ASU Ausgabe: 08-2019

Begutachtung wissenschaftlicher Manuskripte zur Beurteilung der Publizierbarkeit

Abb.1: Schematische Darstellung der Begutachtung wissenschaftlicher Manuskripte (Peer-Review-Verfahren)

Abb.1: Schematische Darstellung der Begutachtung wissenschaftlicher Manuskripte (Peer-Review-Verfahren)

Veröffentlichungen wissenschaftlicher Artikel in Fachzeitschriften können nicht nur wissenschaftliche, sondern auch gesellschaftliche, politische und wirtschaftliche Entscheidungen beeinflussen. Bei medizinischen Beiträgen kann dadurch auch unmittelbar die Gesundheit von Menschen direkt (z.B. Diagnostik und Therapie) und indirekt (z.B. Arbeits- und Umweltschutz) betroffen sein. Die Herausgabe einer wissenschaftlichen Zeitschrift und damit verbunden die Entscheidung, welche Artikel publiziert werden, muss daher mit der größtmöglichen Sorgfalt erfolgen (Drexler u. Schaller 2009b).

Begutachtung durch die Herausgeber

Die erste Prüfung des Manuskripts erfolgt durch die Herausgeber des Journals. Sie prüfen, ob das Thema und die Methodik des Artikels zum Profil (Scope) der Zeitschrift passen und ob das Thema nicht bereits an anderer Stelle publiziert wurde. Durch den einfachen Zugang zu entsprechenden Datenbanken (z.B. Pubmed) ist diese Prüfung ohne großen Arbeitsaufwand zu leisten. Bei der ersten Sichtung berücksichtigen die Herausgeber auch die wissenschaftliche Qualität der eingereichten Arbeit. Die Prüfung durch die Herausgeber berücksichtigt auch, ob ein Votum einer Ethikkommission vorliegt, wenn Untersuchungen an Menschen vorgenommen wurden und ob mögliche Interessenskonflikte transparent und nachvollziehbar dargestellt sind. Der Arbeitsaufwand einer weiteren Begutachtung ist nicht zu rechtfertigen, wenn bereits an dieser Stelle gravierende Mängel festgestellt werden.

Von renommierten internationalen Fachzeitschriften wird ein relativ großer Anteil von eingereichten Manuskripten abgelehnt. Zum Beispiel beträgt die Quote der Ablehnungen durch die Herausgeber bei den International Archives of Occupational and Environmental Health (IAOEH) derzeit ca. 40 %. Die entsprechenden Beiträge werden dann nicht in den weiteren Peer-Review-Prozess gegeben. Die Gründe hierfür sind in absteigender Häufigkeit, dass die Thematik nicht zum Profil (scope) passend erscheint, dass die Ergebnisse nicht neu sind (meist Reproduktion von Studien in verschiedenen Berufsgruppen oder verschiedenen Ländern) oder dass gravierende methodische Mängel offensichtlich sind (Studiendesign, Fallzahl, Messmethoden). Auf keinen Fall führen aber unplausibel erscheinende Ergebnisse und Schlussfolgerungen dazu, dass ein Peer Review nicht eingeleitet wird.

Die Herausgeber haben nur die wissenschaftlichen Kriterien zu berücksichtigen. Die gesellschaftspolitischen Auswirkungen von wissenschaftlichen Ergebnissen können keinerlei Bedeutung haben bei der Entscheidung, ob diese in einem wissenschaftlichen Journal publiziert werden sollen oder nicht. Eine politisch motivierte Entscheidung wäre nicht nur zutiefst unwissenschaftlich und unethisch, sondern würde langfristig auch nicht dem politischen Ziel gerecht, nämlich dem Interesse der Allgemeinheit zu dienen (Drexler 2009b).

Peer-Review-Verfahren

Für die Entscheidung, ob ein Manuskript für eine Publikation angenommen oder abgelehnt wird, lassen sich die Herausgeber wissenschaftlicher Journale von Gutachtern beraten. Für dieses Verfahren hat sich auch im Deutschen der Begriff Peer-Review-Verfahren etabliert. Ein Peer-Review ist ein Verfahren zur Qualitätssicherung bei der Publikation eines Manuskripts durch unabhängige Gutachter, die mit der Thematik und den beschriebenen Methoden möglichst auf dem Boden eigener Arbeiten vertraut sind. Der Begriff Peer-Review ist bereits über 340 Jahre alt und wurde in London eingeführt. Peer kann ins Deutsche mit Gleichrangiger, Ebenbürtiger oder Fachkollege übersetzt werden, nicht aber mit Peers (kein Singular), dessen Übersetzung ins Deutsche Edelleute bedeutet.

