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Klima und Psyche

Klima belastet die Psyche, belastet die Arbeitswelt

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Climate Burdens the Psyche, Burdens the Working World

Psychische Gesundheit als ­Herausforderung für Unternehmen

Vielen Unternehmen ist das Problem bekannt: Die Arbeitsausfälle aufgrund psychischer Erkrankungen sind auf dem Höchststand. Im Jahr 2022 kamen auf je hundert Versicherte im Durchschnitt 301 Fehltage. Im Zeitraum von zehn Jahren hat sich diese besorgniserregende Zahl fast verdoppelt. Neben oft erheblichem Leid für Betroffene und Angehörige gehen mit der Zunahme psychischer Erkrankungen oft auch lange Arbeitsausfälle und somit eine enorme volkswirtschaftliche Belastung einher (Ärzteblatt 2023, s. „Weitere Infos“).

Führungskräfte stehen angesichts der psychischen Belastung ihrer Mitarbeitenden unter besonderem Druck: Sie sind zum Beispiel damit konfrontiert, deren Fehlzeiten auf möglichst gerechte Weise in den Teams zu kompensieren, gleichzeitig die anspruchsvolle Kommunikation und gegebenenfalls Wiedereingliederung mit den Betroffenen zu planen und durchzuführen, und sie fungieren – bei oft selbst hoher psychischer Belastung – in ihren Bewältigungsstrategien als Vorbilder für die Beschäftigten.

Psychische Gesundheit und ­Klimakrise

Ein Wissen, das weder genug Verbreitung noch im Arbeits- und Gesundheitsschutz ausreichende Berücksichtigung gefunden hat: Die Auswirkungen der voranschreitenden Klimakrise sind eine konkrete Gefahr auch für die psychische Gesundheit.

Zu den direkten Auswirkungen der Erderhitzung auf die Psyche zählen beispielsweise Belastungsstörungen infolge von Extremwetterereignissen wie Starkregen mit Überschwemmungen, Stürme, Dürren und daraus resultierende Brände, die infolge der Klimakrise häufiger werden und in ihrer Intensität zunehmen. Diese Ereignisse stellen eine unmittelbare Gefahr für Leib und Leben dar. Sie zerstören aber auch Infrastruktur, so dass zum Beispiel die Versorgung mit Strom, Wasser und Lebensmittel zeitweise ausfällt oder die Gesundheits- und Notfallversorgung gestört ist, was weitere, in diesem Fall indirekte psychische Belastungen nach sich zieht. Zu den indirekten psychischen Folgen zählen auch die Auswirkungen von Verlusten, Flucht und Vertreibung, körperlichen Verletzungen und Erkrankungen oder Aggressivität, Konflikten und ressourcenbedingten Kriegen. Gefährdet sind dabei immer auch Menschen an ihren Arbeitsplätzen oder auf dem Arbeitsweg.

Bereits 2008 hatte die American Psychological Association (APA) in dem Wissen um die psychische Gefährdung durch die Klimakrise eine eigene Taskforce zum Thema gegründet und mit Blick auf die sich verschlechternde psychische Gesundheit umfassenden Klimaschutz angemahnt. In einer Auflistung des Forschungsstands zeigten sie auf, dass die Prävalenzen von fast allen psychischen Erkrankungen durch die Erderhitzung angestiegen sind: Angst- und affektive Störungen wie Depressionen, Traumatisierungen und Belastungsstörungen, Somatisierungsstörungen, Suchterkrankungen und Suizidalität (APA 2017; Walinski, 2023). Und schon bevor eine psychische Erkrankung sich in ihrer vollen Ausprägung zeigt, entsteht durch das bloße Wissen um die sich vollziehenden Veränderungen eine erhöhte mentale Belastung, die sich z. B. in vorübergehenden psychischen Krisen, einer erhöhten Aggressivität, vermehrtem Risikoverhalten oder dem Verlust von Sicherheits- und Kontrollempfinden zeigen kann (USGCRP 2016; APA 2017).

