ASU Ausgabe: 12-2014

Sicherheit bei Konfrontation mit Großwild


Durch den zunehmenden Tourismus kommt es auch häufiger zu Konfrontationen mit wilden Tieren

Durch den zunehmenden Tourismus kommt es auch häufiger zu Konfrontationen mit wilden Tieren

Sicherheit im Ausland  Weltweit kommt es immer wieder zu Begegnungen zwischen Menschen und verschiedenen Großwildarten (z. B. Löwen, Flusspferde, Tiger, Bären, Pumas), sei es beabsichtigt (z. B. Safaris) oder unbeabsichtigt (z. B. Farmer, Wanderer). Nicht selten resultieren solche Begegnungen allerdings jedoch in Konfrontationen, bei denen der Mensch oft schwer oder sogar tödlich verletzt wird. Aussagekräftige Daten über Konfrontationen mit Wildtieren gibt es nicht. Die meisten Studien über der-artige Zwischenfälle beschränken sich auf bestimmte regionale Gebiete oder aber auf bestimmte Wildtier-spezies. Christian Kühn, Julia Kühn, Thomas Küpper

Inhaltsübersicht

  1. Sicherheit bei Konfrontation mit Großwild
  2. Weitere Infos
  3. Für die Autoren

Es wurde eine Literaturrecherche mit dem Zweck durchgeführt, daraus einige Studien zu nutzen, um einen Überblick über Konfrontationen mit Großwild zu vermitteln und so das Risiko in verschiedenen Regionen tendenziell einzuschätzen. Dazu wurden vor allem Studien aus Nordamerika sowie Subsahara-Afrika ausgewertet und gegenübergestellt.

Viele der beschrieben Konfrontationen kamen erst durch leichtsinniges oder unvorsichtiges Verhalten der Opfer zustande. Deshalb werden Empfehlungen zur Prävention, Sicherheit und korrekte Verhaltensweisen bei Begegnungen und Konfrontationen mit unterschiedlichen Wildtieren gegeben. Diese beruhen auf einer Zusammenstellung aus verschiedenster Fachliteratur sowie aus persönlicher Erfahrung der Autoren.

Einleitung

Unter Großwild versteht man im engeren Sinne die Gesamtheit der großen jagdbaren Landwirbeltiere, wie Reh, Hirsch, Antilope, Gazelle, Nashorn, Elefant, Großkatze und Bär (Deutsche Enzyklopädie 2014; s. „Weitere Infos“). Konfrontationen des Menschen mit Großwild sind selten, da diese Wildtiere eher scheu sind und versuchen, den Menschen zu meiden. So werden Begegnungen mit Wildtieren vom Menschen oft gar nicht bemerkt, da die Tiere den Menschen meist schon sehr früh wittern und die Flucht ergreifen. Hinzu kommt noch, dass die meisten Großtiere abgelegene oder ländliche Regionen bewohnen. Als typische Habitate für Großwild zählen vor allem die für die unterschiedlichen Klimazonen verschiede-nen abgeschiedenen Gebiete wie z. B. dichte Wälder, Savannen oder Wüsten. Zu nennen sind hier u. a. die Wälder und Nationalparks Nordamerikas (z. B. Yellowstone National Park), die dichten Regenwälder Südamerikas (z. B. Amazonasbecken) und Asiens, die Savannen und Nationalparks Süd- und Ostafrikas (z. B. Massai Mara National Park). Allerdings werden die natürlichen Habitate der meisten Wildtiere immer weiter durch den Mensch beschnitten, so dass es häufig zu Konflikten zwischen den Lebensräumen der Tiere und neuem Nutz- und Wohnland der Menschen kommt. Dadurch werden Konfrontationen zwischen Wildtieren und Menschen wahrscheinlicher.

Ein Aufeinandertreffen von Mensch und Großwild findet aber vor allem im Bereich des immer beliebter werdenden Abenteuer- und Safaritourismus statt. So besuchten z. B. im Jahr 2013 über 5,2 Mio. Besucher die Nationalparks Südafrikas, die Nationalparks der USA registrierten sogar 273,6 Millionen Besucher (s. „Weitere Infos“). Aber auch im beruflichen Sektor (z. B. Ranger, Wildhüter, Forscher, Expeditionsteilnehmer) kann es zu einer Konfrontation mit Großwild kommen.

Internationaler Tourismus und berufliche Auslandsreisen nehmen weltweit stark zu. Gerade die oben beschriebenen Regionen der Erde mit hohen Großwildvorkommen verzeichnen einen starken Anstieg internationaler Touristen. Nordamerika zeigte im ersten halben Jahr 2014 einen Anstieg von 6,4 % internationaler Touristen, Südamerika von 6,2 %, Asien und Ozeanien von 5,4 % sowie Subsahara-Afrika von 2,8 % (World Tourism Organization 2014). Durch diesen Anstieg im Tourismus steigt auch die Wahrscheinlichkeit für ein direktes Aufeinandertreffen von Mensch und Großwild und damit das dazu gehörige Risiko für einen oft folgenschweren Angriff durch Wildtiere.

Methoden

Für die nachfolgende Beschreibung der Epidemiologie der Konfrontationen mit Großwild wurde eine Literaturrecherche über die großen Literaturdatenbanken durchgeführt, unter anderem Pubmed, Embase und Wiley. Einige Studien wurden dazu genutzt, einen Eindruck über die Häufigkeit von Konfrontationen mit Großwild zu vermitteln, damit ein tendenzielles Risiko für bestimmte Regionen abgeleitet werden kann. Hierzu wur-den Studien über verschiedene Gebiete und verschiedene Tierspezies herausgesucht und beschrieben.

Um die richtigen Verhaltensweisen für die unterschiedlichen Großwildarten dar-zustellen, wurde ebenfalls verschiedenste Literatur aus Studien sowie aus einschlägigen Fachbüchern über Expeditionsmedizin, Reisemedizin und Survival genutzt. Zudem haben die Autoren ihre persönlichen Erfahrungen mit einfließen lassen.

Epidemiologie der Konfrontation mit Großwild

Generelle Zahlen zu Zwischenfällen mit Großwild gibt es in der Literatur nicht. Bisherige Veröffentlichungen beinhalten meist sehr regional bezogene Untersuchungen zu Konfrontationen mit Großwild oder nur Zwischenfälle mit einer bestimmten Säugetierspezies. Ein weiteres Problem bezüglich verlässlicher Daten stellt auch die oft fehlende Meldung von Zwischenfällen an die zuständigen Behörden dar. Insbesondere in den Entwicklungsländern werden Angriffe von Wildtieren von der lokalen Bevölkerung nicht gemeldet und somit in keiner Weise registriert. In Afrika sind Konfrontationen vor allem mit Löwen (Panthera leo), Leoparden (Panthera pardus), Flusspferden (Hippo-potamus amphibius), Elefanten (Loxodonta africana), Nashörnern (Diceros bicornis und Ceratotherium simun), Hyänen (Crocuta cro-cuta), Büffeln (Syncerus caffer) und Zebras (Equus grevyi, Equus zebra und Equus quag-ga) zu verzeichen ( Tabelle 1). Einzig für Nordamerika lassen sich verlässliche Zahlen zu Konfrontationen mit Bären und Pumas finden.

