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Geschäfte mit inadäquaten Präventionschecks

Vorsicht Vorsorgeuntersuchung!

In dem hier beschriebenen Fall möchten ein 51-jähriger Mann und seine 3 Jahre jüngere Ehefrau einen „Präventionscheck“ in einem Vorsorgezentrum einer norddeutschen Großstadt durchführen lassen. Die Vorarbeit hat eine Privatpraxis für Präventionsmedizin in Süddeutschland geleistet, die bei dem Patienten eine „Immunschwäche“ diagnostiziert hat. Aber keine Sorge, es handelt sich hierbei nicht um eine Immunschwäche, die durch ein gefährliches Virus, durch toxische Substanzen oder im Rahmen einer hämatologischen Erkrankung entstanden ist, sondern um eine, die mit herkömmlicher Diagnostik gar nicht erfassbar, dafür aber mit einer Hochdosistherapie von Vitamin C gut behandelbar ist.

In der Gesamtschau handelt es sich also um ein gesundes Ehepaar. Das Angebot des 5-stündigen Präventionschecks beinhaltet ein eigenes „Kundenzimmer“, das u. a. mit Flachbildfernseher, High-Speed-Internetanschluss sowie einem eigenen Bad ausgestattet ist und das in den Untersuchungspausen leckere Snacks und Getränke nach Wahl durch den Room-Service anbietet.

Der Präventionscheck umfasst eine An-amnese mit körperlicher Untersuchung, eine Blutentnahme mit Untersuchung von Basis-laborwerten wie Blutbild, Elektrolyte, Blut-zucker, Leberwerte, Blutsenkung, Gerinnung, Nierenwerte, Blutfette usw., aber auch zahl-reiche Speziallaboruntersuchungen, wie Testosteron, Östradiol, DHEA, Prolaktin (auch beim Mann), Ferritin, Zink, Selen, Vitamin D, Vitamin B12, Folsäure, Calcitonin, eine Hepa-titis-A-, -B- und -C-Serologie sowie einen HIV-Test.

Des Weiteren wird eine Körperkompositionsanalyse durchgeführt, die Fettmasse, Muskelmasse und Wasseranteil prozentual mit Hilfe der umstrittenen Body-Impedanz-Analyse untersucht. Darüber hinaus werden eine Abdomensonografie, eine Duplexsonografie der Halsgefäße und eine farbkodierte Echokardiografie sowie ein Belastungs-EKG durchgeführt. Zum Präventionscheck gehören zudem die Untersuchung der Knochen-dichte und ein dermatologischer Check mit Videodermatoskopie sowie ein Ganzkörper-MRT mit Hochdruckinjektion von Kontrast-mitteln und außerdem eine virtuelle Darmspiegelung.

Der komplette Präventionscheck wird mit € 3070,– in Rechnung gestellt. Wenn ein sog. „Neurocheck“ hinzukommen soll, der auch Elektrookulogramme beinhaltet, fallen weitere € 440,– an. Das Ehepaar hatte vor, alle 2 Jahre einen solchen Präventionscheck durchführen zu lassen und fragte bezüglich der Kostenübernahme bei seiner privaten Krankenversicherung an.

Auch das Bundesgesundheitsministerium hält viel von Gesundheitsvorsorge. Deshalb haben alle gesetzlich Versicherten ab einem Alter von 35 Jahren Anspruch auf eine Gesundheitsvorsorgeuntersuchung. Diese um-fasst ein ausführliches Gespräch, eine körperliche Untersuchung inklusive Blutdruckmessung sowie eine Untersuchung des Blut-zuckerspiegels und des Cholesterinwerts. Darüber hinaus haben die Versicherten auch Anspruch auf eine Urinuntersuchung, um mögliche Nierenkrankheiten frühzeitig fest-zustellen. Weitere Vorsorgeuntersuchungen umfasst die „Gesundheitsvorsorge ab 35 Jahren“ nicht.

Bei den Privatversicherten werden in der Regel auch viele darüber hinausgehende Basislaboruntersuchungen wie Transaminasen, Nierenwerte, Elektrolyte, HbA1C, Blutfette usw. und – je nach Konstellation und Versicherungsgesellschaft – auch verschie-dene apparative Untersuchungen anerkannt und erstattet.