Ein Peer-Review-Begutachtungsverfahren wird von in Datenbanken (z.B. PubMed) gelisteten Journalen obligat gefordert. Wenn ein wissenschaftlicher Artikel bei einer Zeitschrift eingereicht wird, müssen mehrere Gutachter (mindestens zwei) eine Begutachtung durchführen. Für das International Archives of Occupational and Environmental Health beispielsweise werden grundsätzlich drei Gutachter um Stellungnahme gebeten.

Eine Kritik am Peer-Review, die häufig geäußert wird, ist die lange Verfahrensdauer. Oftmals warten Autoren und der Herausgeber mehr als ein halbes Jahr, bis die Gutachter geantwortet haben bzw. bis sich geeignete Gutachter bereit erklärt haben. Die Autoren, die neues Wissen generieren, möchten dieses aus wissenschaftlichen, aber auch aus persönlichen Gründen möglichst schnell veröffentlichen. Auch der Editor hat großes Interesse an einer zügigen Bearbeitung, da der Impact-Faktor durch die Publikationszeiten beeinflusst wird. Für den Impact-Faktor (IF) zählen die Zitationen der beiden Jahre vor dem Erscheinungsjahr eines Journals. In der Regel zitiert ein Autor auch Arbeiten, die in dem Journal erschienen sind, in dem sein Manuskript publiziert werden soll. Dauert es bis zur Publikation ein Jahr und mehr, zählen viele Zitationen für den IF nicht mehr.

Ein weiterer Kritikpunkt ist, dass das Peer-Review-Verfahren aufwändig ist. Das Gutachterverfahren wird i.d.R. zwar unentgeltlich durchgeführt, dennoch ist es nur vermeintlich billig. Berücksichtigt man, wie viel Arbeit und damit Zeit sich die meisten Gutachter mit der Begutachtung eines Manuskripts machen und würde die entstandene Arbeitszeit berechnet werden, dann wäre das Peer-Review-Verfahren relativ teuer. Dies ist auch der Grund, warum es zunehmend schwierig wird Wissenschaftler zu finden, die bereit sind, ein Gutachten zu übernehmen. Auch die Suche nach Peers verzögert den Publikationsvorgang. Wir beobachten in den letzten Jahren einen Rückgang der Bereitschaft, dieses Ehrenamt unentgeltlich zu übernehmen. In Einzelfällen müssen für ein Manuskript 20 und mehr Gutachter eingeladen werden, um den Begutachtungsprozess erfolgreich abschließen zu können. Bei sehr spezialisierten Forschungsthemen gibt es oft nur wenige Experten, die für die Begutachtung eines Manuskripts in Frage kommen. Ohne deren Bereitschaft, diese Aufgabe auch zu übernehmen, kann eine Begutachtung nicht stattfinden.

