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"Wer krank wird, ist ein Verlierer"

Interview mit dem ASU-Redaktionsmitglied Prof. Dr. med. Andreas Weber in der Frankfurter Sonntagszeitung (FAS) vom 14.06.2015.

Herr Weber, Kritiker behaupten, Burnout sei eine Art Modekrankheit, die Diagnose viel zu unspezifisch. Wie sehen Sie das?
Bis in die neunziger Jahre interessierten sich überwiegend nur Psychologen und Psychotherapeuten für die Burnout-Thematik. In Deutschland war ich einer der Ersten, die diese Problematik in die Arbeitsmedizin eingebracht haben. Das war 1992. Ich war damals wissenschaftlicher Assistent am Institut für Arbeitsmedizin der Universität Erlangen und habe mit vorzeitig dienstunfähigen Lehrkräften gearbeitet, die sehr häufig psychosomatisch erkrankt waren. Wir sahen zweifelsfrei objektivierbare berufliche Stressoren. Damals wurde ich wegen der Beschäftigung mit "ausgebrannten Lehrern" übrigens als ein "Softscience-Forscher" verspottet, was andere später, als das 'Ihema modern wurde, nicht daran gehindert hat, von meinen Konzepten abzukupfern. Das Thema polarisiert bis heute: Zum einen wird Burnout inflationär für jede Art von Müdigkeit und Konflikte missbraucht. Zum anderen dient der Begriff nicht selten als bagatellisierendes Label für schwerpsychische Erkrankungen. ·

Aber es gibt Kernsymptome wie die sogenannte Maslach-Trias, also emotionale und körperliche Erschöpfung, Depersonalisation und Leistungsdefizit.
Oft wird eine ausreichende psychiatrische und medizinische Differentialdiagnose vernachlässigt. Sie bleibt aber trotz Selbstdiagnosen von Dr. Google unabdingbar. So haben mich in meiner Berufstätigkeit schon Menschen mit dem Label
Burnout konsultiert, die· in Wirklichkeit an einer Schilddrüsenunterfunktion, Hepatitis C oder sonstigen bösartigen Erkrankungen litten. Burnout ist meist weder ein Individualversagen noch die einseitige Folge von zu viel Arbeit, sondern eher das Produkt von Wechselwirkungen zwischen Mensch, Gesellschaft und Arbeitswelt.

Und auch keine Modekrankheit der Wohlstandsgesellschaft?
Ich habe Betroffene aller Altersklassen, Bildungsmilieus und Einkommensklassen gesehen. Tatsache ist, dass es in unserer ungleichen Arbeitswelt und Gesellschaft Menschen gibt, die in Arbeit ersticken, lange Anwesenheit am Arbeitsplatz und ständige Erreichbarkeit mit Leistungsfähigkeit und Wichtigkeit gleichsetzen, sich nicht distanzieren oder erholen können und erheblichen Stressoren ausgesetzt sind, während sich andere in ihren Arbeitsmilieus oder ihrer Perspektivlosigkeit eingerichtet haben.

Dennoch nehmen Depressionen generell deutlich zu. Woran liegt das?
Zunächst einmal lässt sich Ihre Behauptung wissenschaftlich nicht belegen. Es fehlen Daten aus Längsschnittstudien. Was zugenommen hat, sind krankheitsbedingte Fehltage, die mit psychischen Erkrankungen begründet werden.

