ASU Ausgabe: 03-2015

Lebenszeit und Arbeitszeit nach dem Verlust der religiösen Transzendenz

Der Einfluss der Beschleunigung

Mensch und Arbeit  Im Zuge der Aufklärung verschiebt sich der Lebenssinn vom Jenseits (Hoffen auf das Leben in Ewigkeit) ins Diesseits (erfülltes Leben). Da die Lebenszeit begrenzt ist, bedingt diese Verschiebung eine Beschleunigung des Lebensrhythmus, in der Hoffnung, möglichst wenig zu verpassen. Ist der Ansatz aber, einen Sinn im gelebten Leben ausmachen zu können, muss nach Werten gesucht werden, die eine zufriedenstellende Erzählung dieses Lebens zulassen. Hierzu können die Arbeit selbst, der Arbeitnehmer und der Arbeitgeber beitragen. Detlev Jung und Johannes Jung

Inhaltsübersicht

  1. Lebenszeit und Arbeitszeit nach dem Verlust der religiösen Transzendenz
  2. Zitat
  3. Zitate
  4. Für die Autoren

Einführung

Der Bezug des Menschen zur Zeit, insbesondere der Zeit, die er mit der Arbeit ver-bringt, hat sich vor dem Hintergrund des Verlusts in das Vertrauen in eine religiös begründete Transzendenz (in den Glauben) verändert. Die Lebenszeit ist relevant, weil beschränkt, und damit knapp geworden. Ein solcher Zeitbezug kann für viele Phänomene in der Beziehung der Menschen zur Arbeit als Erklärung dienen. Er ist bei der Betrachtung und der Erklärung von Einstellungen zur Arbeit im betrieblichen Alltag in der Diskussion mit Mitarbeitern und Vorgesetzten hilfreich und direkt einleuchtend (etwa zum Primat der Arbeitszeit, das sich in Schichtarbeit, Überstunden, Flexibilisierung der Arbeitszeit in seiner Dominanz gegenüber der privaten Zeit manifestiert, oder in der Betrachtung eines Lebenswerkes). Sie lässt sich zudem gut mit der Beschreibung und der Relevanz der Beschleunigung durch Blumenberg (1986), Virilio (1997) und Rosa (2005) vereinbaren.

Was das heißt, was dieser Zeitmangel be-züglich der Einstellung zur Arbeit bedeutet, wie dies durch Beschleunigungsphänomene akzentuiert wird und auch welche Lösungsansätze gesehen werden, soll im Folgenden ansatzweise beschrieben werden.

Die Bedeutung dieser Phänomene wird immer wieder nicht nur anhand der Fachliteratur, sondern auch anhand allgemeiner kultureller Äußerungen belegt. So sind etwa die Themen des Kinderbuchs „Momo“ (Ende 1973) Zeit und Sinn des Lebens. Kunst und Literatur geben gute Hinweise auf die sonst nur schwer nachzuweisende Bedeutung, die der Mensch dem Phänomen der entgleitenden Zeit gibt (s. auch Oerter 1999).

Historischer Hintergrund

Vor der Aufklärung ist der Mensch im christ-lichen Europa im Glauben an das Leben nach dem Tod und im Vertrauen auf die für immer währende Existenz seiner Seele in der Ewig-keit eingebettet (religiöse, vertikale Transzendenz). „… dass ich … mich nach dem einen strecke (Phil. 3,13), nicht was da kom-men wird und wieder gehen, sondern nach dem, was ewig vor mir ist“ (Augustinus 1958). Mit dieser Auffassung gibt der für das Mittel-alter maßgebliche Kirchenlehrer die Ausrich-tung auf das Leben nach dem Tode, die Ewig-keit und gleichzeitig die Abwendung vom Jammertal der diesseitigen Existenz vor.