In Südafrika kam es zwischen Januar 1988 und Dezember 1997 zu 21 dokumentierten Konfrontationen von Touristen mit Großwild (Durrheim et al. 1999). Dabei kamen 7 Touristen ums Leben, 14 wurden mittel bis schwer verletzt. An den Zwischenfällen beteiligte Wildtiere waren in fünf Fällen Löwen (vier Fälle tödlich), in zwei Fällen Elefanten (ein Fall tödlich), in sieben Fällen Flusspferde (zwei Fälle tödlich), in zwei Fällen Nashörner (kein Fall tödlich), in drei Fällen Büffel (kein Fall tödlich), in einem Fall ein Leopard (nicht tödlich) und in einem Fall ein Zebra (nicht tödlich).

Nach vier Jahren ärztlicher Tätigkeit in verschiedenen Regionen des südlichen Afrikas beschrieb Pickles (1987) sieben Fälle, bei denen Patienten wegen Verletzungen von Wildtieren in seiner Behandlung waren. Dabei kam es zu vier Konfrontationen mit Flusspferden, zwei mit Büffeln und einer mit Löwen. In allen Fällen wurden die Patienten schwer verletzt (Pickles 1987). Gilyoma et. al. (2013) untersuchten die Verletzungen durch Tiere von Patienten der Notaufnahme des Bugando Medical Centers im Norden Tansanias. Dabei wurden in einem Zeitraum von fünf Jahren insgesamt 452 Patienten mit Verletzungen durch Tiere behandelt. Festgestellt wurde, dass nur 28 Patienten (6,2 %) ihre Verletzungen durch eine Konfrontation mit Großwild erlitten (Gilyoma et al. 2013). Verantwortlich waren bei zwölf Patienten Hyänen, bei neun Patienten Leoparden, bei fünf Patienten Elefanten, bei einem Patienten ein Löwe und bei einem Weiterem ein Flusspferd.

Tansania gilt als Land mit der größten Population von Löwen (Bauer et al. 2004). Eine dortige Untersuchung beschreibt alle registrierten Zwischenfälle mit Löwen in Tansania von 1994 bis 2004. Demnach kam es zu 563 tödlichen Konfrontation zwischen Mensch und Löwen und zu 308 weiteren Zwischenfällen, bei denen Menschen durch Löwen verletzt wurden (Packer et al. 2005). Zwischenfälle mit dem Asiatischen Löwen, der heute nur noch im indischen Bundesstaat Gujarat vorkommt, sind ebenfalls nicht selten. So kam es zwischen 1977 und 1991 zu 193 registrierten Angriffen, davon endeten 28 für das Opfer tödlich (Saberwal et al. 1994).

Ebenfalls in Indien beschrieb Das (2011) Todesfälle durch Elefantenangriffe, registriert in der Abteilung für Forensische Medizin am B.S. Medical College in Bankura. In einem Zeitraum von drei Jahren wurden dort 14 Fälle registriert (Das et al. 2011). In allen Fällen sollen Elefantenbullen für einen plötzlichen Angriff ohne Provokation verantwortlich gewesen sein.

Wenn man über Konfrontationen mit Großwild in Nordamerika spricht, geht es meist um Begegnungen mit Bären, Pumas und Bisons ( Tabelle 2). Regelmäßig finden Begegnungen zwischen Menschen und Schwarzbären (Ursus americanus), Braunbä-ren (Grizzly, Ursus arctos) oder Polarbären (Ursus maritimus) statt. Hierbei kommt es gelegentlich auch zu Zwischenfällen mit Verletzungen oder gar mit Todesfolge. Herrero (1990) beschreibt zwischen 1960 und 1980 über 500 durch Schwarzbären verwundete Menschen. Allerdings stellt er ebenfalls heraus, dass das Risiko, von einem Bär in Nordamerika verletzt zu werden, sehr gering ist. Dafür zeigt Herrero (1990) die An-zahl der Besucher eines Nationalparks pro Verletzung durch Bären auf. Beispielsweise registrierte der Jasper National Park in Alberta, Kanada, von 1980–1985 eine Verletzung durch Bären auf 2 802 537 Besucher. Ähnlich sieht es im Yellowstone National Park in Wyoming, USA, aus, wo es im selben Zeitraum eine Verletzung pro 1 157 465 Besucher gab. Ein höheres Risiko verzeich-nete hingegen der Kluane National Park in Yukon, Kanada, wo auf eine Verletzung 317 700 Besucher kamen. Es muss hier jedoch beachtet werden, dass viele Besucher die Hauptwege nicht verlassen und sich hauptsächlich an den großen Attraktionen des Nationalparks aufhalten und so kein Bärengebiet betreten (Floyd 1999). Deshalb wurden für eine Risikoabschätzung nur Personen benutzt, die in entlegenen, unbewohnten Gebieten der Nationalparks unterwegs waren. In diesem Kollektiv stieg das Risiko auf eine Verletzung pro 30 060 Personen im Yellowstone National Park sowie eine Verletzung pro 23 400 Personen im Kluane National Park (Herrero et al. 1990). Auch Verletzungen durch Polarbären waren im Zeitraum 1965–1985 selten. Hier wurde von 20 Verletzungen gesprochen, von denen eine tödlich verlief (Herrero et al. 1990).

Allerdings kam es auch zu einigen töd-lichen Zwischenfällen mit Schwarzbären. Von 1900 bis 2009 wurden in Nordamerika 63 tödliche Konfrontationen mit Schwarzbären registriert, davon 49 in Kanada und Alaska, USA, zudem 14 in den anderen 48 Staaten des amerikanischen Festlandes (Herrero et al. 2011). Jedoch basieren diese Daten auf einer Datenbank von Herrero, der ab 1967 versuchte, alle tödlichen Zwischenfälle mit Schwarzbären in Nordamerika zu finden. So ist es möglich, dass vor allem am Anfang des 20. Jahrhunderts solche Konfrontationen nicht registriert und somit auch nicht in der Datenbank erfasst wurden.

