ASU Ausgabe: Sonderheft-2018

Psychische Gesundheit: Zukünftige Forschungsfelder

G. Mohr

Abstract deutsch

Psychische Gesundheit: Zukünftige Forschungsfelder

Theoretische Modellvorstellungen zum Zusammenwirken von Stressoren und Ressourcen im Zeitverlauf sollten weiterentwickelt werden. Eine Emotionsregulation ist auch im Hinblick auf die Quelle und die Art der zu regulierenden Emotion zu untersuchen. Die Wirkung atypischer Arbeitsverhältnisse und qualitativer Aspekte der Arbeitszeit, die psychologischen Aspekte technischer Faktoren, die Entwicklung von Verfahren zur Identifikation und Integration kulturspezifischer Besonderheiten und die Schnittstellenproblematik bei der Einführung neuer Technologien sind wichtige Forschungsfelder. Auch Arbeitsbedingungen von Geringqualifizierten und Führungskräften sollten nicht außer Acht gelassen werden. Durch die zunehmend diskontinuierlichen Erwerbsbiografien sind die arbeitsbezogenen Wissenschaftsdisziplinen gefordert, sich mit gesellschaftlichen Fragen wie der lebenslangen Qualifikation und der erwerbsarbeitsfreien Zeit zu befassen.

Schlüsselwörter: Theorieentwicklung – Flexibilisierung – Diversität – Zukunftstechnologien

Abstract English

Mental health: Future research issues

Theoretical models concerning the effects of stressors combined with resources over different time spans should be developed. Research into the regulation of emotions needs to focus also on the source and the type of the emotion. Atypical work conditions, qualitative features of time schedules, psychological aspects of technical environmental factors, methods for identifying and integrating cultural issues as well as human-computer interface problems for forthcoming technologies will be important research issues. Working conditions of the low-skilled and of leaders should not be neglected. It is assumed that work biographies will be more discontinuous in future. Accordingly, work-related sciences are challenged to address the organization of life-long learning processes as well as periods outside paid work and their relation to mental health.

Keywords: progress of theories – flexibility – diversity – new technologies

Einleitung

Die Darstellung zukünftiger Forschungsfelder im Bereich psychischer Belastung und Gesundheit folgt den vier Themengebieten, die Gegenstand des von der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (BAuA) durchgeführten Projekts „Psychische Gesundheit in der Arbeitswelt“ waren (Arbeitsaufgabe, Führung und Organisation, Arbeitszeit, Technische Faktoren). Ausgehend von dem im Rahmen des Projekts erarbeiteten Forschungstand werden zunächst eine Beschreibung bestehender Wissenslücken und anschließend eine Skizzierung notwendiger Bereiche zukünftiger Forschung vorgenommen.

Insgesamt konnten im Rahmen des Projekts für eine Vielzahl von Arbeitsmerkmalen Zusammenhänge zu Gesundheitsindikatoren belegt werden. Die Literaturaufbereitung zeigt allerdings auch, dass häufig das Wissen über die Art dieser Zusammenhänge fehlt. So besteht zum Beispiel bisher noch Unklarheit darüber, ob Stressoren additiv oder exponentiell wirken oder ob Konstellationen von Arbeitsbedingungsfaktoren mit kompensierenden Wirkungen existieren.

Darüber hinaus mangelt es grundsätzlich an Kenntnissen über Zeitverläufe, die Aussagen dazu erlauben, wie lange man einem Arbeitsmerkmal gegenüber exponiert sein muss, bis eine förderliche oder schädigende Wirkung feststellbar wird. Auch fehlen Modellvorstellungen darüber, welche zeitlichen Entwicklungen die in den Studien erfassten Beeinträchtigungen aufweisen. So lässt sich an einer Studie von Dormann und Zapf (2002) verdeutlichen, dass die „Irritation“ als Beanspruchungsmerkmal vor der Entwicklung von Depressionssymptomen auftritt. Die Untersuchungen von Rigotti et al. (2014) weisen auf zeitverzögert auftretende Effekte hin. Die Festlegung sowohl der Anzahl als auch der zeitlichen Abstände von Messzeitpunkten zur Ermittlung der Wirkungsprozesse von Arbeitsmerkmalen verlangt nach der Weiterentwicklung theoretischer Modelle zum Zusammenhang von Arbeit und Gesundheit.

