in sehr unterschiedlichem Maße betroffen ( Abb. 1).

Während mehr als jedes zweite beschäftigte BKK Mitglied in den Reinigungsberufen 50 Jahre oder älter ist (51,9 %), trifft dies z.B. bei den IT-Berufen aktuell nur auf etwas mehr als ein Viertel (26,0 %) der Beschäftigten zu – der demografische Wandel ist also in den einzelnen Berufsgruppen unterschiedlicher ausgeprägt als vielleicht erwartet. Allerdings lässt ein geringer Anteil an älteren Beschäftigten nicht automatisch den Schluss zu, dass es sich hier um einen für junge Beschäftigte besonders attraktiven Beruf handelt. So ist etwa bei den nichtmedizinischen Gesundheitsberufen (z. B. Altenpflegern) auch deshalb der Anteil Beschäftigter 50+ so gering, da hier viele ältere Beschäftigte aufgrund der hohen Arbeitsbelastung entweder den Beruf wechseln oder vorzeitig, meist krankheitsbedingt, aus dem Erwerbsleben ausscheiden. Ähnliche Unterschiede werden auch im Vergleich zwischen den verschiedenen Wirtschaftsabschnitten sichtbar. Hier liegt der Anteil der Beschäftigten 50+ zwischen 25,1 % im Gastgewerbe und 44,4 % in der Energieversorgung (Knieps u. Pfaff 2018, S. 104).

Gesundheit: Beschäftigter 50+ im Überblick

Exemplarisch für den Gesundheitszustand der Beschäftigten sollen im Folgenden die Arbeitsunfähigkeitskennzahlen (AU-Kennzahlen), insbesondere die AU-Tage, betrachtet werden. Einen ersten Überblick des Zusammenhangs zwischen Alter und Arbeitsunfähigkeit gibt  Abb. 2.

Zunächst zeigt sich, dass die durchschnittlichen AU-Tage in den jüngeren Altersklassen nahezu konstant niedrig sind, während hier – mit abnehmender Tendenz – die durchschnittlich meisten AU-Fälle zu verzeichnen sind. Dies rührt insbesondere daher, dass bei den jüngeren Beschäftigten häufig auftretende, aber meist nur mit kurzzeitiger Dauer verbundene Krankheiten (z.B. Atemwegserkrankungen) das AU-Geschehen prägen. Entsprechend dauert ein Krankheitsfall in dieser Altersgruppe im Schnitt nur zwischen 5 und 10 Kalendertagen. Ein anderes Bild zeigt sich bei den Beschäftigten 50+: Hier kommt es zwar nur zu einem moderaten Anstieg der AU-Fälle, jedoch zu einem deutlichen Anstieg der AU-Tage. In dieser Altersgruppe sind es vorwiegend langwierige bzw. auch chronische Erkrankungen (z.B. Muskel- und Skeletterkrankungen oder Herz-Kreislauf-Erkrankungen), die meist mit längeren Falldauern zwischen 12 und 24 Kalendertagen verbunden sind. Eine Ausnahme bilden die Beschäftigten, die 65 Jahre oder älter sind. Hier wir ein deutlicher Rückgang sowohl der AU-Fälle als auch der AU-Tage sichtbar. Dahinter steckt der „healthy worker effect“. Das bedeutet, dass Beschäftigte dieser Altersgruppe, die von meist chronischen bzw. langwierigen Erkrankungen betroffenen sind, häufiger als in anderen Altersklassen vorzeitig aus dem Erwerbsleben ausscheiden und somit vermeintlich nur die „Gesunden“ ab dem 65. Lebensjahr im Erwerbsleben und somit auch in der AU-Statistik verbleiben.

Unterschiede zwischen Berufsgruppen

Die Arbeitsbedingungen, unter denen Beschäftigte tätig sind, haben einen nicht unerheblichen Einfluss auf deren Gesundheit. Insbesondere die mit der konkreten beruflichen Tätigkeit verbundenen körperlichen und psychischen Beanspruchungen und Belastungen spielen hierbei eine wichtige Rolle. In  Abb. 3 werden exemplarisch für zwei ausgewählte Berufsgruppen Fehlzeiten in Abhängigkeit vom Alter dargestellt.

