ASU Ausgabe: 01-2017

MRSA-Besiedlungen in der Altenpflege

Zusammenfassung der Ergebnisse aus zwei Surveys in der stationären und ambulanten Altenpflege

Abb. 1: Untersuchungen zur MRSA-Besiedlung in der stationären und ambulanten Altenpflege

Abb. 1: Untersuchungen zur MRSA-Besiedlung in der stationären und ambulanten Altenpflege

Zusammenfassung Die Zunahme antibiotikaresistenter Erreger bei Patienten in Krankenhäusern bedeutet für die ambulante und stationäre Altenpflege eine besondere Herausforderung. Neben den Klienten bzw. Bewohnern haben auch die Pflegekräfte ein erhöhtes Infektionsrisiko. Im Rahmen von Screeninguntersuchungen des Personals fanden sich MRSA-Besiedlungsraten von 1,2 % in der ambulanten und 1,6 % in der stationären Altenpflege.

Hintergrund

Aufgrund der gestiegenen Lebenserwartung und den Veränderungen der familiären Strukturen werden zahlreiche ältere Menschen in Einrichtungen der Altenpflege betreut. Der demografische Wandel bedingt zudem einen Anstieg des Anteils älterer Menschen, die medizinische Versorgung in Anspruch nehmen. Im Jahr 2013 waren in Deutschland 2,6 Millionen Menschen pflegebedürftig. Davon wurden 23 % zuhause durch ambulante Pflegedienste und 29 % in Pflegeeinrichtungen vollstationär versorgt. Mit zunehmendem Alter steigt der Pflegebedarf, so dass der Anteil der Pflegebedürftigen bei den ab 90-Jährigen 64 % beträgt (Statistisches Bundesamt 2015). Ältere Menschen haben ein erhöhtes Infektionsrisiko z. B. durch chronische Krankheiten und Multimorbidität, Abwehrschwäche, eingeschränkte Mobilität und häufige Krankenhausaufenthalte. In Krankenhäusern wird ein Anstieg von antibiotikaresistenten Erregern beobachtet. Vermutlich sind daher zunehmend häufiger ältere Menschen mit multiresistenten Erregern (MRE) besiedelt oder infiziert, wenn sie aus Krankenhäusern in die Betreuung der Altenpflege entlassen werden. Infektionen mit resistenten Erregern stellen nicht nur die Medizin vor immer neue Herausforderungen, sie führen auch zu einer verlängerten Behandlungsdauer, erhöhter Sterblichkeit und höheren Behandlungskosten. Die Situation bei MRSA ist am besten untersucht, weil dieser Erreger in den vergangenen Jahren weltweit das größte Problem darstellte. Durch systematische Präventionsbestrebungen ist inzwischen ein kontinuierlicher Rückgang nosokomialer MRSA-Infektionen in Europa zu beobachten (ECDC 2014).

Auswertungen der Berufsgenossenschaft für Gesundheitsdienst und Wohlfahrtspflege (BGW) zeigen, dass das MRSA-Infektionsrisiko für Beschäftigte im Gesundheitswesen (BiG) relevant ist. Zwischen 2010 und 2014 wurden insgesamt 263 Verdachtsfälle einer Berufskrankheit aufgrund von MRSA gemeldet. Im selben Zeitraum kam es in 39 Fällen zu einer Anerkennung. Es werden nur MRSA-Infektionen bei einer Tätigkeit mit einer besonderen Infektionsgefährdung als Berufskrankheit anerkannt (Dulon 2015). Insgesamt scheint das Risiko einer berufsbedingten Infektion eher gering zu sein. Die Konsequenzen einer Infektion können allerdings schwerwiegend sein und zu langjähriger Arbeitsunfähigkeit und beruflichen Konsequenzen führen (Haamann 2011).