Gunther (1998) spricht von drei tödlichen Fällen von 34 Konfrontationen im Yellowstone National Park im Zeitraum von 1970 bis 1994. In einer weiteren Studie von Herrero und Higgins (1999; s. „Weitere In-fos“) wurden die Zwischenfälle mit Braunbären und Schwarzbären in British Columbia, Kanada zusammengefasst. Hier kam es im von 1967 bis 1997 zu 72 Konfrontationen mit schweren oder tödlichen Verletzungen. Davon waren 68 % (49 von 72) auf Grizzlys zurückzuführen und 31 % (22 von 72) auf Schwarzbären. Allerdings verliefen nur 16 % der Angriffe durch Grizzlys tödlich, wohin gegen 36 % der Angriffe durch Schwarzbären tödlich endeten. Zusammenfassend spricht Floyd (1999) von durchschnittlich zehn tödlichen Konfrontationen mit Bären pro Jahr in Nordamerika.

Bärenangriffe werden auch in Asien regelmäßig registriert. Im Kaschmir (Grenzregion Indien, Pakistan, China) wurden von Januar 2003 bis Juni 2007 254 Angriffe von Bären (Ursus thibetanus) mit zwei Todesfällen dokumentiert (Tak et al. 2009). Die meisten Angriffe (80 %) fanden in Maisfeldern oder Apfelplantagen statt, wo es zu unerwarteten Begegnungen kam. 20 % der Angriffe fanden im dichten Wald statt.

Neben Bären kommt es in Nordamerika mehr oder weniger regelmäßig zu Konfrontationen mit dem Amerikanischem Büffel (Bison bison). Im Yellowstone National Park gibt es sogar mehr verletzte Besucher nach Konfrontationen mit Büffeln als nach Konfrontationen mit Bären. Von 1978 bis 1992 wurden im Yellowstone National Park 56 Zwischenfälle mit Verletzungen durch Bisons gemeldet (Conrad et al. 1994), zwei der Konfrontationen im Jahr 1983 und 1989 endeten tödlich.

In Nordamerika sind auch Konfrontationen zwischen Menschen und wilden Großkatzen nicht selten. Hier ist in erster Linie der Puma (Felis concolor), auch Berglöwe genannt, zu nennen. Beier (1991) fasste alle dokumentierten Zwischenfälle mit Pumas in den USA und Kanada von 1890 bis 1990 zusammen. Dabei will er alle tödlichen An-griffe von Pumas seit 1890 und alle nichttödlichen Angriffe seit 1970 eingeschlossen haben. Dokumentiert wurden so zehn töd-lich ausgehende Konfrontationen und 48 weitere Konfrontationen, bei denen die betroffenen Personen mit Verletzungen davon kamen (Beier 1991). Zu betonen ist hier, dass Pumas die Großkatzen mit der größten Verbreitung und auch regelmäßige Besucher von Siedlungen und Vorstädten sind. Das schließt eine potenzielle Gefährdung auch dichter bewohnte Gebiete mit ein. Bei den Häufigkeitsangaben ist darüber hinaus zu berücksichtigen, dass sicher nicht alle Zwischenfälle in die Studie eingeflossen sind. So haben uns persönlich Überlebende von Puma-Konfrontationen aus British Columbia/Kanada (Region nordöstliches Vancouver Island, Bella Coola, Knight Inlet) ihre Erlebnisse glaubhaft und detailliert geschil-dert. In allen Fällen hatte sich die Großkatze zurückgezogen, nachdem sie auf massive Gegenwehr (heftige Stockschläge) gestoßen war.

Nabi et al. (2009) fasst alle Angriffe von Wildtieren zusammen, die im Srinagar Hos-pital und im Wildlife Protection Departement von Kaschmir dokumentiert sind. Demnach kam es zwischen Januar 2005 und Oktober 2007 zu 203 Angriffen durch Großwild, wovon 26 für das Opfer tödlich endeten. Angreifende Tiere waren in 51,2 % Bären (104), 8,8 % Leoparden (18) und 3,4 % Wölfe (7). In 74 Fällen (36,4 %) konnte das Tier nicht identifiziert werden. Die meisten Zwischenfälle ereigneten sich im südlichen Kaschmir.

Wölfe sind auch in Europa und Deutsch-land heimisch. Momentan gibt es in hierzulande 25 Wolfsrudel, 7 Wolfspaare und 13 Einzelwölfe in sieben Bundesländern (Naturschutzbund Deutschland e. V. 2014). Wölfe gelten jedoch als sehr scheue Tiere, so dass es nur sehr wenige Sichtungen gibt. Konfrontationen sind weltweit nur in Fallberichten beschrieben und in Deutschland noch nicht vorgekommen.

Zusätzlich zu den oben beschriebenen Studien zu Konfrontationen mit Wildtieren gibt es noch einige Fallberichte über derartige Zwischenfälle. Yadav (2012) berichtet über eine nichttödliche Konfrontation eines 22-jährigen Mannes mit einem Elefanten in Nepal. Der junge Mann war außerhalb seines Dorfes mit dem Fahrrad unterwegs, als er vom Rüssel des Elefanten gefangen und von dem Rad geschleudert wurde. Zusätzlich stampfte der einzelne Elefantenbulle auf das Gesicht des Mannes. Daraus resultierten multiple Frakturen des Gesichtsschädels und auch schwere Verletzungen der Weichteile.

Über drei verschiedene Konfrontationen mit Wildschweinen (Sus scrofa) in der Türkei berichtete Gunduz (2007). Die im Jahr 2004 und 2006 sich zugetragenen Fälle resultierten in multiplen Weichteilverletzungen der unteren Extremitäten der Patienten. Nach einer gründlichen Wundreinigung in den zuständigen Notaufnahmen, antibiotischer Abdeckung und positiver Tetanusimmunität traten keine Komplikationen auf. Alle Patienten berichteten, dass sich der Angriff ohne ersichtlichen Grund oder Provokation zugetragen hätte.

Anders geschah es bei einem Angriff eines ungefähr 180 kg schweren Flachland-tapirs (Tapirus terrestris) in Brasilien, der sich gegen die Angriffe eines Farmers wehrte. Haddad (2005) beschreibt, dass der Farmer Sorge um sein nahes Maisfeld hatte und versuchte, das Wildtier zu vertreiben. Dieses griff daraufhin den Farmer jedoch an und verursachte massive Bisswunden, die zum Tod des Farmers durch zu hohen Blutverlust führten.