Beginnend in der Renaissance und dann insbesondere in der Aufklärung verlieren die Menschen das Vertrauen in die Zusage der christlichen Religion für diese Ewigkeit und somit auch die Sicherheit des ewigen Fortbestands ihrer Seelen. Die Zeit wird wieder relevant. Die Antike und ihre Denker und Schriftsteller werden wieder aufgegriffen. Schon Seneca kritisiert die Freigiebigkeit des Menschen bzgl. seiner Lebenszeit: „Niemand findet sich, der sein Geld verteilen möchte: sein Leben dagegen teilt ein jeder aus, und an wie viele! Genau sind sie im Zusammenhalt ihres Vermögens; sobald es sich aber um die Zeit handelt, sind sie die größten Verschwender“ (Seneca 1958).

Der Mensch der Renaissance sieht sich nicht mehr eingebunden in einen größeren Ablauf, sondern seine Welt als Individuum im Kontrast zur übrigen Außenwelt. „Die Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbst verschuldeten Unmündig-keit“ (Kant 1784). Die Glaubenssätze der Kirchen werden nicht mehr blind hingenom-men, sondern es wird über Glaube und die eigene Existenz reflektiert. „Die Orthodoxie selbst beging den Fehler, die Vernunft in den religiösen Bezirk einzulassen, indem sie die Glaubenssätze vernunftgemäß zu beweisen suchte … Die liberale Theologie setzt das Religiöse zur Funktion der menschlichen Humanität herab“ (Mann 1947: Serenus Zeitbloom in Dr. Faustus).

Nachdem der Mensch den unbedingten Glauben an sein Leben in der Ewigkeit verloren hat, muss er sich nun auf sein irdisches Leben und damit auf eine beschränkte, ab-zählbare Zeit konzentrieren. Dies wird auf verschiedene Weisen versucht ( Abb. 1).

Die Lebenszeit muss verlängert werden (Descartes ist davon überzeugt, dass dieses Anliegen mithilfe der Medizin gelin-gen kann. Zitiert in: Gronemeyer 1997).

Die eigenen Werke und Taten müssen die Lebenszeit überdauern. „Das die Spur von meinen Erdentagen nicht in Äonen untergeht“ (Goethe 1986)

Ein anderer Weg ist es, die Ereignisdichte seines Lebens zu erhöhen (s. auch Akzelerationszirkel).

Das Menschenbild des Kapitalismus

Zeitgleich zum Verlust des Vertrauens in die religiöse Transzendenz in der Aufklärung entwickelte sich im Rahmen der industriel-len Revolution auch die kapitalistische Wirtschaftsordnung (s. hierzu auch Jung 2010). Sie gründet wesentlich auf der Spirale von Produktion, Verkauf, Werbung, Erhöhung der Produktion usw., exakt im Sinne und als wesentlicher Motor des Akzelerationzirkels (s. unten). Von dem hier zugrunde liegenden Menschenbild des Homo oeconomicus schreibt Wallacher (2012) zu Recht, dass es „kein Menschenbild im üblichen Sinne sei, sondern ein Modell zur Erklärung menschlichen Verhaltens zum Zwecke ökonomischer Theoriebildung“. Es hat die Logik der rationalen Nutzen- und Gewinnmaximierung und „blendet systematisch die gesamte Innenperspektive des Handelnden aus … Sein Bedürfnis nach Selbstachtung und Selbstwirksamkeit fällt genauso unter den Tisch wie das nach Teilhabe“.

Diese Auffassung wird von Detzer (1999) geteilt, wenn er ausführt, dass Menschenbilder unter bestimmten (vor allem ökonomi-schen) Aspekten konstruiert werden und sie nicht unbedingt dazu taugen, Lebenswelten zu erklären. Lebenswelten, Sinnwelten und durch Menschenbilder geprägte Arbeitswelten seien möglicherweise in großen Teilen kontingent, und es sei die Frage, ob es sinnvoll und möglich ist, hier Zusammenhänge zu schaffen. Aus Unternehmensperspektive zitiert er Milton Friedman: „Die soziale Ver-antwortung von Unternehmen besteht darin, ihren Profit zu steigern.“ Der Gegenentwurf zu Friedman findet sich bei Niethammer (1994): „Unternehmen existieren nicht um ihrer selbst willen, sondern um für ihre Umwelt, die Gesellschaft im weitesten Sinne, eine Leistung zu erbringen. Sie beziehen ihre soziale Legitimation aus ihrer Leistung nach außen“.

