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Seelische Gesundheit  

Humor in der Pflege

Ressourcenförderung durch Humorinterventionen

Humor in Nursing Care – Resource Promotion Through Humor Interventions

Einleitung

In Zeiten hoher psychischer Arbeitsbelastung, in den letzten Jahren verstärkt durch die Corona-Pandemie sowie derzeit durch den Fachkräftemangel, sind die Förderung von persönlichen Schutzfaktoren von Beschäftigten sowie die Resilienz besonders wichtig. Resilienz steht für die individuelle Fähigkeit, stabil mit externen sowie internen Stressoren umzugehen (Connor u. Davidson 2003). Stressoren sind Belastungsfaktoren, die Stress auslösen oder verstärken können, wodurch Körper und Geist in erhöhte Anspannung geraten (Lazarus u. Folkman 1984). Durch Resilienz kann besonders in turbulenten Zeiten die psychosoziale Gesundheit von Personen geschützt werden. Häufig in der Literatur als stabiles Persönlichkeitsmerkmal erfasst, wurden der Resilienz als multidimensionalem Konstrukt im Verlauf der Erforschung ebenfalls veränderliche Bestandteile zugeschrieben, die zudem trainierbar sind (Luthans et al. 2006). Diese Herangehensweise ermöglicht es Führungskräften, die Resilienz ihrer Mitarbeitenden, beispielsweise durch Interventionen am Arbeitsplatz, proaktiv zu fördern.

Eine Möglichkeit, die Resilienz im Arbeitsalltag zu stärken, besteht darin, aufkommenden Stressoren mit gewisser Leichtigkeit zu begegnen. Ein Mittel, diese Leichtigkeit zu erzeugen, ist die Verwendung von Humor. Mit Humor wird in erster Linie ein soziales Phänomen beschrieben, das, richtig eingesetzt, die Beziehungen zu Mitmenschen stärken sowie angespannte Situationen auflockern kann (Martin 2007). Im Arbeitskontext kann Humor somit dazu beitragen, eine positive und produktive Arbeitsumgebung zu schaffen. Bei näherer Betrachtung besteht Humor hingegen aus vielen Facetten, deren mögliche Auswirkungen nicht immer positiv sind. Wird ein Witz missverstanden, auf Kosten anderer gemacht oder werden persönliche Grenzen überschritten, können sowohl Beziehungen als auch das Wohlbefinden beeinträchtigt werden. Mit dieser Erkenntnis definierten Martin et al. (2003) vier verschiedene Humorstile und unterscheiden zum einen, ob die Verwendung von Humor die Beziehung zum eigenen Selbst oder die Beziehung zu anderen Personen beeinflusst, und zum anderen, ob die Beeinflussung jeweils begünstigend oder schädlich ist (➥ Abb. 1). Humor wird in die vier Stile sozial, selbstaufwertend, selbstabwertend und aggressiv differenziert. Der soziale und der selbstaufwertende Humorstil können begünstigend auf das Selbst und auf die Beziehungen zu anderen wirken und gelten somit als positive Stile. Der selbstabwertende sowie der aggressive Humorstil werden aufgrund von möglichen schädlichen Auswirkungen als negative Humorstile bezeichnet.

Der Zusammenhang zwischen Humor und Resilienz

Studien haben bereits bestätigt, dass positiver Humor als signifikanter Faktor zur Förderung von Resilienz beitragen kann (Bhattacharyya et al. 2019). Resilienz wurde ebenfalls als signifikanter Mediator zwischen den positiven Humorstilen und dem Wohlbefinden von Beschäftigten bestätigt, wobei hier vor allem der selbstaufwertende Humor von Bedeutung ist. Dieser Stil beschreibt die Tendenz, auch in stressigen Zeiten eine humorvolle Lebenseinstellung beizubehalten und bietet Individuen die Möglichkeit, einen Perspektivwechsel auf auftretende Stressoren einzunehmen. In turbulenten Situationen können Beschäftigte durch die Verwendung von Humor eine Distanz zur eigenen organisationalen Rolle gewinnen, den Stressor durch diese rekonstruieren und ihm somit eine neue, positivere Bedeutung zuschreiben (Doosje et al. 2010; Tracy et al. 2006). Diese durch Humor hergestellte Distanz schafft parallel die Möglichkeit zu resilientem Verhalten. In herausfordernden Zeiten kann dem Stressor gegenüber sowohl affektiv durch die Regulierung von Emotionen als auch kognitiv durch eine positive Interpretation der Situation und durch planvolles sowie tatkräftiges Vorgehen begegnet werden (Soucek et al. 2015).