Die Klimakrise trifft uns alle und somit auch jeden Arbeitsplatz. Um ihre schlimmsten Folgen abzuwenden, stehen Unternehmen und Gesellschaft enorme Einschnitte und Veränderungen bevor. Gleichzeitig sind nicht alle gleichermaßen von den psychischen Folgen betroffen: Zu den besonders Vulnerablen gehören Kinder und Jugendliche, Vorerkrankte, Ältere, finanziell Ärmere, Menschen, die im direkten Kontakt mit der Natur leben oder arbeiten, und Menschen aus marginalisierten und diskriminierten Gesellschaftsgruppen (APA 2017). Für Arbeitgeber und Unternehmen ist somit der Schutz von Arbeitskräften von besonderer und wachsender Bedeutung. Er ist bereits heute ein zentraler Aspekt von Gesundheitsschutz, der jedoch ohne gleichzeitigen konsequenten Klimaschutz keine Wirksamkeit erlangen kann.

Auch im deutschen Gesundheitssystem wächst das Bewusstsein vor der enormen Herausforderung, vor der es mit Blick auf die Klimakrise steht. Zu den konkreten Wirkmechanismen und Auswirkungen der Klimakrise auf die psychische Gesundheit und das Verhalten am Arbeitsplatz besteht jedoch weiterer Forschungsbedarf (Brooks 2023).

Psychische Belastung durch die Auseinandersetzung mit der ­Bedrohlichkeit

Ein weiterer, verwandter Aspekt, der zwar in aller Regel noch nicht zur Ausbildung einer psychischen Störung führt, aber für viele Menschen eine erhebliche seelische Belastung darstellt: Das Wissen um die Klimakrise und die in ihrem Zusammenhang wahrgenommenen Veränderungen lösen im beruflichen und privaten Kontext Gefühle von z. B. Angst, Unsicherheit und Sorge aus.

Kraft kosten dabei z. B. das unangenehme Gewahrwerden der großen Bedrohung, der wir als Menschen ausgesetzt sind, die besondere Gefährdung der Kinder und Jugendlichen, das Wissen um die eigene Mitverantwortung und die wissenschaftlichen Prognosen, die überwiegend eine Verschlechterung unserer Lebensumstände in Aussicht stellen. Zudem ergeben sich für Einzelne Folgefragen, wie: Was ist mein eigener Anteil an Emissionen? Was bedeuten die ökologischen und gesellschaftlichen Entwicklungen für die Zukunft meiner Kinder? Wie ist es um die Nachhaltigkeitspraxis meines Arbeitgebers bestellt? Kann ich es mit meinem Gewissen vereinbaren, in einer emissionsträchtigen Branche tätig zu sein? (APA 2017; Dohm u. Klar 2020).

Psychische Belastung bereits ­gefährdeter Berufsgruppen steigt

Für einige Berufsgruppen, insbesondere für Arbeitende im Freien (z. B. in Tourismus, Land- und Forstwirtschaft) und Mitarbeitende der Gesundheits- und Notfallversorgung, wird es durch die klimatischen Veränderungen zu einer Mehrbelastung kommen. Die Tätigkeit in diesen Berufen, die stark von intakten Ökosystemen abhängen, führt mit besonderer Wucht zu direkten Belastungen sowie gegebenenfalls auch zur Bedrohung der eigenen wirtschaftlichen Existenz, was zu Verzweiflung und gar vermehrten Suiziden führt (Berry 2011; Santos 2021; Austin 2018).

Im Sozial- und Gesundheitswesen kommen neben bestehenden Belastungen durch eine zunehmende Arbeitsverdichtung (resultierend aus z. B. Kosten- und Zeitdruck sowie Fachkräftemangel) durch die Klimakrise weitere Mehrbelastungen durch ein höheres Sorge- und Patientenaufkommen hinzu – eine Entwicklung, die Betriebsärztinnen und -ärzte sowie weitere Akteurinnen und Akteure für Arbeits- und Gesundheitsschutz bereits jetzt und in Zukunft verstärkt berücksichtigen müssen.