Ambulante Altenpflege

Das berufliche MRSA-Risiko von Pflegekräften in der ambulanten Pflege in Deutschland ist bisher selten untersucht. Von 2015 bis 2016 wurden 579 Mitarbeiter in 39 ambulanten Pflegediensten in Hamburg mit einem Nasenabstrich auf MRSA untersucht ( Abb. 1). Risikofaktoren für eine MRSA-Besiedlung wurden anhand eines Fragebogens erhoben. Dabei waren die Art und Dauer der Tätigkeit, der pflegerische Kontakt zu MRSA-Klienten und Einflussfaktoren wie Antibiotikaeinnahme und eigene Krankenhausaufenthalte sowie mögliche Tierkontakte von Interesse. Bei einem positiven MRSA-Befund wurde zunächst ein Kontrollabstrich angeboten und bei einem bestätigten positiven Testergebnis erhielten die Betroffenen ein MRSA-Sanierungskit. Dieses enthält eine Waschlotion, Händedesinfektionsmittel, orale Spüllösung und Nasengel sowie Zahnbürsten und Kämme zur Vermeidung der Rekontamination.

Bei der Untersuchung wurden sieben positive MRSA-Tests (1,2 %) gefunden. Von den positiv getesteten Mitarbeitern waren drei länger als 5 Jahre und vier länger als 10 Jahre in der Altenpflege tätig, sechs hatten Kontakt zu Tieren, drei eine Antibiotikabehandlung und bei zwei liegen chronische Atemwegserkrankungen vor. Eine Dekolonisierungsmaßnahme wurde von sechs Mitarbeitern durchgeführt, von denen zwei nicht erfolgreich waren.

Die Teilnehmer der Studie waren überwiegend Frauen, über 40 Jahre alt und seit mehr als 5 Jahren in der Altenpflege tätig. Sie haben vor allem eine pflegerische Ausbildung in der Altenpflege oder als Pflegehilfe und ein Drittel kommt aus der Krankenpflege. 52 % aller Befragten gaben an, wissentlich Kontakt mit einem Klienten mit MRE gehabt zu haben. Die bekannten Risikofaktoren für eine MRSA-Besiedlung waren selten vorhanden, der Kontakt mit Tieren wurde von mehr als der Hälfte bestätigt. Dienstkleidung wird von einem Drittel der Teilnehmer getragen. Der Arbeitgeber stellt in den meisten Fällen Schutzkleidung zur Verfügung und auch Arbeitsanweisungen zum Umgang mit MRSA/MRE sind größtenteils vorhanden.

Stationäre Altenpflege

Im stationären Bereich wurde das berufliche Expositionsrisiko von Pflegekräften durch das zeitgleiche MRSA-Screening von Mitarbeitern und Bewohnern untersucht. Von 2014 bis 2015 haben 19 Altenpflegeeinrichtungen im Großraum Hamburg an der Studie teilgenommen. Insgesamt wurden von 759 Mitarbeitern und 422 Bewohnern Nasenabstriche entnommen (s. Abb. 1) und Fragen zu bekannten Risikofaktoren wie Krankenhausaufenthalt, Antibiotikatherapie und chronischen Haut- und Atemwegserkrankungen gestellt. Den Mitarbeitern wurde ein Kontrollabstrich und ggf. eine Dekolonisierungsmaßnahme mit anschließender Erfolgskontrolle angeboten. Es fanden sich 12 positive Befunde beim Personal und 23 bei den Bewohnern, die MRSA-Prävalenz beträgt damit 1,6 % bzw. 5,5 %. Von den betroffenen Mitarbeitern üben 10 eine pflegerische Tätigkeit aus und 11 geben einen engen Kontakt zu pflegebedürftigen Bewohnern an. Bei zwei Mitarbeitern liegen chronische Hauterkrankungen vor, vier wurden mit Antibiotika behandelt, zwei Personen pflegen Angehörige zu Hause und sechs Mitarbeiter haben ein Haustier oder Kontakt zu landwirtschaftlichen Tieren. Die MRSA-Besiedlung wurde bei sechs Frauen und sechs Männern des Personals festgestellt. Insgesamt vier Mitarbeiter führten eine Dekolonisierung durch, wobei zwei im ersten Sanierungsversuch nicht erfolgreich waren.