Auch hier zeigt sich für die beiden dargestellten Berufsgruppen in etwa das gleiche Muster der AU-Tage, wie es bereits in Abb. 2 zu sehen war. Allerdings unterscheiden sich die Amplituden der dargestellten Altersverläufe deutlich voneinander. Während die Beschäftigten in den IT-Berufen (z.B. System- und Netzwerkadministratoren) in allen Altersgruppen weit unter den jeweiligen Gesamtkennwerten der AU-Tage liegen, zeigen sich bei den nichtmedizinischen Gesundheitsberufen (z.B. Altenpfleger) fast durchgehend überdurchschnittlich viele Fehltage. Diese Differenz nimmt mit ansteigendem Alter nahezu kontinuierlich zu und ist in der Gruppe der 60- bis 64-jährigen Beschäftigten am auffälligsten: Die in den nichtmedizinischen Gesundheitsberufen Beschäftigten weisen hier fast dreimal so viele AU-Tage im Vergleich zu den in IT-Berufen Tätigen gleichen Alters auf (46,8 vs. 16,1 AU-Tage je Beschäftigten). Während die Beschäftigten der nichtmedizinischen Gesundheitsberufe in dieser Altersgruppe unter allen Berufshauptgruppen einen der höchsten Werte aufweisen, ist hingegen bei den IT-Berufe der angegebene altersbezogene Wert gleichzeitig der insgesamt niedrigste im Berufsgruppenvergleich. Auch an dieser Stelle wird bei den 65-jährigen und älteren Beschäftigten der „healthy worker effect“ sichtbar. Dass auch dieser Effekt nicht für alle Berufsgruppen in gleichem Maße gilt, zeigt sich bei den IT-Berufen. Möglicherweise sind hier die Arbeitsbedingungen alter(n)sgerechter bzw. gesundheitsförderlicher als bei vielen anderen Berufsgruppen. Ähnliche altersbezogene AU-Muster lassen sich auch für die Mehrzahl der anderen, hier nicht dargestellten Berufsgruppen aufzeigen.

Unterschiede zwischen Krankheitsarten

Aufschlussreich ist auch der Blick auf den krankheitsspezifischen Altersverlauf der AU-Tage. Hier tritt der Zusammenhang zwischen den speziellen Auswirkungen berufsspezifischer Belastungen und den diagnosespezifischen AU-Tagen noch deutlicher zu Tage ( Abb. 4).

Bei den nichtmedizinischen Gesundheitsberufen – stellvertretend für die Gruppe der körperlich und psychisch belastenden Berufe – sind es neben den Fehltagen aufgrund von Muskel- und Skeletterkrankungen auch die AU-Tage aufgrund psychischer Störungen, die mit dem Alter deutlich zunehmen. Auch hier zeigt sich, dass keine andere Berufshauptgruppe sowohl in der Altersgruppe unter als auch über 50 Jahre mehr Fehltage aufgrund dieser Krankheitsart aufweist. Für Altenpflegekräfte, die zu den nichtmedizinischen Gesundheitsberufen zählen, wird es deshalb in Zukunft vor allem wegen des aktuell schon bestehenden Mangels an Personal eine besondere Herausforderung sein, Arbeit alter(n)sgerecht und gesundheitsförderlich zu gestalten. Im Kontrast dazu stehen auch hier wieder die IT-Berufe, insbesondere, wenn verdeutlicht wird, dass die durchschnittliche Anzahl der AU-Tage je Beschäftigten in der Gruppe der 50-jährigen und älteren Beschäftigten noch weit unter denen der unter 50-jährigen Beschäftigten in den nichtmedizinischen Gesundheitsberufen liegt (14,0 vs. 18,1 AU-Tage je Beschäftigten). Aber auch bei den IT-Berufen finden sich Ansätze für Maßnahmen zur Gesundheitsförderung. So ist auch hier eine deutliche altersbedingte Zunahme der AU-Tage aufgrund von Muskel- und Skeletterkrankungen (0,9 vs. 2,4 AU-Tage je Beschäftigten) erkennbar.

Berufserfahrung schafft Ausgleich

Fakt ist: Mit zunehmendem Lebensalter steigt die Wahrscheinlichkeit, dass bestimmte Erkrankungen häufiger auftreten. Besonders deutlich wird das bei den Herz-Kreislauf-Erkrankungen – diese spielen bei den jüngeren Beschäftigten nahezu keine Rolle, werden erstmalig im mittleren Lebensalter relevant und nehmen kurz vor dem Renteneintrittsalter stark an Bedeutung zu. Tatsache ist aber auch, dass sich zahlreiche Erkrankungen schon frühzeitig und gezielt beispielsweise durch gesunde Ernährung und Bewegung, z.B. im Rahmen betrieblicher Gesundheitsförderung, verhindern lassen. Zudem ist eine Vielzahl weit verbreiteter Erkrankungen, wie Bluthochdruck oder Diabetes, relativ selten mit Arbeitsunfähigkeit oder gar verminderter Arbeitsleistung verbunden, da es hier bereits gut etablierte Therapiemöglichkeiten gibt. Darüber hinaus ist als weiterer Fakt durch Studien gut belegt, dass – trotz des Nachlassens einiger physischer und psychischer Leistungsvoraussetzungen im Alter – die Arbeitsleistung insgesamt nicht abnimmt. Ältere Beschäftigte können auf der anderen Seite nämlich unter anderem mit ihrer Erfahrung sowie größerer sozialer Kompetenz und Gewissenhaftigkeit punkten (Wegge et al. 2018).