Ein weiteres, oft unterschätztes Thema, ist auch die durch zum Beispiel äußere Krisen und Fachkräftemangel zunehmende Belastung durch Kinderbetreuung und die Pflege von Angehörigen. So wurde bereits im Nachgang der Corona-Pandemie deutlich, inwieweit sich politische Maßnahmen des Katastrophenschutzes auch auf die psychische Gesundheit dieser besonders vulnerablen Gruppe von Kindern, Jugendlichen und ihren Familien auswirken können. Die Auftrittswahrscheinlichkeit von Pandemien wird durch die voranschreitende Klimakrise und die Zerstörung von Naturräumen weiter vergrößert. Unbezahlte Sorge­arbeit, die in Deutschland zum größten Teil Frauen leisten, und der Wegfall sozialer Unterstützungssysteme werden durch die Auswirkungen der Klimakrise verstärkt auftreten und zudem in ihrem Ausmaß belastender, was auch Rückwirkungen auf die psychische Gesundheit der Betroffenen an ihren Arbeitsplätzen hat.

Zusammenfassend lässt sich bereits an dieser Stelle festhalten: Psychische Belastungen durch direkte oder indirekte Folgen der Klimakrise sollten bei besonderem Einbezug vulnerabler Gruppen in aktuellen Vorschriften, Regeln und Handlungsempfehlungen des Arbeitsschutzes und im Feld Prävention und Gesundheitsförderung ausreichend Berücksichtigung finden (Bühn 2023; DGUV u. BAuA 2022).

#MitHitzeKeineWitze – Hitze und Psyche

Hitze ist aktuell die in Deutschland gefährlichste Auswirkung des sich verändernden Klimas und wirkt sich massiv auf unsere körperliche, aber vor allem auch psychische Gesundheit aus. Steigt die Tagesdurchschnittstemperatur erhöhen sich die Wahrscheinlichkeiten für psychische Belastungen und Erkrankungen (Charlson 2021) und aggressives und feindseliges Verhalten nehmen zu (Cianconi 2020). Durch die mit Hitze verbundenen Anstrengungen und die gesteigerte Müdigkeit und Abgeschlagenheit, aber auch durch zugrunde liegende neuronale Prozesse, die beispielsweise unsere Fähigkeit zur emotionalen Selbstregulation einschränken, ist auch im Arbeitskontext an Hitzetagen mit einem verstärkten Auftreten von Konflikten zu rechnen.

Auch die kognitive Leistungsfähigkeit leidet unter Hitzeeinfluss, was zum vermehrten Auftreten von Fehlern und Unfällen führt. So beschreibt zum Beispiel eine Studie aus der Schweiz, dass an Tagen mit Temperaturen über 30 °C die Zahl der Arbeitsunfälle um ca. 7,4 % ansteigt. Die Kosten der temperaturbedingten Unfälle im Beobachtungszeitraum betrugen etwa 90 Millionen Schweizer Franken jährlich – Tendenz stark steigend, denn gab es 1996 lediglich einen Hitzetag mit mehr als 30 Grad, so lag die Zahl im Jahr 2022 bereits bei 17,3 Tagen (Drescher 2023). Und Hitze hat weitere ökonomische Auswirkungen, die psychische Belastungen nach sich ziehen können: In Deutschland wurden 2021 20,97 Millionen Arbeitsstunden aufgrund von Hitzeeinwirkungen in der Landwirtschaft, im Baugewerbe, im verarbeitenden Gewerbe und im Dienstleistungssektor nicht geleistet (Romanello 2022). Als Ergänzung: Die Gesundheitskosten, die in Deutschland durch extreme Temperaturen entstehen (z. B. durch die erhöhte Zahl von Krankenhauseinweisungen) liegen pro Hitzetag mit Höchsttemperaturen über 30 °C bei ca. 40 Millionen Euro (Karlsson u. Ziebarth 2018). Unter Hitze leidet auch die Volkswirtschaft.