Daneben muss natürlich erwähnt werden, dass das Peer-Review-Verfahren sehr subjektiv ist. Unvermeidbar hat jeder Wissenschaftler eine mehr oder weniger vorgefertigte Meinung zu bestimmten Themen, was die Empfehlung zur Annahme oder Ablehnung des Manuskripts beeinflusst. Dies macht das Peer-Review-Verfahren anfällig für systematische Verzerrungen, nämlich dann, wenn die wissenschaftliche Gemeinschaft eine bestimmte Meinung hat und alternative Ergebnisse und Schlussforderungen auf Skepsis stoßen. Dies kann dazu führen, dass Ergebnisse, die einer gängigen Hypothese widersprechen, viel kritischer begutachtet werden als solche, die die vermeintlich richtige Theorie bestätigen. Nicht von der Hand zu weisen ist auch die Tatsache, dass ein Peer-Review-Verfahren leicht zu missbrauchen ist. Beispielsweise kann ein Gutachter den Wissensvorsprung für die eigene wissenschaftliche Arbeit nutzen oder er kann Ergebnisse unterdrücken, die nicht ins eigene Konzept passen. Letztlich kann somit auch für den Gutachter ein Interessenskonflikt vorliegen. Durch persönliche oder berufliche Beziehungen zwischen dem Gutachter und den Autoren kann eine bewusste oder unbewusste Beeinflussung des Gutachtenergebnisses sowohl im positiven als auch im negativen Sinne erfolgen. Auch könnten politische Überzeugungen oder wirtschaftliche Abhängigkeiten des Gutachters den Review-Prozess beeinflussen. Die Herausgeber sind deshalb darauf angewiesen, dass auch Gutachter mögliche Interessenskonflikte offenlegen. Oftmals wird festgestellt, dass das Peer-Review-Verfahren unbrauchbar sei, um grobe Fehler zu erkennen, da die aufbereiteten Daten eine exakte Beurteilung des Datenmaterials meistens gar nicht zulassen. Ein gezielter Betrug könne mit dem Peer-Review-Verfahren ohnehin nicht aufgedeckt werden.

Nach der mehrheitlichen Auffassung der internationalen wissenschaftlichen Gemeinschaft gibt es aber derzeit keine bessere Lösung für den Entscheidungsprozess, welche Manuskripte publiziert werden sollen, als das Peer-Review-Verfahren. Ein Herausgeber muss jedoch die Schwächen kennen, um mögliche Fehlentscheidungen zu minimieren (Creutzfeldt 1997).

Beispielhaft ist der Prozess des Peer-Review-Verfahrens für eine internationale Zeitschrift (IAOEH) in  Abb. 1 dargestellt. In der Regel müssen Manuskripte nach der Begutachtung mehr oder weniger intensiv überarbeitet werden, bevor diese zur Publikation akzeptiert werden. Oftmals ist nach Überarbeitung ein erneuter Begutachtungsprozess erforderlich, bei dem in der Regel die Erstgutachter gebeten werden zu prüfen, ob die Verbesserungsvorschläge adäquat umgesetzt wurden. Die Annahme eines Manuskripts ohne Änderung ist die Ausnahme und nicht die Regel.

Letter to the Editor und Richtigstellungen

Die kontroverse, auch in anderen Zeitschriften geführte Diskussion zu der Glaubwürdigkeit einer wissenschaftlichen Arbeit (Schwarz et al. 2008; Lerchl 2008, 2009; Rüdiger 2009, Drexler u. Schaller 2008a,b, 2009a) hat die Herausgeber des IAOEH seinerzeit veranlasst, die Rubrik „Letter to the Editor“ einzuführen, in der erschienene Manuskripte kommentiert werden können, und die Anforderungen an das „Acknowledgement“ zu konkretisieren.

Fazit

Die Wissenschaft braucht unabhängige Publikationsorgane, da eine Studie erst durch die Publikation nach einem Review-Prozess zu einer wissenschaftlichen Arbeit wird. Die Autoren müssen ihre angewandten Methoden, ihre damit erzielten Ergebnisse sowie ihre Interpretation und ihre Schlussfolgerungen der öffentlichen Kritik aussetzen und die gesamte Arbeit muss von der wissenschaftlichen Gemeinschaft akzeptiert werden. Der einzelne Wissenschaftler möchte auch, dass seine Ergebnisse kritisch gelesen und kommentiert werden, weil er nur so die eigene Fehlinterpretation bzw. Fehlleistung erkennen kann. Selbstverständlich will auch jeder Wissenschaftler, dass seine Ergebnisse zitiert werden. Dies setzt voraus, dass die Publikation von einer großen Zahl von Wissenschaftlern gelesen wird. Ein leichter Zugang zu den Publikationen ist daher aus wissenschaftlicher Sicht dringend erforderlich.