Weiterhin macht die Literaturaufbereitung deutlich, dass für Beschäftigte mit niedrigem Ausbildungs- bzw. Qualifizierungsgrad (z. B. Busch et al. 2017) kaum aktuelle Befunde zu den gesundheitlichen Wirkungen psychischer Belastung vorliegen, so dass solche Gruppen im Rahmen der Forschung zukünftig stärkere Beachtung finden sollten.

Arbeitsaufgabe

Die Arbeitsintensität als ein wichtiger zur Arbeitsaufgabe gehörender Arbeitsbedingungsfaktor wird auch zukünftig von hoher Relevanz sein. Zur Erfassung der Belastungshöhe sollten neben subjektiven Einschätzungen auch objektive Parameter vorgesehen werden, wie zum Beispiel das Verhältnis zwischen dem für die Aufgabenbearbeitung insgesamt erforderlichen Zeitbedarf und der Anzahl der zur Verfügung stehenden bezahlten Arbeitsstunden.

In den zum Themenfeld „Arbeitsaufgabe“ vorgelegten Reviews wird mehrheitlich darauf hingewiesen, dass zwischen den Arbeitsbedingungsfaktoren bestehende Wechselwirkungen bisher nur unzureichend betrachtet wurden. Auch wenn sich auch beim Faktor „Arbeitsintensität“ erwartete Interaktionen mit anderen Arbeitsbedingungsfaktoren bisher nicht bestätigt wurden (Stab et al. 2017), so besteht hier dennoch Forschungsbedarf, um Aufschluss über das Zusammenwirken weiterer Arbeitsbedingungsfaktoren zu erhalten.

Die absehbare weitere Entwicklung zur Dienstleistungsgesellschaft verweist auf die Notwendigkeit zusätzlicher Forschung zur Emotionsarbeit. Bisher wird vor allem die Regulation der eigenen Emotionen ohne Berücksichtigung der jeweiligen Anforderungssituation untersucht (von vereinzelten Untersuchungen über die Bedeutung von Verhaltensregeln und des Vorgesetztenverhaltens abgesehen). Unklar ist zum einen, welche Rolle die Emotionsquelle – also die Führungskraft, die Kollegen oder die Patienten bzw. Kunden – und die Art der zu verarbeitenden Emotion, z.B. Ärger oder Freude, spielen (Petitta et al. 2017), und zum anderen, welche weiteren Arbeitsmerkmale hinderlich oder förderlich für die Emotionsregulation sind.

Darüber hinaus deutet sich in den gewonnenen Befunden an, dass einige Faktoren einen „Doppelcharakter“ aufweisen: So können die zeitlichen Anforderungen einer Tätigkeit motivierend wirken, jedoch auch einen Stressor darstellen. Weiterhin lässt sich nicht ausschließen, dass beispielsweise der Handlungsspielraum unter bestimmten Konstellationen auch eine Überforderung darstellt. Insgesamt fehlen hier Untersuchungen, die Aufschluss darüber geben, unter welchen Bedingungen oder ab welcher Intensität eine Ressource zum Stressor wird.

Führung und Organisation

Beim Arbeitsbedingungsfaktor Führung stellt sich ebenfalls die Frage, welche Mechanismen den gut belegten Zusammenhängen zwischen Führungsverhalten und Gesundheit der Geführten zugrunde liegen und wie dieser Faktor mit anderen Arbeitsbedingungsfaktoren interagiert. So konnten Rigotti et al. (2014) feststellen, dass der positive Einfluss gesundheitsförderlichen Führungsverhaltens auf Depressivität nicht mehr nachweisbar ist, wenn gleichzeitig Autonomie, Bedeutsamkeit der Arbeit und Arbeitsplatzunsicherheit der Geführten berücksichtigt werden. Auch die Frage nach Wechselwirkungen stellt sich beim Thema Führung: Hier ist davon auszugehen, dass nicht nur die Führungskraft auf die Geführten wirkt, sondern auch die Geführten auf die Führungskraft, zum Beispiel auf deren Arbeitsengagement (Wirtz et al. 2016). Solche Ergebnisse sind für die Entwicklung von Interventionen von großer Bedeutung, denn sie zeigen, dass es nicht reicht, Führungskräfte zu schulen, sondern dass Führungskräfte auch über Gestaltungsoptionen verfügen müssen (z.B. hinsichtlich Autonomie, Arbeitsplatzsicherheit, Sinnhaftigkeit der Arbeit der Geführten) und dass bei Interventionen die Geführten mit zu berücksichtigen sind. Wissen zu den besonders für Führungskräfte gesundheitsrelevanten Stressoren und Ressourcen fehlt bislang, insbesondere z.B. solche, die sich aus der Verantwortung für stete Restrukturierungen ergeben (vgl. dazu Mohr u. Wolfram 2010) oder mit der virtuellen Führung bzw. dem Führen über Distanz verbunden sind.