Zusammengefasst kann Humor ebenfalls als personelle Ressource verstanden werden, die resilientes Verhalten im Sinne der Bewältigung von problematischen Situationen stärken kann. Daraus ableitend stellt sich die Frage, wie es vor allem im Arbeitskontext gelingen kann, Humor als personelle Ressource proaktiv zu fördern.

Bei den regelmäßigen Visiten begegnen die Clowninnen und Clowns des ROTE NASEN e. V. den Pflegebedürftigen mit viel Herz auf Augenhöhe

Foto: © Gregor Zielke Rote Nasen Deutschland e.V.

Bei den regelmäßigen Visiten begegnen die Clowninnen und Clowns des ROTE NASEN e. V. den Pflegebedürftigen mit viel Herz auf Augenhöhe

Forschungsprojekt „Humor in der Pflege – für die seelische Gesundheit“

Auch Beschäftigte in Pflegeberufen sind innerhalb ihres emotional anspruchsvollen Arbeitsumfelds mit gestiegenen Belastungen konfrontiert, wodurch ihnen täglich viele Ressourcen abverlangt werden. Um ihre Ressourcen zu schützen und zu stärken, hat sich das dreijährige Modellprojekt „Humor in der Pflege – für die seelische Gesundheit“ zum Ziel gesetzt, ab August 2022 Humor in drei Pflegeeinrichtungen in Sachsen und Thüringen zu fördern. Eine vierte Einrichtung dient als Kontrollgruppe und erhält keine Interventionen. Ziel des Forschungsprojekts ist es, die Effektivität von Clownsvisiten für Bewohnerinnen und Bewohner sowie Humorschulungen für Mitarbeitende in Pflegeeinrichtungen vor allem in Bezug auf die Gesundheitsförderung nachzuweisen. Lassen sich positive Effekte belegen, können die Ergebnisse des Projekts anderen Institutionen eine Entscheidungsgrundlage dafür liefern, ebenfalls Humorinterventionen in ihren Organisationen zu fördern.

Durch das Modellprojekt, das von der AOK Plus – Gesundheitskasse für Sachsen und Thüringen finanziert, durch den ROTE NASEN Deutschland e. V. durchgeführt sowie von der Abteilung für Arbeits- und Organisationspsychologie der Europa-Universität Flensburg wissenschaftlich evaluiert wird, sollen besonders die positiven Humorstile gefördert werden. Dabei erhält jede Einrichtung innerhalb der Projektzeit wöchentlich bis zweiwöchentlich stattfindende Clownsvisiten für ihre Bewohnerinnen und Bewohner sowie drei Durchläufe des Humorweiterbildungsprogramms „HumorAgenda®“ des ROTE NASEN e. V. für interessierte Beschäftigte.