Die Studienteilnehmer waren vor allem Mitarbeiterinnen, die älter als 40 Jahre alt und mehr als 5 Jahre in der Altenpflege beschäftigt waren. Mehr als die Hälfte hat eine Altenpflegeausbildung oder ist Pflegehelferin. Im Rahmen der beruflichen Tätigkeit gaben fast drei Viertel einen engen Kontakt mit pflegebedürftigen Bewohnern an. Als ein enger Kontakt wird die Grundpflege, die Mobilisation der Bewohner, Dekubitusbehandlung und Verbandswechsel definiert. Bei den persönlichen Risikofaktoren gab die Hälfte der Mitarbeiter an, Kontakt zu Haustieren oder landwirtschaftlichen Nutztieren zu haben. Eine Antibiotikatherapie in den letzten 12 Monaten führten 34 % der Befragten durch. Weitere Risikofaktoren wie Krankenhausaufenthalt im letzten Jahr und/oder operative Eingriffe, chronische Haut- und Atemwegserkrankungen berichten jeweils 11 %. Nur selten sind Beschäftigte auch im häuslichen Umfeld in die Pflege von Angehörigen eingebunden oder arbeiten neben ihrer regulären Tätigkeit in der ambulanten Pflege.

Die Bewohner sind überwiegend weiblich, über 80 Jahre alt und vor allem in den Pflegestufen 1 und 2 eingeordnet, nur 22 % fielen in die Pflegestufe 3. Jeweils 19 % haben in den letzten drei Monaten einen stationären Krankenhausaufenthalt bzw. einen operativen Eingriff hinter sich oder eine Antibiotikatherapie durchgeführt. Von einer chronischen Atemwegserkrankung berichten 13 % der Bewohner und ebenfalls 13 % haben Devices wie eine Urinableitung oder eine Ernährungssonde. Nur selten werden chronische Hauterkrankungen, Diabetes mellitus, Dialysepflicht sowie das Vorhandensein von Dekubitus oder chronischen Wunden bei den Risikofaktoren angegeben. Bei den Bewohnern wurden zusätzlich 8 Wundabstriche entnommen, von denen einer MRSA-positiv war, bei einem Bewohner, der auch im Nasenabstrich positiv getestet wurde. Bei 30 % der Bewohner mit MRSA gab es jeweils einen Krankenhausaufenthalt in der Vergangenheit, eine Antibiotikabehandlung sowie eine Urinableitung oder Ernährungssonde. Bei vier Bewohnern besteht eine chronische Hauterkrankung und bei vier anderen eine chronische Atemwegserkrankung.

Fazit

Die Ergebnisse der Surveys in der Altenpflege in Hamburg zeigen für den ambulanten und stationären Bereich niedrige MRSA-Prävalenzraten bei Mitarbeitern. Diese Raten entsprechen denjenigen aus anderen Untersuchungen in Nichtausbruchssituationen im stationären Bereich. Für die ambulante Pflege können erstmals Daten einer großen Studie für Hamburg zur Verfügung gestellt werden. Die Ergebnisse können zur Beschreibung des beruflichen Expositionsrisikos von Altenpflegekräften durch MRSA dienen und auch im Berufskrankheitenverfahren hilfreich sein.

Literatur

Dulon M, Lisiak B, Wendeler D, Nienhaus A: Occupational infectious diseases in healthcare workers 2014. Zbl Arbeitsmed 2015; 65: 210–216.

Haamann F, Dulon M, Nienhaus A: Berufliche MRSA-Infektionen bei Beschäftigten im Gesundheitsdienst. Arbeitsmed Sozialmed Umweltmed 2011; 46: 585–589.

European Centre for Disease Prevention and Control: Antimicrobial resistance surveillance in Europe 2013. Annual Report of the European Antimicrobial Resistance Surveillance Network (EARS-Net). Stockholm: ECDC; 2014.

Statistisches Bundesamt: Pflegestatistik 2013. Pflege im Rahmen der Pflegeversicherung, Deutschlandergebnisse. Wiesbaden, 2015.

Für die Verfasser

Claudia Peters, MPH

Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf (UKE)

Competenzzentrum Epidemiologie und Versorgungsforschung bei Pflegeberufen (CVcare)

Martinistr. 52

20246 Hamburg

c.peters@uke.de

Arbeitsmed Sozialmed Umweltmed 2017; 52: 43–44

Claudia Peters1

Albert Nienhaus1,2

Anja Schablon1

Literatur

Fussnoten

1 Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf (UKE), Institut für Versorgungsforschung in der Dermatologie und bei Pflegeberufen, Competenzzentrum Epidemiologie und Versorgungsforschung bei Pflegeberufen – CVcare

2 Berufsgenossenschaft für Gesundheitsdienst und Wohlfahrtspflege (BGW), Abteilung Grundlagen der Prävention und Rehabilitation (GPR), Hamburg

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