ASU Ausgabe: 07-2017

IN EIGENER SACHE

3. Präventionskongress in der Filderhalle – ein Blitzlicht

18./19. Mai 2017 in Stuttgart

Nur wer es schafft, Menschen zu begeistern, kann Einstellungen verändern: Dr. med. Sabine Schonert-Hirz, „Dr. Stress“, moderierte das zweitägige BGM-PraxisCamp – BGM in KMU

Nur wer es schafft, Menschen zu begeistern, kann Einstellungen verändern: Dr. med. Sabine Schonert-Hirz, „Dr. Stress“, moderierte das zweitägige BGM-PraxisCamp – BGM in KMU

Zum 3. Mal fand der mit über 700 Teilnehmern an zwei Tagen gut besuchte Präventionskongress in der Filderhalle in Stuttgart/Leinfelden-Echterdingen statt. Mit dem Ziel die verschiedenen Akteure im Arbeits- und Gesundheitsschutz zusammen zu bringen waren Arbeitsmediziner/Betriebsärzte, Personalverantwortliche in Unternehmen, Fachkräfte für Arbeitssicherheit, Arbeitspsychologen und Gesundheitsmanager eingeladen. Zwei Tage lang wurde intensiv diskutiert. Jutta Kindel

Inhaltsübersicht

  1. 3. Präventionskongress in der Filderhalle – ein Blitzlicht
  2. Weitere Impressionen

Ob traditionelles Wissenschaftsprogramm, interaktives BGM-PraxisCamp oder die intensiven „think tanks“ im dreiteiligen Zukunftsforum – es war schwer, sich jeweils für eines der parallel stattfindenden Angebote zu entscheiden. Das Nachwuchssymposium Arbeitsmedizin ermöglichte Studierenden und Ärzten in Facharztausbildung – finanziell unterstützt vom „Aktionsbündnis Arbeitsmedizin“ – u.a. den Besuch der „Alfred Ritter GmbH & Co. KG.“ und ein Roundtable-Gespräch zu den Berufsperspektiven als Arbeitsmediziner. Zwischen den vielen interessanten Vorträgen war Zeit zum informellen Austausch und zum gegenseitigen Kennenlernen. Abgerundet wurde der Kongress durch einen zünftigen Abend im benachbarten „Schwabengarten“.

Eröffnungsvortrag

Bereits der Eröffnungsvortrag mit dem Titel „Das präventive Selbst im Zeitalter von Big Data – Digitale Selbstvermessung zwischen technologischer Innovation und kulturellem Wandel“ von Prof. Dr. Stefan Selke, Hochschule Furtwangen, stimmte nachdenklich. Freiwillig geben wir unsere persönlichen Daten preis, ob durch Fitnessbänder oder Schrittzähler zum vermeintlich nützlichen Gesundheitsmonitoring oder in sozialen Netzwerken. Triebfeder der Vermessung war früher die Sehnsucht nach Ordnung, heute gehe es „nur“ noch um Effizienzsteigerung. Nach Ivan Illich sollte die Lebensdienlichkeit der Technologie im Vordergrund stehen. Digitale Technik mache uns aber oft kleiner und abhängiger, warnte Prof. Dr. Selke. Paradoxerweise sei zu beobachten, dass der Zugewinn an scheinbarer Sicherheit häufig zur Verstärkung der Lebensangst führe. Schließlich sei innere Harmonie nicht messbar!

Gute Arbeit braucht Psychologie – Erfahrungen aus der betrieblichen Praxis

Auch die folgenden Vorträge beschäftigten sich mit Veränderungen der Arbeitswelt im Zeitalter Industrie 4.0: Wie können die Fähigkeiten und Fertigkeiten des Menschen mit denen von Robotern sinnvoll kombiniert werden, fragte sich Dr. M. Weber vom Institut für angewandte Arbeitswissenschaft e.V. (ifaa) aus Düsseldorf. P. Rosen von der Bundesanstalt für Arbeitsschutz (BAuA), Fachbereich Produkte und Arbeitssysteme, referierte über „Psychische Belastungen durch neue Technologien“. Vorschläge zur psychischen Gefährdungsbeurteilung seien teilweise viele Jahre alt und erfassten die derzeitigen Arbeitsbedingungen und den schnellen Wandel nicht. Diplom-Psychologe U. Schübel zeigte die Gefahren der „interessierten Selbstgefährdung“ in einer Arbeitswelt der Zukunft auf. Vertrauensarbeitszeit, ständige Erreichbarkeit und immer weiter gesteckte Ziele führen zu Selbstausbeutung bis zum Zusammenbruch. Dipl.- Psychologin A. Miethner zeigte Gegenstrategien und Unterstützungsangebote auf. Besonders gut gefiel dem Auditorium der vorgestellte Youtube-Clip „Ich hatte einen schwarzen Hund“ (dt. Übersetzung von Freunde fürs Leben), der auf unterhaltsame Weise zeigt, wie der „große schwarze Hund“ (der Selbstausbeutung, Anm. d. Verf.) gezähmt werden kann. „FreuSinn“: Erfrischend erläuterte Prof. Dr. J. Fischer, Direktor des Mannheim Institute of Public Health, Social and Preventive Medicine, warum der Chef langfristig wichtiger sei als jeder Arzt. Seine Studien hätten ergeben, wer Sinn und Freude an seiner Arbeit empfinde, bleibe länger gesund und leistungsfähig.