Auch aus dem Bereich der Kirche wird angemahnt, den Menschen nicht als einen Produktionsfaktor unter anderen zu sehen (Huber 2007). So mahnt Kardinal Lehmann (2011) an: „Auch die Menschen werden Ersatz- und Versatzstücke.“

Akzelerationszirkel

Ist die Ewigkeit verloren, so kann das Bestreben nur sein, die zur Verfügung stehende Lebenszeit nach Möglichkeit zu verlängern, zumindest aber zu sichern (vgl. Jung 2010). Gleichzeitig wird der Mensch versuchen, möglichst viel in die ihm zugewiesene Zeit hinein zu packen. Er wird also versuchen, sein Leben zu beschleunigen. Wie ihm dies durch den Fortschritt der Technik ermöglicht werden kann, was aber auch die Folgen der zunehmenden Beschleunigung unserer Zeit sind, wird folgendermaßen beschrieben (Rosa 2005, 2012, s. auch  Abb. 2):

Die technologische Beschleunigung spielt sich auf den Gebieten der Information, des Transports und der Produktion ab. Dieser Fortschritt erspart dem Menschen Zeit (z. B. die Wasch-/Spülmaschine nimmt die zeitintensive Handarbeit ab; der Transatlantikflug verkürzt die Zeit der Schiffsreise erheblich; Informationen kann ich – fast ohne Zeitverzug – jederzeit erhalten, sie kommen per Internet zu mir, ich muss sie nirgends mehr abholen). Dies müsste eigentlich zu einer Entschleunigung des Lebens mit Gewinn an freier Zeit führen, was aber ganz offensichtlich nicht der Fall ist. Dies begründet Rosa (2005) damit, dass mit dieser technischen Beschleunigung auch die Bedürfnisse, sowohl des Einzelnen wie auch des Arbeitgebers, ansteigen.

Immer neue Technologien lassen immer neue Ziele wachsen, sei es in der Produk-tion oder auch in den Erwartungen, die der Mensch an das Leben hat. Das bislang Erreichte verliert schnell an Bedeutung (Gegenwartsschrumpfung). Die Möglichkeit wird zur Erwartung. Die Beschleunigung des sozialen Wandels erzeugt das Gefühl, sich Stillstand nicht leisten zu können, immer weiter das Lebenstempo erhöhen zu müssen, um nicht abgehängt zu werden (Slipping slopes). Durch die Beschleunigung des Lebenstempos wird wiederum die Res-source Zeit knapper, und wir erwarten die Hilfe von weiteren technologischen Beschleunigungen. Damit ist der Akzelera-tionszirkel geschlossen.

Ein zusätzlicher Motor dieses Beschleu-nigungszirkels ist die Tatsache, dass die Informationsbeschleunigung die von Transport und Produktion bei weitem übertrifft. Die Welt zeigt uns immer deutlicher, wieviel sie eigentlich zu bieten hat. Wir aber müssen erkennen, dass wir prozentual immer weniger davon tatsächlich in unserer Lebenszeit verwirklichen können (Blumenberg 1986; Rosa 2005).

Gegenwartsschrumpfung und Slipping slopes

Nach Rosa (2005, 2012) ergeben sich aus dieser fortwährenden Beschleunigung zwei Konsequenzen: zum ersten eine Gegenwarts-schrumpfung. Als Gegenwart definiert er die Summe

des augenblicklichen Zeitpunkts,

der Zeit beziehungsweise der Erfahrun-gen der Vergangenheit, die auf die Gegenwart Einfluss haben und

der Zeit beziehungsweise der Geschehnisse in der Zukunft, auf die unsere Er-fahrungen Einfluss werden haben können.