Zu den gesundheitlichen Wirkungen atypischer Beschäftigungsformen liegen inkonsistente Befunde vor. So ist eine atypische Beschäftigung nicht durchgängig mit gesundheitlichen Beeinträchtigungen verbunden. Die Effekte scheinen vom jeweiligen Beschäftigungsverhältnis sowie von dessen Korrespondenz mit den gegebenen individuellen Bedürfnissen abzuhängen. Weiterhin lässt sich auf Grundlage des bisherigen Forschungsstands nicht entscheiden, ob atypische Beschäftigung an sich oder die damit jeweils einhergehenden Arbeitsbedingungen für die Gesundheit bedeutsam sind, so dass zukünftige Forschung die Gestaltung der Arbeitsaufgabe und ihrer Durchführungsbedingungen mit betrachten sollte. Daneben bleiben in diesem Bereich weiterhin klassische Arbeitsgestaltungsthemen aktuell, wie zum Beispiel die Wirkung von Einzelarbeit (soziale Isolation), Bewältigung von Konkurrenz, vorhandene Kooperationsbedingungen, Quellen und Art sozialer Unterstützung und die Wirkung von fehlender oder apersonaler Führung. Diese sind insbesondere im Hinblick auf neue atypische Arbeitsformen, wie z.B. Arbeit in Co-Working Spaces, die sowohl durch wechselnde Aufgaben als auch durch wechselnde Arbeitsumgebungen (sozial und technisch) gekennzeichnet ist, noch nicht ausreichend untersucht.

Arbeitszeit

Die Grenzen zwischen Arbeits- und Ruhezeiten beginnen sich durch neue Anforderungen an die Flexibilität von Arbeitszeiten, die arbeitsbezogene erweiterte Erreichbarkeit oder die Mobilität zu verschieben. Dementsprechend muss in der Forschung der Dynamik von Belastung und Erholung intensiver nachgegangen werden. Dabei erscheint es sinnvoll, individuelle Faktoren wie Detachment (Wendsche u. Lohmann-Haislah 2017) oder die Work-Life-Balance (Wöhrmann 2016) mit einzubeziehen, um Aufschluss darüber zu erhalten, in welchem Maß die Koordination von Arbeit und Privatleben gelingt.

Technische Faktoren

Technische Faktoren wie Lärm, Beleuchtung oder Klima sind in der arbeitswissenschaftlichen Forschung traditionell gut bearbeitet, jedoch vorwiegend in Bezug auf klassische gesundheitliche Beeinträchtigungen, wie z.B. Gehörschädigungen, asthenopische Augenbeschwerden oder Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Die psychische Gesundheit und das Zusammenwirken technischer und psychischer Belastung wurden bislang wenig untersucht, insbesondere die Wirkung technischer Faktoren unterhalb definierter Grenzwerte (Rothe et al. 2017). So fehlen zum Beispiel bei der Ermittlung extraauraler Lärmwirkungen Kenntnisse über die das Lästigkeitserleben beeinflussenden schallbezogenen Merkmale. Auch die Effekte von Lärm auf das Sozialverhalten bei der Bearbeitung sensomotorischer Aufgaben oder bei Wissens- und Dienstleistungsarbeit sind kaum untersucht.

Bei der Beleuchtung besteht ein Wissensdefizit zu den durch die Intensität, die spektrale Zusammensetzung und die Verteilung des Lichts ausgelösten nicht visuellen Wirkungen, d.h. die Beeinflussung des menschlichen Schlaf-Wach-Rhythmus. Noch ungeprüft ist, ob technischen Faktoren (auch Chemikalien), vermittelt über ihre Wirkung auf körperliche Regulationsprozesse, für verschiedene psychische Erkrankungen eine auslösende oder gar mitverursachende Funktion zukommt.

Beim Klima – so belegen vorliegende Studien – stellt zwar die individuelle Steuer- bzw. Kontrollierbarkeit ein für die Leistungsfähigkeit und die psychische Gesundheit wichtiges Merkmal dar, allerdings existieren kaum Studien, in denen den Wirkungen von Einrichtungen zur individuellen Anpassung des Klimas nachgegangen wird.