Letztlich wird aber ein großer Teil des beabsichtigten Präventionschecks als nicht medizinisch notwendige Diagnostik angesehen werden müssen, das betrifft v. a. das Ganzkörper-MRT und Speziallaboruntersuchungen, so dass nur mit einer Erstattung von etwa € 300 bis € 400,– zu rechnen sein wird.

Nachdem die private Krankenversicherung dem Ehepaar jedoch mitgeteilt hatte, dass der größte Teil der Kosten nicht erstattungsfähig sein wird, hat es den Präventionscheck nicht durchführen lassen.

Präventionsuntersuchungen, wie die hier beschriebenen, sind keine adäquaten und sinnvollen oder gar medizinisch notwendigen Angebote für Versicherte. Weder sind sie hinreichend validiert oder etabliert, noch gibt es einen Nachweis dafür, dass durch derartige umfangreiche Untersuchungen behandlungsbedürftige Krankheiten früher entdeckt oder die Lebenserwartung und/oder die Lebensqualität damit verbessert werden. Die Einzigen die sicher profitieren sind die entsprechenden Präventionszentren. Bemerkenswert ist auch die regelmäßige Verwendung des erhöhten Steigerungs-satzes von 3,5 bei den ärztlichen und von 2,5 bei den technischen Leistungen. In Anbetracht dessen, dass es sich um eine Unter-suchung bei Gesunden handelt, ist ein er-höhter Steigerungsfaktor nicht nachvollzieh-bar, zumal er auch nirgends begründet wird. Dies zeigt nochmals deutlich, dass solche übertriebenen Vorsorgeuntersuchungen vor-wiegend pecuniär motiviert sind. 

    Vorbemerkung

    Wie komme ich als Arzt an die Taschen der Patienten heran? Ganz einfach, ich verspreche ihnen ein Gesundheitssiegel. "Die Plakette bekommst Du, wenn Du mein Check-up-Programm absolvierst. Das kostet ein wenig, gibt Dir aber die Gewissheit, dass bei Dir alles okay ist. Du solltest aber spätestens in zwei Jahren wiederkommen. Jede TÜV- oder DEKRA-Plakette verfällt schließlich auch. Zwischenzeitlich liegt es in Deiner Hand, ge-sund zu leben." Doch ein Physical-Check-up hat in etwa dieselbe Wirkung wie eine Fastenkur. Der Anfangselan lässt im Getriebe des Alltags rasch nach. Die lieb gewordenen alten Verhaltensweisen brechen wieder durch. Bei der nächsten Untersuchung haben Gewicht, Blutdruck und Blutfettwerte zuge-nommen.

    Ein nicht ausreichend untersuchtes Phänomen bei der medizinischen Prävention sind die Falsch-Positiven. Hierdurch werden Ge-sunde zu Kranken. Es kommt zum Diagnostik-Overkill. Dasselbe Prinzip verfolgen im Übrigen auch einige Umweltmediziner. In einem Wust von sinnlosen Laborparametern findet sich immer der eine oder andere auffällige Wert, der auf eine Hypersensibilität hinweist. Dabei bedient man sich immer der Referenzwerte und nicht der toxikologisch validierten Grenzwerte. So bekommt man eine multiple Chemikalienüberempfindlichkeit. Man nennt das iatrogene Fixierung.

    Im nachfolgend dargestellten Fallbeispiel hat sich der Check-up-Anbieter aber selbst ein Bein gestellt. Er war zu gierig. Die ausufernden Vorsorgeuntersuchungen sind ein Konsumartikel. Sie konkurrieren mit anderen Sachen, die uns zufriedenstellen. Brauchen tut man sie nicht, sie tun aber gut. Doch bitte nicht für diesen Preis. 

    M. Kentner, Karlsruhe

    Autor

    Dr. med. Rainer Hakimi

    HALLESCHE – Krankenversicherung auf Gegenseitigkeit

    Ärztlicher Dienst

    Reinsburgstraße 10

    70178 Stuttgart

    rainer.hakimi@hallesche.de

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