ASU Ausgabe: 07-2017

EINFÜHRUNG

Schadstoffbelastung in Innenräumen

In allen Industrieländern verbringen die Menschen den größten Teil ihres Lebens in Innenräumen. Die meiste Zeit halten sie sich dabei in den eigenen Wohnräumen auf. Viele Berufstätige verbringen aber auch einen großen Teil ihrer Zeit an Arbeitsplätzen in Innenräumen, so dass dieses Schwerpunktheft sowohl arbeitsmedizinische als auch umweltmedizinische Bezüge hat. Hans Drexler

Inhaltsübersicht

  1. Schadstoffbelastung in Innenräumen
  2. Autor

Physikalische, biologische und chemische Einwirkungen in Innenräumen können in seltenen Fällen medizinisch gut charakterisierte Krankheiten verursachen, wie beispielsweise ein aerogenes Kontaktekzem durch Konservierungsstoffe aus Wandfarben bei einer vorbestehenden Sensibilisierung. In diesem Zusammenhang spricht man im internationalen Schrifttum von einer Building-Related Illness. Davon abzugrenzen ist das Sick-Building-Syndrom. Dabei handelt es sich um unspezifische gebäudebezogene Beschwerden und seltener auch um Symptome ohne eindeutig erkennbare Ursache. Oftmals werden auch Krankheiten und Beschwerden bestimmten Belastungen zugeschrieben wie in den 1980er und 1990er Jahren beim so genannten Holzschutzmittelsyndrom. Derzeit geben Tonerstäube aus Druckern, elektromagnetische Felder und Pilze immer Anlass zu großen Sorgen und Ängsten. Eine rationale Risikoeinschätzung wird bei Belastungen in Innenräumen – nicht selten in Unkenntnis der Datenlage – kaum vorgenommen.

Neben den physikalischen, biologischen und chemischen Einwirkungen müssen jedoch immer auch psychologische Faktoren beachtet werden. In einer Studie aus dem Jahr 2013 konnten die Autoren nachweisen, dass die wahrgenommene (wahrnehmbare) Umweltverschmutzung und das Gesundheits-Risiko-Konzept eine wichtige Rolle für die Vorhersage von umweltbedingten Beeinträchtigungen und gesundheitlichen Symptomen bei geruchlich wahrnehmbaren, nichttoxischen Expositionen spielen.1 Diese Zusammenhänge sollen in diesem Schwerpunktheft allerdings nicht vertiefend behandelt werden.

Physikalische Noxen

Exemplarisch haben wir Beiträge ausgewählt über elektromagnetische Felder von Frank Gollnick et al., weil diese immer Befürchtungen und Ängste auslösen, und zur Radonbelastung in Innenräumen von Klaus Schmid. Die Radonbelastung wird wenig beachtet, ist aber von umso größerer umweltmedizinischer Relevanz insbesondere dann, wenn die Innenräume aus energetischen Überlegungen besonders gut abgedichtet sind. Auch die Frage nach der UV-Belastung hinter Fensterscheiben soll in diesem Heft durch einen Beitrag von Marc Wittlich beantwortet werden.

Biologische Faktoren

In Innenräumen leben wir mit einer Vielzahl von Organismen zusammen. Zum einen können dies Haustiere und Zierpflanzen sein, über deren Anwesenheit der Raumnutzer selbst bestimmt, oder aber Insekten wie Hausstaubmilben, Bakterien und Pilze, die ubiquitär nachweisbar und unvermeidbar sind. Insbesondere die Pilzbelastung in Innenräumen verursacht immer wieder Sorgen, Ängste und höchst kontroverse Diskussionen, auch innerhalb der Ärzteschaft. Deshalb haben wir dieser Belastung einen Beitrag gewidmet, der sich auf eine aktuelle AWMF-Leitlinie stützt und somit mehr als nur die Auffassung des Autors Gerhard Wiesmüller widerspiegelt.

Chemische Faktoren

In jedem Innenraum sind tausende chemische Substanzen in der Luft nachweisbar. Häufig wird als Summenmaß die Gesamt-VOC-Konzentration („volatile organic compounds“) angegeben. Eine toxikologische Bewertung ist dabei natürlich nicht möglich, weil hier nicht differenziert werden kann zwischen sehr gefährlichen oder weniger gefährlichen organischen Verbindungen. Die organischen Verbindungen in der Innenraumluft können aus gebäudeeigenen Quellen stammen oder von der Außenluft in das Gebäude eindringen, beispielsweise verursacht durch den Straßenverkehr. Auch natürliche Baustoffe können zur Emission von Chemikalien (z. B. Terpene) führen. Leider ist es gängige Praxis, dass von umweltmedizinischen Instituten in Wohnräumen und Büros hunderte von VOCs analysiert werden, eine kompetente Bewertung der Messergebnisse aber unterbleibt. In der Regel werden mehr oder weniger belastbare Referenzwerte zur Beurteilung angegeben und die Eigenschaften der Stoffe aufgelistet („hazard assessment“). Bei einer Vielzahl von Messungen muss es schon allein aus statistischen Gründen zu Referenzwertüberschreitungen kommen. Die relevante Frage, ab welcher Konzentration Symptome und Beschwerden zu erwarten sind („risk assessment“) bleibt in der Regel unbeantwortet, so dass der Laie davon ausgeht, die vermeintlich erhöhte Belastung (Referenzwertüberschreitung) sei Beleg für eine Gesundheitsschädigung. Diesem wichtigen Thema widmet sich der Beitrag von Simone Peters und Nadja von Hahn.

Um den Wandel bei Bauformen und -materialien, deren Emissionsverhalten und deren Wirkung auf die Gesundheit und das Wohlbefinden der Innenraumnutzer wissenschaftlich zu begleiten und Betroffene zu beraten, wurde in Österreich das Kompetenzzentrum Gesundes Bauen, Wohnen und Arbeiten gegründet, das Stephan Letzel in seinem Beitrag vorstellt.

Auch der Wissenschaftsteil beschäftigt sich mit dem Schwerpunktthema dieser Ausgabe. In ihrer Arbeit „Innenraumschadstoffe als Konsultationsanlass in einer umwelt-, arbeits- und sozialmedizinischen Sprechstunde“ ermitteln Annette Greiner und Hans Drexler, wie groß der Anteil der Patienten mit innenraumassoziierten Gesundheitsbeschwerden war und welche Beschwerden dabei vorrangig genannt wurden.

Axel Muttray berichtet über „Chronische Riechstörungen bei Rohrverlegern mit einer hohen Lösungsmittelbelastung“ und stellt Hypothesen zur Pathogenese auf.

Wir hoffen, mit dem Schwerpunktthema Umweltmedizin mit Fokus auf „Gesundes Wohnen“ einen Beitrag zur rationalen Bewertung von Innenraumbelastungen geben zu können. Zitierbare Aussagen sind wichtig für die Bauplanung, für die Beratung von exponierten Raumnutzern und auch für gutachterliche Aussagen vor Gerichten, wenn Gesundheitsgefährdungen von Raumnutzern geltend gemacht werden.

Literatur

Fussnoten

1 Claeson et al.: The role of perceived pollution and health risk perception in annoyance and health symptoms: a population-based study of odorous air pollution. Int Arch Occup Environ Health 2013; 86: 367–374.

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