Exzessrisiko oder verlorene Lebensjahre?
Positionspapier zur Ableitung von Risikowerten für krebserzeugende Stoffe

Der deutsche Ausschuss für Gefahrstoffe (AGS) entwickelte einen Leitfaden für die Ableitung von Exposition-Risiko-Beziehungen (ERB) für krebserzeugende Stoffe am Arbeitsplatz. Die Methodik macht von der Quantifizierung des Exzessrisikos Gebrauch. Kürzlich wurde dieser Ansatz von Morfeld kritisiert (Arbeitsmed Sozialmed Umweltmed 2010; 45: 480-484). Danach beinhalte die Verwendung des Exzesssterberisikos einen fundamentalen Fehler und sei sinnlos. Stattdessen wird die Ableitung einer ERB basierend auf der Berechnung der verlorenen Lebenszeit (YLL) durch vorzeitigen krebsbedingten Tod vorgeschlagen. Diese Stellungnahme diskutiert die Einwände von Morfeld und schlussfolgert: 1) In den meisten Fällen basieren Exposition- Risiko-Beziehungen auf Daten aus Tierexperimenten. Für diesen Fall gibt es keinen Dissens über das Exzessrisiko als geeigneten Maßstab. 2) Wenn das Exzesssterberisiko aus epidemiologischen Daten nicht fehlinterpretiert wird („Zusatztote“), ist diese Risikoquantifizierung im Falle fehlender Morbiditätsdaten ein geeignetes Maß für den hier diskutierten Anwendungsbereich und enthält keinen gravierenden Fehler. 3) Ein Übergang vom Exzessrisiko zu YLL beinhaltet einen Übergang von einer erkrankungsorientierten Betrachtung auf eine mortalitätsbezogene Betrachtung, was nicht der Absicht des AGS und der derzeitigen Zielrichtung im Arbeitsschutz entspricht. 4) Das Risikokonzept des AGS zielt darauf ab, jegliches Erkrankungsrisiko durch krebserzeugende Stoffe am Arbeitsplatz mit gleicher und hoher Wahrscheinlichkeit zu verhindern. Erreicht werden soll dies durch eine Verknüpfung von Akzeptanzbzw. Toleranzrisiko mit Risikomanagementmaßnahmen. Beim YLL würden Risikoreduzierungsanstrengungen für verschiedene Krebslokalisationen differenziert und abhängig vom Lebenszeitverlust bei dem spezifischen vorliegenden Krebs vorgenommen. Damit würde die grundsätzliche Zielrichtung des Arbeitsschutzes relativiert, Erkrankungen der Beschäftigten zu verhindern. 5) Das YLLKonzept ist derzeit nicht anwendungsfähig, da kein politisch-gesellschaftlicher Konsens über tolerable bzw. akzeptable Risiken für bestimmte Lebenszeitverluste in Verbindung mit zu ergreifenden Risikomanagementmaßnahmen etabliert wurde. 6) Den Autoren ist nicht bekannt, dass das YLL-Konzept bisher irgendwo in der Welt für die Ableitung von Arbeitsplatzgrenzwerten für Kanzerogene eingesetzt wird. Das YLL-Konzept könnte möglicherweise als Zusatzinformation genutzt werden, da es eventuelle Folgen der Exposition am Arbeitsplatz gegenüber Kanzerogenen näher beschreibt; es ersetzt aber nicht den gegenwärtigen Ansatz im Leitfaden mit der Anwendung des Exzessrisikos als Orientierung für Risikominderungsmaßnahmen im Arbeitsschutz.
The German Ausschuss für Gefahrstoffe (AGS: Committee for hazardous substances) released a guidance document on how to derive quantitative exposure-risk relationship data for occupational carcinogens. The methodology uses excess risk data for the quantification of risk. Recently this method was challenged by Morfeld in this journal (Arbeitsmed Sozialmed Umweltmed 2010; 45: 480–484). The use of the excess risk of dying was judged to be based on a fundamental misconception and to provide meaningless values. Instead the derivation of an exposure-risk relationship on the basis of calculated “years of life lost” (YLL) by premature death from cancer was proposed. The present position paper is a response to the critical comments by Morfeld and it concludes: 1) In most cases animal tumour data from close-to-lifetime studies are used for the quantification of an excess risk. For these cases there is no dissent about excess risk being a suitable measure. 2) In cases where morbidity data are inadequate, epidemiological mortality data can provide a legitimate point of departure for excess risk calculations and without serious error, provided excess mortality risk is not interpreted as additional deaths and provided adequate interpretation of these data is ensured. 3) A shift from excess risk to YLL represents a shift in focus away from disease to mortality, which is in contrast with the intentions of the AGS. 4) Currently, the risk concept of the AGS aims to prevent all cancer-related diseases caused by occupational exposures with the same high probability. Introducing YLL would shift the focus from preventing occupational cancers in general to the loss of life expectancy with respect to the localization and type of cancer, leading to different risk reduction priorities. This would put in question the fundamental objective of health and safety measures at the workplace which is to prevent disease in the employees. 5) The YLL is not yet applicable in the area of occupational safety and health, because, inter alia, no societal or political consensus on YLL-based acceptable or tolerable risks exists. 6) To our knowledge, YLL is not used anywhere in the world to establish occupational exposure limit values for carcinogens. The YLL concept could conceivably provide additional information useful for describing potential consequences of occupational exposure to carcinogens, but is no suitable substitute for the current AGS approach which uses the calculated excess risk as a measure for risk reduction and safety measures for workers.

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