Ein weiterer interessanter Fall ereignete sich im Yellowstone National Park, wo ein 57-jähriger Deutscher von einem Kojoten (Canis latrans) angegriffen wurde (Hsu et al. 1996). Der Wanderer rastete abseits des Weges in einem Feld und schlief ein. Aufgeweckt durch einen starken Schmerz stellte er fest, dass er von einem Kojoten in den rechten Fuß gebissen worden war. Trotz der nur leichten Weichteilverletzung wurde die Bisswunde in einem nahegelegenen Krankenhaus gründlich gereinigt. Zudem wurde der Patient mit einer aktiven und passiven Immunisierung gegen Tollwut behandelt. Zwischenfälle mit Kojoten sind inzwischen in einigen Städten recht häufig (beispielsweise in Vancouver/Kanada), jedoch richten sie sich praktisch ausschließlich gegen kleinere Haustiere, vor allem gegen nicht angeleinte Hunde.

Abgesehen von den oben beschriebenen Studien und Fallberichten gibt es allerdings eine Schätzung zu den jährlichen Todesfällen und Angriffen durch bestimmte Wildtierspezies ( Tabelle 3). Die Schätzung der Todesfälle durch Wildtiere beläuft sich auf mehrere Tausend pro Jahr weltweit, wobei die meistens Fälle von Löwen und Tigern in Afrika und Asien ausgehen (Freer 2007).

Abschließend bleibt zu sagen, dass die meisten Konfrontationen mit Großtieren durch Haus- oder Nutztiere hervorgerufen werden. Von 1979 bis 1990 wurden in den USA 1164 Todesfälle durch ungiftige Tiere registriert (Langley et al. 1997). Davon fanden 35,5 % in einem Landwirtschaftsbetrieb statt und 29,5 % im heimischen Umfeld.

Verhalten und Sicherheit bei Konfrontation mit Großwild

Eine Prävention von gefährlichen Konfron-tationen mit Wildtieren bei einer Begegnung setzt ein gutes Wissen über das Verhalten von verschiedenen Wildtieren in verschiedenen Situationen voraus. Daher sollte sich jeder, bei dem eine Begegnung mit Großwild nicht ausgeschlossen ist, genau über das spezielle Verhalten der jeweiligen Wildtierspezies im Zielgebiet informieren. Dazu gehören u. a. auch grundlegende Kenntnisse über die Spuren, die potenziell gefährliche Arten hinterlassen. Des Weiteren gehen den meisten Angriffen Drohgebärden des Tieres voraus, die bemerkt und richtig interpretiert werden sollten.

Für die meisten Wildtiere gilt, dass sie eher scheu sind und versuchen, den Menschen zu meiden. Ausnahmen sind Wildtiere, die mittlerweile an die Begegnung mit Menschen gewöhnt sind oder sogar regelmäßig von ihnen gefüttert werden. Dies gilt gerade für die Nationalparks Nordamerikas. Dadurch, dass Schwarzbären erkannt haben, dass Abfälle wesentlich mehr Kalorien enthalten als ihre normalerweise pflanzliche Kost, „erobern“ sie die Stadtrandbezirke vieler Regionen. Hier kommt es regelmäßig zu Konfrontationen, vor allem mit Joggern, Radfahrern und Hunden sowie mit deren Besitzern.

Nur wenige Großwildspezies würden den Menschen ohne Provokation angreifen. Obwohl Menschen nicht ihre natürliche Beute sind, bilden die großen Fleischfresser eine Ausnahme, vor allem Tiger und Löwen in Asien und Afrika, die keine Scheu vor dem Menschen haben. Allerdings basiert ein Großteil der Zwischenfälle mit Verletzungen oder mit Todesfolge auf einem risikoreichen und irrationalen Verhalten des Menschen gegenüber großen Wildtieren. Vor allem die oben beschriebenen Fälle in Afrika sind gute Beispiele für solch leichtsinniges Verhalten der Menschen, die meist als Touristen in Gebieten mit Wildtieren unterwegs sind.

Durrheim (1999) beschreibt zwei Zwischenfälle mit Löwen und einen mit einem Flusspferd, die aus dem Verlassen des Autos bei einer Safari zum Fotografieren der Tiere resultierten. In einem Fall näherte sich das spätere Opfer sogar bis auf 30 m einer Gruppe Löwen an. Zwischenfälle mit Elefanten fanden in mehreren Fällen durch ein zu nahes Auffahren mit dem Auto statt, wodurch sich der Elefant bedroht fühlte und sich verteidigte. Außerdem kam es zu einigen Zwischenfällen mit Löwen und Flusspferden, als die Betroffenen innerhalb eines Camps auf dem Weg vom Haupthaus zu ihrem Schlafquartier waren. Auch hier gilt besondere Vorsicht.

Etwas anders sind die Zwischenfälle mit Pumas in Nordamerika zu bewerten. Sowohl Beier (1991) als auch McKee (2003) beschreiben, dass Angriffe von Pumas aus dem Nichts heraus kamen. Meist wird das Tier vor dem Angriff vom Opfer nicht bemerkt. So ist dem Angriff auch keine Provokation durch das Opfer voraus gegangen.

Wieder anders stellt sich die Situation bei Zwischenfällen mit Bären dar. So teilt Floyd (1999) die Angriffe durch Bären in Nordamerika in drei Gruppen ein: „uner-wartete Begegnungen“, „Provokationen“ und „Angriffe als Raubtier“. Demnach werden unter unerwarteten Begegnungen Konfrontationen verstanden, bei denen weder Mensch noch Bär die gegenseitige Präsenz bewusst ist, bis sie unvermittelt nah auf-einandertreffen. Im Yellowstone National Park war bei 97 % der Angriffe durch Bären solch eine unerwartete Begegnung der Grund (Gunther et al. 1998; s. „Weitere Infos“). Provokationen stellen den zweithäufigsten Grund für Bärenangriffe dar (Floyd 1999). Vor allem Jäger und Tierfotografen werden regelmäßig Opfer von dieser Form von Angriffen. Angriffe als Raubtier sind definiert als Konfrontationen, bei denen das Opfer als Nahrungsquelle und Beute für den Bären angesehen wird. Dies machten 90 % der Angriffe durch Schwarzbären (Floyd 1999) aus und fanden fast ausschließlich in sehr abgelegenen Regionen statt, wo Bären nur selten oder noch nie Begegnungen mit Menschen hatten (Herrero et al. 1990).

Durch die beschrieben Studien, Fallbe-richte und Untersuchungen nach Zwischen-fällen mit Großwild wurden sowohl generelle als auch auf eine bestimmte Tierspezies bezogene Verhaltensweisen abgeleitet, die einer Begegnung oder einer folgenschweren Konfrontation vorbeugen sollen. Diese werden im Folgenden dargestellt.