Insbesondere im Zeitalter des Internets und der Digitalisierung kommt es zunehmend zu einer Konfliktsituation zwischen den wissenschaftlichen Interessen der Autoren und den kommerziellen Interessen der Verlage. Die Wissenschaft möchte zeitnah publizieren, die Verlage benötigen eine gesunde wirtschaftliche Basis, um ihre Medien gewinnbringend bzw. zumindest kostendeckend verkaufen zu können. Bei den Printmedien ist derzeit eine sehr ungünstige Situation zu beobachten. Durch die Möglichkeit, die Artikel von Zeitschriften relativ einfach zu vervielfältigen, nimmt aktuell die Anzahl der Abonnenten wissenschaftlicher Zeitschriften kontinuierlich ab, was die Auflagenzahlen reduziert. Dies stellt zum einen die Wirtschaftlichkeit der Publikationsorgane in Frage und zum anderen führt dies zu einem deutlichen Anstieg der Preise. Vice versa führen die sich hieraus entwickelnden hohen Preise der wissenschaftlichen Journale dazu, dass diese immer weniger verbreitet sind und teilweise auch über Universitätsbibliotheken nicht mehr frei zugänglich sind. Die Alternative sind die frei zugänglichen Journale mit Qualitätssicherung (Open Access). Zur Deckung der hierbei anfallenden Kosten müssen aber die Autoren oftmals einen vierstelligen Eurobetrag für die Begutachtung ihres Manuskripts bezahlen, was möglicherweise zu relevanten Selektionseffekten bei Publikationen und dadurch zu einem nicht zu unterschätzenden Publikationsbias führen kann. Ob dadurch die Freiheit der Wissenschaft und die Publikation von wissenschaftlichen Ergebnissen negativ beeinflusst werden, muss die Zukunft zeigen.

Literatur

Creutzfeldt W: Die Aufgaben des Herausgebers einer medizinischen Zeitschrift: Manuskriptauswahl, Qualitätssicherung, Interessenskonflikte, ethische Fragen. In: Creutzfeldt W, Gerock W (Hrsg) Medizinische Publizistik. Stuttgart: Thieme, 1997, S. 10–17.

Drexler H, Schaller KH: Sind die von Schwarz et al. 2008 publizierten Ergebnisse glaubhaft? Umweltmed Forsch Prax 2008a; 13 (4).

Drexler H, Schaller KH: Kommentar zu A. Lerchl „Umgang mit kritischen Kommentaren zu veröffentlichten Daten“. Umweltmed Forsch Prax 2008b; 13 (4).

Drexler H, Schaller KH: Expression of concern. Int Arch Occup Environ Health 2009a; 82: 143–144.

Drexler H, Schaller KH: Ethische Grundsätze und wissenschaftliche Objektivität bei der Herausgabe von Publikationen. In: Baur X, Letzel S, Nowak D (Hrsg.): Ethik in der Arbeitsmedizin. Landsberg: Ecomed Medizin, 2009b.

Lerchl A: Comments on “Radiofrequency electromagnetic fields (UMTS, 1,950 MHz) induce genotoxic effects in vitro in human fibroblasts but not in lymphocytes” by Schwarz et al. Int Arch Occup Environ Health 2009; 82: 275–278.

Lerchl A: Replik zum Kommentar von H. Drexler und K.H. Schaller. Umweltmed Forsch Prax 2008; 13 (4).

Rüdiger HW: Answer to comments by A. Lerchl on “Radiofrequency electromagnetic fields (UMTS, 1,950 MHz) induce genotoxic effects in vitro in human fibroblasts but not in lymphocytes” published by C. Schwarz et al. 2008. Int Arch Occup Environ Health 2009; 82: 279–283.

Schwarz C, Kratochvil E, Kuster N, Adlkofer F, Rüdiger H: Radiofrequency electromagnetic fields (UMTS, 1,950 MHz) induce genotoxic effects in vitro in human fibroblasts but not in lymphocytes. Int Arch Occup Environ Health 2008; 81: 755–767.

Für die Verfasser

Prof. Dr. med. Hans Drexler

Institut und Poliklinik für

Arbeits-, Sozial- und Umweltmedizin

der FAU Erlangen-Nürnberg

Henkestraße 9 – 11

91054 Erlangen

hans.drexler@fau.de

H. Drexler

B. Schaller

K. Schmid

Literatur

Fussnoten

Institut und Poliklinik für Arbeits-, Sozial- und Umweltmedizin der FAU Erlangen-Nürnberg (Direktor: Prof. Dr. med. Hans Drexler), Erlangen

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