Zukunft der Arbeit

Erwerbsbiografien werden zunehmend Diskontinuitäten enthalten, was die Weiterentwicklung von theoretischen Modellen erfordert, da in der Arbeitspsychologie verbreitete Modelle diesen Aspekt häufig nicht ausreichend berücksichtigen, d.h. sie enthalten größtenteils keine Aussagen über Verläufe und Rückwirkungsprozesse.

Weiterhin wird zukünftig die Kooperation des Menschen mit intelligenten, weltweit vernetzten technischen Systemen bedeutsam sein, so dass die Schnittstellenproblematik ein aktuelles Thema bleibt: Welche Aufgaben sollen beim Menschen verbleiben, wie wird Verantwortung verteilt, wie wird gesichert, dass der Mensch noch eingriffsfähig ist? Dabei sind arbeitspsychologische Konzepte wie Handlungsspielraum und soziale Unterstützung weiterhin aktuell.

Mehr denn je zuvor sind mit arbeitspsychologischen auch gesellschaftliche Fragen verbunden: Wer trägt die Verantwortung und Zuständigkeit für den kontinuierlich geforderten Lernprozess? Welche Aufgaben sollten nicht auf die intelligente Technologie übertragen werden? Was geschieht mit der freigewordenen Lebenszeit? Wie viele „Restarbeitsplätze“ mit geringen Qualifikationsanforderungen kann eine Gesellschaft tolerieren, muss sie aber auch anbieten, damit nicht nur hoch qualifizierte Beschäftigte eine Chance auf eigenständige Existenzsicherung haben? Und schließlich: Welche kulturspezifischen Aspekte sind angesichts weltweiter Flucht- und Migrationsbewegungen zu berücksichtigen?

Interessenkonflikt: Die Autorin gibt an, dass kein Interessenkonflikt vorliegt.

Literatur

Busch C, Koch T, Clasen J, Winkler E, Vowinkel J: Evaluation of an organizational health intervention for low-skilled workers and immigrants. Human Rel 2017; 70: 994–1016.

Dormann C, Zapf D: Social stressors at work, irritation, and depressive symptoms. Accounting for unmeasured third variables in a multi-wave study. J Occup Organ Psych 2002; 75: 33–58.

Mohr G, Wolfram H-J: Stress among managers: The importance of dynamic tasks, predictability, and social support in unpredictable times. J Occup Health Psychol 2010; 15: 167–179.

Petitta L, Jiang L, Hartel CJ: Emotional contagion and burnout among nurses and doctors: Do joy and anger from different sources of stakeholders matter? Stress and Health 2017; 33: 358–369.

Rigotti T, Holstad T, Mohr G, Stempel C, Hansen E, Loeb C, Isaksson K, Otto K, Kinnunen U, Perko K: Rewarding and sustainable health-promoting leadership. Dortmund: Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin, 2014.

Rothe I, Adolph L, Beermann B, Schütte M, Windel A, Grewer A, Lenhardt U, Michel J, Thomson B, Formazin M: Psychische Gesundheit in der Arbeitswelt – Wissenschaftliche Standortbestimmung. Dortmund: Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin, 2017.

Stab N, Schulz-Dadaczynski A.: Arbeitsintensität: Ein Überblick zu Zusammenhängen mit Beanspruchungsfolgen und Gestaltungsempfehlungen. Z Arbeitswiss 2017; 71: 14–21.

Wendsche J, Lohmann-Haislah: Detachment als Bindeglied zwischen psychischen Arbeitsanforderungen und ermüdungsrelevanten psychischen Beanspruchungsfolgen: Eine Metaanalyse. Z Arbeitswiss 2017; 71: 52–70.

Wirtz N, Rigotti T, Otto K, Loeb C: What about the leader? Crossover of emotional exhaustion and work engagement from followers to leaders. J Occup Health Psychol 2017; 22: 86–97.

Wöhrmann AM: Psychische Gesundheit in der Arbeitswelt – Work-Life-Balance. Dortmund: Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin, 2016.

Verfasserin

Prof. a.D. Dr. Gisela Mohr

Fakultät für Lebenswissenschaften

Institut für Psychologie

Universität Leipzig

Neumarkt 9–19

04109 Leipzig

mohr@uni-leipzig.de

ASU Arbeitsmed Sozialmed Umweltmed 2018; 53 (Sonderheft): 63–66

Literatur

Fussnoten

Institut für Psychologie, Universität Leipzig

  • Die Grenzen zwischen Arbeits- und Ruhezeiten beginnen sich durch neue Anforderungen an die Flexibilität von Arbeitszeiten, die erweiterte Erreichbarkeit oder die Mobilität zu verschieben

Foto: :UberImages / Thinkstock

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