Benzol und Non-Hodgkin-Lymphome
Auswirkungen der Biopersistenz auf die Latenzzeit und das Krebsrisiko

Die wissenschaftliche Begründung des Ärztlichen Sachverständigenbeirates „Berufskrankheiten“ beim Bundesministerium für Arbeit und Soziales (BMAS) vom 1. September 2007 behandelt „Erkrankungen des Blutes, des blutbildenden und des lymphatischen Systems durch Benzol“ unter besonderer Berücksichtigung der Verursachung der Non- Hodgkin-Lymphome (NHL).
Die Epidemiologie der NHL belegt eine stetige Zunahme der Erkrankungshäufigkeit in den vergangenen 40 Jahren. Die wechselnden Klassifikationssysteme der NHL erschweren die Vergleichbarkeit der Daten von Studien in der Vergangenheit mit solchen neueren Datums.
Ausgehend von der Biobeständigkeit und Einwirkdauer verschiedener kanzerogener Noxen (Rauchen, Strahlung, Chemotherapeutika, Asbest etc.) wird über zeitabhängige Risikointervalle in der Literatur berichtet und diese werden als Latenz- bzw. Interimszeit nach Expositionsende bezeichnet. Nur für wenige, biobeständige Noxen lassen sich besonders lange Latenzen und stetig steigende Risiken für Tumoren belegen (Asbest, langlebige inkorporierte Strahler).
Die epidemiologische Datenlage zum Zusammenhang der Benzolexposition mit NHL ist uneinheitlich, insbesondere fehlen Dosis-Wirkungs-Beziehungen, Literaturübersichten und gepoolte Analysen bieten keine konsistenten Ergebnisse.
Verlaufsstudien zu den Risiken von NHL zeigen ein Erkrankungsrisiko bis maximal 15 Jahre nach Benzolexposition. Dies trifft nach der epidemiologischen Datenlage auch für weitere lymphohämatopoetische Malignome zu. Der für die Risikominderung im Zeitverlauf verantwortliche Prozess ist die Eliminationskinetik der Noxe und ihrer Metaboliten und die zelluläre Schadensreparatur.
Eine zeitlich unbegrenzte Projektion der Schadenswirkung kanzerogener Noxen ist in der Toxikologie vielfach üblich, korrespondiert jedoch nicht mit Ergebnissen von Langzeitbeobachtungen in der Epidemiologie. Die Annahme jahrzehntelanger Latenzen nach kanzerogener Exposition lässt sich nicht bestätigen wegen des „natürlichen“ Verlaufs zahlreicher maligner Erkrankungen, die sich im Alter allgemein häufen.
Für Kausalitätsfragen sind die Verweildauer einer Noxe, die Dauer der Einwirkung und der zellulären Schadensreparatur von eminenter Bedeutung. Die vorgestellten Überlegungen haben auch Auswirkungen auf die Diskussion zur sog. Synkanzerogenese, die vielfach weit auseinander liegende kanzerogene Expositionen mit gleichbleibendem Risiko behandelt. Eine konstante Risikozuweisung widerspricht der aktuellen wissenschaftlichen Kenntnislage, die metabolische und reparative Prozesse einbezieht.
The Scientific Committee of Medical Experts for the Ministry of Work and Social Affairs (Bundesministerium für Arbeit und Soziales) documented a causal connection between benzene and malignomas of the lymphohaematopoietic system in September 2007.
The incidence of NHL has been steadily increasing during the past 40 years. However, changes in the NHL classification system make it more difficult to compare data from past studies with that from recent ones. On the basis of biopersistence data and exposure time, time-dependent risk-intervals are reported in the literature for carcinogens (smoking, radiation, chemotherapeutics, asbestos etc.) and designated as latency or interim periods after the end of exposure, that is the time from the end of exposure to the outbreak of disease. Extremely long latency periods and steadily increasing tumour risks are found only for biopersistent carcinogens (asbestos, some persistent incorporated sources of irradiation).
The epidemiological data for exposure to benzene and NHL are inconsistent; in particular, dose-response relationships cannot be found. Reviews of the literature and pooled data analyses do not yield consistent results.
Studies of the long-term risk of developing NHL demonstrate a critical time interval of 15 years maximum after the end of benzene exposure, after which there is no longer a significant risk. The epidemiological data indicate that this also applies for other lymphohaematopoietic malignancies. The basic mechanism for risk minimization is a time dependent-process of elimination of the carcinogen and its metabolites and the repair of cellular damage.
Projection of carcinogenic risks for an unlimited time is common in toxicology but is not in agreement with the results of epidemiological studies. It is not possible to confirm the theory that latency periods after exposure to carcinogens may be decadeslong because of the „natural“ course of many malignant diseases that generally become more frequent with age.
Biopersistency, exposure time and repair of cellular damage after exposure to a carcinogen are of eminent importance for questions of causality and compensation. These considerations also have consequences in the discussion of syncarcinogenesis which considers the accumulated risks of often quite separate exposures to carcinogens. There is no reason to consider that an exposure which took place decades ago involves a risk equal to that associated with a recent exposure. The proposal that the risk after exposure to a carcinogen should remain constant life-long is not in agreement with recent biological and epidemiological data which take metabolic and reparative processes into account.

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