Beschäftigte 50+ – Heraus-forderungen und Chancen

Der demografische Wandel in der Arbeitswelt ist bereits heute ein wichtiger Einflussfaktor mit stark zunehmender Bedeutung. Dabei wird es dem prognostizierten Fachkräftemangel allein nicht gerecht werden, einen Ausgleich durch die verstärkte Gewinnung von jungem Nachwuchs oder einer weiteren Anhebung der Regelaltersgrenze entgegenzutreten. Vielmehr ist es notwendig, Arbeit nicht nur gesundheits-, sondern auch alter(n)sgerecht zu gestalten. Der zukünftige Wettbewerb um gute und erfahrene Fachkräfte wird sich vor allem daran messen lassen müssen, wie attraktiv Arbeitsplätze für Beschäftigte 50+ sind, so dass deren Erfahrung wertschätzend genutzt werden kann und auch Weiterbildungsmöglichkeiten kein Fremdwort für diese Gruppe darstellen. Neben dem Wandel der Arbeitswelt, insbesondere im Zuge der zunehmenden Digitalisierung, wird zudem die Vereinbarkeit von Beruf und Familie in naher Zukunft weiter an Bedeutung gewinnen. Ist dies in jungen Jahren vor allem mit der Kinderbetreuung verbunden, so rückt für die zunehmende Anzahl der Beschäftigten 50+ die Betreuung und Pflege von Angehörigen in den Fokus.

Viele Unternehmen haben das Potenzial der Beschäftigten der Generation 50+ längst erkannt und die Chance ergriffen, ihre Personalpolitik gezielt an den Lebensphasen der Beschäftigten auszurichten, um deren wertvolle Berufserfahrungen und deren Know-how nicht zu verlieren. Wie dies gelingen kann, zeigen die im BKK Gesundheitsreport aufgeführten Best-Practice-Beispiele im Schwerpunkt Praxis (Knieps u. Pfaff 2018, S. 359-392). Die Betriebskrankenkassen stehen dabei allen Interessierten mit ihrem Know-how zur gesundheitsförderlichen und altersgerechten Gestaltung von Arbeit zur Seite.

Interessenkonflikt: Die Autoren erklären, dass keine Interessenkonflikte vorliegen.

Literatur

Bundesagentur für Arbeit (Hrsg.) Klassifikation der Berufe 2010. Band 1: Systematischer und alphabetischer Teil mit Erläuterungen. Nürnberg 2011.

Bundesagentur für Arbeit (Hrsg.) Beschäftigte nach Altersgruppen (Zeitreihe Quartalszahlen) Nürnberg, März 2018.

Wegge J, et al. (2018) Arbeitsfähigkeit, Arbeitsmotivation und Führung älterer Mitarbeiter: Stand der Forschung und neue Entwicklungen. In: Knieps F, Pfaff H. (Hrsg.) BKK Gesundheitsreport 2018. Medizinisch Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft, Berlin, 2018, 190-201.

Zusammenfassend lässt sich an dieser Stelle festhalten, dass ältere Beschäftigte nicht häufiger krank sind als die jüngeren Kollegen, allerdings ist bei den Beschäftigten 50+ die Wahrscheinlichkeit höher, dass ein AU-Fall mit einer Erkrankung verbunden ist, die im Durchschnitt längere Ausfallzeiten verursacht.

    Info

    Der jährlich erscheinende BKK Gesundheitsreport beschäftigt sich im Kern mit den relevanten Aspekten des Zusammenhangs zwischen Gesundheit und Arbeit. Darüber hinaus werden u.a. anhand von Best-Practice-Beispielen der Betriebskrankenkassen bzw. deren Trägerunternehmen Wege zur gesundheitsförderlichen Gestaltung von Arbeit aufgezeigt. Die digitale Variante des Reports steht allen Interessierten auf der Homepage des BKK Dachverbandes e.V. zum kostenfreien Download zur Verfügung (s. „Weitere Infos“). ((Hier vielleicht das Cover – nicht ganz so groß – des Gesundheitsreports einbinden))

    Koautoren

    Mitautoren des Beitrags sind Karin Kliner und Dr. Matthias Richter, beide BKK Dachverband e.V., Berlin

    Weitere Infos

    Informationen zum Thema betriebliche Gesundheitsförderung

    https://www.bkk-dachverband.de/gesundheit/gesundheitsfoerderung-selbsthilfe/betriebliche-gesundheitsfoerderung-bgf.html

    Knieps F, Pfaff H. (Hrsg.): BKK Gesundheitsreport 2018. Berlin: Medizinisch Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft, 2018.

    https://www.bkk-dachverband.de/publikationen/bkk-gesundheitsreport.html

    Für die Autoren

    Dipl.-Psych. Dirk Rennert

    BKK Dachverband e.V.

    Mauerstraße 85

    10117 Berlin

    dirk.rennert@bkk-dv.de

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