Immer schneller kommen immer mehr neue Informationen auf uns zu und verändern unseren Zugang zur Umwelt. Klassisches Beispiel ist die Geschwindigkeit des Wechsels neuer PC- oder Kommunikations-Programme. „Falls Sie sich wundern, dass Sie Ihre Kinder nicht mehr per Mail erreichen, dann haben Sie verpasst, dass sie über Face-book schon längst auf Instagram abgewandert sind“ (siehe auch Mühl 2015).

Je schneller bisher als wahr und relevant geltende Informationen veralten und uns da-mit bei der Bewältigung neuer Situationen nicht mehr hilfreich sind, umso enger wird der Zeitraum, den wir noch in die für uns relevante Gegenwart einschließen und überblicken können, die Gegenwart schrumpft. Paul Virilio (1997) spricht hier von einem Endpunkt des „Rasenden Stillstands“. Die zunehmend geforderte und anscheinend erforderliche Flexibilisierung von

Arbeitsstelle (den heute sich in Ausbil-dung befindenden Menschen werden häufigere Arbeitsplatzwechsel vorhergesagt),

Arbeitsort (der Arbeitsbereich von Fir-men erweitert sich durch (z. B. EU-) weite Ausschreibungen erheblich mit der individuelle Folge von kurz- oder längerfristigen Entsendungen) und

Arbeitsverfahren (hier hat der Begriff des lebenslangen Lernens seinen Platz; die Verfahren ändern sich mit einer derartigen Geschwindigkeit, dass R. Sennett (2006) argwöhnt, dem Arbeitgeber sei mittlerweile ein Arbeitnehmer ohne spezifische Ausbildung am liebsten)

stellt nichts anderes als die phänomenologische Ausprägung dieser Gegenwartsschrumpfung dar. Auch und gerade in der Arbeitswelt sind die zukünftigen Situatio-nen, auf die man sich einstellen muss, im-mer weniger und nur über einen immer kür-zeren Zeitraum hinweg zu antizipieren. Dies gilt aber beileibe nicht nur für die Arbeitswelt. Im Privaten sind hier die Phänomene in unendlich vielen Bereichen zu beobachten; erwähnt seien die Partnerschaften, die sich von Lebensgemeinschaften zunehmend zu Lebensabschnittsgemeinschaften verändern, oder die immer kurzfristiger festgemachten Verabredungen per Handy oder WhatsApp.

Den Endpunkt, auf den Beschleunigung und Flexibilisierung hinsteuern, bezeichnet Rosa (2005) als Slipping slopes. Man muss fortwährend strampeln, um auch nur auf der Höhe der Zeit zu bleiben. Auszeiten (wie Handy- und E-Mail-freie Zeiten oder gar Urlaub) kann man sich anscheinend nicht erlauben. Es ist interessant festzustellen, dass dieses Phänomen nicht eines der jüngsten Neuzeit, sondern zumindest literarisch schon von L. Caroll (s. Zitat, rechts) verarbeitet worden ist.

Lebenssinn

Mit der Beschreibung des Akzelerationszirkels ist der Grund, der uns dazu treibt, uns an der Beschleunigung zu beteiligen, noch nicht beschrieben. Wir gehen von der Annahme aus, dass die Suche nach einem Lebenssinn dem Menschen innewohnt. Nicht jede Denkrichtung wird der teleologischen Ausrichtung, dass es einen Lebenssinn tat-sächlich gibt, zustimmen. So kann G. Anders (1980) im Sinne des Existenzialismus fragen: „Warum setzen Sie eigentlich vor-aus, dass ein Leben, außer da zu sein, auch noch etwas haben müsste oder auch nur könnte – eben das, was Sie Sinn nennen?“

Unabweisbar ist in der Regel dennoch, dass der Mensch in seinem Leben einen Sinn sucht. Dieses Streben nach horizontaler, weltlicher Selbsttranszendenz wird von Viktor Frankl beschrieben, taucht aber auch in der Bedürfnispyramide von Maslow (1943) auf. Auch die christlichen Religionsgemeinschaften setzen sich damit – auch und gerade im Bezug auf die Arbeit – auseinander (Küppers 2013; Wegner 2013; Hu-ber 2007).

