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Offshore-Arbeitsplätze — Präventionskultur auf hoher See

Der Offshore Park Dan Tysk umfasst etwa 80 Windenergieanlagen, die rund 70 km westlich der Insel Sylt auf einer Fläche von 71 km² bei Wassertiefen von 21 bis 31 Metern stehen. Wellenhöhen von zwei Metern sind dort die Regel. Die Wellen können aber auch eine Höhe von 16 Metern erreichen und erfordern eine entsprechende Auslegung und Sicherung der Anlagen. Die Rotoren der Windmühlen haben einen Durchmesser von 100 Metern und mehr.

Der von Offshore-Windenergieanlagen erzeugte Strom wird auf Umspannplattfor-men in höhere Wechselspannung transfor-miert. Nachgeschaltete Plattformen sammeln den Strom mehrerer Umspannplattformen und wandeln den Wechselstrom in den für die weitere Übertragung verlust-ärmeren Gleichstrom um. Dieser Gleichstrom wird dann durch mehr als armdicke, teilweise über 100 Kilometer im Meeresgrund verlegte Kabel an die Konvertersta-tionen auf Land geleitet, die ihn – dann wieder in Wechselstrom transformiert – in die Hochspannungsnetze einspeisen. Sowohl die Technik der Anlagen als auch die am Aufbau beteiligten Schiffe wurden in den letzten Jahren passgenau entwickelt und weiter verbessert.

Umwelt- und Naturschutz auch in der Aufbauphase

Der Aufbau dieser Offshore-Parks erfordert genaueste Kooperation der arbeitenden Teams. Bei gutem Wetter schafft es ein sog. Errichterschiff, die acht von ihm transpor-tierten Monopiles in einer Woche zu platzieren ( Abb. 1). Beim unterseeischen Einrammen der Pylone wird ein erheblicher Ge-räuschpegel verursacht. Um zu verhindern, dass Meeressäuger wie z. B. Schweinswale durch die Aufbauarbeiten verschreckt und möglicherweise orientierungslos werden, entwickelte man sog. Blasenschleier, die als physikalisch-akustisch dämmende Barriere Schallwellen puffern und somit den Lärmpegel senken.

Im späteren Betrieb geben die Stromkabel Wärmeenergie an die Umgebung ab. Um eine Beeinträchtigung des Meeresbio-tops zu verhindern und gleichzeitig auch die Stromkabel vor Ankereinrissen zu schützen, werden die Kabel etwa einen Meter tief in den Meeresgrund eingespült. Eine schützende, aber auch aufwändige Methode.

Windstärke und Wellengang als Taktgeber der Arbeit

Eine enge Abstimmung mit den meteorologischen Diensten ist selbstverständlich für die Planung der Arbeitsabläufe. Im Sommer ist mit 25 % wetterbedingten Ausfalltagen zu rechnen und im Winter mit bis zu 50 % Schlechtwetter, das die Arbeit unmöglich macht. In der Aufbauphase sind viele Beschäftigte vor Ort und teilweise auf Hotelschiffen untergebracht. Bei Unfällen ist auf diesen auch eine medizinische Versorgung möglich.

Anders gestaltet sich hingegen die anschließende Betriebsphase. Die Umspannplattformen sind zwar mit Räumen ausgestattet, in der Regel jedoch nicht ständig bemannt. Die Wartungsarbeiten an einer Windenergieanlage findet in Zweier- oder Dreierteams statt, die nach Hubschraubertransfer auf das Maschinenhaus, die Gondel des Pylons, abgeseilt werden, um dort die Reparatur- oder Wartungsarbeiten durchzuführen. Die Gondeln sind so ausgerüstet, dass die Crew sich auch bei plötzlichem Winterumschwung dort für ein paar Tage sicher aufhalten und versorgen kann. Die enge Kooperation mit den meteorologischen Diensten, deren Wettervorhersage von den Betreibern permanent eingeholt wird, trug in der Vergangenheit dazu bei, dass solche verzögerten Rückholungen äußerst selten nötig waren.

Offshore-Arbeitszeitverordnung

Als ausschließliche Wirtschaftszone (AWZ) wird das Gebiet jenseits des Küstenmeeres bis zu einer Erstreckung von 200 Seemeilen bezeichnet, daher auch „200-Meilen-Zone“, in dem der angrenzende Küstenstaat in begrenztem Umfang souveräne Rechte und Hoheitsbefugnisse wahrnehmen kann. Zu den souveränen Rechten gehören die Erforschung und Ausbeutung, Erhaltung und Bewirtschaftung der lebenden und nichtlebenden natürlichen Ressourcen der Gewässer über dem Meeresboden, maßgeblich durch Fischerei, des Meeresbodens und seines Untergrunds durch Meeresbergbau im Rahmen von Sand-, Kies- und Kohlenstoff-gewinnung sowie andere Tätigkeiten zur wirtschaftlichen Erforschung und Ausbeutung der Zone wie der Stromerzeugung, ins-besondere durch Windenergieanlagen.

In dieser Wirtschaftszone außerhalb des deutschen Hoheitsgebiets gelten internatio-nale Regularien wie z. B. das Seerecht. Aber auch das Arbeitsschutzgesetz mit den daraus abgeleiteten Verordnungen gilt dort. Den lan-gen Transferzeiten und speziellen Bedingun-gen der Arbeitsaufenthalte auf zeitweilig be-mannten Umspannplattformen wird mit der Offshore-Arbeitszeitverordnung Rechnung getragen. Vierzehntägige Arbeitseinsätze in Offshore-Anlagen mit 12-stündigem Wechsel von Arbeit und Freizeit, gefolgt von 14 Ta-gen Freizeit an Land, sind üblich.