Panel „eHealth/Telemedizin“

Das Panel „eHealth/Telemedizin“ beleuchtete ein weiteres interessantes Themenfeld. Nach einer thematischen Einführung durch die Telematikexpertin der Bundesärztekammer Dr. C. Groß zeigte Prof. Dr. H. Drexler den Nutzen der Telemedizin im Bereich der Dermatologie auf. Frau Dr. W. Schramm stellte die VDBW-Leitsätze zum Thema Telemedizin vor. Die Novellierung der ArbStättV mit Einbeziehung der Telearbeitsplätze würde zum 01.01.2018 erwartet. Dr. T. Weichert, Vorstandsmitglied der Deutschen Vereinigung für Datenschutz e.V., informierte über die Herausforderungen durch die Einführung der elektronischen Gesundheitskarte. Der Vortrag von A. Niemeyer, IBM Watson Health, führte dann in „Zukunftswelten“. Künstliche Intelligenz würde besser als assistiertes Hilfssystem bezeichnet. IBM stelle dafür Software zur Verfügung. Das System Watson werde schon jetzt als Assistenzsystem von vielen Firmen genutzt. Beispielhaft wurde die Kooperation von Medtronic und IBM zur Entwicklung einer Innovationsplattform beim Diabetes mellitus Management genannt. Insgesamt sei die Entwicklung so rasant, dass Studien aus zeitlichen Gründen kaum mehr durchführbar seien.

Update Präventionsgesetz

Heiß diskutiert wurde im Panel „Update Präventionsgesetz“. Die DGAUM hat kürzlich in Kooperation mit der Barmer GEK ein Modellprojekt in Thüringen in Klein- und Mittelbetrieben „Gesund arbeiten in Thüringen“ zur Verbesserung des Arbeits- und Gesundheitsschutzes entsprechend Präventionsgesetz §132 gestartet. Ziel sei es zu erforschen, welche arbeitsmedizinischen Angebote eine sinnvolle und qualitativ hochwertige Versorgung im ländlichen Raum an der Schnittstelle zwischen kurativer und präventiver Medizin gewährleisten. Sind Check-up-Untersuchungen sinnvoll? Wird jetzt eine neue Untersuchungsmedizin gefördert, nachdem viele Pflichtuntersuchungen zugunsten von Beratungen abgeschafft wurden? Prof. Dr. H. Drexler, Präsident der DGAUM, rief dazu auf, Präventionsstudien sorgfältig zu prüfen. Zu beachten sei, dass SGB V §20 vorrangig auf eine Verhaltensprävention abziele, Aufgabe des Arbeitsschutzes sei es aber ebenso, auf die Verhältnisprävention im Unternehmen einzuwirken.

Insgesamt war der Kongress durch das vielfältige aktuelle Programm, die zahlreichen Anregungen und den interdisziplinären Austausch ein voller Erfolg. Der 4. Präventionskongress 2018 kann mit Spannung erwartet werden.

 

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Literatur

Fussnoten

  • Das Format „Meet the expert“ ermöglichte einen fachspezifischen Austausch unter den Teilnehmern

  • Es begrüßten Dr. med. Hanns Wildgans, Kompetenzfeldleiter Medizin ias AG ( links ) sowie Dr. Ulrich Clever, Präsident der Landesärztekammer Baden-Württemberg ( rechts )

  • Mit dem Vortrag „Das präventive Selbst im Zeitalter von Big Data“ eröffnete Prof. Dr. Stefan Selke den Kongress 2017

  • Dr. Ralf Franke (Siemens) referierte mit beeindruckenden Bildern zum Thema „Telemedizin bei der Siemens AG am Beispiel von Offshore-Arbeitsplätzen“

  • Dr. Walter Eichendorf (stv. Hauptgeschäftsführer DGUV) stellte die „Die neue Präventionskampagne der DGUV“ vor

  • Dr. Jörg Busam (Beiersdorf AG) sprach im Panel „Erfolgreiches BGM im KMU“ zum Thema „Von den Großen lernen“

  • Prof. Dr. Hans Drexler (DGAUM) sprach zum Thema „Evidenz-basierte Prävention – können wir das in Betrieben leisten?“

  • Antje Niemeyer (IBM) stellte IBM-Watson im Gesundheitswesen vor

  • Die Aussteller konnten sich an den beiden Kongresstagen mit mehr als 700 Teilnehmern austauschen

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