Die Frage nach dem Sinn, nach den Wer-ten im Leben wird mittlerweile auch mit epi-demiologischen Untersuchungen angegangen. So beschreibt Schnell (2011) in einer Fragebogen-Studie als die bedeutendsten Sinnquellen die Generativität, die Harmonie, die explizite Religiosität, die Macht, die Bodenständigkeit, die Spiritualität, die Entwicklung sowie die Kreativität.

Die Generativität als die den Befragten bedeutendste Sinnquelle definiert sie folgendermaßen: „Menschen erleben es als sehr bedeutsam, Dinge zu tun oder zu schaffen, die Auswirkungen über ihr eigenes Leben hinaus haben. Dies sind Dinge mit bleibendem Wert, auch für nachfolgende Generationen.“ Diesen Aspekt der Selbsttranszendenz greift der Mönch des Klosters Grigoriu – der dieser weltlichen, horizontalen Selbsttranszendenz gegenüber allerdings negativ eingestellt ist – auf, wenn er sagt (Kästner 1956): „ Es ist heidnisch … zu glauben, dass man durch Ruhm und Nachruhm und durch unsterbliche Werke das Lebenszeitröckchen ein bisschen herauslassen könne.“ Im Arbeitskontext (Humanisierung des Arbeitslebens, s. auch Ulich et al. 2013) fragen Politik und Sozialpartner nach Kriterien von „Guter Arbeit“ (zuletzt Hentrich 2014). Hel-fert (2014) ermittelt: „Was macht Freude am Arbeitsplatz?“

Hier kann nicht näher auf Inhalte des Lebenssinns wie Würde oder Wertvorstellungen (s. hier z. B. Neg 2011; Joas 1999) ein-gegangen werden. Unter dem Aspekt der Zeit ist aber festzuhalten:

Ich will mir gewiss sein, dass ich dabei bin, mein Leben sinnvoll zu gestalten, Dazu muss ich mir sicher sein können, dass die Umstände so sind, dass ich am Ende eine zusammenhängende Geschichte (Rosa u. Wellershoff 2011 bezeichnen dies als Narratio) erzählen kann. Die Definition eines Sinns, eines Ziels setzt das Erfahren des Lebens in seiner Gesamtheit und auch seine Über-schaubarkeit voraus.

Die Gegenwartsschrumpfung lässt aber genau dies nicht mehr zu. Ich kann aufgrund meines eingeengten zeitlichen Überblicks nicht mehr auf überdauernde Kenntnisse, Werte und Normen bauen, an denen ich mein aktuelles Handeln ausrichte.

Wir kommen in das Dilemma, „trotz zunehmender Kurzsichtigkeit weitsichtig sein zu müssen“. So klagen etwa am Ende ihres Arbeitslebens tüchtige Vorgesetzte, deren Bereiche mit ihrem Weggang und ohne sie noch zu befragen, umstrukturiert oder aufgelöst werden, darüber, dass ihr ganzes Lebenswerk ja offensichtlich zu nichts Nutze gewesen sei. Hier hilft Seneca weiter, der sagt: „Das Leben teilt sich in drei Zeiten … und doch ist dies (die Vergangenheit, A. d. V.) der geheiligte und geweihte Teil unseres Lebens, der … der Herrschaft des Schicksals entzogen ist“. Er beantwortet die Frage der Relevanz der Vergangenheit anders. Er bezieht sie nicht wie Rosa im Rahmen der Gegenwartsschrumpfung auf ihren Nutzen bei der Problemlösung in der aktuellen Gegenwart. Er bezieht sie auf die Narratio, das Erzählen der gesamten persönlichen Lebens-geschichte im Kontext beispielsweise mit der Entwicklung des Betriebes, der Firma, in die der Mensch seine Arbeitszeit investiert hat.

Besonderheiten von Arbeitszeit und privater Zeit

Bei der Betrachtung der Arbeit unter dem Aspekt Zeit sind drei Punkte zu beachten:

Durch den Verlust der religiösen Transzendenz ist die uns zur Verfügung stehende Zeit beschränkt (s. oben).

