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Standardwerk der Arbeitsmedizin
G. Triebig, M. Kentner, R. Schiele Arbeitsmedizin Handbuch für Theorie und Praxis 3. vollständig neubearbeitete Auflage 2011 mehr
Arbeitslosigkeit als Belastungsfaktor
Wert der Arbeit
Arbeit schafft Produkte und formt auch den Menschen. Sie kann sogar als ein wichtiger Motor in der Menschheitsentwicklung betrachtet werden. Sprache, Wissen und Fähigkeiten haben sich im Zusammenhang mit Koordinierungsanforderungen aus gemeinsam zu verrichtender Arbeit herausgebildet. Menschliche Arbeit erfolgt nicht nur als individuelle Arbeit, sondern auch als Gruppenarbeit. Sie ist dann auf die Weitergabe von Wissen angewiesen und schließt dialogisches Lernen ein.
Die verschiedenen Funktionen von Arbeit hat Quaas für die Arbeitswissenschaft in folgender Definition zusammengefasst:
„Arbeit ist eine bewusst organisierte und damit motivational, willentlich und mental regulierte ergebnisorientierte Tätigkeit, die mit ihren Ergebnissen (materielle oder ideelle Produkte, materielle, ideelle, soziale Dienstleistungen) einen vorhandenen Bedarf befriedigt und durch ihren Vollzug zugleich Sinnstiftung und soziale Wertschätzung ermöglicht sowie wichtige Bedingungen für geistige, soziale, charakterliche und gesundheitsbezogene Entwicklungsprozesse des Menschen und von Menschengemeinschaften gewährt.“
Eine Teilkategorie dieses allgemeinen Arbeitsbegriffs ist die Erwerbsarbeit. Sie bezeichnet ein vertraglich geregeltes Verhältnis zwischen einem Arbeitnehmer und einem Arbeitgeber, in dem einem definiertem Aufgabenspektrum ein Arbeitsentgelt zugeordnet wird.
Für die Mehrheit der Bevölkerung ist die Ausübung von Erwerbsarbeit die Existenzgrundlage. Aber die Wirkungen der Erwerbsarbeit für Menschen sind umfangreicher. Arbeit ermöglicht Sinn- und Identitätsfindung, Anerkennung, soziale Kontakte. Die bei der Bewältigung von Arbeitsaufgaben entstehenden Kenntnisse, Erfahrungen und Fähigkeiten bis hin zur Ausbildung von Berufsrollen sind wesentliche Grundlagen für die Entwicklung von Identität und Selbstwertgefühl. Arbeit strukturiert die Zeit. Der durch sie gestaltete Tages-, Wochen- und Jahresablauf macht Freizeit, Feiertage und Urlaub erst erlebbar.
Die Wirkungen der Arbeit auf die Person funktionieren über mehrere Mechanismen. In den Arbeitsaufgaben enthaltene Lernanforderungen verlangen die Weiterentwicklung von Wissen und Fähigkeiten sowohl durch Lernen im Prozess der Arbeit als auch durch Weiterbildungen. In Organisationen werden Lernleistungen anerkannt. Arbeitssituationen schaffen Möglichkeiten zur Verwertung neu gewonnenen Wissens und sind so ein wichtiger Motivator für weiteres Lernen. Arbeitsaufgaben fordern aufgrund von inhaltlichen und zeitlichen Spielräumen zu eigenen Zielsetzungen und zur Wahrnehmung von Verantwortung heraus. Arbeit ermöglicht also nicht nur, Wissen und Fähigkeiten zu erlernen, sondern auch Personeneigenschaften und Werte zu entwickeln. Die Resultate dieser Lern- und Entwicklungsprozesse sind nicht nur im Arbeitskontext anwendbar. Mit der These vom „langen Arm der Arbeit“ wird auf über den Arbeitsprozess hinausgehende Wirkungen von Arbeit verwiesen. Es zeigt sich, dass Arbeitende mit starken Arbeitszwängen und eingeschränkten Möglichkeiten zu sozialer Interaktion bei der Arbeit auch außerhalb der Arbeit zu eingeschränkter Soziabilität neigen und dass umgekehrt Arbeitende mit weniger Einschränkungen zu sozialer Interaktion im Arbeitsprozess auch außerhalb der Arbeit sozial aktiv sind. In Quer- und Längsschnittstudien sind Wirkungen der Arbeit nicht nur auf Personeneigenschaften der Arbeitenden, wie intellektuelle Flexibilität, Selbstvertrauen, Verantwortung und Wertvorstellungen, belegt, sondern auch über Erziehungsstile Wirkungen auf die Generation der Kinder nachgewiesen. Arbeitende, deren Arbeitsaufgabe durch Tätigkeitsspielräume und Komplexität gekennzeichnet sind, praktizieren eher demokratische, Arbeitende mit restriktiven Arbeitsaufgaben eher autoritäre Erziehungsstile. Über den Arbeitsalltag hinausgehende Wirkungen der Arbeit sind nicht nur für die Freizeit beschrieben, sondern auch für die nachberufliche Lebensphase. Die Gestaltung des Alltags im Ruhestand wird von den Planungskompetenzen mitbestimmt, die zuvor im Beruf gefordert wurden. Je geringer die geistigen Anforderungen im Beruf, desto undifferenzierter ist die Lebensstrukturierung im Ruhestand.
Schließlich funktionieren Einflüsse der Arbeit auf den Menschen über die Beanspruchungsregulation im Arbeitsprozess. Beanspruchungswechsel und Möglichkeiten der Einflussnahme darauf bei vorhandenen Handlungs- und Kontrollspielräumen und sozialer Unterstützung werden als gesundheitsfördernde (salutogenetische) Wirkungen von der Arbeit beschrieben. Umgekehrt sind Fehlbeanspruchungen mit dem Risiko der Gesundheitsbeeinträchtigung, der Schädigung bis hin zur Entstehung von Berufskrankheiten mögliche Folgen von schlecht gestalteter Erwerbsarbeit.
Arbeitslosigkeit beschreibt den Verlust eines arbeitsvertraglich geregelten Arbeitsplatzes, also den Verlust von Erwerbsarbeit. Für alle Personen, deren materielle Existenzgrundlage aus der Erwerbsarbeit resultiert, verschlechtert sich damit die finanzielle Situation. Aufgrund der vielfältigen Funktionen von Arbeit für den Menschen hat der Verlust von Erwerbsarbeit jedoch weit mehr Folgen. Er wird als kritisches Lebensereignis gewertet. Freuds Aphorismus, dass Arbeit die stärkste Bindung des Menschen an die Realität ist und dass ihr Gegenteil – Erwerbslosigkeit – den Zugriff des Menschen auf die Realität lockert, signalisiert psychologische Verunsicherungen.
Dieser Eintrag ist ein Auszug aus dem Medizinischen Lexikon der beruflichen Belastungen und Gefährdungen, K. Landau - G. Pressel (Hrsg.), 2., vollständig neubearbeitete Auflage 2009. Das Lexikon können Sie in unserem Bookshop erwerben.
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