Zurück zu den individuellen psychischen Folgen von Hitze und deren Implikationen für den betrieblichen Gesundheitsschutz: Für Menschen mit psychischen Vorerkrankungen (z. B. Depressionen, Burnout oder Angststörungen) bedeutet Hitze oft eine Symptomverschlechterung (Liu et al. 2021), so dass dieser Risikogruppe beim Erstellen von Hitzeschutzplänen im betrieblichen Gesundheitsmanagement besondere braucht. Die Arbeitsmedizin und das betriebliche Wiedereingliederungsmanagement sind ebenfalls mit der Herausforderung konfrontiert, die psychische Gesundheit von Beschäftigten auch unter dem Einfluss extremer Hitze zu bewahren.

Eine Herausforderung ist dabei die menschliche Risikoverarbeitung und das Problembewusstsein, denn die Auswirkungen von Hitzetagen auf die Gesundheit werden weiterhin breit unterschätzt. Das empfundene Risiko liegt bei sehr vielen Menschen deutlich unter dem realen Risiko. Auch betroffene Risikopersonen (z. B. chronische vorerkrankte oder adipöse Menschen) unterschätzen ihre reale Gefährdung systematisch. Wer wenig weiß, fühlt sich dennoch gut informiert. Eine zielgruppenspezifische Aufklärung, insbesondere direkt an Hitzetagen selbst, und die Bereitstellung entsprechender Schutzmaßnahmen sollte auch durch den Arbeitgeber selbst erfolgen. Insbesondere bei schwerer körperlicher Arbeit oder Arbeit im Freien kann eine Verschiebung der Kernarbeitszeit sinnvoll sein (PACE 2023, s. „Weitere Infos“).

Allerdings können sich durch Anpassungsmaßnahmen an die Auswirkungen der Klimakrise selbst wiederum weitere psychischen Belastungsfaktoren ergeben, die in jedem Fall auch Berücksichtigung finden müssen. Ein relevantes und auch im Sommer 2023 verstärkt diskutiertes Thema ist zum Beispiel die Einführung einer Siesta, also einer Zwangspause, bei der Arbeit, wenn es besonders heiß ist.

Die gesunde psychische Verar­beitung und Klimaresilienz

Die Klimakrise schreitet weiter ungebremst voran, die Prognosen sind, selbst unter der Annahme eines unmittelbar einsetzenden konsequenten Klimaschutzes, erschütternd und geben Anlass zur Sorge. Es ist verständlich – und noch ganz überwiegend ohne jeden pathologischen Wert! –, dass vor allem jüngere Menschen sich durch das alleinige Wissen um ihre unsichere Zukunft psychisch belastet fühlen. In der bisher größten internationalen Befragung zu klimabezogenen Ängsten zeigten beispielsweise Hickman et al. (2021), dass 59 % der 10.000 befragten Jugendlichen sich „very worried“ oder „extremly worried“ einschätzten und 45 % der Befragten sogar einen negativen Einfluss ihrer Gefühle auf ihr Funktionieren im Alltag wahrnahmen. Auch in Deutschland wurde in einer repräsentativen Umfrage unter
14- bis 29-Jährigen der Klimawandel von mehr als der Hälfte der Befragten (55 %), neben dem Angriffskrieg in der Ukraine (68 %), als wirtschaftlich-gesellschaftlich besorgniserregendes Thema genannt (Schnetzer 2022). Wie kann also auf psychisch gesunde und konstruktive Weise mit diesen Gefühlen umgegangen werden, die viele Menschen auch selbst betreffen? Wie können Führungskräfte ihren Mitarbeitenden hier als Vorbild dienen?