Auch und gerade bei der Arbeit wirkt der oben beschriebene Akzelerationszirkel sich massiv aus.

Die Arbeitszeit wird als verkaufte Zeit, dementsprechend als nicht mehr unter der Verfügungsgewalt des Individuums stehend angesehen. Aufgrund dieser Fremdbestimmung wird a priori ange-nommen, dass diese Zeit (die eigentlich nach wie vor direkt an das Individuum gebunden ist, s. auch Seneca) nun allen-falls für den Unternehmer, die Firma sinnstiftend zur Verfügung steht und ge-nutzt wird, nicht mehr aber für das Individuum selbst. Zudem wird der Tausch der unwiederbringlichen Lebenszeit, die als Arbeitszeit verkauft wird, gegen prin-zipiell wieder beschaffbares Geld dem Grunde nach als ein Tausch ungleicher Qualitäten empfunden. Dies insbesondere, wenn sich die Stillung der Grundbedürfnisse (Nahrung, Sicherheit) als nicht relevant, da in Mitteleuropa als ge-geben, darstellt (s. hierzu Jung 2010).

Auch bei der näheren Betrachtung der privaten, freien Zeit kommen die ersten beiden Punkte zum Tragen, nicht aber der dritte. Hier scheint die a-priori-Annahme zu sein, man werde die Zeit, die einem ja selbst zur Verfügung steht, schon vernünftig nutzen.

Mögliche Handlungsansätze

Es sei vorausgesetzt, dass der Mensch für die ihm privat zur Verfügung stehende Zeit Interesse hat, diese im Sinne eines Lebenssinnes, einer Narratio, zu nutzen. Auch für den Bereich der Arbeit, für den Arbeitgeber, kann es – zum einen zur Motivationssteigerung, zum anderen in der Fürsorge für den Arbeitnehmer – sinnvoll sein zu überdenken, welchen Mehrwert im Bezug auf den Lebenssinn für den Arbeitnehmer aus der von ihm zu Verfügung gestellten Arbeitszeit zu ziehen ist.

Im Privaten

Die Gegenwartsschrumpfung, die Slipping slopes, lassen kaum mehr zu, dass neben der Erfassung des überwältigenden Angebots, das die Welt zu bieten hat, auch noch eine Wichtung dieses Angebots durchgeführt wird. So wird es gerade in Bezug auf die Zeitknappheit immer wichtiger, überdauernde Werte zu definieren, die einen Lebenssinn konstituieren können. Nach die-sen Werten zu forschen, überschreitet bei weitem die Vorgabe dieser Abhandlung. Die Zuversicht, trotz unzureichender Informationen dennoch aktiv handeln zu können (s. Zitate) und die Überzeugung, im Moment mit den gegebenen Informationen richtig zu handeln, könnten solche Werte sein. Diese können sich dann sowohl auf eine momentane, auf das Individuum ausgerichtete Handlung (eine Feier, eine Meditation oder Ähnliches) wie auch ein auf die Zukunft, auf die Sozialgemeinschaft ausgerichtetes Handeln (politisches, karitatives Tun, Handlungen, die über die Lebenszeit hinaus Wirkung behalten) beziehen. Schnell (2011) hat in ihrer Befragung solche Ziele ermittelt.

Bei der Arbeit

Die jeweils aktuellen Arbeitsumstände mit ihren schnellen Wechseln von Arbeitsorganisation, Produkten, Arbeitsmaterialien sind nicht geeignet, einen Lebenssinn zu generieren und damit einen eigenständigen Mehrwert für das arbeitende Individuum zu bieten. Sie lassen eine Verbindung mit der Lebensgeschichte und eine Einordnung in die gesamte Lebensgeschichte (Narratio) in diesem Moment nicht zu, weil auch die diesen Arbeitsumständen zugrunde liegenden Regeln und Normen zunehmend kurzlebig sind. Schaut man sich aber die von Schnell beschriebenen Sinnquellen an, so entdeckt man hier übergeordnete Normen, die über ein ganzes Leben tragen können. Nach diesen Normen müssen die Arbeitnehmer für sich selbst wie auch die Arbeitgeber in ihrer gesellschaftlichen Verantwortung suchen. Niethammer (1994) beschreibt hier mögliche Sinnquellen, die in der Verantwortung des Unternehmers liegen. Er ist bezüglich des Unternehmens verantwortlich