Generelle Regeln und Verhaltensweisen

Schon wenige, aber wichtige Verhaltensweisen können für die nötige Sicherheit unterwegs sorgen. Generell sollte gelten: „Angstfrei, aber respektvoll“ (Höh 2009)! Des Weiteren gilt: Wildtiere sind wilde Tiere! Das soll heißen, dass Wildtiere keine Tiere zum Anfassen, Füttern oder für Urlaubsfotos aus nächster Nähe sind.

Küpper (2010) rät vor allem Neulingen in der Wildnis, als Reiseziel Gebiete oder Nationalparks zu wählen, in denen man die vielfältige und interessante Tierwelt gut aus dem Auto heraus beobachten kann, da Autos meist kein Angriffsziel von Wildtieren darstellen und man darin relativ sicher ist. Als Ausnahme sind hier Elefanten, Afrika-nische Büffel und Nashörner zu nennen, von denen Autos inklusive Insassen schon öfter angegriffen wurden. Hier gilt: Motor laufen lassen und rückzugbereit sein. Bei den beliebten Walking Safaris sollte ein erfahre-ner und bewaffneter Guide die Safari leiten. Dies bietet nicht nur Schutz, auch teilen die meisten Guides und Ranger gerne ihr Wissen über die heimische Flora und Fauna.

Weitere grundsätzliche Regeln

Immer aufmerksam sein!

In allen Gebieten, in denen sich potenziell Wildtiere befinden, sollte man immer aufmerksam sein. Wildtiere können überall plötzlich erscheinen, häufig werden sie jedoch nicht wahrgenommen oder erst spät erkannt, z. B. Tiere, die im Schatten oder im hohen Gras ruhen. Herden von Fluchttieren sollten aufmerksam beobachtet werden: Normalerweise stehen und liegen die Tiere kunterbunt in der Landschaft. Schauen sie alle in einer Richtung und stehen die liegenden Tiere auf, so droht aus dieser Richtung eine potenzielle Gefahr – auch wenn der Besucher nichts sehen kann!

Nicht an Wildtiere heranschleichen!

Eine plötzliche Begegnung, ohne dass das Wildtier die Person vorher gewittert hat (Windrichtung), kann eine Art Panik-reaktion beim Tier auslösen, die entweder mit Flucht, aber auch mit unmittelbarem Angriff des Wildtiers beantwortet werden kann. In solch einer Situation kann auch ein Fluchttier, beispielsweise eine Antilope, zu einem gefährlichen Gegner werden!

Bemerkbar machen!

Auch wenn keine Wildtiere gesichtet sind, kann hinter dem nächsten Busch unerwarteter Besuch stehen. Man sollte sich immer bemerkbar machen, so dass ein Wildtier von einem Notiz nimmt. Damit kann eine Überraschung für das Tier und auch den Besucher vermieden werden.

Fluchtrichtung berücksichtigen!

Wildtieren, allein oder in Herden, sollte nie die Möglichkeit zur Flucht genommen werden. Auch sonst sehr friedliche Wildtierarten können ohne eine Fluchtmöglichkeit zu gefährlichen Angriffen übergehen. Beispielsweise ist es wichtig, bei Tieren, die Sicherheit vorwiegend im Wasser suchen (z. B. Flusspferde), niemals zwischen diese und das Wasser zu geraten. Genauso sollte man nicht zwi-schen Busch und Tier kommen, wenn es seine Fluchtmöglichkeit im Schutz der Bäume sieht, wie dies bei Elefanten oder Antilopen der Fall ist (Küpper 2010).

Drohgebärden kennen!

Die Kenntnis der verschiedenen Drohgebärden der Wildtiere ist von entschei-dendem Vorteil. Damit lässt sich erken-nen, wie das Tier dem Besucher gegenüber gesonnen ist. Bei den ersten Anzeichen von Drohgebärden sollte der Besucher dem Wildtier sein Territorium überlassen und sich langsam aber sicher entfernen.

Niemals zwischen Jungtier und Mutter geraten!

Fast alle Eltern schützen ihre Jungen bis auf das Äußerste und das gilt auch besonders für Großwild. Niemals sollte man zu nah an Jungtiere treten oder gar zwi-schen Jungtier und Mutter geraten. Dies würde wahrscheinlich einen sofortigen Angriff provozieren. Das gilt auch dann, wenn das Muttertier nicht zu sehen ist – es befindet sich mit Sicherheit in unmittelbarer Nähe! Problematisch ist es, wenn Jungtiere in ihrer Unerfahrenheit die Welt erkunden und dabei möglicher-weise auf den Besucher zu laufen, was die Alttiere überhaupt nicht mögen. Am besten hält man sich von Jungtieren ge-nerell fern ( Abb. 1).

Besondere Vorsicht bei kranken, verwundeten und alten Tieren!

Kranke, verwundete und alte Tiere sind unberechenbar und besonders gefährlich, da ihr Verhalten nicht einzuschätzen ist (Küpper 2010). Oft sind diese Tiere für ihre gewohnte Jagd zu schwach und müssen zum Überleben von ihrem natürlichen Beuteschema abweichen, was auch für den Menschen gefährlich werden kann.

Spezielle Regeln und Verhaltensweisen

Löwen

Immer im Auto bleiben!

Während einer Safari sollten die Perso-nen im Auto bleiben und am besten die Fenster geschlossen halten (Durrheim et al. 1999). Personen außerhalb des Autos stellen eine leichte Beute für Löwen dar, vor allem für geschwächte Tiere.

Drohgebärden kennen!

Richtiges Interpretieren des Verhaltens der Löwen ist wichtig ( Abb. 2): Liegt ein Löwe z. B. entspannt auf dem Rücken und hat die Person gesehen, so fühlt er sich noch nicht bedroht. Legt sich der Löwe dann auf den Bauch und fixiert die Person, sollte man sich langsam zurückziehen. Fängt der Löwe dann an zu brüllen oder zeigt seine Zähne, ist große Vorsicht und Rückzug geboten (Küpper 2013). Steht der Löwe auf und schwingt heftig seinen Schwanz, steht der Angriff unmittelbar bevor.

Nicht fliehen!

Angriffe werden durch die Flucht der po-tenziellen Opfer zusätzlich provoziert (Freer 2007). Eine abwartende Haltung in ruhiger Position und ein ruhiger Rück-zug ohne das Tier mit den Augen zu fixie-ren wird empfohlen.

Nicht wehren!

Menschen, die eine Löwenattacke überlebten, berichteten, dass es ratsam wäre, den Löwen an einer Extremität kauen zu lassen, weil dadurch die Möglichkeit bestünde, dass er das Interesse verliert (Freer 2007).

Elefanten

Nicht zu nahe kommen!