Aus psychologischer Sicht empfiehlt sich für eine gesunde Verarbeitung klimabezogener Emotionen wie Angst, Ärger, Trauer und Frust immer vor allem eine aktive Auseinandersetzung. Auf diese Weise ist es möglich, eine eigene verantwortungsbewusste Haltung im Einklang mit den eigenen Werten zu entwickeln anstatt in die Verdrängung, Bagatellisierung, oder gar in Fatalismus oder eine innere Kapitulation zu geraten (Dohm et al. 2023). Eine aktive Auseinandersetzung ist auch mit Blick auf die physikalisch, medizinisch und psychisch begrenzte Anpassungsfähigkeit von uns Menschen dringend erforderlich, da sie klimaschützendes Verhalten und Engagement begünstigt (Schwartz et al. 2022). Klimaschützendes Engagement und das damit verbundene Selbsterleben von Wirksamkeit und Handlungsfähigkeit schützen wiederum vor psychischer Belastung (Wray-Lake et al. 2017).

Es wird ein weiteres Mal deutlich: Gesundheitsschutz braucht zwangsläufig auch wirkungsvollen kollektiven Klimaschutz, der als sogenanntes Co-Benefit wiederum eine gesunderhaltende Wirkung hat. Für Betriebe ist es somit auch ein Vorteil zur Gesunderhaltung der Beschäftigten, ihr eigenes Wirtschaften und ihre Unternehmenskultur auf Nachhaltigkeit zu überprüfen und ambitioniert in diese Richtung weiterzuentwickeln. Führungskräfte sind zudem angehalten, Nachhaltigkeitsengagement in ihrem Team in jedem Fall zu fördern, zumal dieses gleichzeitig in der Regel auch der individuellen Gesunderhaltung der Beschäftigten dient.

Vom Wissen zum Handeln – Selbstwirksamkeitserleben und Bindung an den Arbeitgeber

Die Bewältigung der Klimakrise ist eine gesamtgesellschaftliche, ja globale und darüber hinaus planetare Herausforderung. Handlungen zum Klima- und Gesundheitsschutz sowie zur Anpassung an die Folgen der Klimakrise können somit auf unterschiedlichen Ebenen stattfinden, von denen hier beispielhaft die individuelle und die betriebliche Ebene dargestellt werden (Windemuth 2023).

Individuelle Ebene

Auf individueller Ebene ist es möglich, sich klimafreundlich zu verhalten und sich zugleich auf mögliche Extremwetterereignisse vorzubereiten. Auf diese Weise erleben viele Menschen ein erstes Gefühl von Selbstwirksamkeit, das heißt von dem Gefühl, selbst etwas gegen das Voranschreiten der Klimakrise tun zu können, was eine gesunderhaltende Wirkung hat (Erlbeck 2023). Doch die reale emissionssenkende Wirkung individueller Verhaltensänderungen ist stark begrenzt (vielfach handelt es sich gar um eine Wirksamkeitssimulation!) und vielen Menschen wird schnell deutlich, dass ihr individuelles Verhalten nur einen kleinen Beitrag zur Transformation leisten kann. Vielmehr müssen beispielsweise auch die entsprechenden Rahmenbedingungen geschaffen werden, damit gesundheitsförderliches und klimaschützendes Verhalten überhaupt möglich ist (WBGU 2023).

Es ist daher von besonderer Bedeutung, Menschen Möglichkeiten des kollektiven Handelns aufzuzeigen, das auf vielen Ebenen stattfinden kann, wie zum Beispiel im Betrieb, in Freizeitgruppen oder durch jede Form der politischen Partizipation.