Clownsvisiten

In Hinblick auf die Bewohnerinnen und Bewohner wird mittels regelmäßiger Fragebögen zur Selbst- und Fremdeinschätzung durch das Pflegepersonal untersucht, inwieweit die Clownsvisiten Effekte auf ihre körperliche sowie mentale Funktionsfähigkeit, ihre Stimmung sowie ihre Resilienz zeigen. Auch die Clowns geben nach ihren Einsätzen eine kurze Einschätzung zum Kontakt mit den Bewohnerinnen und Bewohnern der Visite in Form eines Fragebogens ab. Somit kann die Effektivität der Visiten ebenfalls aus der Perspektive der Clowns evaluiert werden. Viele Studien zur Evaluation von Clownsvisiten wurden hauptsächlich in Krankenhäusern in Bezug zu Kindern durchgeführt. Erste Forschungsergebnisse evaluierter Visiten in Bezug zu Erwachsenen, vor allem Seniorinnen und Senioren, zeigen eine Förderung positiver Emotionen und ein gesteigertes Wohlbefinden sowie eine Reduzierung von Ängsten und Stressempfinden (Dionigi u. Canestrari 2016).

Weiterbildungsprogramm ROTE NASEN „HumorAgenda®“

Innerhalb des Modellprojekts haben Mitarbeitende in den Pflegeeinrichtungen die Möglichkeit, freiwillig an Humorschulungen teilzunehmen. Das Programm „HumorAgenda®“
der ROTEN NASEN Deutschland e. V. bildet innerhalb eines sechsmonatigen Zeitraums Beschäftigte der Pflegeeinrichtungen als Humoragentinnen und -agenten aus. Diese sollen anschließend als Multiplikatoren die erworbenen Humorkompetenzen in ihren Arbeitsstätten weitertragen. Innerhalb von vier Seminaren, zusätzlichen individuellen Coachings und der Möglichkeit, die Clownsvisiten zu begleiten, lernen die Teilnehmenden, Humor als Haltung zu verstehen und somit den alltäglichen Herausforderungen in der Pflege mit mehr Leichtigkeit und Freude zu begegnen. Auch die Humorseminare selbst werden als Interventionen wissenschaftlich evaluiert. Die Teilnehmenden beantworten vor und nach jedem der vier Seminare einen kurzen Fragebogen, so dass Veränderungen über den gesamten Zeitraum einer HumorAgenda-Schulung gemessen werden können. Untersucht werden die Effekte der Seminare auf die Humorstile sowie Humorkompetenzen der Teilnehmenden, auf ihre Einstellung zu Humor, auf ihre berufliche Selbstwirksamkeit und auf ihre Resilienz. Außerdem geben die Teilnehmenden an, inwieweit sie subjektiv den Trainingserfolg der einzelnen Seminare einschätzen.

Auch alle anderen Beschäftigten der Pflegeeinrichtungen, die nicht an den Humorschulungen teilnehmen, sind angehalten, an der Studie mitzuwirken und Fragebögen in regelmäßigen Abständen zu beantworten. Insgesamt sind vier Erhebungen über einen Zeitraum von etwas mehr als zweieinhalb Jahren geplant (➥ Abb. 2). Mittels dieses längsschnittlichen Untersuchungsdesigns können so neben Veränderungen des Betriebsklimas durch die Humorinterventionen auch Schlüsse auf die Veränderungen der Akzeptanz von Clownseinsätzen, die psychosoziale Gesundheit, das Wohlbefinden (inkl. Irritation, Selbstmitgefühl, Resilienz) und die persönliche Entwicklung in Bezug auf die Humorstile aller Beschäftigten gezogen werden.

Fazit

Das Modellprojekt „Humor in der Pflege – für die seelische Gesundheit“ besitzt durch die Förderung von Humor, insbesondere durch die Schulungen der Beschäftigten, das Potenzial, neben anderen Faktoren auch die Resilienz in den teilnehmenden Pflegeeinrichtungen zu fördern. Die Frage, inwieweit die Humorschulungen und die Clownsvisiten Effekte auf das Betriebsklima in den Einrichtungen, auf die psychosoziale Gesundheit und auf das Wohlbefinden der Mitarbeitenden sowie auf die Funktionsfähigkeit von Bewohnerinnen und Bewohnern haben, wird nach Abschluss der Datenerhebung Anfang 2025 endgültig evaluiert und beantwortet. Sollte die Wirksamkeit der Humorinterventionen bestätigt werden, können diese als Instrument zur Förderung der personalen sowie betrieblichen Ressourcen beitragen und damit die Resilienz von Beschäftigten und Organisationen stärken.