Warum werden viele psychisch krank und scheiden fast 20 Jahre vor der gesetzlichen Altersgrenze aus?
Derzeit liegt der Fokus auf drei Hypothesen: Erstens: Es handelt sich bei psychischen Erkrankungen um die "Epidemie 2.0", zum einen als Folge einer immer stressiger empfundenen Arbeitswelt und Gesellschaft, zum anderen aufgrund weniger widerstandsfähiger, immer anspruchsvollerer Arbeitnehmer. In einer fast allzeit bereiten "24/7 -Stand-by-Dienstleistungsgesellschaft" werden psychische Erkrankungen mitunter zu "schwerwiegenden Kollateralschäden". Zweitens: Oft handelt es sich auch um die Effekte einer verbesserten Diagnostik und Enttabuisierung psychischer Erkrankungen, zumal solche
Leiden auch als .Alibi-Diagnosen herhalten müssen. Schließlich erfolgt eine breite Behandlung von sozialen Probleme durch Medikamente. Drittens, es handelt sich um ein sensationsgieriges Aufbauschen von Sekundärdaten, die überinterpretiert werden. Doch die Unternehmen sind keine Versorgungsanstalten für "Low Performer" und "Looser".

Was ist für einen Arbeitsmediziner die größte Herausforderung?
Es geht darum, mit den künftigen Arbeitnehmern aus einem defizitorientierten Zugang zur Krankheit gemäß der Einstellung "Ich kann das alles nicht mehr" neue Perspektiven zu entwickeln. Also die Haltung "Ich, will und kann ja doch noch etwas" zu fördern. Ziel ist es, dauerhafte Ausgliederung aus dem Erwerbsleben und sozialen Abstieg zu vermeiden.

Für wen sind berufliche Rehabilitationsmaßnahmen sinnvoll?
In der Regel sind das chronisch Kranke mit mehr als zwei Erkrankungen verschiedener Organsysteme. Führend sind als Hauptdiagnosen Skelett- und Muskelerkrankungen mit 39 Prozent und psychische Leiden mit 33 Prozent. Nicht selten kommen soziale Problemlagen hinzu, Arbeitslosigkeit, Verschuldung sowie familiäre Konflikte. Das Durchschnittsalter beträgt 38 Jahre.

Immer mehr Menschen leiden an chronischen Krankheiten. In Deutschland soll das 25 Prozent a1ler erwerbstätigen Männer und 27 Prozent aller arbeitenden Frauen betreffen.
Deutschland ist keine Insel der Seligen. Insbesondere bei den über fünfzigjährigen Arbeitnehmern ist jeger zweite Arbeitnehmer chronisch krank, ohne sich allerdings gleich als solcher zu· offenbaren. Arbeiten mit chronischer Erkrankung ist schon heute Realität in den Betrieben. Sie wird  - verschärft durch die demographische Entwicklung - ein Megathema werden.

Aufgrund welcher Krankheiten werden dann besonders viele Menschen aus dem Arbeitsprozess ausscheiden?
Für diese Frühinvalidität sind seit Jahren zwei große Gruppen verantwortlich: psychische und orthopädische Erkrankungen. Dies gilt für alle Wirtschaftsnationen, und zwar unabhängig von der Ausgestaltung nationaler sozialer Sicherungssysteme. Dabei spielen psychische Erkrankungen eine immer größere Rolle. In Deutschland erfolgten 2013 bei 75 000 Menschen Frühberentungen durch die gesetzliehe Rentenversicherung aufgrund einer psychischen Hauptdiagnose.

Lässt sich das eindämmen?
Nach derzeitigem Erkeimtnisstand ist das krankheitsbedingte dauerhafte Ausscheiden aus dem Arbeitsprozess das Ergebnis einer komplexen Mischung aus objektivierten gesundheitlichen Befunden, der persönlichen Befindlichkeit, arbeitsbezogenen Faktoren und dem jeweiligen sozialen Umfeld. Ein Drehen an einzelnen Stellschrauben wird wahrscheinlich keinen breiten Effekt haben.

Sie sagen, dass mit den von Krankenkassen finanzierten Maßnahmen der betrieblichen Gesundheitsförderung jährlich in 8155 Betrieben nur etwa 890 000 Beschäftigte erreicht werden.
Bei insgesamt 41 Millionen Erwerbstätigen und rund 8,6 Millionen Betrieben in Deutschland ergeben sich daraus bescheidene Quoten von 2 Prozent Arbeitnehmerpartizipation.