Betriebliche Ebene

Unternehmen können im Vergleich zu Individuen einen erheblich größeren und wirkmächtigeren Einfluss auf Gesundheit, Gesellschaft, Klima- und Umweltschutz ausüben – im schützenden wie auch im schädigenden Sinne (Friel 2023). Mindestens im Sinne des Gesundheitsschutzes ist es ethisch geboten, dass sie vor allem ambitioniert ihren Einfluss nutzen, um strengere Umweltstandards, Klimaschutz und Klimaanpassungen voranzubringen. Dazu zählen beispielsweise verpflichtende und transparente Standards bezüglich Umweltwirkungen, Lieferketten, Herkunft und CO2-Bilanz. Die große Herausforderung bleibt: Jedes Wirtschaften muss innerhalb der planetaren Grenzen stattfinden, deren weiteres Ausblenden wir uns schon mit Blick auf die irreversiblen Kipppunkte des Erdsystems, die Gesundheitsschäden der Bevölkerung und die hohen Folgekosten nicht mehr leisten können (Richardson 2023).

Unternehmen, die Prävention und die Gesundheit der Beschäftigten ernstnehmen, können langfristig einen Wettbewerbsvorteil haben. Der Wunsch, für einen Arbeitgeber zu arbeiten, der die eigenen Werte im Arbeitsalltag abbildet, gewinnt insbesondere für Jüngere an Relevanz und stellt mit Blick auf den Fachkräftemangel einen Vorteil dar (WEF 2022, s. „Weitere Infos“). Menschen ein wertekonformes Leben zu ermöglichen, fördert zudem ihre psychische Gesundheit. Innerbetrieblich können auch wirksame Präventionsmöglichkeiten für die Beschäftigten geschaffen werden, zum Beispiel durch eine gesunde und nachhaltige Ernährung und Bewegungsangebote. Jedes Engagement für Umwelt- und Klimaschutz sollte gefördert werden.

Am eigenen Arbeitsplatz müssen heute oft innere Widersprüche ausgehalten werden, beispielsweise wenn das Unternehmen selbst weiterhin Verursacher für Umweltzerstörung oder schädliche Treibhausgasemissionen ist. Das Erleben von kognitiver Dissonanz am Arbeitsplatz, wenn das eigene Verhalten nicht mit den eigenen Werten übereinstimmt, kann zu Stress und zum Wunsch nach Neuorientierung führen. Sich dessen bewusst zu werden, ist ein erster Schritt, um diese Widersprüche wahrzunehmen und lösungsorientierte Handlungen folgen zu lassen.

Gemeinsames Engagement für Klimaschutz im Unternehmen stärkt das „Wir-Gefühl“, die Bindung an den Arbeitgeber und wirkt sich positiv auf das soziale Klima im Betrieb aus. Arbeitszufriedenheit, Wohlbefinden und psychische Gesundheit werden gefördert. Indem Beschäftigten Spielräume zu aktivem Handeln gegen das Fortschreiten der Klimakrise eröffnet werden, erfahren die Beteiligten (bestenfalls echte) Selbstwirksamkeit, was wiederum die psychische Gesundheit und mentale Resilienz im Umgang mit der Klimakrise stärkt (Zawadzki 2020; Capstick 2022; Jenkinson 2013).

Das Individuum kann etwas tun und sich für Klima- und Umweltschutz engagieren, aber letzten Endes müssen entsprechende Rahmenbedingungen durch die Politik geschaffen werden. Hierzu gehört die Abschaffung von Subventionen fossiler Energien. Hier können Unternehmen eine Rolle spielen, indem sie Forderungen an die Politik stellen Klimaschutz und Klimaanpassungen ambitioniert umzusetzen.

Klimaschutz ist betrieblicher ­Gesundheitsschutz

Betrieblicher Arbeits- und Gesundheitsschutz ohne gleichzeitigen konsequenten Klimaschutz ist wie Straße fegen, während sich ein Sandsturm nähert. Wer als Unternehmen die (psychische) Gesundheit der eigenen Mitarbeitenden ernst nimmt und ihrem Erhalt Priorität beimisst, muss eine aktive Reflexion der betrieblichen Handlungsmöglichkeiten im Klima- und Umweltschutz fortlaufend mitdenken und gegenüber der Unternehmensführung mutig vertreten. Hier gilt es auch, bestehende Regelungen und Gewohnheiten des eigenen Unternehmens zu prüfen und in Frage zu stellen.