Zwischenfälle mit Elefanten kommen fast immer aus Situationen heraus zustande, bei denen der Mensch dem Tier zu nah kommt und dieses sich dadurch bedroht fühlt. Sei es zu Fuß oder mit dem Auto – es gilt, Abstand zu halten und aus guter Entfernung ruhig die Beobachtung zu genießen. Wenn ein Elefant bei Annäherung sein Verhalten ändert (zumeist sieht man plötzlich unruhige Bewegungen), ist man in seine Privatsphäre eingedrungen und man sollte sich unbedingt ein paar Meter zurückziehen. Zumeist tritt dann beim Tier umgehend wieder Ruhe ein.

Drohgebärden kennen!

Elefanten zeigen vor einem Angriff meist erst ihren Unmut: sie stellen die Ohren weit auf, treten in den Boden und lehnen sich vor und zurück. Zudem trompeten sie laut durch einen hoch aufgestellten Rüssel (Durrheim et al. 1999). Spätestens jetzt sollte man sich schnell, aber ruhig von dem Tier entfernen.

Leoparden

Vorsicht mit Kindern!

Meist werden Kinder oder kranke Erwachsene angegriffen, da sie von diesen Großkatzen als besonders leichte Beute angesehen werden (Freer 2007). Sie soll-ten besonders vorsichtig sein.

Fenster und Türen geschlossen halten!

Da Leoparden dazu neigen, durch offene Türen und Fester zu steigen, wird empfohlen, Türen, Fester und Zelte immer sorgfältig zu verschließen (Durrheim et al. 1999).

Drohgebärden kennen!

Liegt ein Leopard mit abgelegtem Kopf und geschlossenen Augen auf dem Bo-den besteht zunächst keine Gefahr. Nähert man sich weiter und der Leopard hebt den Kopf und fixiert die Person, ist Vorsicht geboten. Zeigt er als nächste Warnung seine Zähne und legt die Ohren leicht an, sollte umgehend ein langsamer Rückzug unternommen werden (s. Abb. 2) (Küpper 2010).

Sich wehren!

Bei einem Leopardenangriff sollte man sich aggressiv mit allen möglichen Mitteln wehren, um den Leoparden zum Rückzug zu bewegen. Anders hat man kaum eine Überlebenschance.

Flusspferde

Mit dem Boot nicht zu nah heranfahren!

Flusspferde sind für ihr aggressives Verhalten bekannt, vor allem wenn sie sich bedrängt fühlen oder eine Gefahr für ihre Jungtiere sehen (Freer 2007). Es ist kein Problem für ein Flusspferd, ein Kanu mit seinen Zähnen zu halbieren.

Vorsicht in der Dämmerung und am frühen Morgen!

Flusspferde kommen meist zur Dämme-rung aus dem Wasser, um in der Nähe zu grasen. So bleiben sie oft für 5–6 Stunden zur Nahrungsaufnahme außerhalb des Wassers (Durrheim et al. 1999). Bei ihrem Weg aus und zum Wasser sollte man ihnen nicht im Weg stehen, da sie keine Umwege in Kauf nehmen und alles platt trampeln, was ihnen den Weg versperrt.

Bären

Auf sich aufmerksam machen!

Innerhalb eines Bärengebiets ist es von Vorteil, sich eher laut zu verhalten, als durch die Wälder zu schleichen. Dies verhindert eine unerwartete Begegnung mit einem Bär. Dabei reicht es schon oft aus, sich in normaler Lautstärke mit einem Kameraden zu unterhalten. Nebel-hörner und Bärenglocken können die Wahrscheinlichkeit, auf einen Bären zu treffen, weiter reduzieren.

In Gruppen von mehr als zwei Personen unterwegs sein!

Herrero stellt in einer seiner Studien klar heraus, dass das Risiko eines Bären-angriffs beim Wandern allein oder zu zweit größer ist, als in Kleingruppen. 22 % der tödlichen Angriffe traf Zweier-gruppen, in 69 % der Fälle war das Opfer allein unterwegs (Herrero et al. 2011).

Zeltplätze „bärensicher“ anlegen!

Bären werden oft durch Lebensmittel von Trekkern angelockt. Dabei stellt vor allem das nächtliche Lager, wo die Vorräte ausgepackt und gekocht werden, ein Risiko dar. Schützen kann man das Camp, wenn Folgendes beachtet wird (Höh 2009):

Proviant sollte man in etwa 3–4 m Höhe aufhängen, am besten an einer Stange zwischen zwei Bäumen.

Proviant und Kochstelle möglichst weit vom Zeltplatz errichten, 50 bis 100 m sollten es sein.

Im Zelt sollte nicht gekocht werden. Ebenfalls sollten in einem Bärengebiet auch keine Zelte verwendet werden, in denen schon einmal ge-kocht worden ist.

Das Camp sollte stets sauber gehal-ten werden, niemals Essensreste, Kochgeschirr oder Ähnliches herum-liegen lassen.

Nach dem Kochen immer gründlich die Hände waschen. Schon leichter Geruch an Händen oder Kleidung, vor allem von Fisch, kann ungebetenen Besuch ins Zelt leiten.

Nicht vor einem Bären verstecken!

Wenn ein Bär von einem Menschen ge-sehen wird, wird der Bär meist schon längst von seiner Existenz wissen. Bei einer Begegnung sollte man sich nicht verstecken, sondern sich dem Bären klar zu erkennen geben, damit er erkennt, dass man nicht zu einer seiner Beutespezies gehört. Jeder Versuch sich zu verstecken, würde nur die Neugier des Bären wecken und eine weitere Annäherung provozieren (French 2007).

Keine Hektik – kein Geschrei!

Schnelle und hektische Bewegungen sollten genauso vermieden werden wie lautes Geschrei. Bären können solches Verhalten schnell als Aggressivität gegen sich interpretieren und reagieren dementsprechend (French 2007).

Nicht direkt in die Augen schauen!

Bei einer Begegnung sollte man dem Bär nicht direkt in die Augen schauen. Dies kann als eine Provokation empfunden werden. Genauso sollte man ihn aber auch nicht aus den Augen lassen und sein Verhalten gut beobachten, am besten aus einer leicht seitlichen Position (French 2007).

Nicht auf Bäume klettern oder wegrennen!

Zum einen ist der Bär um einiges schnel-ler als der Mensch, sowohl im Rennen als auch im Klettern. Bei einem Angriff ist es sehr unwahrscheinlich, dass man im Baum eine ausreichende Höhe von 8–10 m erklommen hat, bevor man vom Bär eingeholt wird (French 2007). Zu-dem kann der Bär dabei schwerer einschätzen, ob es sich um Menschen oder Beute handelt, ein Angriff wird so wahrscheinlicher.

Drohgebärden kennen!