Sicherheitstraining und „Ersthelfer-Offshore“-Konzept

Helicoper Underwater Escape Training, das so genannte HUET-Sicherheitstraining, ist für alle Offshore-Arbeitskräfte verpflichtend. Dieses Training ist eine wichtige Voraussetzung für die Arbeit auf einer Offshore-Plattform, wo Hubschraubertransfers zum All-tag gehören. Vermittelt werden Methoden der Selbstrettung aus einem notgewasserten Hubschrauber, deren sichere Beherrschung trainiert wird – und das unter realen Bedingungen, die in Wasserübungshallen simuliert werden ( Abb. 2). Zusätzlich dient ein Übungsturm dazu, die Windenrettung mit Hubschraubern zu erlernen. Bisher erfolgte das Training alle vier bis fünf Jahre, doch inzwischen werden zweijährige Trainingsfrequenzen angestrebt.

Diese Trainings setzen neben einer ge-wissen Angstfreiheit ein hohes Maß körperlicher Fitness voraus ( Abb. 3). Besondere Aufmerksamkeit wird auch der Ersthelfer-Ausbildung gewidmet: Jeder Beschäftigte erhält ein spezielles, viertägiges Ersthelfer-Offshore-Training. Die Arbeitskräfte stam-men aus verschiedensten Nationen. Um im Ernstfall eine sichere Rettung zu gewährleis-ten, ist eine Harmonisierung und Abstimmung der Erste-Hilfe- und Rettungskonzepte der anliegenden Staaten notwendig. Das Kurskonzept „Ersthelfer Offshore“ soll daher international vereinheitlicht werden.

Daneben stehen auf den Umspannplatt-formen auch Rettungsassistenten und Not-fallsanitäter zur Verfügung. Diese sind wiederum vernetzt mit der Telemedizin-Zentrale des Klinikums Oldenburg, von wo aus die Notfallrettung für die Offshore-Gebiete der Nordsee organisiert wird. Telemedizinische Konsultationen können teure und riskante Helikopter-Evakuierungen überflüssig machen und unterstützen die Ersthelfer und Rettungsassistenten vor Ort. Allerdings besteht hier noch Regelungsbedarf, was den Einsatz von E-Health-Verfahren in der Medizin angeht. Nach wie vor gibt es das (ausschließliche) Fernbehandlungs-verbot und den Arztvorbehalt für bestimmte Medikamente.

Über einen Zeitraum von fünf Jahren wurden die medizinischen Vorfälle in den Offshore-Windparks im Forschungspro-jekt „Rettungskette Offshore Wind“ (ROW) analysiert. Daran beteiligten sich die BG-Kliniken Hamburg sowie die BGHW und BGETEM als gesetzliche Unfallversicherung. Erfreulicherweise zeigten sich im Vergleich zu anderen gefahrenträchtigen Branchen, wie beispielsweise dem Baugewerbe, relativ geringe Unfallzahlen. Dies kann in der guten Ausbildung und Schulung des Personals begründet sein wie auch in der intensiven arbeitsmedizinischen Betreuung mit Eignungs- und Vorsorgeuntersuchungen. Die nachstehenden Beiträge beleuchten diese Themen näher.

    Info

    Austausch und Fortbildungen – Emder Workshop Offshore

    Alle beschriebenen Themen sind beim diesjährigen Emder Offshore Workshop diskutiert worden. Regelmäßige Fort-bildung und Austausch stehen dort im Mittelpunkt. Der 6. Emder Workshop Off-shore war in diesem Jahr so schnell ausgebucht, dass die Themen im nächsten Jahr erneut auf der Agenda stehen. 100 Teilnehmer trafen sich am zweiten Sep-temberwochenende im Rummel, dem Veranstaltungsraum des Emder Rat-hauses. Veranstalter ist der VGB Power-Tech e. V. in Essen, der Fachverband der Strom- und Wärmeerzeuger gemeinsam mit dem Zentralinstitut für Arbeitsmedizin und Maritime Medizin (ZfAM), einer Ein-richtung der Behörde für Gesundheit und Verbraucherschutz Hamburg.

    Der Workshop wendet sich an alle in der Offshore-Branche Tätigen, an Ärzte und Sicherheitsingenieure sowie Angehörige von Rettungs- und Beratungsdiensten, zu deren Aufgaben die gesundheitliche Vorsorge und die medizinische Betreuung an Offshore-Arbeitsplätzen gehören. Emden hat sich als Montagehafen für Offshore- und Serviceleistungen etabliert, von hier aus starten Schiffe und Helikopter zur Versorgung der Offshore-Einsatzgebiete. Neben der Vortrags- und Diskussionsveranstaltung unternahmen die Teilnehmer eine Exkursion, vorbei an einer gerade im Hafen errichteten Wohnplattform, zu einem Hubschrauberübungsturm. Direkt am Küstenstreifen gelegen können hier Hubschrauberbesatzungen an einem originalgetreu aufgebauten Übungsturm das Abseilen (Winschen) von Personen und Geräten auf eine Windenergieanlage üben.

    Resümee des Emder Workshops: Permanente Weiterentwicklung der Sicherheitsstan-dards und des Präventionsbewusstseins funktioniert nur bei enger Kooperation aller Akteure der Offshore-Branche. Offshore-Medizin ist immer noch ein Feld der Pionierarbeit für Betriebsärzte.

    Weitere Infos

    WDR-Bericht über Windparks in der Nordsee (01.02.2014)

    youtu.be/QWlfs-yN3Wo

    Autorin

    Dr. med. Ulrike Hein-Rusinek

    Head of Occupational Health

    E.ON SE, CoC HSSE

    Brüsseler Platz 1

    45131 Essen

    ulrike.hein-rusinek@eon.com

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