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Besitzstandswahrung

Schmerzhaft ist es schon, einen florierenden Betrieb abgeben zu müssen, zumal es sich bei Terners alten Lehrstuhl um eine Einrichtung mit einem prall gefüllten Drittmitteltopf, einem gut ausgelaste-ten Labor und einem reichlichen Gutachtenaufkommen handelte. Aber da war das Kultusministerium gnadenlos, mit 68 war unwieder-bringlich Schluss. Um so mehr suchte man nach Möglichkeiten, zumindest einen Teil der Nebeneinnahmen mit ins Emeritusdasein hinüber zu retten. Aktengutachten? Betriebe betreuen? Vorträge halten? Terner hatte einen anderen Plan.

Nun ist die Neubesetzung eines Lehrstuhls ein überaus komplexer Vorgang mit einem Hindernislauf für die Kandidaten, der nicht nur dazu dient, den besten zu küren, sondern auch Inzucht zu vermeiden. Beide Ziele werden gerne unterlaufen.

Es bewarben sich zwölf Kandidaten. Fünf kamen auf die Shortlist. Obwohl Kenzler noch am Lehrstuhl arbeitete und keinen berauschenden Impactfaktor in seinem Oevre nachweisen konnte, hatte es sein ehemaliger Chef über seine Buddys in der Fakultät geschafft, dass sein Favorit mitgelistet worden war. Sollte die Sache auf ihn hinaus laufen, dann wäre das eine Hausberufung gewesen, der nepotistische Sündenfall. So etwas kam nur dann in Frage, wenn es sich um einen überragenden Wissenschaftler mit exzeptionellen Opus und/oder Parallelruf auf einen weiteren Lehrstuhl handelt. Solch eine singuläre Erscheinung war Kenzler nun nicht. Fakultät und Land hätten den Verlust seines späteren Weggangs durchaus verschmerzen können.

Nach dem üblichen Vorsingen, dem Probevortrag der Kandidaten, traf sich Terner mit Kenzler.

„Das Thema war schlecht gewählt“, polterte nun Terner.

„Herr Professor, Sie selbst haben mir das Thema doch empfohlen.“

„Schon richtig, aber in der Diskussion haben Sie nicht gerade brilliert. Die Stirn des Kommissionsvorsitzen-den hat sich gekräuselt.“

Sechs Wochen später lagen die vergleichenden Gutachten über die fünf Kandidaten vor. Sie waren von zwei Vertretern des Fachs formuliert worden und enthielten übereinstimmend ein vernichtendes Urteil. Keinem der fünf Bewerber wurde die wissenschaftliche Potenz zuerkannt, diesen Leuchtturm-Lehrstuhl zu führen. Die Aufstellung einer Berufungsliste sei nicht möglich. Man empfahl eine Neuausschreibung.

Terner rief Kenzler an: „Da ist ein Megagau passiert. Sie sind durchgefallen. Die Karten werden neu gemischt, und dann sind Sie endgültig raus. Ich hatte es Ihnen ja schon vorher gesagt, das Thema und die Diskussion waren schwach. Doch es gibt noch einen Sonderweg. Ich brauche einen Termin beim Dekan.“

Zwei Tage später. „Herr Kenzler, ich habe gute Neuigkeiten. Der Dekan will eine Neuausschreibung vermeiden. Das dauert alles zu lang. Der Kultusminister sitzt ihm im Nacken. Ich habe ihm empfohlen, einen Obergutachter einzusetzen. Das fand er gut und hat auch sogleich gefragt, wer das denn sein könnte. Und raten Sie mal, wen ich vorgeschlagen habe?“

„Weiß nicht.“

„Herrn Breit aus Bremen.“

Am anderen Ende der Leitung regte sich zunächst nichts. „Aber von dem ist doch noch nie irgendetwas Vernünftiges gekommen“, stotterte Kenzler.

„Das ist es aber doch gerade. Seien Sie doch nicht so begriffsstutzig. Ich habe Herrn Breit bereits kontaktiert. Er sieht sich nicht in der Lage, ein Obergutachten zu erstellen. Er müsse alle Kraft aufwenden, damit sein Lehrstuhl erhalten bleibt.“

„Na also.“

„Nicht, na also. Ich habe ihm gesagt, dass ich ihm das Gutachten vorformuliere. Er müsste dann nur noch unterschreiben.“ Das klang jetzt wie Triumpfgeheul.

„Und?“

„Er macht es! Und deswegen würde ich Sie bitten, dass Sie Ihr eigenes Gutachten schreiben. Wir brauchen das bis Ende der Woche.“

„Das ist ja fantastisch, Herr Professor. Vielen Dank!“

„Hören Sie, Kenzler, unsere Vereinbarung haben Sie sicherlich noch im Kopf.“

„Ganz klar, Herr Professor, wenn ich den Ruf auf den Lehrstuhl kriegen sollte, dann wird selbstverständlich ein Assistent abgestellt, der ausschließlich Ihre Gutachten macht.“

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