für den Erfolg (Gewinn als Lebenssinn. Wenn nichts übrig bleibt, was zum Über-leben notwendig ist, war die Leistung – und damit die eingesetzte Arbeitszeit – nichts wert);

für die Unternehmensziele (s. oben);

für effektive Arbeitsorganisation (die mit der Ressource Zeit sparsam umgeht, hier-zu gehört auch der Ausgleich zwischen Arbeitszeit und privater Zeit);

für die Arbeitsbedingungen (Gefährdun-gen, Belästigungen, schlechtes Betriebsklima führen zu Verlusten der Arbeits-/Lebenszeit);

für die Anerkennung der Leistung;

für die Personalführung;

für die Kommunikation (Zuhören, um in der Kommunikation Vertrauen in den angemessenen Umgang mit der anvertrauten Lebenszeit zu schaffen);

für sich selbst (bescheiden-gelassener Umgang mit sich selbst).

Wird dies berücksichtigt, dann ist zu hoffen, dass die Arbeitnehmer – im Hinblick auf einen Lebenssinn – ihre verkaufte Arbeitszeit als sinnvoll eingesetzt erachten und mit ihrer Tätigkeit zufrieden sein können. 

Literatur

Blumenberg H: Lebenszeit und Weltzeit. Berlin: Suhrkamp, 1986.

Detzer K: Homo oeconomicus und homo faber – domi-nierende Leitbilder oder Menschenbilder in Wirtschaft und Technik? In: Oertler R (Hrsg.): Menschenbilder in der modernen Gesellschaft: Konzeptionen des Men-schen in Wissenschaft, Bildung, Kunst, Wirtschaft und Politik. Stuttgart: Enke, 1999.

Gronemeyer M: Das Leben als letzte Gelegenheit – Sicherheitsbedürfnisse und Zeitknappheit. Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft, 1993.

Helfert M: Befragung zu Spaß bei der Arbeit: Was macht Freude am Arbeitsplatz? Z Arbeitswiss 2014; 68: 245–249.

Joas H: Die Entstehung der Werte. Berlin: Suhrkamp, 1999.

Jung D, Jung J: Arbeit und ihr Verhältnis zur Zeit. In: Windemuth D, Jung D, Petermann O (Hrsg.): Praxishandbuch psychische Belastungen im Beruf. Vorbeugen, erkennen, handeln. Wiesbaden: Univer-sum, 2010.

Kästner E: Die Stundentrommel vom heiligen Berg Athos. Berlin: Insel, 1956.

Rosa H: Weltbeziehungen im Zeitalter der Beschleuni-gung. Umrisse einer neuen Gesellschaftskritik. Berlin: Suhrkamp, 2012.

Ulich E, Zink K, Kubek V: Das Menschenbild in Arbeitswissenschaft und Betriebswirtschaftslehre. Z Arbeitswiss 2013; 67: 15–22.

Die vollständige Literaturliste kann beim Autor oder beim ASU-Redaktionsbüro (asu@hvs-heidelberg.de) angefordert werden.

Literatur

Fussnoten

  • Abb. 1:  Veränderung nach Verlust des Vertrauens in den Glauben: Es wird mit der Lebenszeit gegeizt unter der Fragestellung: „Was dient meinen Lebenszielen?“

  • Der moderne Mensch hat zunehmend das Vertrauen in die religiöse Transzendenz verloren

  • Abb. 2:  Beschleunigungszirkel

  • Durch die Beschleunigung des Lebenstempos wird die Ressource Zeit immer knapper

© Jupiterimages/Thinkstock

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