Schwierig ist der Zugang zu gesundheitlich wirklich relevanten Zielgruppen.
Das ist ein großes Problem. An betrieblichen Programmen zur Gesundheitsförderung beteiligen sich erfahrungsgemäß gerne die sowieso tendenziell gesünderen Mitarbeiter. Zudem erweist sich das vermeintliehe heutige Wissen über das, was gesund erhält, nicht selten als der Irrtum von morgen. Menschen werden auch weiterhin krank werden, auch wenn sie sich gesund ernähren, nicht rauchen, keinen Alkohol trinken, sich viel bewegen und gut mit Stress umgehen.

Wo sind die Chefs, die das gesundheitliche Wohl ihrer Mitarbeiter im Blick haben?
Ketzerisch könnte ich antworten: Jedes Unternehmen bekommt die Führungskräfte, die es erdient. Untersuchungen der Führungskulturen in 50 ·Ländern haben jedoch schon 2007 gezeigt, dass Deutschland das Schlusslicht·bei·der Humanorientierung in der Arbeitswelt war, dass also die Förderung von großzügigem und fürsorglichem Verhalten nicht ausreichend gewürdigt wird.

Aber die Ansprüche an Vorgesetzte steigen doch stetig.
Das ist zwar so, aber viele sind damit überfordert oder bringen aufgrund ihrer narzisstischen Primärpersönlichkeit Defizite in sozialer Kompetenz mit. Zudem ist es in unserer Mainstream-Konsensgesellschaft ja nicht unbedingt karrierefördernd, den Kopf zu heben und Empathie und Mut vorzuleben. Deshalb möchte ich eine Lanze  für Führungskräfte brechen, nicht nur, weil ich selbst eine bin. Führungskräfte müssen heute Vorbild für alles sein. Sie werden für den Unternehmenserfolg, das soziale Klima und die Gesundheit der Mitarbeiter verantwortlich gemacht. Dabei wird vergessen, dass sie selbst weder unverwundbar noch immun gegen Krankheiten sind.

Sie haben schon vor Jahren Schulleiter untersucht und dabei festgestellt, dass sie nicht nur genauso krank waren :wie ihre Kollegen,  sondern teilweise noch viel komplexere Probleme hatten, mit denen man sie alleine ließ.
So drängt sich die Frage auf: Wer·kümmert sich eigentlich um die Krankheiten von Führungskräften? Danrit meine·ich nicht unbedingt die präventiven Checks, die Großunternehmen ihren High Potentials angedeihen lassen. Bedeutsamer erscheint mir der Umgang mit Krankheit und die Versorgung der mittleren Hierarchieebene, die ja meist eine noch belastendere Sandwichposition bekleidet, oder die der vielen Kleinunternehmer, Handwerksmeister und Selbständigen.

Sie kritisieren, dass in einer Leitkultur der Gesundheit chronisch kranken Arbeitnehmern Diskriminierung droht.
Arbeitswelt und Gesellschaft werden von einem regelrechten Gesundheitswahn beherrscht: Krankheit ist in der Arbeitsweit 2.-0 völlig out. Leidend kann man keine Leistung bringen und schon gar nicht sich selbst oder Dienstleistungen verkaufen. Bei Führungskräften gehört es mittlerweile zum guten Ton, wenigstens einen Marathon im Jahr zu laufen. Arbeitnehmer teilen ihre wöchentlichen Fitnessaktivitäten via soziale Netzwerke mit. So wird auch Gesundheit zum Wettbewerb.
Dabei imponiert nicht selten eine Besessenheit der Leistungseliten, gepaart mit einer Arroganz der Gesunden. Wer krank wird, ist ein Verlierer, hat sich falsch verhalten, nicht genug bemüht und ist selbst schuld. In einem derartigen Klima führt das Coming-out als chronisch Kranker zur Stigmatisierung und ins berufliche Abseits. Tatsache ist, dass rund 37 000 deutsche Unternehmen noch nie einen behinderten Arbeitnehmer eingestellt haben.
Das Gespräch führte Ursula Kals.

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