Interessenkonflikt: Die Autorinnen erklären, dass sie innerhalb der vergangenen drei Jahre Forschungsunterstützung von der AOK Plus – Krankenkasse für Sachsen und Thüringen erhalten haben.

Literatur

Bhattacharyya P, Jena L, Pradhan S: Resilience as a mediator between workplace humour and well-being at work: An enquiry on the healthcare professionals. J Health Manage 2019; 22: 1–18.

Connor K, Davidson J: Development of a new resilience scale: The Connor-Davidson Resilience Scale (CD-RISC). Depression and Anxiety 2003; 18: 76–82.

Dionigi A, Canestrari C: Clowning in health care settings: The point of view of adults. Eur J Psychol 2016; 12: 473–488.

Doosje S, De Goede M, Van Doornen L, Goldstein J: Measurement of occupational humorous coping. Humor – Int J Humor Res 2010; 23: 275–305.

Lazarus RS, Folkman S: Stress, appraisal, and coping. New York: Springer Publishing Company, 1984.

Luthans F, Vogelgesang GR, Lester PB: Developing the psychological capital of resiliency. Human Res Develop Rev 2006; 5: 25–44.

Martin RA: The psychology of humor: An integrative approach. Amsterdam: Elsevier Academic Press, 2007.

Martin RA, Puhlik-Doris P, Larsen G, Gray J, Weir K: Individual differences in uses of humor and their relation to psychological well-being: Development of the Humor Styles Questionnaire. J Res Personal 2003; 37: 48–75.

Soucek R, Pauls N, Ziegler M, Schlett C: Entwicklung eines Fragebogens zur Erfassung resilienten Verhaltens bei der Arbeit. Wirtschaftspsychologie 2015; 17: 13–22.

Tracy SJ, Myers KK, Scott CW: Cracking jokes and crafting selves: Sensemaking and identity management among human service workers. Commun Monographs 2006; 73: 283–308.

doi:10.17147/asu-1-288488

Weitere Infos

Homepage des Projekts „Humor in der Pflege – für die seelische Gesundheit“
https://www.aok.de/fk/plus/betriebliche-gesundheit/weitere-inhalte/bgf-…

Abb. 2:  Überblick über den groben Ablauf des Modellprojekts „Humor in der Pflege“ am Beispiel einer Einrichtung

Abb. 2: Überblick über den groben Ablauf des Modellprojekts „Humor in der Pflege“ am Beispiel einer Einrichtung

Kernaussagen

  • Humor kann ein probates Mittel zur Förderung von Resilienz darstellen.
  • Insbesondere die Verwendung des selbstaufwertenden Humorstils bietet Individuen die Möglichkeit, einen Perspektivwechsel gegenüber auftretenden Stressoren einzunehmen und in turbulenten Zeiten eine humorvolle Lebenseinstellung beizubehalten.
  • Das dreijährige Forschungsprojekt „Humor in der Pflege – für die seelische Gesundheit“ nutzt dieses Wissen und fördert Clownsvisiten für Bewohner und Bewohnerinnen sowie Humorschulungen für Mitarbeitende in Pflegeeinrichtungen.
  • Sollte durch die Evaluation die Wirksamkeit der Humorinterventionen bestätigt werden, können diese als Instrument zur Förderung der personalen sowie betrieblichen Ressourcen beitragen und folglich die Resilienz von Beschäftigten in Organisationen stärken.
  • Koautorin

    Prof. Dr. Tabea Scheel
    Abteilung Arbeits- und Organisationspsychologie der Europa-Universität Flensburg

    Kontakt

    M.A. Laura Korock
    Abteilung Arbeits- und Organisationspsychologie der Europa-Universität Flensburg; Munketoft 3b; 24937 Flensburg

    Foto: Kristopher Müller-Greve

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