Wenn ein Mensch von einem Bären be-merkt wird, ist meist seine erste Reak-tion das Aufrichten in den Stand. Zudem schwenkt er den Kopf hin und her. Dies ist keine Drohgebärde, sondern dient lediglich dazu, den Besuch zu identifizieren, also Wind von ihm zu bekommen (Höh 2009). Drohgebärden sind vor allem das Zeigen seiner Flanke auf allen Vieren – so soll die Größe demonstriert werden – und das Schnappen mit dem Kiefer, so dass man die Zähne aufeinander schlagen hört, sowie Zähne zeigen und zischende oder bellende Laute.

Falls es trotz aller Sicherheitsmaßnah-men zu einem Bärenangriff kommt, gibt es Empfehlungen, um die Schwere der Verletzungen und die Länge eines Angriffs zu minimieren. Allerdings sind diese für Braunbären im Gegensatz zu Schwarzbären unterschiedlich. Daher sollte man diese Bärenarten unterscheiden können ( Tabelle 4), wenn man in einem solchen Gebiet unterwegs ist. Die unterschiedlichen Verhaltensweisen beruhen auf den unterschiedlichen Intentionen für einen Angriff. Schwarzbären greifen meist als Räuber an, mit dem Ziel, den Kontrahenten zu töten (Floyd 1999).

Richtiges Verhalten bei einem Angriff durch Braunbären, vor allem Grizzly (French 2007):

Nicht wegrennen, auf Bäume klettern oder schreien!

Nicht verteidigen!

Auf den Boden legen, entweder in Seitenlage mit angezogenen Beinen und Arme schützend um den Nacken oder in Bauchlage mit ausgestreckten Beinen und Hände schützend über den Nacken. Dabei die Ellenbogen seitlich ausspreizen und durch Körperspannung mit Armen und Beinen vermeiden, dass der Bär einen umdreht ( Abb. 3). Hier ist es sogar von Vorteil, wenn ein Rucksack noch angezogen ist und den Rücken schützt.

Den Bären während des Angriff nicht anschauen oder sich zu ihm drehen. Dies könnte schwere Gesichtsverletzungen zur Folge haben. Position halten!

Nach dem Angriff noch einige Zeit in gleicher Position verharren, bis sicher ist, dass der Bär nicht mehr in der Nähe ist.

Danach abschätzen, in welche Richtung der Bär abgezogen ist und in entgegengesetzter Richtung das Gebiet verlassen.

Richtiges Verhalten bei einem Angriff durch Schwarzbären (French 2007):

Still stehen bleiben, nicht wegrennen oder auf Bäume klettern.

Bei Angriff zählt Verteidigung. Deshalb sollte man jedes nahe Objekt, das als Waffe dienen könnte, an sich nehmen. Dabei kann es sich um Steine, Äste oder Ähnliches handeln, auch heiße Bratpfannen wurden schon erfolgreich eingesetzt!

Verteidigung mit einem hohen Maß an Aggression. Mit den Waffen sollte dabei auf den Kopf des Angreifers gezielt werden, dabei laut ausrufen und schreien bis der Bär das Weite sucht.

Die Frage, ob man bei einem Bärenangriff auf Bäume klettern soll oder nicht, wurde in der Literatur viel dis-kutiert. Brown (2008) hat dazu 53 verschiedene Wildtierbiologen und Wildnis- und Überlebensprofis aus Alaska und Kanada befragt. Bei Angriffen durch Schwarzbären würden die meisten nicht empfehlen, auf einen Baum zu klettern, bei Angriffen durch Braunbären könnte dies nach deren Meinung eine sichere Option sein.

Pumas

Keine plötzlichen oder schnellen Bewegungen!

Schnelle Bewegungen, angeregte Konversation, lebhaftes Spielen (von Kindern) können Pumaattacken provozieren. Kinder sind öfter Opfer von solchen Angriffen als Erwachsene (Beier 1991).

Größer wirken!

Personen, die einer möglichen Pumaattacke gegenüberstehen, sollten versuchen, größer zu wirken. Beispielsweise können Gegenstände wie Stöcke, Rucksäcke oder Taschen oder auch einfach nur die Arme über den Kopf gehalten werden (Conrad 1992). Jacken können weit aufgespannt werden. Kinder sollten auf den Arm genommen werden, damit sie größer wirken und nicht in Panik los-rennen.

Passives Verhalten vermeiden!

Die angegriffene Person sollte sich nicht tot stellen und auch kein passives Verhalten zeigen (Beier 1991). Dies könnte ein Puma als leichte Beute verstehen.

Drohgebärden kennen!

Oft werden Pumas vor einem Angriff vom Opfer nicht bemerkt. Sieht man den Puma aber vor einem Angriff, sollte man folgende Drohgebärden als solche interpretieren können: Der Puma schleicht dicht am Boden mit angelegten Ohren, knurrt und faucht und lässt dabei seinen Schwanz schwingen (McKee 2003).

Aggressives Wehren!

Bei einem Angriff von einem Puma sollten die betroffene Person und alle anderen anwesenden Personen laut schreien oder in eine Pfeife blasen, um den Puma einzuschüchtern. Des Weiteren sollte versucht werden, den Puma mit einer aggressiven Gegenattacke mittels Händen, Stöcken oder Messern zum Rückzug zu bewegen (McKee 2003).

Amerikanische Bisons

Abstand halten!

Die meisten Fälle von Konfrontationen zwischen Mensch und Bison resultierten aus der zu nahen Annäherung der Besucher an das Tier (Freer 2007). Intentionen waren in den meisten Fällen das Fotografieren der Bisons aus nächster Nähe, Posieren für Fotos, Füttern oder Streicheln (Conrad et al. 1994). Jedoch sind auch die sanft erscheinenden Bisons große Wildtiere, denen man nicht zu nahe kommen sollte.

Zusammenfassung

Das Risiko für eine Konfrontation mit Groß-wild ist gering. Allerdings zeigen verschiedene Studien, dass es immer wieder Zwischenfälle mit Wildtieren gibt, bei denen der Mensch schwer verletzt oder getötet wird. Nicht selten sind die Opfer Touristen, die auf Safaris in Großwildgebieten unterwegs sind oder als Wanderer und Trekker durch die Territorien von Wildtieren ziehen. Dabei kommt es meist durch falsches Verhalten und ungenügendes Outdoor-Wissen oder durch Leichtsinn zu Konfrontationen. So ist es wichtig, sich entsprechend auf den Besuch eines Großwildgebiets vorzubereiten. Man sollte sich der generellen Verhaltensweisen in einem solchen Gebiete bewusst sein und sich zusätzlich den vorkommenden Spezies angepasstes Wissen aneignen. Nur so können ungewünschte Begegnungen und Angriffe vermieden werden. 