Wenn es gelingt, dass zugleich alle Führungskräfte entsprechendes Engagement ihrer Beschäftigten fördern, wächst die Wahrscheinlichkeit, dass dem eigenen Unternehmen die nötige zukunftssichernde Transformation glückt und sie gleichzeitig (psychisch) gesunde, leistungsfähige und produktive Mitarbeitende an sich binden können, die ihre Arbeit als sinnvoll empfinden.

Klimaschutz ist Gesundheitsschutz und so ist Klimaschutz auch betrieblicher Arbeits- und Gesundheitsschutz. Wir brauchen als Menschen die zügige Transformation zu einem treibhausgasneutralen Wirtschaften, um gesund zu bleiben.▪

Interessenkonflikt: Die Autorinnen geben an, dass keine Interessenkonflikte vorliegen.

Literatur

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Weitere Infos

Arbeitsausfall durch psychische Erkrankungen steigt auf neuen Höchststand. Ärzteblatt (2023)
https://www.aerzteblatt.de/nachrichten/141222/Arbeitsausfall-durch-psyc…

PACE – Planetary Health Action Survey: Hitze (2023)
https://projekte.uni-erfurt.de/pace/topic/special/20-hitze/

WEF – World Economic Forum: „Winning the Race to Net Zero: The CEO Guide to Climate Advantage“. Insight Report, 2022
https://www3.weforum.org/docs/WEF_Winning_the_Race_to_Net_Zero_2022.pdf

Kernaussagen

  • Arbeitsausfälle infolge psychischer Erkrankungen sind bereits heute auf dem Höchststand und die voranschreitende Klimakrise verstärkt die psychische Gesundheitsgefährdung.
  • Die Klimakrise erhöht die Wahrscheinlichkeit für Ausbildung und Verschlechterung psychischer Erkrankungen wie Ängste, Depressionen, Suchterkrankungen oder Belastungsstörungen.
  • Psychische Belastungen durch die Klimakrise sollten in Vorschriften, Regeln und Handlungsempfehlungen des Arbeitsschutzes, in der Prävention und Gesundheitsförderung Berücksichtigung finden.
  • Aufgrund der begrenzten Anpassungsfähigkeit der Menschen an die Klimakrise braucht ­betrieblicher Gesundheitsschutz immer auch wirkungsvollen kollektiven Klimaschutz.
  • Führungskräfte sind dazu angehalten, jedes Nachhaltigkeit-Engagement ihrer Mitarbeitenden konsequent zu fördern, zumal es ihrer Gesundheitsförderung dient.
  • Definition

    Klimaresilienz ist „die psychische Fähigkeit und Ressource, Belastungen durch die Klimakrise gesund kognitiv, emotional, zwischenmenschlich und handlungsorientiert zu verarbeiten und so als Anlass für Entwicklung zu nutzen“ (Dohm u. Klar 2020, S. 101).

    Definition

    Unter Selbstwirksamkeit („self-efficacy ­beliefs“) versteht man in der Psychologie die Überzeugung eines Menschen, auch schwierige Situationen und Herausforderungen aus eigener Kraft erfolgreich bewältigen zu können (Stangl 2023).

    Koautorin

    Dr. rer. medic. Stefanie Bühn
    KLUG – Deutsche Allianz Klimawandel und Gesundheit e. V., Berlin

    Kontakt

    Lea Dohm
    Dipl.-Psych., Psych. Psychotherapeutin; KLUG – Deutsche Allianz Klimawandel und Gesundheit e. V.; Cuvrystr. 1, 10997 Berlin

    Foto: KLUG

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