Literatur

Auerbach PS: Wilderness medicine. Philadelphia: Mosby Elsevier, 2007.

Bauer H, van der Merwe S: Inventory of free-ranging lions Panthera leo in Africa. Oryx 2004; 38: 26–31.

Beier P: Cougar attacks on humans in the United-States and Canada. Wildlife Society Bulletin 1991; 19: 403–412.

Brown DE, Conover MR: How poeple should respond when ecountering a large carnivore: opinions of wild-life professionals. Human-Wildlife Conflicts 2008; 2: 194–199.

Conrad L: Cougar attack – case-report of a fatality. J Wilderness Med 1992; 3: 387–396.

Conrad L, Balison J: Bison goring injuries – pene-trating and blunt trauma. J Wilderness Med 1994; 5: 371–381.

Das SK, Chattopadhyay S: Human fatalities from wild elephant attacks – a study of fourteen cases. J Forensic Leg Med 2011; 18: 154–157.

Durrheim DN, Leggat PA: Risk to tourists posed by wild mammals in South Africa. J Travel Med 1999; 6: 172–179.

Floyd T: Bear-inflicted human injury and fatality. Wilderness Environ Med 1999; 10: 75–87.

Freer L: Bites and injuries inflicted by wild ans do-mestic animals. In: Auerbach PS (ed.): Wilderness medicine. Philadelphia: Mosby Elsevier, 2007.

French SP: Bear behavior and attacks. In: Auerbach PS (ed.): Wilderness medicine. Philadelphia: Mosby Elsevier, 2007.

Gilyoma JM, Mabula JB, Chalya PL: Animal-related injuries in a resource-limited setting: experiences from a Tertiary health institution in northwestern Tanzania. World J Emerg Surg 2013; 8: 7.

Gunduz A, Turedi S, Nuhoglu I, Kalkan A, Turkmen S: Wild boar attacks. Wilderness Environ Med 2007; 18: 117–119.

Haddad V Jr, Assuncao MC, de Mello RC, Duarte MR: A fatal attack caused by a lowland tapir (Tapi-rus terrestris) in southeastern Brazil. Wilderness Environ Med 2005; 16: 97–100.

Herrero S, Fleck S: Injury to poeple inflicted by Black, Grizzly or Polar Bears: Recents trends and new in-sights. Int Conf Bear Res Manage 1990; 8: 25–32.

Herrero S, Higgins A, Cardoza JE, Hajduk LI, Smith TS: Fatal attacks by American black bear on people: 1900–2009. J Wildlife Managem 2011; 75: 596–603.

Höh R: Outdoor Praxis. Bielefeld: Reise Know-How Verlag, 2009.

Hsu SS, Hallagan LF: Case report of a coyote attack in Yellowstone National Park. Wilderness Environ Med 1996; 7: 170–172.

Küpper T: Unfälle mit Raub- und anderen Großtieren. In: Rieke B, Küpper T, Muth C-M (Hrsg.): Moderne Reisemedizin. Handbuch für Ärzte, Apotheker und Reisende. Stuttgart: Gentner, 2010.

Küpper T: Unfälle mit Raub- und anderen Großtieren. In: Rieke B, Küpper T, Muth C-M (Hrsg.): Moderne Reisemedizin. Handbuch für Ärzte, Apotheker und Reisende. 2. Aufl. Stuttgart: Gentner, 2013.

Langley RL, Morrow WE: Deaths resulting from ani-mal attacks in the United States. Wilderness Environ Med 1997; 8: 8–16.

McKee D: Cougar attacks on humans: a case report. Wilderness Environ Med 2003; 14: 169–173.

Nabi DG, Tak SR, Kangoo KA, Halwai MA: Increasing incidence of injuries and fatalities inflicted by wild ani-mals in Kashmir. Injury 2009; 40: 87–89.

Packer C, Ikanda D, Kissui B, Kushnir H: Conservation biology: lion attacks on humans in Tanzania. Nature 2005; 436: 927–928.

Pickles G: Injuries by wild animals in the African bush. J R Army Med Corps 1987; 133: 159–160.

Saberwal VK, Gibbs JP, Chellam R, Johnsingh AJT: Lion human conflict in the Gir Forest, India. Con-servation Biology 1994; 8: 501–507.

Tak SR, Dar GN, Halwai MA, Mir BA: Injuries from bear (Ursus thibetanus) attacks in Kashmir. Turkish J Trauma Emerg Surg 2009; 15: 130–134.

World Tourism Organization: World Tourism Baro-meter. Madrid: United Nations 12, 2014.

Yadav SK, Shrestha S, Sapkota SM: Rogue-elephant-inflicted panfacial injuries: a rare case report. Case Rep Dent 2012; 127957.

Literatur

Fussnoten

  • Tabelle 1:  Inzidenz von Konfrontationen mit Großwild in Afrika und Asien, berichtet aus 8 Studien

  • Tabelle 2:  Inzidenz von Konfrontationen mit Großwild in Nordamerika, berichtet aus 7 Studien

  • Tabelle 3:  Geschätzte Todesfälle und Angriffe durch Wildtiere (verändert nach Freer 2007)

  • Tabelle 4:  Unterscheidungsmerkmale von Schwarz- und Braunbären

  • Abb. 1:  Junger Elefant im Mole National Park, Ghana. Die Mutter ist bestimmt nicht weit …

  • Abb. 2:  Gesichtsausdruck und Gestik von Leopard und Löwe als Kommunikation zwischen Arten auf Wanderungen in Namibia und Malawi (von oben nach unten): „Ich hab‘ dich gesehen, aber du interessierst mich (noch) nicht!“ – „Pass auf, ich werde misstrauisch!“ – „Jetzt reicht es, du bist jetzt zu nahe!“ Aus letzterer Position (liegend!) kann noch nicht angegriffen werden, es ist aber die letzte Aufforderung zum geordneten Rückzug. Nur manchmal kommt dann noch eine allerletzte Mahnung: Aufstehen, hektisches Schwingen des Schwanzes und Fauchen oder Brüllen – aber dann ist es oft schon zu spät! (Fotos: T. Küpper)

  • Abb. 3:  „Tot stellen“ mit im Nacken fest verkrallten Händen. Beide Positionen schützen Bauch und Nacken. Die Bauchlage hat den Vorteil, dass man mit abgespreizten Beinen und Ellenbogen blockieren kann, wenn der Bär einen umdrehen will. Außerdem schützt der Rucksack den Rücken. Körperspannung halten! (Fotos: B.C. Dieckmann)

© Christian Kühn

  • zurück
  • Druckansicht
  • Versenden

Weitere Artikel zum Thema